BGH · V ZR 10/66
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Mit Anwaltsschreiben vom 18» Juli 1962 hat die Klägerin den Übertragungsvertrag wegen Täuschung und Irrtums Über den damaligen Familienstand des beklagten Ehemannes Mit der Klage begehrt sie ihre Wiedereintragung als Eigentümerin im Grundbuch durch Grundbuchberichtigung, hilfsweise Auflassung» Geirrt hat die Klägerin bei Vertragsschluß nach der Feststellung des Tatrichters Uber den Familienstand des beklagten Ehemannes und in Verbindung damit über die damalige Reehtswirksamkeit des Verlöbnisses zwischen den Beklagten: sie hielt den Beklagten nach Scheidung seiner ersten Ehe für nicht wieder verheiratet * obwohl er damals mit einer anderen Frau in zweiter Ehe verheiratet war; sie glaubte deshalb an ein rechtswirksames Verlöbnis zwischen den bei ihr als Brautleute eingeführten Beklagten, obwohl es wegen der bestehenden zweiten Ehe des Mannes nicht rechtswirksam war (vgl.. Entsprechend dem dortigen Vortrag der Beklagten behandelt es das Berufungsgericht ohne Rechtsirrtum als unstreitig, daß die Klägerin von der zweiten Ehe des Beklagten bei Vertrags-s Schluß keine Kenntnis hatte (BTJ S« 3» 6). a) Der genannte Irrtum der Klägerin Uber den Familienstand des beklagten Mannes betraf eine persönliche Eigenschaft von ihm, die im Verkehr als wesentlich ange sehen wird (§ 1-19 Abs* 2 BGB)» § 119 An. 25)* Biese Voraussetzung hat das Berufungsgericht entgegen der Meinung der Revision ohne Rechtsirrtum bejaht: Infolge ihres Irrtums über den Familienstand des beklagten Mannes habe die Klägerin auch Über die Rechtswirksamkeit des Verlöbnisses zwischen den Beklagten und über die Aussichten einer Eheschließung zwischen ihnen geirrt. Wenn die Revision aus dem Vorhandensein dieses Risikos schließt, es sei der Klägerin nur auf die tatsächliche ernstliche Heiratsabsicht der Beklagten angekommen, so ist dieser Schluß -abgesehen davon, daß er nicht den Eigenschaftsirrtum, sondern seine Ursächlichkeit in Frage stellen würde -entgegen der Auffassung der Revision nicht zwingend, und der Tatrichter hat ihn ohne Rechtsirrtum nicht gezogen (unten XXI). Die Revision rügt weiter, das Berufungsgericht habe bei seinen Feststellungen die Parteiau3oage der Klägerin als glaubhaft behandelt, ohne auf die Widerspruche in ihrem Sachvortrag Uber den Zeitpunkt der Irrtumsentdeckung (unten IV) einzugehen» Aber diese Widerspräche sind bei dem Alter der Klägerin und beim Fehlen schriftlicher Unterlagen kein zwingender Grund, der Klägerin die Glaubwürdigkeit in andern Punkten abzusprechen» Die vom Berufungsgericht zugrunde gelegten Aussagen der Klägerin über ihre Motive zu dem Vertragsabschluß haben innere Wahrscheinlichkeit für sich; das Berufungsgericht brauchte deshalb nicht näher zu begründen, weshalb es ihnen folgte» Aus dem gleichen Grunde bedurfte auch die Nichtbeeidigung der Klägerin keiner Begründung; der Fall liegt anders als der im Urteil vom 12» Februar 1964 - IV ZR 126/63 (LM ZPO § 452 Nr» 1) entschiedene» Die Frage kann offen bleiben» Denn auch ein Eigenschaftsirrtum der Klägerin nur hinsichtlich des beklagten Ehemannes kann ein Anfechtungsrecht auch gegenüber der beklagten Ehefrau begründen» § 119 Abs» 2 BGB erfordert nicht, daß die Person, über deren Eigenschaft geirrt wird, mit dem Anfechtungsgegner identisch ist; auch der Irrtum Uber die Eigenschaften einer dritten Person kann die Anfechtung eines Vertrags begründen, wenn er für Inhalt und Zweck des Vertrags von Bedeutung ist (RGZ 158, 166, 170)o Im übrigen würde sich die Nichtigkeit deo Vertrags hinsichtlich der beklagten Ehefrau auch daraus ergeben, daß es sich bei den Willenserklärungen zwischen der Klägerin und dem beklagten Ehemann um den Teil eines einheitlichen Rechtsgeschäfts handelt und nach dem festgestellten Sachverhalt (unten III) nicht anzunehmen ist, daß das Geschäft auch ohne den nichtigen Teil, also beschränkt auf die Übertragung der einen Eigentumshälfte auf die beklagte Ehefrau, vorgenommen worden wäre (§ 139 BGB). Nach Auffassung des Berufungsgerichts ist anzunehmen, daß die Klägerin ihre Vertragserklärungen, und zwar gegenüber beiden Beklagten, bei Kenntnis der Sachlage (anderweitige Ehe des Erstbeklagten) und bei verständiger Würdigung des Palles nicht abgegeben haben würde (§ 119 Abs. 1 Ende BGB): Die Grundstücke hätten einen erheblichen Vermögenswert dargestellt; die in Aussicht gestellte Heirat sei für den Vertragsabschluß von erheblicher Bedeutung, aber damals wegen der anderweitigen Ehe des Mannes nicht möglich gewesen; wie sich dessen Verhältnisse in der Zukunft gestalteten, sei tatsächlich nicht abzusehen gewesen; sofern eine Scheidung seiner Ehe nicht stattfand, sei die Gefahr nicht auszuschließen gewesen, daß die Beklagten sich wieder trennten und der ihm übertragene Hälfteanteil in fremde Hände gelangte; das habe aber nicht im Interesse der Klägerin gelegen. Die Revision meint, bei verständiger Würdigung des Falles sei es nur auf die ernsthafte Heiratsabsicht angekommen und wäre der Vertrag auch bei Kenntnis der anderweitigen Ehe des Mannes geschlossen worden« Allerdings kommt es darauf an, ob sich der Irrende ohne den Irrtum dann ebenso entschlossen hätte, wenn er von Eigensinn, subjektiven Launen und törichten Anschauungen frei war (KG2 62, 201, 206)» Auch bei Berücksichtigung dieses objektiven Maßstabs ist es rechtlich nicht zu beanstanden, daß der Tatrichter nicht nur die ernstliche Heiratsabsicht, sondern auch das Fehlen eines so grundlegenden Hindernisses für die alsbaldige Verwirklichung dieser Absicht auch in diesem Zusammenhang als wesentlich angesehen hat» Dafür, daß das Berufungsgericht dabei die Überwindbarkeit des Ehehindernisses und die Zerrüttung der anderweitigen Ehe Übersehen hätte, besteht kein Anhaltspunkt» spräche mit ihrem Steuerberater für unvorteilhaft hielt, hat das Berufungsgericht ausdrücklich gewürdigt, aber trotzdem die Ursächlichkeit jenes Irrtums bejaht; damit hat es innerhalb seines tatrichterlichen Spielraums ohne Rechtsirrtum verneint, daß es sich beim Abheben auf den Irrtum um einen bloßen Vorwand gehandelt hätte und die vermeintliche Unvorteilhaftigkeit des Vertrags der einzige Grund für ihr Losstreben vom Vertrag sei, wie die Revision meint. Ängefochten hat die Klägerin den Vertrag gegenüber beiden Beklagten durch unstreitig alsbald zugegangene Einschreibebriefe ihres Anwalts vom 18« Juli 1962« Das 0berlandesgericht hält diese Anfechtung für unverzüglich im Sinn von § 121 BGB: Von dem Anfechtungsgrund, nämlich der anderweitigen Ehe des beklagten Mannes, habe die Klägerin hinreichend zuverlässige Kenntnis erlangt mcht, r- t. schon durch einen dahingehenden polizeilichen Vorhalt im Ermittlungsverfahren gegen sie wegen Kuppelei am 1« Juni 1962, sondern erst mit dem Zugang einer Auskunftei-Auskunft (Sehimmelpfeng), die sie auf jenen Vorhalt hin eingeholt habe« Die Auskunft sei unterm 22« Juni 1962 erteilt und vom Büro der Auskunftei in Oldenburg an das Büro in Bad Kreuznach mit der Bitte um Weiterleitung an die Klägerin gesandt worden; wann sie der Klägerin zuging, habe nicht geklärt werden können« Hach dem Vorbringen der Klägerin sei ihr das Auskunftsschreiben nicht vor dem 10« Juli 1962 zugegangen« Aber auch wenn es ihr bereits wenige Tage nach dem 22« Juni 1962 zugegangen sein sollte, sei die Anfechtung ohne schuldhaftes Zögern erfolgt; der Klägerin habe merkmale genügen läßt), aber nicht hinsichtlich des Zuver-läsaigkeitsgrades der Kenntnis» Zur Kenntnis erforderlich ist zwar nicht die volle Überzeugung von der Richtigkeit des Mitgoteilten, aber doch die Zuverlässigkeit der Mitteilung (vgl» RG JW 1912, 741; Recht 1907 Wr» 1775)» mindestens in dem Sinne, daß kein gewichtiger Anlaß zu Zweifeln besteht» Ist dagegen ein solcher Anlaß vorhanden, so liegt noch keine Kenntnis vor» (Ob es der Kenntnis gleichzusetzen ist, wenn der Erfahrende solchen Zweifeln nicht nachgeht, sondern geflissentlich einer möglichen Aufklärung aus dem Wege geht, kann offen bleiben; denn ein solcher Rail liegt hier nicht vor, insbesondere nicht schon deshalb, weil die Klägerin sich nicht unmittelbar an den Beklagten, sondern an die Auskunftei um Aufklärung gewandt hat») Hach den Feststellungen des Berufungsgerichts hatte die Klägerin Grund zu Zweifeln an der Richtigkeit der Mitteilung von einer bestehenden Ehe des beklagten Mannes; der vernehmende Kriminalbeamte hat der Klägerin den Bestand einer anderweitigen Ehe entgegen der Meinung der Revision nicht etwa als feststehende Tatsache, sondern als Inhalt einer anonymen Anzeige bekanntgegeben (BU S» 3)5 den Umstand, daß der Verfasser des Schreibens unerkannt bleiben wollte, sieht das Berufungsgericht mii Recht als geeignet an, Zweifel an der Richtigkeit seiner Angaben aufkommen zu lassen; Es habe sich dabei ebensogut um eine Gehässigkeit handeln können, die sich später als haltlos erwies; zudem habe die Klägerin damals noch keinen Anlaß gehabt, ohne weiteres anzunehmen, daß die Beklagten ihi diesen für den Abschluß des Vertrags wesentlichem Umstand verschwiegen hätten» Unter diesen Umständen nimmt das Berufungsgericht ohne Rechtsirrtum an, daß die Klägerin die in § 121 BGB geforderte Kenntnis von der bestehenden Ehe des beklagten Mannes durch den polizeilichen Vorhalt am 1» Juni 1962 noch nicht erlangt hat»