BGH · V ZR 203/61
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Es gibt keinen allgemeinen Grundsatz des Inhalts, daß für solche Verträge, falls nichts Abweichendes vereinbart sei, die bergrechtlichen Vorschriften über die Zwangsgrundabtretung gälten. Tatbestands Die beklagte Akt i enge sells Chaf t, die ln der Jäfee v©n ein Eisenerz-Bergwerk betreibt, wandte sich zu Beginn der fünfziger Jahre, da sie Gelände für einen neuen Klärteich benötigte, an die Eigentümer der in Betracht kommenden Grundflächen, darunter auch an den Kläger, Dieser überließ ihr die gewünschten Teile seines Grundbesitzes gegen Entgelt zur Benutzung, und zwar nach und nach insgesamt etwa 5 ha. Die Beklagte, die um Klageabweisung gebeten hat, hält nicht nur den Anspruch des Klägers für sachlich unbegründet, sondern macht in erster Linie geltend, daß der Hechtsweg vor den ordentlichen Gerichten nicht gegeben seis bei den Abmachungen der Parteien handele es sich um einen öffentlich-rechtlichen Vertrag, dessen Inhalt sich nach den Vorschriften des Bergrechts bestimme; der Kläger die Parteien haben nach seiner Auffassung einen privatrechtlichen Vertrag geschlossen, von der Möglichkeit einer Zwangsgrundabtretung sei zwischen ihnen nicht oder allenfalls nur beiläufig die Rede gewesen und die Beklagte selbst habe in ihren Briefen das Rechtsverhältnis stets als Pachtvertrag bezeichnet. Die Beklagte legt den getroffenen Vereinbarungen öffentlich-rechtlichen Charakter bei und beruft sich dafür auf das Berggesetz für das Herzogtum Oldenburg und für das Fürstentum Lübeck - OldbBergG - vom 3. Nach Meinung der Beklagten bestimmen sich, da die Parteien eine ”gütliche Einigung” ira Sinne von § 93 OldBergG getroffen hätten, ihre rechtlichen Beziehungen nach den bergrechtlichen Vorschriften; sie seien daher dem öffentlichen Recht zuzurechnen. Daran ändere der Umstand nichts, daß die Beklagte eine Grundabtretung im Zwangswege hätte betreiben können; die Möglichkeit andersartiger (öffentlich-rechtlicher) Gestaltung des Rechtsverhältnisses schließe nicht aus, daß die Parteien sich ohne Berücksichtigung der bergrechtlichen Bestimmungen auf privatrechtlicher Grundlage einigten, wie es hier in der Tat geschehen sei. Dahingestellt könne bleiben, ob der ordentliche Rechtsweg auch offenstünde, v/enn bei den Vertragsverhandlungen zu dem Ausdruck gekommen wäre, daß man sich nur deshalb gütlich einige, um eine Zwangsabtretung auf Grund des Berggesetzes zu vermeiden; so sei es nach der Darstellung des Klägers nicht gewesen. Diese Erwägungen, auf Grund deren das Berufungsgericht, abweichend vom Landgericht, die Voraussetzungen des § 13 GVG bejaht hat, werden von der nach § 547 Abs. 2 Nr. 1 ZPO zulässigen Revision als rechtsirrig bekämpft. oder einen öffentlich-rechtlichen Vertrag handelt, selbständig zu prüfen, ohne an Üe Auffassung fer Vorinstanzen gebun--den zu sein (BGHZ 28, 34, 39)- Im vorliegenden Fall führt indessen diese Prüfung zu dem Ergebnis, daß der Standpunkt des angefochtenen Urteils richtig ist* Es befindet sich dabei im Einklang mit der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes, wonach für die Frage, ob ein bürgerlicher Rechtsstreit im Sinne von § 13 GVG vorliegt, die rechtliche Natur des Klagebegehrens, wie sie sich aus dem von der Klagepartei vorgetragenen Sachverhalt ergibt, maßgebend ist; stellt sich das Geforderte nach der tatsächlichen Begründung des Klägers (nicht nach seiner rechtlichen Beurteilung) als Folge eines dem bürgerlichen Recht unterliegenden Tatbestandes dar, dann ist der Rechtsweg vor den Zivilgerichten eröffnet, während er verschlossen ist, wenn das Klagebegehren nach dem vorgetragenen Sachverhalt in das Gebiet des öffentlichen Rechts fällt (BGHZ 29, 187, 188 f i. Das Berufungsgericht hat weder übersehen, daß die “wahre Natur des im Klagevorbringen behaupteten Anspruchs” entscheidend ist und "nicht seine behauptete Natur” (Eyermann/ Pröhler, Verv/GO 3« Aufl. § 40 An. 1), noch hat es verkannt, daß nicht die rechtliche Auffassung des Klägers, sondern die vom Richter durch Auslegung der Klage und Subsumtion zu bestimmende Natur der geltend gemachten Rechtsfolge den Ausschlag geben muß (Stein/Jonas/Schönke, ZPO 18. Ob das Rechtsverhältnis der Parteien auf dem Boden der Gleichordnung oder der Unterordnung entstanden sei (BGH aaO), wird zwar im angefochtenen Urteil nicht ausdrücklich gesagt, aber seine Ausführungen lassen keinen Zweifel, daß der Berufungsrichter das erotcre angenommen hat» Ebensowenig ist ihm - wie die wörtliche Anführung (unter Angabe der Fundstelle MDR I960, 652) erkennen läßt - der höchstrichterliche Grundsatz entgangen, man müsse unterscheiden, ob sich eine Vereinbarung auf von der gesetzlichen Ordnung öffentlich-rechtlich oder privatrechtlich geregelte Sachverhalte bezieht (BGHZ 32, 214, 216). Daran ändern auch die Vorschriften der §§ 86 ff OldBergG nichts, nit deren Auswirkung auf das Rechtsverhältnis der Parteien sich das angefochtene Urteil auseinandergesetzt hat. Bei-sutreten ist dem Berufungsgericht insbesondere darin, daß die der Beklagten an sich offenstehende Möglichkeit, den Kläger durch ein Verwaltungsverfahren vor den Bergbehörden zur Grundabtretung zu zwingen, die Parteien nicht hinderte, ihre Rechtsbeziehungen im Wege freiwilliger Übereinkunft rein privatrechtlich zu regeln. Allerdings gibt es, wie die Revision zutreffend hervorhebt, Verträge auch auf dem Gebiet des öffentlichen Rechts, und die Tatsache, daß es sich bei den Parteien um Privatpersonen handelt, stünde dem Abschluß eines öffentlich-rechtlichen Vertrages nicht unbedingt entgegen (Porsthoff, Lehrbuch des Verv/altungsrechts 1. Kennzeichnend für Verträge dieser Art ist indessen ihre inhaltliche Beziehung zu Gegenständen des öffentlichen Rechts; die durch sie geregelten Verhältnisse müssen mindestens überv/iegend den Interessen der Gesamtheit dienen, nicht dem Individualinteresse eines einzelnen oder einer Gruppe von einzelnen (Forsthoff aaO; Eyermann/Fröhler, Verv/GO 3. Daran fehlt es hier; denn entgegen der Behauptung der Revision war die Beklagte, als sie zur Ausbeutung von Bodenschätzen einen Klärteich anlegte, nicht so sehr im All-gemeininteresse tätig, vielmehr verfolgte sie in erster Linie private, auf wirtschaftlichen Gewinn gerichtete Ziele; bei ihrem Hinweis auf § 87 OldBergG, wo von “überwiegenden Gründen de3 öffentlichen Interesses“ die Rede sei, übersieht die Revision, daß jene Vorschrift die negativen Voraussetzungen der Grundabtretung, d.h. die Gründe für ihre Versagung aufzählt. liehen Grundabtretungsanspruchs der Beklagten ein “Unter-ordnungsverhältnis*' bestanden; ob man bei einem Zwangsabtretungsverfahren von Über- oder Unterordnung sprechen könnte, mag dahinstehen, da für solche Betrachtungsv/eise jedenfalls dann kein Raum bleibt, wenn Bergwerksunternehmer und Grundeigentümer sich in der Weise gütlich einigen, wie es die Parteien getan haben. Zu Unrecht meint die Revision, jede gütliche Einigung nach § 93 OldBergG habe öffentlich-rechtlichen Charakters die hierdurch geschaffenen Rechte und Pflichten seien dem öffentlichen Recht zu2urechnen; denn die Beteiligten unterwürfen sich automatisch den bergrechtlichen Vorschriften; durch die Einigung werde ein Rechtsverhältnis gleichen Inhalts hergestellt, wie es auf Grund der §§ 86 ff OldBergG zwischen ihnen bestehen würde, wenn sie sich nicht gütlich geeinigt hätten und das Oberbergamt die Grundabtretung zwangsweise durchgeführt hätte. Unentschieden kann bleiben, ob wirklich im Palle behördlicher Zwangsgrundabtretung - bei deren Anordnung und Burchführung es sich freilich um Verwaltungsakte handeln würde - auch die weiteren Rechtsbeziehungen der Beteiligten ausschließlich öffentlich-rechtlicher Eatur wären oder ob es nicht selbst dann beispielsweise dem Grundeigentümer freistünde, den Bergwerksunternehmer mit der Behauptung, seine Einwirkung auf das Grundstück überschreite den Rahmen des ihm von der Bergbehörde zugesprochenen Benutzungsrechts, vor den ordentlichen Gerichten gemäß § 1004 BGB auf Unterlassung zu verklagen. Keine Zustimmung verdient jedenfalls die Ansicht der Revision, die Parteien hätten allein dadurch, daß sie sich gütlich einigten, ihre rechtlichen Beziehungen so geregelt, wie dies im Berggesetz für den Pall der Zwangsgrundabtretung vorgesehen sei. Diese Ansicht wird insbesondere nicht gerechtfertigt durch.die Erläuterungen von Westhoff zu dem entsprechenden Abschnitt (“Von der Grundabtretung“, §§ 135 ff) des preußischen Allgemeinen Berggesetzes - PrBergG -, auf die sich die Revision beruft. 245 ff5 ebenso bereits ZBergR 46, 64 ff) führt aus, die Überlassung von Grundstücken an einen Bergwerks Unternehmer könne auch in der Form eines gewöhnlichen Pacht- oder Mietvertrags oder eines anderen, dem bürgerlichen Recht unterliegenden Vertrages geschehen, aber zur Annahme eines solchen Vertragsverhältnisses genüge nicht die bloße Tatsache, daß die Abtretung des Besitzes im Wege gütlicher Einigung erfolgt sei, vielmehr müsse man im Zweifel ein derartiges Geschäft, was seinen Inhalt und die Rechtsfolgen für die Vertragschließenden betreffe, als Abtretung zu bergbaulichen Zwecken im Sinne der §§ 135 PrBergG behandeln; die Absicht der Partner sei in solchen Füllen im Zv/eifel darauf gerichtet, dasjenige Rechtsverhältnis gütlich herzustellen, das sonst gemäß §§ 142 ff PrBergG durch die Behörde zwangsweise geschaffen worden wäre; solle dagegen ein freiwilliges Übereinkommen inhaltlich und in seiner schuldrechtlichen Wirkung den allgemeinen Bestimmungen über Pacht und Miete' unterliegen, so bedürfe das eines besonderen Ausdrucks im Vertrage (ähnlich auch Isay, Allgemeines Berggesetz 1920 § 135 An. 16). Aus diesen Darlegungen möchte die Revision entnehmen, im vorliegenden Pall seien für das Rechtsverhältnis der Parteien, v/eil sie die Anwendbarkeit der §§ 86 ff OldBergG nicht ausdrücklich ausgeschlossen hätten, die öffentlich-rechtlichen Vorschriften des Bergrechts maßgebend* Hat der BergwerksUnternehmer den gesetzlichen Grundabtretungsan-spruch erhoben und für den Weigerungsfall Durchsetzung im Zwangswege angedroht und erklärt sich daraufhin der Grundeigentümer, um eine ungünstige Entscheidung des Oberbergamts zu vermeiden, notgedrungen zur Einräumung des Boden-benutzungsrechts bereit, dann ließe sich, wenn die Beteiligten keine Vereinbarungen über ihre künftigen Rechte und Pflichten treffen, vielleicht der Standpunkt vertreten, sie wollten keinen bürgerlich-rechtlichen Vertrag schließen, sondern lediglich denselben Rechtszustand herstellen, wie er nach durchgeführtem behördlichen Verfahren zwischen ihnen bestehen würde. Hie^ haben Ixe Par-teien - nach der für die Zulässigkeit des Rechtsweges maßgeblichen Sachdarstellung des Klägers - über die Möglichkeit einer Zwangsgrundabtretung nicht (oder doch nur beiläufig) gesprochen und waren sich von Anfang an darüber einig, daß die Beklagte ihren Klärteich auf dem Gelände des Klägers anlegen dürfe. Infolgedessen geht auch der Hinweis der Revision auf den vermeintlichen Parallelfall der sogenannten Expropriationsverträge fehl; letztere werden, v/ie sie selbst hervorhebt, uim Rahmen eines Enteignungsverfahrens11, d.h. nach seiner Eröffnung abgeschlossen und regeln Enteignung und Entschädigung im wesentlichen nach Maßgabe der öffentlich-rechtlichen Enteignungsvorschriften, sodaß für eine Anwendung des bürgerlichen Rechts kein Raun mehr bleibt (Porsthoff aaÖ §14 S. Vielmehr muß jeweils ermittelt werden, ob der Wille der Beteiligten auf Abschluß eines Pacht-, Mietoder sonstigen bürgerlich-rechtlichen Vertrages gerichtet gewesen ist oder ob sie das dem Bergbautreibenden cinge-räumte Benutzungsrecht lediglich als gesetzlichen Ausfluß des Bcrgwerkoei^entums angesehen haben (so auch das Reichsgericht im Urteil vom 12. Wenn das Berufungsgericht die Vereinbarung der Parteien dahin ausgelegt hat, daß zwischen ihnen ein miet- oder pachtähnliches Nutzungsrecht eigener Art vereinbart worden sei, das dem bürgerlichen Recht unterliege, so ist das rechtlich nicht zu beanstanden. Durch den Vertrag wurde an die Stelle des bergrechtlichen Grundabtretungsanspruchs aus § 86 OldBergG ein vertraglicher Anspruch gesetzt, der anderen Grundsätzen unterliegt; die mit ihm zusammenhängenden Rechte und Pflichten können nur im ordentlichen Rechtsweg und nicht nach Maßgabe der §§ 93 ff OldBergG geltend gemacht werden (vgl. Die Vertragsauslegung des angefochtenen Urteils läuft endlich auch nicht, wie die Revision einwendet, aus dem Grunde den Interessen des Bergbaues zuwider, weil ein auf unbestimmte Zeit eingegangenes Pachtverhältnis gemäß § 595 BGB zu dem Schlüsse jedes Jahres gekündigt werden könne, während die Beklagte bei Anlegung ihres Klärteiches eine Benutzungsdauer von nicht weniger als 70 bis 100 Jahren vorgesehen habe« Denn abgesehen davon, daß das Berufungsgericht gerade keinen regelrechten Pachtvertrag im Sinne der §§ 581 ff BGB angenommen hat, dürfte ein kurzfristiges Kündigungsrecht auch nach dem