BGH · V ZR 6/62 vom 27.11.1963
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Tatbestands Der Beklagte hatte durch Vertrag vom 14C Dezember 1950 von dem Reehtsvorgänger des Klägers etwa 25 ha Ödland zu dem Zwecke der Kultivierunga Durchführung von Bo» denbearbeitungsversuchen und zur landwirtschaftlichen Nutzung für die Zeit vom 1» Januar 1951 bis zu dem 31o Dezember 1980 gepachtet, Br war verpflichtet, sofort mit der Kultivierung zu beginnen und diese dann fortlaufend weitersufünren» Es war vorgesehen, daß der Beklagte im Jahre 1955 2 ha und in den Jahren 1955} 4957 und 1959 je 3 ha kultivierte» Für die ersten 10 Jahre brauchte der Beklagte keine Pacht zu zahlen» Für den Rest der Pachtzoit wurde ein Pachtzins von 40 DM je ha vereinbart» Das Pachtverhältnis konnte nach Nr» 8 des Pachtvertrages bei Vorliegen eines triftigen Grundes von jedem Vertragsteil nur am 1» Januar zu dem 31» Dezember desselben Jahres gekündigt werden» Durch notariellen Vertrag vom 14« August 1959 verkaufte der Kläger an den Beklagten 20 ha der Pacht-fläche» In § 1 des Kaufvertrages heißt es, der Beklagte habe das ihm verpachtete Land urbar gemacht und kultiviert» Der Kläger habe die Absicht, seinen Hof an die Niedersächsische Landgesellsohaft mbH in Hannover zu verkaufen} diese kaufe jedoch die an den Beklagten verpachtete Fläche nicht mit, weil ihr die Pachtperiode zu lang sei» Im Anschluß daran heißt es; "Wir, die Erschienenen, sind Ubereingekoomen, daß der Pachtvertrag über eine Teilfläche von 5 ha mit sofortiger Wirkung aufgehoben wird.” Der Kläger erblickt in dem Verlangen des Beklagten nach Fortsetzung des Pachtvertrages eine unzulässige Rechtsausübung, weil der Beklagte ihm sowohl beim Abschluß des Kaufvertrages wie auch später wiederholt die vollständige und pünktliche Zahlung des Kaufpreises zugesichert habe. I» Das Oberlandesgericht geht davon aus-, daß mit dom Rücktritt des Klägers auch die in dem Kaufvertrag enthaltene Vereinbarung über die Aufhebung des Pachtvex--träges in Portfall gekommen sei, weil es sich um einen einheitlichen Vertrag handele. Das Pachtverhältnis könne allerdings nicht automatisch wieder aufleben* der Beklagte habe jedoch nach den entsprechend anzuwendenden Vorschriften über das vertragsmäßige Rücktrittsrecht (§§ 527 Satz 1, 346 BGB) gegen den Kläger einen schuld-rechtlichen Anspruch auf Abschluß eines neuen Pachtvertrages zu den bisherigen Bedingungen, sofern diesem Anspruch nicht der Einwand der unzulässigen Hechtsausübung ontgogenstehc oder der Kläger zur Kündigung des Pachtvertrages berechtigt sei» Die Revision ist demgegenüber der .Meinung, daß der Kläger, weil der Rücktritt vom Kaufvertrag wegen eines Umstandes erfolgt sei, den allein der Beklagte zu vertreten habe, gemäß § 327 Satz 2 BGB nur nach den Bereicherungsvorschriften hafte, so daß der Beklagte keinen neuen Pachtvertrag verlangen könne, sondern lediglich einen Anspruch auf Erstattung der Kultivierungskosten habe» Infolgedessen nat auch die in dem Vertrag vom 14» August 1959 enthaltene Vereinbarung über die Aufhebung des Pachtvertrages keine Wirksamkeit erlangtj denn diese Vereinbarung bildete mit dem Kaufvertrag, wie das Oborlandesgericht ohne Rechtsirrtum und van der Revision unbeanstandet ausführt, ein einheitliches Rechtsgeschäft, Der Pachtvertrag vom 14, Dezember 1950 ist deshalb durch den Vertrag vom 14-August 1959 - abgesehen davon, daß dieser Vertrag inzwischen im beiderseitigen Einverständnis aufgehoben ist - in seinem Bestand unberührt geblieben» Die Frage, ob der Beklagte mit seinem Verlangen nach Fortsetzung des Pachtverhältnisses arglistig handelt, hat das Oberlandesgericht mit der Begründung verneint, daß die auf dem Rücktritt des Klägers beruhende Rückgewährpflicht ohne Rücksicht auf ein Verschulden begründet sei und deshalb in der Geltendmachung des Anspruchs -auf Abschluß eines neuen Pachtvertrages keine unzulässige Rochtsausübung liegen könne. stelle erhebliche Verbindlichkeiten eingegangen sei., die er nur bei einem sofortigen Verkauf der Pachtlän-dereien erfüllen könne* Der Kläger hätte, so meint das Berufungsgericht, gemäß § 326 BGB, anstatt den Rücktritt zu erklären, Schadensersatz wegen Nichterfüllung verlangen können und müssen» Wenn er den für ihn rechtlich nicht so günstig sich auswirkenden Rücktritt gewählt habe, so könne er nicht auf dem Umweg über den Einwand der unzulässigen Rechtsausübung zu demselben Ergebnis wie bei einem Schadensersatzanspruch wegen Nichterfüllung gelangen» In Wirklichkeit macht der Beklagte mit dem Verlangen nach Fortsetzung des Pachtverhältnisses keinen Anspruch auf Abschluß eines neuen Pachtvertrages, sondern ein Recht zu dem Besitz auf Grund des noch bestehenden Pachtvertrages geltend» Für die Frage der unzulässigen Hechtsau3Übung ist diese rechtliche Beurteilung allerdings ohne Bedeutung» Das Berufungsgericht geht bei der Prüfung eines arglistigen Verhaltens des Beklagten insofern von unrichtigen Voraussetzungen aus, als es die Entscheidung auf die rechtlichen Folgen des Rücktritts abstellt» Der Kläger hat mit der Rücktrittserklärung ein Recht geltend gemacht, das ihm nicht zustand» Der gegenteiligen Auffassung des Oberlandesgerichts, daß der Rücktritt des Klägers gerechtfertigt sei, kann nicht gefolgt werden» Das Berufungsgericht übersieht, daß der Kaufvertrag, solange die Genehmigung nicht erteilt oder versagt wurde, schwebend unwirksam war» Es ist anerkannt, daß die Vertragsteile zwar während des Schwebezustandes durch ein gegenseitiges Ireueverhälbnis gebunden und deshalb verpflichtet sind, das zur Herbeiführung einer behördlichen Genehmigung Erforderliche zu tun, daß jedoch keinem Vertrags- Einer -Stellungnahme zu der Präge, ob eine Arglist zu bejahen wäre, wenn dem Beklagten ein verschulden beim Vertragsschluß zur Bast fiele, bedarf es nicht, weil für die Annahme, daß der Beklagte bei den Vertragsverband~ lungen oder während des Schwebezustandes durch ein schuldhaftes Verhalten den Kläger zu dem Abschluß des Vertrages vom 19® März I960 veranlaßt habe, keine ausreichenden Tatsachen vorgetragen sind. März 1960 den Rücktritt vom Kaufvertrag erklärt und eich damit vom Vertrag losgesagt« Er konnte deshalb beim Abschluß des Vertrages vom 19» März I960 nicht mehr davon ausgohen, daß er den vom Beklagten zu zahlenden Kaufpreis zu dem Erwerb der neuen Hofstelle verwenden könne« 'Wenn der Kläger beim Abschluß des Vertrages vom 19» März I960 geglaubt hat, er könne sich die Mittel zur Bezahlung des Kaufpreises durch einen anderweitigen Verkauf der Pachtländereien des Beklagten verschaffen, so hat er dos mit dem Beklagten bestehende Pachtverhältnis nicht berücksichtigt« Daß er der irrigen Meinung war, der Pachtvertrag sei aufgehoben, kann nicht zu Lasten des Beklagten gewertet werden« Sonstige Tatsachen, die das Verlangen des Beklagten nach Fortsetzung des Pachtverhältnisses als arglistig erscheinen lassen könnten, sind nicht vorgotragen und auch nicht ersichtlich« Das Oberlandesgericht hat die Voraussetzungen für eine fristlose Kündigung aus wichtigem Grunde wie auch für oine vorzeitige Kündigung aus triftigem Grunde verneint o Die Revision meint, das sngefochtone Urteil lasse nicht erkennen, ob das Berufungsgericht sich des Unterschiedes zwischen den beiden Pallen der Kündigung bewußt gewesen sei» Das Oberlandesgericht hat nicht verkannt, daß es sich um zwei verschiedene Kündigungsgründe handelt, die es insoweit gleichgestellt hat, als es glaubt, daß für beide Fälle ein Kündigungsgrund nur aus dem Pachtvertrag selbst hergeleitet werden könne» In den Entscheidungsgründen ist an mehreren Stellen von der Kündigung aus wichtigem Grunde und der Kündigung aus triftigem Grunde die Rede, Soweit es sich um die fristlose Kündigung handelt, geht das Berufungsgericht offensichtlich von den in der Rechtsprechung entwickelten Grundsätzen aus, indem es die Entscheidung darauf abstellt, ob dem Kläger oine Fortsetzung des Pachtvertrages nicht mehr zuzu demuten ist» Ausführungen darüber, was das Obcrlandesgericht unter einem triftigen Grunde im Sinne der Nr» 8 doe Pachtvertrages versteht, enthält das. Geht man von dieser Auslegung aus, so muß es sich bei dem triftigen Grund, der die vorzeitige Kündigung eines noch lange Jahre laufenden Pachtvertrages zu rechtfertigen vermag, jedenfalls um einen Umstand oder ein Ereignis von solcher Bedeutung handeln, daß bei objektiver Beurteilung eine vorzeitige Lösung des Vertrags gerechtfertigt erscheint* Dies würde bedeuten, daß an den triftigen Grund weniger strenge Anforderungen zu stellen sind als an einen wichtigen Grund, was auch bei Vertragschließenden und, wenn dieser nicht klarzustellcn ist, auf die allgemeine Bedeutung des Begriffs, zu dessen Inhaltsbestimmung die obigen Hinweise gegeben sind)» Bei der Annahme des Oberlandesgerichts, sowohl der wichtige Grund wie' auch der triftige Grund für eine Kündigung könnten nur aus dem Pachtvertrag selbst hergeleitet werden, handelt es sich zwar um eine tatrichterliche Auslegung des Vertrages» Eine solche Auslegung setzt jedoch voraus, daß zunächst geklärt wird, was die Vertragstoile unter einem triftigen Grund verstanden naben oder allgemein zu verstehen ist» Sodann wird zu erörtern sein, inwiefern sich aus dem Pachtvertrag ergeben soll, daß ein triftiger Grund für eine Kündigung auf einer Verletzung des Pachtvertrages selbst beruhen müsse» Infolgedessen bedarf die Frage, ob die Kündigung darauf, daß der Kläger durch die Nichtzahlung des Kaufpreises in eine wirtschaftliche Bedrängnis geraten sei, gestützt werden kann, einer, erneuten tatrichterlichen Prüfung» Den zweiten Kündigungsgrund bildet die angebliche nicht ordnungsmäßige Kultivierung des Pachtlandes» Das Oberlandesgericht erkennt an, daß der Kläger zur fristlosen Kündigung dec Pacb wer aus wichtigem Grunde berechtigt wäre, wenn die Kultivierungsarbeiten, so schlecht wären, daß dem Kläger eine Fortsetzung des Pachtverhältnisses bis finde 1980 nicht zugemutet wer**-, den könnte. Stein/Jcnea/ Schönko ZPO 18c Aui’l, Vorb« III 2 vor § 402) 0 Eine andere Präge ist jedoch, welcher Beweiswert einer amtlichen Auskunft zukommt» Der Beweiswert einer behördlichen Auskunft kann durch etwaige Befangenheit oder sonstige Interessiertheit des die Auskunft erteilenden Beamten beeinträchtigt sein (vgl» dazu auch 1:6 JW 1931 * 1477)o Dieser Gesichtspunkt bedurfte'im vorliegenden Pall einer besonderen Prüfung, weil die Auskünfte von den Stellen erteilt worden sind, denen die Leitung und Aufsicht über die Kultivierungsarbeiten oblag und die somit für die sachgemäße Durchführung dieser Arbeiten verantwortlich waren» Das angefochtene Urteil enthält hierzu keine Ausführungen, Die Revision rügt deshalb, mit Recht, daß das Berufungsgericht trotz des Hinweises des Klägers auf das Interesse der beteiligten Stellen die Auskünfte ohne weiteres seiner Entscheidung zugrunde gelegt ha to Das Oberlandesgericht wird deshalb zu prüfen haben, ob die angeblich unsachgemäße Ausführung der Kultivierungsarbeiten durch das Gutachten eines unabhängigen Sachverständigen geklärt werden muß,, die Ar-., beiten alsbald nach ihrer Beendigung durch einen Sachverständigen prüfen zu lassen und dessen Befund dem Beklagten bekannt zu geben, zu demal da der Beklagte aus dem Schreiben des Klägers vom 23» Juli ?952 dessen Einverständnis mit der Art der Kultivierung habe folgern können» Vor allem mit Rücksicht auf diesen Brief könne der Kläger sieben Jahre nach Beendigung der Arbeiten das Pachtverhältnis nach Treu und Glauben nicht mehr fristlos oder aus triftigem Grunde vorzeitig kündigen» Diese Ausführungen werden von der Revision mit Recht beanstandet» Die Verwirkung ist ein Sonderfall der unzulässigen Rechteausübung» Sie bedeutet nichts anderes als die Anwendung des Grundsatzes von Treu und Glauben auf die späte Geltendmachung eines Anspruchs oder Ausübung eines Rechts» Die Frage des Verschuldens ist bei der Prüfung der Verwirkung insofern von Bedeutung, ale ein Schuldner sich nicht auf die Grundsätze von Treu und Glauben berufen kann, wenn er eich selbst unredlich verhalten und dadurch die verspätete Geltendmachung des gegen ihn gerichteten Anspruchs veranlaßt hat» In dem Pachtvertrag ist nichts darüber gesagt, wie die Kultivierung erfolgen sollte» Das Berufungsgericht geht deshalb ohne Rechtsirrtum davon aus, daß der Beklagte nach pflichtroäßigem Ermessen darüber zu befinden hatte, in welcher Weise die Kultivierungsarbeiten vorgenommen werden sollten» Für die Annahme, daß der Beklagte diese Arbeiten, die unter der Leitung und Aufsicht der zuständigen fachkundigen amtlichen Stellen durchgeführt worden sind, schuldhaft nicht sachgemäß erledigt habe, sind keine ausreichenden Tatsachen vorgetragen» Auch viiüim dem Beklagten in Bezug auf die Ausführung der Ar-^ beiten oder die späte Ausübung des Kündigungsreehts durch den Klager kein Verschulden vorgeworfen werden kann» würde der Zeitablauf allein für die Annahme der Verwirkung eines Kündigangsx*echts nicht ausreichend. In erster Linie kommt es für die Frage, ob ein Kündigungsrecht verwirkt ist, auf das Verhalten des Kündi-gungsberechtigten an» Maßgebend ist, ob derjenige, dem gekündigt wird, bei objektiver Beurteilung aus dem Verhalten des Berechtigten entnehmen durfte, dieser werde nein Kündigungsrecht nicht mehr ausüben, und ob er sich hierauf eingestellt hat8 Der Einwand der Verwirkung wird zwar entgegen der Ansicht dexv Revision nicht dadurch ausgeschlossen, daß dem Kläger das ihm etwa zustehende Kün~ digungsrecht nicht bekannt war (BGHZ 25, 47, 55) ■> In der Regel ist jedoch, davon auszugehen, daß der Berechtigte von dem Bestehen seines Rechts Kenntnis gehabt haben muß, wenn aus seinem Verhalten geschlossen, werden soll, er werde dieses Recht nicht mehr ausüben* Ein Kündigungsberechtigter kann allerdings auch dann, wenn er mangels Kenntnis von einem Kündigungsgrunci von seinem Kündigungen recht keinen Gebrauch macht, ein Verhalten an den Tag legen, aus dem dar andere-Teil entnehmen darf, der Berechn tigte sei sich seines Kündigungsrechts bewußt gewesen und werde dieses Recht nicht mehr aüsüben» Daß dies der Fall gewesen sei, ist jedoch nicht behaupteto Der Beklagte be-ntroitot vielmehr, daß die Arbeiten nicht sachgemäß durch-geführt seien* T/ann der Kläger von der angeblichen mangelhaften Kultivierung Kenntnis erlangt hat, ißt nicht fest-gestellt * Der Kläger hat hierzu vorgetragen,, er habe im Sommer I960, nachdem die Niedersächsisehe Landgesellsehaft, die an dem Ankauf der Pachtflächen interessiert gewesen sei, die Kultivierungsarbeiten durch einen Sachverständigen habe überprüfen lassen, *=s*-urhren, daß die Arbeiten ho schlecht und mangelhaft seien, daß sie vollständig erneuert werden müßten. Ödlandkultivierung den erstrebten Dauererfolg hali oder nicht« Der Kläger konnte davon ausgehen, daß der Beklagte als Fachmann unter der Leitung der zuständigen amtlichen Stellen die Kultivierungsarbeiton sachgemäß durchführen werde» Er war deshalb entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts nicht verpflichtet, die Kultivierungsarbeiten alsbald nach ihrer Beendigung durch einen Sachverständigen überprüfen zu lassen« Der Umstand, daß im. Zeitpunkt der Kündigung seit Beendigung der Arbeiten bereits sieben Jahre verstrichen waren, kann somit auch bei Berücksichtigung des Briefes vom 25•> Juli ''952 für die Auffassung, der Kläger habe sein Kündigungsreeht verwirkt, nicht ausreichend Das Bex*ufungsgericht wird deshalb nach erneuter Beweisaufnahme zu prüfen haben, ob die Kultivierungsarbeiten so unsachgemäß durchgeführt worden sind, daß der Kläger berechtigt war, das Pachtverhältnis aus wichtigem Grunde fristlos oder zu dem mindesten aus triftigem Grunde vorzeitig zu kündigen..