BGH · V ZR 175/63
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
- Prozeßbevollmächtigter: Rechtsanwalt Dr, Dor Vo Ziviloenat dos Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung vom 22« Juni 1966 unter Mitwirkung der Bundeorichtor Dr0 Piepenbrock, Dr0 Rothe, Dr«, Freitag, Dr» Mat tern und Dr0 Grell für Recht erkannt: ob die Beklagte dem Kläger gegenüber zur Abtretung oder Umschreibung der Grund-schuld von 40 000 DM auf ihn oder zu ihrer Löschung verpflichtet seio Der Kläger bejaht eine solche Pflicht Zug um Zug gegen die bloße Tilgung jener restlichen Steuerschuld von 1 9319 50 DM0 Die Beklagte verneint sio vor Tilgung auch der angeblich über diese persönliche Schuld hinaus-gohenden "Valutierung" des dinglichen Rechts; 3ie bezifferte die Restvaluta zunächst mit rund 15 000 DM und zuletzt mit 17 315 DM« Der Streit hängt zusammen mit Meinungsverschiedenheiten der Parteien darüber9 ob und in welchem Umfang Forderungen einmal zwischen der Beklagten und ihrem Zedenten und des weiteren zwischen Köster und dem Grundschuld-besteller Knierim bestanden und bestehen*. Daa Oberlandesgericht bejaht eine rechtsgeschäftliche Verpflichtung der Beklagten gegenüber dom Kläger, gegen Zahlung von seinerzeit restlich 9 431,50 DM, wovon inzwischen 7 500 DM bezahlt sind, unter Verzicht auf einen Teil der sich au3 den Grundschulden von 40 000 DM und 10 000 DM für sie ergebenden Rechte? Rechtlich maßgebend ist § 71 Abs» 2 Satz 2 der Hessischen Gemeindeordnung (HGO) in der Passung vom 25o Februar 1952 (GVBl So 1l)o Danach sind Erklärungen* durch welche die Gemeinde verpflichtet werden soll, in der Regel nur rechtsverbindlich, v/enn sie von zwei Personen, nämlich dem Bürgermeister oder seinem allgemeinen Vertreter sowie von einem weiteren Mitglied des Magistrats handschriftlich unterzeichnet und mit dem Dienstsiegel versehen sindo Ausnahmsweise gilt das nicht für Geschäfte der laufenden Verwaltung, schuld der H einve Bausparkasse die für die Gemeinde von nicht erheblicher Bedeutung sind, sowie für Erklärungen, dio ein für das Geschäft oder für den Kreis von Geschäften ausdrücklich Beauftragter abgibt, wenn dio Vollmacht in der oben genannten strengen Form erteilt wurdeo Tatsächlich trägt das Schreiben vom 24* Mai I960 nur eine einzige Unterschrift, und zwar die des Obermagistrats rats es ist auch nicht mit Siegel versehen» Daß Obermagistratsrat eine einschlägige Geschäftskreis- oder Einzel- 65 HGO) jene formalisierte Vollmacht nicht ersetzen, abgesehen davon, daß ein solches Einverständnis gerade mit dem inhaltlich aus der allgemeinen Richtung der sonstigen Korrespondenz herausragenden Schreiben vom 24» Mai I960 nicht ohne weiteres zu unterstellen ist» Das Schreiben konnte also nur dann eine Verbindlichkeit der Beklagten begründen, wenn es inhaltlich zu den Geschäften der laufenden Verwaltung gehörte, dio für die beklagte Stadt von nicht erheblicher Bedeutung waren» Dabei spielt es keine Rolle, daß die Beklagte in den Tat-sacheninstanzen auf legitimationsbedenken nur in unbestimmter Art und in Bezug auf andere in den Verhandlungen mit dem Kläger tätig gewordene Bedienstete abgehoben hat; denn die Vertretungsmacht des für eine juristische Person Handelnden gehört zur rechtsbegründenden Norm und daher im vorliegenden Fall zur Behauptungs- und Beweislast des Klägers, nicht der Beklagteno Ob ein Geschäft der laufenden Verwaltung von nicht erheblicher Bedeutung vorliegt, kann auch nicht im derzeitigen Revisionsrechtszug entschieden werden0 Penn die Antwort auf diese Frage ist im wesentlichen tatrichterlicher Natur» Sie hängt ab von der jeweiligen Geschäftslage der Gemeinde, von Größe, Art und Häufigkeit des Geschäfts (vgl0 dazu Muntzke/ Schlempp, Kommentar zur HGO mit Handbuch des Gcmeinderechto, Band 1 S» 779 ff), wobei das gleiche Geschäft bei der einen Gemeinde noch zur laufenden Verwaltung im genannten Sinn gehören kann, bei einer anderen dagegen nicht mehr (vglo zur Vorkaufsrechtsausübung die Senatsurteile BGHZ 329 373 sowie vom 25o Oktober 1961, V ZK 61/60). hängigen Umfang nicht schon in einem Zeitpunkt vor dem Mai I960 durch die Gesamtheit des vorangegangenen Schriftwechsels begründet worden ist, sowie ob gegenüber einer solchen grundlegenden Vereinbarung das Herüber und Hinüber des nachfolgen-den Schriftwechsels nur die Erörterung der technischen Durchführung und keine Aufhebung jener Grundvereinbarung darsteilt: War im Zeitpunkt des Grundschulderwerbs der Beklagten von Köster (1956) eine Zahlung auf die Grundschuld(en) noch nicht erfolgt, so ist die Beklagte damals im Außenverhältnis zu dem Kläger Gläubigerin der beiden Grundschulden nebst Zinsen in voller Höhe geworden und konnte daher die Grundschulden auf-heben (’’löschen", §§ 1183* 1192 BGB) und sich dazu verpflichten ohne Rücksicht darauf, ob dies im Einklang stand mit etwaigen Verpflichtungen, die sie aus ihrem Innenverhältnis gegenüber Köster haben mochte0 Ein Motiv für eine teilweise Aufhebung konnte sein, daß die Beklagte im Kläger einen zahlungsfähigen Schuldner bekam* Ein wesentliches Interesse des Klägers ging für die Beklagte erkennbar von vornherein über die Aufhebung der Zwangsverwaltung hinaus auch dahin, den Umfang seiner Geldleistungen überhaupt zu begrenzen, so daß er weitere Zahlungen weder an die Beklagte noch an ihren 2edenton würde erbringen müssen» Unter diesen Gesichtspunkten kann sich fragen, ob dem im Schreiben der Beklagten vom 24® Januar 1958 aufgestellten Erf< dernis der "selbstschuldnerischen Haftung" des Klägers dadurci genügt worden ist, daß der Kläger in der Folgezeit diese Zahlungen zu dem größten Teil durchgeführt hat; erwägbar wäre dazu, daß in der Aufnahme der Zahlungen eine stillschweigende Bürgschaftserklärung im geforderten Umfang gesehen werden könnte, die dann, wenn sie auf seiten des Klägers ein Handelsgeschäft gewesen 3ein sollte, formlos möglich v/ar (§ 350 in Verb* mit § 343 BGB) und andernfalls ihre Formnichtigkeit (§ 766 Satz ? BGB) durch Erfüllung in einem solch überwiegenden Umfang verloren hat (§ 766 Satz 2 BGB), daß eine Berufung auf den noch ausotehenden Rest (rund 2 000 von rund 47 000 DM) gegen Treu und Glauben verstoßen könnte (§ 242 BGB)o Sollte hiernach eine Grundschuldaufhebungspflicht der Beklagten gegenüber dem Kläger zustandegekommen sein, so wurde sie durch spätere Vereinbarungen der Beklagten mit ("Voll-an- dic-Hand-gebenn Anfang 1961) nicht beseitigt,, Voraussetzung für das Zustandekommen einer solchen Verpflichtung der Beklagten ist allerdings auch hier, daß dio für die Beklagte handelnde Person zu ihrer Vertretung legitimiert war; das ist im Hinblick auf § 71 Abs«, 2 HGO auch dann nicht von vornherein ohne weiteres zu bejahen, wenn dies, wie bei der Korrespondenz der Anfangszeit regelmäßig, der Stadtkämmerer Gelbst war (vgl« BGH Urteil vom 4. April 1966, VIII ZR 102/64 WH 1966, 621)i sollte es auch hier am Charakter eines nicht bedeutenden Geschäfts der laufenden Verwaltung oder an einer einschlägigen formalisierten Vollmacht fehlen, so käme allerdings bei der Person des Stadtkämmerers eine Haftung dor Beklagten kraft DuldungsVollmacht in Betracht (BGH Urteil vom 2U April 1950, II ZR 328/53, JZ 1955, 452), sowie unter Umständen der Arglisteinwand aus § 242 BGB dann., wenn das materielle Einverständnis des zuständigen Gemoindeorgans (Gemeindevertretung) vorgelogen und es nur an der Vollmacht form gefohlt haben sollte (BGHZ 21«, 59?