BGH · V ZR 156/68
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Der Kläger zu 1) will sich als Zonenflüchtling unter Inanspruchnahme von Öffentlichen Mitteln eine neue Existenz auf-bauen» Das lebende und tote Inventar sowie ein Teil des Feldinventars sollte vom Pächter käuflich übernommen werden» Der vertraglich bestimmte Schätzungsausschuß schätzte das gesamte Inventar samt Vorräten am 22* August 1963 auf 183 343 DM» In der Anlage I zu dem Vertrag ist unter Nr« XIV weiter vereinbart: Die Kläger wollen die zwischenzeitlich neu angeschaffton Inventarstücke nur insoweit übernehmen, als solche An-seheffüngen wegen der inzwischen erfolgten Umstellung dos Betriebs erforderlich gewesen seien« Dementsprechend haben sie beantragt, die Beklagte zur Einräumung des Besitzes an dem Hof einschließlich des Feldinventars an Gerste, Winterroggen, Zuckerrüben und Kartoffeln sowie zur Herausgabe und Übereignung bestimmter Gegenstände zu verurteilen, und zwar Zug um Zug gegen Zahlung des vom Gericht festzustellenden Kaufpreises, wobei Binder und Schweine mit Ausnahme der Zuchtsauen und des Ebers nach dem Gewicht im Zeitpunkt der Übernahme zu bewerten seien« - VIII ZR 143/63, WM 1965, 1216 = Betrieb 1965, 1853)• Bei dieser Prüfung konnte das Berufungsgericht ohne Bechtsverstoß den Umstand berücksichtigen, daß die Beklagte sich am 30« Juli 1964 noch bereit gefunden hatte, den Vertrag auf 18 Jahre zu verlängern* Schließlich bestehen auch keine Bedenken gegen die Annahme des Berufungsgerichts, das Verlangen des Kulturamts nach Vertragsänderungen habe den Vertrag trotz Nr» XIV Abs» 4 der Anlage I im Hinblick auf die entsprechenden Änderungen des Vertrags durch die Parteien nicht hinfällig gemachte 4o Ben Tod des Mitpächters Peter Werthmann erachtet das Berufungsgericht nach § 15 Abs„ 2 des Vertrags nicht als Kündigungsgrund, weil Peter We^BHfe von seinen Eltern beerbt worden und die ordnungsgemäße Bewirtschaftung des Hofes durch diese beiden gewährleistet sei o Baß das Berufungsgericht bei dieser Würdigung das Alter der Kläger übersehen hätte, kann nicht unterstellt werden, da die Pachtsiedlungsakten beigezogen waren und daraus sich der Geburtstag des Klägers zu l) und die übrigen Familienverhältnisse ergebene Im übrigen ist dem Berufungsgericht auch darin beizupflichten, daß die Beklagte den Iod des Sohnes nicht zu dem Anlaß der Kündigung genommen hat. lo Zum Zurückbehaltungsrecht der Beklagten am Kaufpreis für das Inventar und an der Vergütung für die seinerzeit aufstehende Ernte stellt das Berufungsgericht als unstreitig auf Grund der Schätzung des Schätzungsausschusses die Hohe der Vergütung für die Ernte fest (60 295905 DM) und auch den Kaufpreis für die Vorräte (Heu, Stroh, Saatlupinen und Pressebindegarn, Pos« 37 bis 40, insgesamt 7 686 DM); das tote Inventar, das die Kläger zu übernehmen bereit sind (Pos» 1 bis 36), sei unter entsprechender Anwendung des § 319 BGB nach der verbindlichen Pestsetzung des Schätzungsausschusses zu übernehmen, wobei der dem Ausschuß nicht vorgestellte Kramer-Muser (Pos« 9) gemäß § 287 ZPO auf 350 DM zu schätzen sei (Pos» 1 bis 36 insgesamt bewertet mit 51 806 DM)o Über den Preis der 30 Milchkühe, führt das Berufungsgericht weiter aus, hätten sich die Parteien geeinigt (40 50Q D!4); während für 13 Zuchtsauen (6 500 DM) und einen Eber (950 DM) der vom Ausschuß festgesetzte Preis verbindlich sei, so daß für das Vieh mit festem Preis insgesamt 47 950 DM zu zahlen seien. Zum Stroit der Parteien darüber, ob die Kläger noch das weitere vorhandene Vieh im Wert von 13 900 DM und totes Inventar im Wort von 36 500 DM käuflich zu übernehmen hätten, geht das Berufungsgericht mit der Beklagten offensichtlich davon aus, daß die Kläger nach dem Pachtvertrag sämtliches im Zeitpunkt der Einräumung des Pachtbesitzes vorhandene Inventar zu Übernehmen haben„ Bio bis zur Bewilligung der Kredite angeschafften Invcn-tarstücke oder ihre Brsatzstücke müßten von den Klägern daher übernommen werden« Darunter fallen nach den Feststellungen des Berufungsgerichts von denjenigen Gegenständen, die die Kläger nicht zu übernehmen bereit sind, die Positionen 49 bis 61 im Wort von 8 095 DM«. Seitdem befinde sich die Beklagte in Verzüge Das müsse bei der Anpassung des FachtVertrags an die jetzige Situation nach § 242 BGB berücksichtigt werden» Die Beklagte hätte den Klägern die Entscheidungsfreiheit hinsichtlich der Frage, wie sie den Betrieb den veränderten Marktverhältnissen hätten anpassen wollen, nicht nehmen dürfen» Sonach brauchten die Kläger vom neuangeschafftcn Inventar die nicht unbedingt zur ordnungsgemäßen Wetterführung dos Betriebs erforderlichen feile nicht käuflich zu übernehmen; insofern stehe der Beklagten keine Kaufpreisforderung und damit auch kein Zurückbehaltungsrecht zu» Danach seien nicht zu übernehmen der Mähdrescher (21 000 DM) und das auf Seite 26 des Berufungsurteils erwähnte tote und lebende Inventar» 20 Demgegenüber macht die Revision geltend, den Klägern stünden die Mittel, die zur Belegung des Entgelts für das richtiger Ansicht nach zu übernehmende Inventar samt Ernte erforderlich seien, nicht zur Verfügung» Das sei aber die Voraussetzung für den Vertrag schlechthin gewesen» Die Kläger müßten nicht nur das • vom Berufungsgericht angesetzte Entgelt, einen Betrag von rund 187 000 DM, aufbringen, brauchten vielmehr auch Betriebsmittel» Dafür sei der Kredit aus Dastenausgleichs-mittein (35 000 DM) vorgesehen gewesen, so daß für die Geldleistung an die Beklagte nur rund 152 000 DM, also ein unzureichender Betrag verbleibe» Es fehlten sonach die nach Nr» XIV der Vertragsanlage "erforderlichen” Darüber hinaus habe das Berufungsgericht zu Unrecht den Mähdrescher und die auf Seite 26 BU erwähnten Inventarstücke von der Übernahme ausgeschlossen,, Die Anschaffung dieser Inventarstücke sei wegen des Übergangs zur Vor-edelungswirtschaft geboten gewesen; zu Unrecht sei das Berufungsgericht zu dem Ergebnis gelangt, die Entscheidungsfreiheit für die Umgestaltung des Betriebs hatte den Klägern überlassen bleiben müssen; denn die Pächter hätten nach § 6 des Pachtvertrags den Pachtgegenstand nach dem Grundsatz einer ordnungsmäßigen Wirtschaftsführung zu bewirtschaften* Hier sei der Übergang zur Yeredclungswirtschaft geboten gewesen; die Entscheidung der Beklagten sei zweckmäßig, nützlich und auch erforderlich gewesen* Die Beklagte sei auch nicht in Verzug mit ihrer Leistung gewesen* Entgegen der Meinung der Revision hat das Berufungsgericht rechtlich bedenkenfrei angenommen, daß die Beklagte sich seit Herbst 1964 mit ihrer Leistung in Verzug befunden hat* Laß die bewilligten Mittel im Jahr 1964 zur Bezahlung des seinerzeit anzukaufenden Inventars nicht ausgereicht hätten oder daß die Kläger seinerzeit nicht gewillt gewesen wären, den Vertrag zu erfüllen, ist nicht vorgetragen* Las Berufungsgericht hat in diesem Zusammenhang weiter festgestellt, daß das nunmehr zu übernehmendo Inventar als zur Bewirtschaftung unbedingt erforderlich, also zur Bewirtschaftung auch ausreichend anzuoehen ist* Lanach sind die Kläger in der Lage, entsprechend § 6 des Vertrags den Pachtgegenstand nach den Grundsätzen einer ordnungsgemäßen Wirtschaftsführung zu:.bewirtschafteno So-yjeit die Kläger später nach der Veränderung der Betriebsstruktur nicht mehr bereit waren, den Kaufpreis aller der Inventarstücke5 die sic nach richtiger Ansicht des Berufungsgerichts noch zu übernehmen haben, zu bezahlen, mag dahinstehen, ob diese Unklarheit eine folge des Verzugs der Beklagten war; jedenfalls hat die Beklagte die Erfüllung des Vertrags überhaupt abgelehnt und nur hilfsweise gegen Übernahme des gesamten jetzt vorhandenen Inventars dos Pachtgrundstück angeboten« Bei dem Einwand der Revision, die Zahlung des im Urteil aufgegebenen Kaufpreises für das Inventar und der featgolegten Vergütung für die Ernte entblößten die Kluger nunmehr von jeglichen Betriebsmitteln, die nach dem Vertrag erforderlichen Mittel seien sonach nicht bereitgestellt, handelt es sich um neues tatsächliches Vorbringen, das gemäß § 561 Abs« 1 ZPO im jetzigen Eochtszug nicht berücksichtigt werden kann; die Revision hat keinen entsprechenden Sachvortrag in den latsaeheninstanzon nach-gewiesen» Es kann daher nicht davon ausgegangen werden, die in Nr. XIV der Anlage I festgesetzte Bedingung sei nicht eingetreteno Unbegründet ist auch die Rüge, § 285 BGB sei vorletzte Der Beklagten hat nach dieser Vorschrift obge-legen, darzulegen und zu beweisen, daß ihre Leistung infolge eines Umstandes unterblieb, den sie nicht zu vertreten hato Biesen Beweis hat sie nicht geführte Entgegen der Meinung der Revision ist ihr Rechtsirrtum nicht unverschuldet» Daß der Irrtum über die Wirksamkeit des Vertrags unverschuldet gewesen wäre, ergibt sich insbesondere nicht aus der vom Berufungsgericht (Beite 20 BU) angedeuteten Möglichkeit, am 26» September 1964 sei so viel hin- und hergeredet worden, daß am Schluß der Besprechung niemand mehr genau gewußt habe, was eigentlich fest abgemacht worden war» Der Verzug der Beklagten rechtfertigt es schließlich, die Kläger von der Mehrwertsteuer zu entlasten, die bei rechtzeitiger Vertragserfüllung nicht entstanden wäre» 3* Bio Revision vermißt gerichtliche Aufklärung über die ihres Erachtens zwangsläufige Erforderlichkeit des Mähdreschers und des Gummiwagons (Rohrwagens); auf entsprechende Frage des Gerichts wäre nach dem Vortrag der Revision für die unbedingte Erforderlichkeit dieser Gerate Sachverständigenbev/eis angetreten worden» Biese Rüge ist unbegründet, weil der Sachverhalt koine Veranlassung für eine weitere Aufklärung in dieser Richtung bot und keine begründeten Bedenken gegen die Fähigkeit des Gerichts vorgebracht worden sind, die Frage der Erforderlichkeit dieser Geräte selbst zu beurteilen» Aus der Notwendigkeit, den Betrieb an die geänderten Verhältnisse auf dem Agrarmarkt anzu‘;*assen, ergibt sich nicht zwingend, daß die von der Übernahme ausgeschlossenen Inventarstücko zur Bewirtschaftung nunmehr unbedingt notwendig wären» Bas Berufungsgericht hat diese Frage im Rahmen der tatrichterlichen Würdigung geprüft und entschieden» Ebenso bietet das Urteil keinen Anhaltspunkt dafür, daß dem Gericht keine hinreichenden Sachkenntnisse zur Verfügung standen, um den Wert dos von der Beklagten selbst mit 350 DM veranschlagten (Schriftsatz vom 26r März 1968 Seite 3)? 4» Auf den Wert der 30 Milchkühe (40 500 DM) haben sich die Parteien nach den Feststellungen dos Berufungsgerichts ($« 23 oben BU) geeinigte Eine ,lZusatz-rate" bei der Bemessung ihres Werts im Zeitpunkt der Übergabe war ebensowenig geboten wie für die Bewertung der Zuchtsauen und des Ebers« Im Schriftsatz vom 18« Juli 1968 auf Seite 2 sind nur Mastschweine erwähnt» Schließlich übersieht die Revision, daß nach den Protokollen vom 2« und 18« Juli 1968 (Bl« 291 und 308 R) 400 Zentner Stroh und 1 380 Zentner Heu zu einem vereinbarten Preis in Rechnung gestellt worden sind«