BGH · V ZR 192/63
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Die Klägerin, als Kriegerwitwe des letzten Krieges Rente beziehend und seit November 1949 im Konkubinat mit dem Beklagten auf einer von ihrem Adoptivvater im September 1949 ererbten, rund 334 ha großen Landstelle zusammenlebend ;uOnkelehe"), hat dem Beklagten nach einem Scheunenbrand am 4» August 1959 die Hälfte ihres Grundbesitzes sehenkv/eise übereignet« Mit vorliegender, im Juni 1962 erhobenen Klage verlangt sie diese Miteigen-tumshiilfto wegen groben Undanks zurück, v/eil der Beklagte mit ihrer 1939 geborenen und im gemeinsamen Haushalt aufgewachsenen Tochter Y/ilraa seit deren 17»Lebensjahr bis Io Das Berufungsgericht begründet vorweg, daß die Zuwendung an den Beklagten eine Schenkung darstellt, die nicht gegen die guten Sitten verstieß und der keine verpflichtende Auflage seitens des Adoptivvaters der Klägerin zugrunde läge Der wegen-groben Undanks allerdings mit Grund (jahrelanger Geschlechtsverkehr mit der minderjährigen Tochter) ausgesprochene Schenkungswiderruf sei aber ausgeschlossen, weil die Klägerin diese schwere Verfehlung des Beklagten verziehen habe (§ 532 BGB;, indem sie noch etwa 8 Monate lang mit dem Beklagten regelmäßig geschlechtlich verkehrt habe, obwohl sie am 9oSeptember 1961 erfahren habe, daß er bereits seit vielen Jahren zu der nunmehr 22jährigen Tochter in geschlechtlichen Beziehungen gestanden habe«, Auf Grund der Beweisaufnahme, der Aussagen der Klägerin im Strafverfahren und der gesamten Umstände sieht das Berufungsgericht als erwiesen an, daß die Klägerin entgegen ihrem Sachvortrag bereits an diesem Tag über diese früheren Beziehungen in Kenntnis gesetzt worden sei« - nach Erstattung der Strafanzeige vom 11» August 1962 ,Akten der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Oldenburg 3 Js lo65/62 Bl» 1 ff) - der nach dem Vortrag der Klägerin nunmehr in Erfahrung gebrachte Geschlechtsverkehr der minderjährigen Tochter seit ihrem 17» Lebensjahr (Bl» 2o GA)c Der Beklagte hat dagegen die näheren Modalitäten und den Anlaß des Verkehrs mit der Minder jährigen bestritten (Bl* 23 R GA)«. vertraut habe, ihre Mutter auch darüber aufzukläreno Der V02 trag des Beklagten hat sich in diesem Punkt im wesentlichen auf die Würdigung der Zeugenaussagen und der Erklärungen dei Klägerin beschränkte Daa Berufungsgericht hält die späteren Korrekturen der Zeugin GflBHl hinsichtlich ihrer ursprünglichen Aussage vom 11c Oktober 1962 (ihre Mutter habe bereits am 9» September 1961 von dem früheren Verkehr Kenntnis erlangt) für widersprüchlich und diese ihre erste Aussage für zutreffend, insbesondere, weil nicht angenommen werden könne, daß selbst eine Frau v/ie die Klägerin ohne weiteres die Defloration der Tochter unter diesen Umständen hingenommen und deren sofortiges Einverständnis begreiflich gehalten hätte, wohl aber, daß sich die Klägerin mit bereits gegebenen Verhältnissen abgefunden habe; abgesehen davon habe die Klägerin nach ihren eigenen Aussagen sehom im Jahre 1957 aus handgreiflichem Anlaß Verdacht geschöpfte Die Feststellung des Berufungsgerichts über die vollständige Kenntnis der Klägerin von den Verfehlungen des Beklagten schon am 9° September 1961 greift die Revision mit der Verfahrensrüge an, das Berufungsgericht habe nicht die gesamten, näher gekennzeichneten Aussagen der Zeugin V/ilma Gei'ken und auch weitere Umstände nicht beachtete Die Revision ist begründete Das Berufungsgericht hat zwar So 8 oben der Entscheidungsgründe bemerkt, die Klägerin habe am 9<> September 1961 erfahren, daß der Beklagte bereits ’’seit vielen Jahren" zu ihrer Tochter in geschlechtlicher Beziehung gestanden habe, später jedoch nur die Kenntnis "früherer” ,S°8 oben BU) oder "schon 3eit längerer Zeit" bestehender (Sdo unten BU) geschlechtlicher Beziehungen als erwiesen festgestelltjletztores könnte sich auf einen beschränkten Zeitraum, etwa nur auf die Zeit der Volljährigkeit der Tochter, beziehen« Die Feststellung der Verzeihung einer Verfehlung setzt die Klarstellung der Verfehlung und eine Feststellung darüber, was dem Schenker über die Verfehlung im Zeitpunkt der Verzeihung bekannt war, voraus« Die Verfehlung des Beklagten besteht im vorliegenden Fall nicht allein im Verkehr mit der Volljährigen, sondern vor allem in dem verbrecherischen Umgang mit der ihm zur Erziehung anvertrauten Minderjährigen« Aus den vom Tatrichter gewürdigten Tatsachen (Aussage der Zeugin üfliB am 11° Oktober 1962, Verhalten der Klägerin am 9» September 1961, Verdachtsgründe der Klägerin) v/urde vom Tatrichter der Schluß gezogen, daß die Klägerin am 9o September 1961 von dem vorausgegangenen Verkehr oder dem Einverständnis der jedenfalls 21jährigen Tochter "erfahren1* hat» Es fehlt jedoch eine Begründung dafür, daß die Klägerin schon vor Mai 1962 von dem verbrecherischen Verhalten des Beklagten, nämlich seinem unzüchtigen Umgang mit der Minderjährigen in den Jahren 1957 bis i960 Kenntnis erhalten hatte* Eine Begründung dafür läßt sich auch nicht aus dem Hinweis des angefochtenen Urteils auf den von der Klägerin geschilderten Vorfall im J.-hre 1957 entnehmen, denn das Berufungsgericht stellt insoweit lediglich einen früheren Verdacht der Klägerin fest» Es ist schließlich nicht ersichtlich, auf welche Weise und von wem die Klägerin vor dem Jo« April 1962 (letzter Verkehr zwischen den Parteien) von der maßgebenden Verfehlung des Beklagten erfahren hat« Es widerspräche jedenfalls der Lebenserfahrung, daß der Beklagte selbst der Mutter an jenem Abend, an dem er ein weiteres Ziel erreichen wollte \nämlich das Einverständnis der Mutter zur Unzucht mit der Tochter) und nach den Zeugenaussagen pathetisch ein Zusammenleben gelobte und verlangte,, sein früheres verbrecherisches Verhalten offenbart hätte, während nach den Feststellungen des Berufungsgerichts die Klägerin mit ihrer Tochter über diesen Ungang nicht gesprochen hat, und angesichts des Abhäigigkeitsverhältnisses der beiden Frauen von den Beklagten auch nichts dafür spricht, daß die Tochter diese Umstände ihrer Mutter eröffnet hätte» Die bisherigen Feststellungen tragen daher nicht die Unterstellung, die Klägerin hätte vor dem 3o» April 1962 erfahren, daß der Beklagte, der den Umgang mit der Minderjährigen sorgfältig verborgen gehalten hatte, mit ihr schon seit "längerer Zeit" im Sinne von länger als seit ein paar Tagen, Y/ochen oder Monaten unsüchtig verfallen ist» Bas Urteil kann daher mit der gegebenen Begründung nicht aufrechterhalten werden, es war vielmehr aufzuheben und die Sache zur anderweiten Verhandlung und Entscheidung an das Berufungsgericht zurüekzuverv/eiseno Bas Berufungsgericht wird, wenn die Würdigung der späteren Aussagen der Zeugin aufrechterhalten bleibt, festzustellen haben, ob die Klägerin schon vor dem Hai 1962 Kenntnis nicht nur von einer zuvor vorausgegangenen Verführung der Tochter überhaupt, sondern von den viel früher einsetzenden und daher wesentlich schwerer und verletzender wirkenden Verbrechen deG Beklagten an ihrer Tochter hatte» Babei wird der Charakter der Undankbarkeit und die Schwere der Verfehlung vom Verhalten der Minderjährigen nicht berührt» Weiter wird zu prüfen sein, ob solchenfalls die Auf.'echterhaltung des Konkubinats als Verzeihung gewertet werden kann oder unter den gegebenen Umständen nicht allein Ausdruck der vollständigen Abhängigkeit und Unterworfenheit der Klägerin war, der des Charakters einer seelischen Äußerung entbehrt»