BGH · V ZR 91/63
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Der Vo Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung vom 7» Januar 1966 unter Mitwirkung des Senatspräsidenten Dr» Augustin sowie der Bundesrichter Dr«, Piepenbrock, Dr» Rothe, Dr» Freitag und Dr° Mattem für Recht erkannt: Die Beklagten hatten durch Verträge vom 12», 28» und 16» März 1957 von der Klägerin Bauland zu dem Preise von 12 DM je Quadratmeter gekaufte Die Auflassung sollte nach Erteilung der erforderlichen Genehmigungen und nach Zahlung der Erschließungskosten erklärt werden» Der Regierungspräsident in verweigerte mit Bescheid vom 7o Juni 1957 die Zustimmung zur Genehmigung nach dem Wohnsiedlungsgesetz, erteilte jedoch die Zustimmung für den Fall, daß der Kaufpreis auf 9 DM je Quadratmeter ermäßigt werdeo Zur Begründung führte er aus, daß ein Kaufpreis von 12 DM unter Berücksichtigung der Preisentwicklung auf dem Grundstücksmarkt und der Örtlichen Lage der Grundstücke stark übersetzt sei und ein Quadratmeterpreis von 9 DM als zulässiger Höchstpreis angesehen werde» Daraufhin schloß die Klägerin mit jedem der Beklagten zwei weitere Verträge» Die jeweils einen Beklagten betreffenden Um den Käufern die Eintragung in das Grundbuch als Voraussetzung für die Finanzierung und Lurchführung des auf dem übertragenen Grundstück zu errichtenden Heimes zu ermöglichen, ist die Stadt bereit, einen Ergänzungsvertrag zu dem Vertrage vom «««« zu schlies-sen, in dem der Kaufpreis auf den von der Regierung als angemessen erklärten Preis von 9 LM/qm abgeändert wird« Sie haben Bedenken gegen die Gültigkeit der Zusatzverträge erhoben, weil der Abschluß solcher Verträge nicht zur Zuständigkeit des Urkundsbeamten der Stadt gehöre« Im übrigen halten sie die Klage für unbegründet, weil der Bescheid, durch den der Regierungspräsident die Zustimmung zur Wohnsiedlungsgenehmigung bei einem Kaufpreis von 12 DM je Quadratmeter versagt habe, durch den Vergleich im Verwaltungsgerichtsverfahren nicht aufgehoben und die in den Zusatzverträgen vorgesehene behördliche Preisgestaltung jetzt nicht mehr zulässig seiö Das Landgericht hat die Klage abgewiesen, das Oberlandesgericht auf die Berufung der Klägerin der Klage stattgegebeno Hiergegen richtet sich die Revision, mit der die Beklagten ihren Klageabweisungsantrag weiterverfolgen « Die Klägerin bittet um Zurückweisung des Rechtsmittels o ersetzte jedoch nicht die von der Klägerin auszusprechende Wohnsiedlungsgenehmigungo Ob diese Genehmigung erteilt worden ist, kann, wie das Berufungsgericht zutreffend ausführt, offen bleiben; denn die Verträge, in denen der Kaufpreis unter Abänderung der ursprünglichen Verträge auf 9 DM herabgesetzt wurde, sind allenfalls zunächst schwebend unwirksam gewesen und spätestens mit der Aufhebung des Wohnsiedlungsgesetzes (§ 186 Abs» 1 Nr» 10 BBauG) voll wirksam geworden» auf der Grundlage eines Kaufpreises von 9 DM als unterste Grenze auf jeden Pall aufrecht erhalten wollten, uin den Beklagten durch Eintragung in das Grundbuch die Finanzie-rung und Durchführung ihres Bauvorhabens zu erleichtern, während die Klägerin sich je nach dem Ausgang des von ihr einzuleitenden Verfahrens die Möglichkeit, einen höheren Kaufpreis zu fordern, Vorbehalten hat» Mit dem in diesem Verfahren "festgesetzten Kaufpreis" war, wie das Berufungsgericht weiter ohne Rechtsirrtum ausführt, der Preis gemeint, der nach dem Wohnsiedlungsgesetz nicht überschritten werden durfte und nach den preisrechtlichen Bestimmungen als zulässig zu bezeichnen war« Mit der Aufhebung des Wohnsiedlungsgesetzes wurde das verwaltungsge-richtlicho Verfahren gegenstandslos« Sie ist nach Auffassung des Oberlandesgerichts nach den Grundsätzen über die ergänzende Vertragsauslegung zu beantworten« Das Berufungsgericht führt dazu aus* Die ursprünglichen, zunächst schwebend imwirksamen Kaufverträge wären, wenn die Parteien es nach dem Bescheid des Regierungspräsidenten bei diesen Verträgen belassen und das Ergebnis des verwaltungsgerichtlichen Verfahrens abgewartet hätten, mit dem Fortfall des Genehmigungserfor-dernisses voll wirksam geworden« Nach den Änderungs- und Zusatzverträgen sei jedoch ein Kaufpreis von 12 DM nicht mehr eindeutig vereinbart« Die Klägerin habe in den Zusatzverträgen ausdrücklich erklärt, daß sie den ursprünglich vereinbarten Kaufpreis von 12 DM für angemessen und die Entscheidung des Regierungspräsidenten für unbegründet halte« Daß die Beklagten dieser Erklärung widerspro- chen hätten, lasse sich aus dem Wortlaut der Verträge nicht entnehmen und auch nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme nicht feststellen» In den Zusatzverträgen werde das starke Interesse der Beklagten an der Beschleunigung der Eigentumsübertragung im Hinblick auf die Finanzierung und Durchführung der Bauvorhaben hervorgehoben» Hach dem erklärten Vertragsinhalt habe den Parteien daran gelegen, das Hindernis der Zustimmung des Regierungspräsidenten auszuräumen» Das Oberlandesgericht ist deshalb der Überzeugung, daß die Parteien, wenn sie an eine mögliche Gesetzesänderung gedacht und auch diesen Pall geregelt hätten, die Zahlung des zu hinterlegenden Restbetrages von 3 DM je Quadratmeter für den Pall, daß eine Genehmigung nicht mehr erforderlich sein sollte«, vereinbart haben würden<> Die ergänzende Vertragsauslegung beruht auf der Vorschrift des § 157 BGB, wonach Verträge so auszulegen sind, wie Treu und Glauben mit Rücksicht auf die Vorkehrssitte es erfordern» Nach den in der Rechtsprechung entwickelten Grundsätzen (BGHZ 9, 273} 16* 71, 75j 23, 282) hat der Richter, wenn ein Vertrag innerhalb seines tatsächlich gegebenen Rahmens einen offen gebliebenen Punkt enthält, diese Lucke durch eine, ergänzende Auslegung in der Weise zu schließen, daß geprüft wird, was die Parteien in Anbetracht des gesamten Vertragszwecks erklärt haben würden, wenn sie den offen gebliebenen Punkt in ihren Vereinbarungen unter Berücksichtigung der Gebote von Treu und Glauben geregelt hätten» Unerheblich ist dabei, ob die Vertragslücke von Anfang an bestanden oder sich erst nachträglich als Folge des weiteren Ver- Das Berufungsgericht geht von diesen Grundsätzen auso Ihre Anwendung auf den vorliegenden Fall gibt zu einer rechtlichen Beanstandung keinen Anlaß» Eine Lücke ist in den Zusatzverträgen entgegen der Auffassung der Revision dadurch entstanden, daß wegen Wegfalles des Genehmigungserfordernisses in dem verwaltungsgerichtlichen Verfahren eine Preisprüfung nicht mehr stattfinden konnte und die Parteien für diesen Pall keine ausdrückliche Regelung getroffen haben» Es ist zwar richtig, daß, wie die Revision horvorhebt, die ergänzende Vertragsauslegung zur Ausfüllung einer nachträglich entstandenen Lücke dann nicht in Betracht kommt, wenn sich das eingetretene Ereignis wegen einer Veränderung der allgemeinen Verhältnisse und der Rechtsansehauungen einer Beurteilung nach dem Vertragswillen entzieht (BGHZ 23? Lücke zur Erreichung des Vertragszwecks für erforderlich gehalten hat„ Nach der rechtlich nicht angreifbaren, auf einer Auslegung der Verträge beruhenden Feststellung des Berufungsgerichts war den Parteien daran gelegen, das Hindernis, das einem Wirksamwerden der ursprünglichen Verträge wegen der Versagung der Zustimmung des Regierungspräsidenten entgegenstand, auszuräumen0 Die Klägerin wollte in dem Verwaltungsgerichtsverfahren erreichen, daß der von ihr als angemessen bezeichnete Kaufpreis von 12 DM je Quadratmer, auf den die Parteien sich bereits geeinigt hatten, nicht beanstandet wurde0 Daß die Beklagten dieser ihnen erkennbaren Absicht der Klägerin widersprochen hätten, hat das Oberlandesgericht nicht festzustellen vermocht0 Daß in den Zusatzverträgen der Differenzbetrag von 3 DM als 11 umstrittener Kaufpreis” bezeichnet wird, zwingt nicht zu der Annahme, daß der ursprünglich vereinbarte Kaufpreis von 12 DM beim Abschluß der Zusatzverträge unter den Parteien streitig gewesen seio Es fragt sich somit, was die Vertragsteile unter Berücksichtigung der Gebote von Treu und Glauben sowie des in den Verträgen für die dort ins Auge gefaßten Verhältnisse ausgedrückten Parteiwillens bestimmt haben wüi*-den, wenn sie an die Möglichkeit einer Aufhebung des V/ohnsiedlungsgesetzes gedacht und diesen Pall in ihren Vereinbarungen geregelt hätten« Das Berufungsgericht kommt ira Anschluß an seine Ausführungen Uber den mit den Zusatzverträgen verfolgten Zweck zu dem Ergebnis, nach seiner Überzeugung hätten die Parteien vereinbart, daß der zu hinterlegende Bestkaufpreis von 3 DM je Quadratmeter auch dann zu zahlen sei, wenn das Genehmigungserfordernis entfalleo Hiergegen sind rechtliche Bedenken schusses der Klägerin nicht als Zeuge hätte vernommen werden dürfen, kann offen bleiben, weil das angefoch-tene Urteil nicht auf der Aussage dieses Beamten der Klägerin beruht« Daß bei den Vertragsverhandlungen über die Möglichkeit einer Aufhebung des Wohnsiedlungsgesetzes gesprochen worden sei oder daß die Klägerin hiermit gerechnet habe, hat das Berufungsgericht nicht festgestellt« Die Tatsache, daß die Beklagten an dem Verwaltungsgerichtsverfahren nicht beteiligt waren, ist für die Entscheidung ohne rechtliche Bedeutung« Das gleiche gilt für die Frage, wann die Beklagten von der Einleitung dieses Verfahrens Kenntnis erhalten haben und ob sie mit der Festsetzung eines Uber 9 DM hinausgehenden Preises nicht gerechnet haben« Der Umstand, daß die Klägerin das Verwaltungsgerichts verfahren nicht beschleunigt, sondern - wie das Oberlandesgericht unterstellt - mit einer gewissen Nachlässigkeit betrieben hat, genügt allein nicht, um der Klägerin den Vorwurf eines arglistigen Verhaltens machen zu können, zu demal da die Verzögerung des Verfahrens nach den