BGH · V ZR 197/64 vom 22.01.1965
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Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung vom 22. Januar 1965 unter Mitwirkung der Bundesrichter Schuster, Dr. Piepenbrock, Dr. Mattem, Offterdinger und Dr. Grell für Recht erkannt: Auf die Revision der Beklagten werden das Urteil des 0. Die Sache wird zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung - auch über die Kosten der Revision - an das Berufungsgericht zurückverwiesen. Die Gerichtsgebühren und -auslagen des Revisionsverfahrens werden niedergeschlagen, ebenso die des bisherigen Berufungsverfahrens mit Ausnahme derjenigen, die durch die Einlegung der Berufung entstanden sind. Sie rügen Verletzung verfahrenst und materiellrechtlicher Vorschriften und weisen insbesondere darauf hin, daß das Berufungsgericht zur Zeit der mündlichen Verhandlung und der Urteilsverkündung mit sechs Richtern, nämlich dem Senatspräsidenten Br. den Oberlandesgerichtsräten Br. Br. Bor Vorsitzende des erkennenden Senats hat eine Auskunft des Präsidenten des Oberlandesgerichts München darüber eingeholt, inwieweit der Vortrag der Revision zur Besetzung des Berufungsgerichts den Tatsachen entspricht. Banach war der seinerzeitige Zivilsenat des Oberlandesgerichts München im Geschäftsjahr 1964 in der Zeit vom 1. März 1964 vom Senatspräsidenten Dr. Wj zu dem Berichterstatter für die Berufung ernannt und gleichzeitig Terrain zur Berufungsverhandlung vor dem ®. Die Sitzüngs-einteilung der Mitglieder des Senats, die sich allerdings nicht aus der Oeschäftsverteilung des Oberlandesgerichts ergebe, sondern vom Vorsitzenden jeweils auf vier bis fünf Monate voraus getroffen werde, sei am 12. 1964 sei nach dem Turnus, der im wesentlichen dadurch bestimmt werde, daß mit Ausnahme des Vorsitzenden, der - von zwingender Verhinderung abgesehen - an sämtlichen Senatssitzungen teilnehme, jedes Senatsmitglied gleich oft zur Sitzung herangezogen werde, ursprünglich der am 1. gerichtsrat Br. SMHl und als weiterer Beisitzer der Referatsnachfolger des ausgeschiedenen Oberlandesgerichtsrats Br. teilnehmen würde; eine Einteilung des Oberlandesgerichtsrats Br. iflfldessen Urlaub bereits festgestanden habe, für diese Senatssitzung sei von vornherein nicht in Frage gekommen..Baß bei der Terminsbestimmung nicht von der bereits getroffenen Einteilung abgewichen worden sei, ergebe sich zudem auch daraus, daß ausweislich des handschriftlich geführten Sitzungskalenders die vorliegende Sache als siebenter Fall vom Senatspräsidenten Dr. Wflfl®®® eingetragen worden sei, während die Eintragung der sechs vorausgehenden Fälle von der Hand des regelmäßigen Vertreters des Vorsitzenden (Oberlandesgerichtsrat Br. stamme, der sie während des Urlaubs des Vorsitzenden für den 5* Mai 1964 anberaumt und bei sämtlichen sechs Sachen den Referatsnachfolger Br. T)( als Berichterstatter vermerkt habe. Für die Frage, ob das Berufungsgericht vorschriftsmäßig besetzt war, kommt es, wie der Senat bereits in seiner in BGHZ 10, 130, 132 abgedruckten Entscheidung ausgesprochen hat, auf den Zeitpunkt der letzten mündlichen Verhandlung an, auf die das Urteil ergangen ist. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat es in seiner in BGHZ 20, 355, 556 veröffentlichten Entscheidung (vgl. Februar 1957, IV ZR 257/56, LM ZPO § 551 Ziff.1 Nr. 11) für zulässig erklärt, Senate und Kammern des Landgerichts, für die eine entsprechende Bestimmung gilt, mit mehr als drei Richtern zu besetzen, und die Ansicht vertreten, es verstoße auch nicht gegen Art. 101 des Grundgesetzes, wenn eine Kammer oder ein Senat mit mehr Richtern besetzt sei, als bei den Entscheidungen mitzuwirken hätten. Zivilsenat hat in dem von ihm entschiedenen Fall BGHZ 20, 355 die Rüge, jener Senat des Berufungsgerichts sei aus dem Grund nicht den gesetzlichen Bestimmungen gemäß gebildet worden, weil ihm durch das Präsidium (für das Geschäftsjahr 1955) neun Richter als beisitzende Richter - darunter sieben an sich voll arbeite- und einsatzfähige Beisitzer - zugeteilt gewesen seien, für nicht stichhaltig erklärt. zu dem Ausruck gebracht, gerade die Vorschrift des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG, v/onach niemand seinem gesetzlichen Richter entzogen werden dürfe, die schon durch die Überbesetzung von Kammern und Senaten über die Zahl der gesetzlich vorgesehenen Mitglieder hinaus gefährdet erscheine, verlange, daß jegliche vermeidbare Unklarheit über die Person des gesetzlichen Richters vermieden werden muß (Bedenken in dieser Richtung sind auch dem in BGHSt 18, 386, 389 veröffentlichten Urteil des 2. Zivilsenat hat sich aber in seinem späteren Urteil vom 28. Zivilsenats angeschlossen und die Ansicht geäußert, regelmäßig solle ein Senat eines Oberlandesgerichts nicht mehr als sechs Beisitzer haben. Juni 1964 (2 BvR 498/62 - HJW 1964, 1667) zur Auslegung des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG ausgeführt, gesetzlicher Richter im Sinne des Art. 101 Abs* 1 Satz 2 GG sei nicht nur das Gericht als organisatorische Einheit oder das erkennende Gericht als Spruchkörper, sondern seien auch die zur Entscheidung im Einzelfall berufenen Richter, Die Geschäftsverteilungspläne der Kollegialgerichte, die der Bestimmung des gesetzlichen Richters dienten, müßten daher von vornherein so eindeutig wie möglich festlegen, welche Spruchkörper und welche Richter zur Entscheidung des Einzelfalls berufen seien. Werde dieser Forderung nicht Rechnung getragen, so werde der vom Vorsitzenden zur Entscheidung herangezogene Richter auch nicht dadurch zu dem gesetzlichen Richter, daß er aus sachgerechten Gründen zur Mitwirkung ira Einzelfall bestimmt worden sei. Das Bundesverfassungsgericht hat daher in den genannten Beschlüssen die angegriffenen Entscheidungen mit dem Hinweis aufgehoben, die Kammern seien nach der Geschäftsverteilung verfassungswidrig überbesetzt gewesen und die Entscheidungen deshalb nicht vom gesetzlichen Richter erlassen worden. hierzu den in BGHZ 13, 265, 277 veröffentlichten Beschluß des Großen Senats für Zivilsachen, ferner BVerfGE 15, 105, 111) vom Bundesverfassungsgericht niedergelegten Rechtsstandpunkt hinsichtlich der Überbesetzung von Spruchkörpern seiner Entscheidung zugrunde. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat sich bereits in dem Urteil vom 1* Juli 1964 - VIII ZR 304/63 -dem Bundesverfassungsgericht angeschlossen, nachdem der IV. Nach den Grundsätzen der Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts war der 0, Zivilsenat des Oberlandes-gerichts München zur Zeit der mündlichen Verhandlung und Verkündung des angefochtenen Urteils verfassungswidrig überbesetzt.