BGH · V ZR 97/62 vom 09.03.1965
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Die Berufung des Beklagten gegen das Urteil der 2» Zivilkammer des Landgerichts in Essen vom 18o Mai 1961 wird mit der Maßgabe zurückgewiosen, daß die den Klägern obliegende Zug um Zug-Leistung außer der Herausgabe der Parzelle Plur Nr» ^^/2 Gemarkung Kf|^^ zugleich die weitere Verpflichtung umfaßt, die von ihnen auf dieser Parzelle errichtete Mauer sowie die von ihnen daselbst angepflanzten Pappeln zu beseitigen und die genannte Parzelle wieder auf das frühere, mit dem übrigen Grundbesitz des Beklagten übereinstimmende Niveau zurückzuführen. Bei den Erörterungen hierüber wurde seitens der städtischen Behörden (Stadtplanungsamt und Baugenehmigungsamt) die Form des Grundstücks beanstandet, das in seinem rückwärtigen Teil, da die Grenze zwischen den Grundstücken der Parteien von der Straße aus schräg nach hinten verläuft, erheblich schmaler ist als vorn, und den Klägern wurde nahegelegt, zunächst einmal zwecks Grenzbegradigung einen Goländeaustausch mit dem Beklagten vor Zunahmen <> Sic setzten sich daraufhin mit diesem in Verbindung, und die Parteien kamen mündlich überein, daß der Beklagte vom IJachbaranwesen ein Flächenstück vorn an der Straße erhalten und zu dem Ausgleich aus seinem eigenen Grund und Boden einen weiter rückwärts entlang der bisherigen Grenze gelegenen Streifen an die Kläger abgeben sollte. Die Kläger haben im November I960 die vorliegende Klage erhoben mit dem Antrag, den Beklagten zur Räumung und Herausgabe der Parzelle zu verurteilen, und zwar Zug um Zug gegen Ruckgewähr der Parzelle Sie machen geltend, das Flächenstück vorn an der Straße sei ihr Eigentum geblieben und sie seien angesichts des Verhaltens dos Beklagten jetzt nicht mehr gewillt, an dem formnichtigen Grund st lickst au sch f estzuhalton: Abgesehen davon, daß die 1950 ncugebildeten beiden Parzellen nach Gestalt und Größe nicht den mündlichen Abmachungen entsprächen, habe der Beklagte insbesondere gegen die damals getroffene Vereinbarung verstoßen, wonach das cingetauschte Flächenstück - gewissermaßen als Verlängerung ihres Vorgartens - nur als Grünanlage habe dienen sollen? als er daraus vomnba-rungswidrig einen Zufahrtsweg für die Garagen- und Tankst ellenbenutzor gemacht habe, hätten sie zunächst nicht widersprochen, weil der damals noch geringe Fahrzeugverkehr für sie keine ernstliche Belästigung gewesen sei; seit Übernahme der Tank- und Wagenpflegeanlago durch oinen Pächter habe jedoch der Fährverkehr erheblich zugenommen, bis spät in die Nacht würden auf dem Nachbargrundstück geräuschvolle Arbeiten vorgenommen, der Geruch von Benzin und synthetischen V/aschmitteln dringe bis zu ihrem Haus, von der Hebebühne spritze häufig ein Gemisch von Benzol und Wassor in ihren Garten und manchmal bis auf ihre Gar-tentorrassc, hierdurch werde auch der Pflanzenwuchs in ihrem Garten beeinträchtigt und es seien schon zwei Pappeln abgestorben; mit der vom Beklagten angebotenen Schutzeinrichtung gegen das Herüberspritzen von Flüssigkeit wäre ihnen nicht gedient, denn es bliebe dann immer noch die Der Beklagte hat Klageabweisung beantragt» Er bestreitet das Vorbringen der Kläger über den Inhalt der mündlichen Vereinbarungen und über das Ausmaß der von der Tankstellen-anlage ausgehenden Belästigungen; die Kläger handelten arglistig, wenn sie unter Ablehnung seiner Abhilfevorschläge auf ihrer formalen Rechtsposition bestünden und darauf aus-gingen, seinen Tankstellen- und Garagenbetrieb stillzulegen; das Unterbleiben der notariellen Vertragsbeurkundung sei nicht von ihm, sondern von den Klägern verschuldet worden, die eine solche als unnötig und kostenverursachend verweigert hätten» Nach Ansicht dos Beklagten wäre, wenn der Tausch rückgängig gemacht würde, das Ergebnis für ihn untragbar; denn die Parzelle 9/2 sei als Zufahrtsv/eg zu den Garagen und zur Tankstelle unentbehrlich, weil auf seinem Altbositz zwischen seinem Haus und der alten Grenze nur 1,80 m Raum sei; er benötige die Einnahmen aus diesen Anlagen, die er mit großen Kosten geschaffen habe, jedenfalls zu seiner demnächstigen Altersversorgung» Zutreffend geht das Berufungsgericht davon aus, daß die streitige Parzelle flP/2 - obgleich sie 1950 eigens zu dem Zwecke ihrer Veräußerung an den Beklagten neu geschaffen wurde - mangels Auflassung und Eintragung nach wie vor im Eigentum der Kläger steht und diese gemäß § 985 BGB ihre Herausgabe verlangen können, sofern nicht der Beklagte ihnen gegenüber nach § 986 BGB zu dem Besitz berechtigt ist» Ob ein solches Besitzrecht aus den Verwaltungsverfügungen der städtischen Baubehörden hergeloitet werden könne, für die der spitzwinklige Zuschnitt des Baugrundstücks ein Stein des Anstoßes gewesen sei und die den Klägern daher zwecks besserer Arrondierung einen Flächenaustausch mit dem Beklagten nahegologt hätten, ist vom Berufungsgericht erwogen, aber mit der Begründung verneint worden, es bestünden Bedenken, dem Beklagten gegenüber den privatrechtlichen Hcrausgabovorlangen der Kläger die Berufung auf einen öffentlich-rochtlichen Tatbestand zu gestatten» Auch dieses Ergebnis verdient Zustimmung, so daß sich eine Stellungnahme zu den vorangehenden Urtcilsausführungen (S» 12 f) erübrigt; nicht geprüft zu werden braucht insbesondere, ob es sich bei dem nur mündlich geäußerten ¥/unsch der Behörden nach einer Grenzbegradigung, der ausv/eislich dor Bauakten weder in den Dispensbeschluß vom 31» August 1950 noch in den Bauschein vom 22» September 1950 aufgenommen worden ist, wirklich um einen Verwaltungsakt gehandelt hat; ebensowenig bedarf es eines Eingehens auf die unstreitige Tatsache, daß das Verneosungoergebnis vom 21o September 1950 und der heutige Besitzstand der Parteien keineswegs mit dem behördlich genehmigten Lageplan in den Bauakten (Anlage zu dem Lispensbeschluß) über-einstiumen, sondern hinsichtlich des Grenzverlaufs und der Form der ncugcbildeten Parzellen nicht unbeträchtlich von ihn abwcichen«. Als Grundlage für ein Rocht des Beklagten zu dem Besitz im Sinne von § 986 BGB bleibt somit allenfalls das übrig, was die Parteien selbst in Jahre 1950 über den Austausch der beiden Parzellen vereinbart haben. Die Revision erhobt hiergegen zahlreiche Rügen, mit denen sie darzutun versucht, daß in Wirklichkeit kein Vertrag zu stände gekommen sei, v/oil die Parteien eine Reihe von vertragswesontlichcn Punkten ungeregelt gelassen hätten, zun mindesten aber ein versteckter Einigungsmangel vorge-legen habe; sie verweist auf einen von den Klägern nach Verkündung dos angefochtenen Urteils erwirkten Berichti~ gungsbcschluß, den zufolge der Erstkläger, entgegen der ursprünglichen Annahme des Oborlandcsgcrichts, nicht an der mehrfach erwähnten Grenzverhandlung teilgenommen hat» Letzteres hat auch das Berufungsgericht nicht verkannt; 03 weist ausdrücklich auf den Form-mangel hin und bemerkt zusätzlich, von der Möglichkeit, ihn durch nachfolgende Auflassung und Eintragung gemäß § 313 Satz 2 BGB zu heilen, hätten die Parteien bisher keinen Gebrauch gemachte Nach seiner Ansicht besteht jedoch diese Nichtigkeit bloß nach "dem Buchstaben des Gesetzes"; hier liege«, so meint es, einer jener Palle vor, in denen die Berufung auf einen Formmangel nach § 242 BOB unzulässig ooi, weil es nach den Beziehungen der Parteien und den gesamten Umständen dem Gedanken von Treu und Glauben widerspräche, Vertragsansprüche an einem solchen Mangel scheitern zu lassono Hiergegen wendet sich die Revision mit Rechte Nach ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs, von der abzugehon kein Anlaß besteht, müssen gesetzliche Formvorschriften - zu ihnen gehört auch der § 313 BGB - im Interesse der Rechtssicherheit unbedingt oingehalten wordene Es geht nicht an, sie aus allgemeinen Billigkeitserwägun-gon außer Anwendung zu lassen» Ausnahmen sind nur in besonders liegenden Fällen statthaft; für ein Abweichen von dom Prinzip der Formstrenge ist keineswegs schon dann Raum, wenn die Nichtanerkennung eines formnichtigen Vertrages für den dadurch betroffenen Partner zu einem harten Ergebnis führen würde; das Ergebnis muß vielmehr schlechthin untragbar sein (Urteil dos erkennenden Senats vom 29° Januar 1965, V ZR 53/64, S» 7, mit Nachweisen). Über die Auswirkungen, welche die mit dar Klage verlangte Herausgabe der Parzelle für den Beklagten haben würde, heißt es im angefochtenen Urteil, sie seien "ohne Zweifel sehr hart": Bio Tankstelle und die mit ihr verbundenen Nebondienste könnten, weil dann bloß noch eine Zufahrt von 1,80 m Breite vorhanden sei, wahrscheinlich nicht weiter betrieben werden; damit werde dem Beklagten nicht nur die Verpachtungsmöglichkeit genommen, sondern er könne die Tankstolle nicht einmal in dem früheren Unfango als Nebenbeiriob seines Ililchhandelsgeschäft s durch Bedienung fremder Kraftfahrer fortführen, vielmehr bleibe ihn höchstens die gelegentliche Versorgung seiner Garagennieter mit Troibstoff; ferner werde, da mancher Wagcnbositzer die enge und bei Gegenverkehr gefährliche Grundstückseinfahrt scheuen würde, auch die Garagenvernietung leiden und der Mietwert der Garagen sinken; die von Beklagten für Tankstelle, Hebebühne und Garagenbau aufgewendeten, nicht unbeträchtlichen Mittel würden sich kaum noch verzinsen, und von einem Verdienst könne schon gar nicht mehr die Rode sein» Trotzdem erscheint dem Berufungsgericht, wie es mehrfach hervorhebt (BU So 17, 18 und 20), dies alles "nicht untragbar für den Beklagten"; denn er könne weiterhin das Milchgeschäft betreiben, von dem er selbst nicht bestreite, daß es seinen Lebensunterhalt sichere; bei seinem Einwand, daß er zur späteren Altersversorgung auf die ihm entgehenden Einnahmen angewiesen sei, handele es sich um Zukunftssorgen, die bei der auf die Gegenwart abzustollcnden Frage der Untragbarkoit nicht berücksichtigt werden könnten; außerdem lasse sich das Milchgeschäft auch verpachten» 12), nicht ausschlaggebend; mißbräuchliche Rechtsausübung lag vielmehr deshalb vor, weil die später auf Grundbuchberichtigung klagende Partei den Pormvorstoß durch ihr eigenes Verhalten herbeigeführt und sich zudem von vornherein mit der Absicht getragen hatte, sich wieder vom Vertrage zu lösen, sobald das für ihre persönlichen Zwecke vorteilhaft sein würde. Anforderungen auch dann gelten, wenn es sich nicht um Ansprüche auf Erfüllung formnichtiger Verträge handelt, sondern v/enn - wie hier - der § 242 BGB dazu dienen soll, einen auf Grund formnichtigen Vertrages geschaffenen Zustand - hier: Besitz des Beklagten an der Parzelle 0^/2 -entgegen der wirklichen Rechtslage aufrechtzuerhalten, ist wiederholt ausgesprochen worden (Urteile vom 29« Januar 1964, V ZR 23/63, UH 1964, 482, 486, und vom 29« Januar 1965, V ZR 53/64, So' 7 f). Da sonach Formverstößo ernst zu nehmen sind und die Anv/cndung des § 242 BGB in derartigen Pallen eine auf die Vermeidung untragbarer Ergebnisse beschränkte Ausnahme bilden muß, braucht nicht zu der Ansicht dos Berufungsgerichts Steilung genommen zu worden, der Grundstücksverkäufer, der sich auf einen solchen Verstoß beruft, handele dann, wenn or den Vertrag schon durch Besitzeinräumung teilweise erfüllt habe, in höherem Maße mißbilli-gensv/ert, als v/enn er noch nichts zur Erfüllung getan habe«. Damit wird zugleich die Erv/ägung des angofochtonen Urteils hinfällig, daß die Kläger sich eine besonders kritische Würdigung ihres Verhaltens gefallen lassen müßten, v/cil sie rund 10 Jahre lang gewillt gewesen seien, den mit dem Parzcllenaustausch geschaffenen Zustand für dauernd bestehen zu lassen, und weil sie diesen Willen durch eine Reihe von konkreten Maßnahmen zu dem Ausdruck gebracht und damit den Beklagten in seinem Vertrauen auf ein Bestehen-blcibcn des gegenv/ärtigen Besitzstandes bestärkt hätten. zu verhindern - ein Ergebnis, das sich mit einer Immis-sionsabwehrklagc aus §§ 1004, 906 BGB möglicherweise nicht erreichen ließe -, so ist jedenfalls der Vorwurf des Berufungsgerichts unberechtigt, sie erstrebten mit ihrer Klage mehr, als ihnen auf Grund des Gesetzes zu-steho, und verfolgten ein Interesse, das auch in den Vertragsbeziehungen der Parteien keine Rechtfertigung finde* Soweit das Urteil zu dem letzteren Punkt ausführt, der formlose Tauschvortrag habe dem Beklagten hinsichtlich der Nutzung seiner Tauschparzollc irgendwelche Einschränkungen nicht auferlogt, wird übersehen, daß damals ersichtlich noch niemand an die Errichtung einer so lästigen Anlage, wie es eine Tankstelle mit Nebendiensten ist, in unmittelbarer Nähe des Nachbaranwesens gedacht hati welch großen Wert die Kläger darauf legten, in ihren Wohn- und Praxis-räunen von derartigen Störungen verschont zu bloiben, zeigt schon die ersichtlich auch dom Beklagten von vornherein bekannte Tatsache, daß sie eigens aus diesem Grunde eine Ausnahmegenohmigung oinholten, ihren Bau in einer gewissen Entfernung von der Straße zu errichten* V/as aber die vom Berufungsgericht vermißte gesetzliche Grundlage für die angostrobte Zufahrtssperre anbetrifft, so findet sie sich in § 903 BGB: die Kläger sind Eigentümer der streitigen Parzelle und können von ihr denjenigen Gebrauch machen, der geeignet ist, ihr Gesamtanwesen vor unerwünschton Einwirkungen aus der Nachbarschaft zu bewahren. Beweis sichern» Es legt im einzelnen dar, daß im vorliegenden Ball keiner dieser drei Gesichtspunkte zutreffe, und zieht daraus den Schluß, daß die Kläger, wenn sie sich trotzdem auf die fehlende Beurkundung beriefen, mißbräuchlich handelten; denn sic wollten die genannte Formvorochrift nicht einem ihr innewohnenden, sondern einem fremden Zwecke dienstbar machen; der Formfehler werde von ihnen bloß zu dem Vorwand genommen, um einen.Zweck zu erreichen, der in den §§ 313? Boi ihnen handelt es sich allenfalls um das Motiv für die Schaffung dos § 313 BGB, nicht aber um seine tatbestand-liche Voraussetzung; der gesetzliche Formzwang besteht auch dann, wenn Inines der dadurch geschützten Rochtsgüter gefährdet erscheint (Urteil des Senats vom 10. Februar 1946 (Amtliche Sammlung 72 II So 39) betraf einen Fall, der in wesentlichen Punkten von dem jetzigen abwich; es v/ar dort nicht nur bereits das Eigentum auf den Käufer übergegangen, sondern der Verkäufer, der mit seiner Klage die Nichtigerklärung des Kaufvertrages wegen eines Formfehlers er-' strebte, hatte diesen Fehler, wenn auch unbewußt, selbst herbeigeführt und sogar noch persönliche Vorteile daraus gezogen (aaO S» 45). Entsprechend dem in der Berufungsinstanz vervollständigten Hilfsantrag dos Beklagten ist jedoch die Zug um Zug-Leistung der Kläger dahin zu erweitern, daß sic auch die Mauer, die sie auf der herauszugebenden Parzelle |^P/2 errichtet haben, sowie die dort angepflanzten Pappeln beseitigen und die genannte Parzelle wieder auf das frühere, mit dem übrigen Grundbesitz des Beklagten übereinstimmende Niveau zurückführen müssen»