BGH · V ZR 147/70 vom 14.07.1972
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a) Der bei Überbau die Duldungspflicht des Nachbarn ausschließende Widerspruch braucht weder begründet zu werden, noch setzt er Kenntnis des Widersprechenden von der Grenzüberschreitung voraus* Selbst wenn eine beigefügte Begründung (hier: Hinweis auf ein vermeintliches Lichtrecht) nicht stichhaltig ist, schadet das nichts, sofern nur die Widerspruchserklärung ihrem objektiven Inhalt nach zugleich eine etwaige Grenzüberschreitung mit einschließt* August 1970 wird auf Kosten der Beklagten mit der Maßgabe zurückgewiesen, daß das Teilund Grundurteil der 3* Zivilkammer des Landgerichts Mönchengladbach vom 3* Juni 1968 auch insoweit abgeändert wird, als es den Anspruch der Kläger auf Zahlung einer Überbaurente dem Grunde nach für gerechtfertigt erklärt und weitere Entscheidungen einem Schlußurteil Vorbehalten hat; die Entscheidung über den Grund des Rentenanspruchs und der Vorbehalt fallen weg. 1.Die Kläger können als Grundstückseigentümer gemäß § 1004 BGB die Beseitigung des nach ihrer Behauptung von der Beklagten über die Grenze herübergebauten Mauerteiles verlangen, sofern sie nicht im Sinne des zweiten Absatzes dieser Vorschrift verpflichtet sind, die beanstandete Eigentumsbeeinträchtigung zu dulden. Sie leitet sie aus § 912 Abs. 1 BGB her; bei der ihr vorgeworfenen Grenzüberschreitung habe sie weder vorsätzlich noch grobfahrlässig gehandelt; auch hätten die Kläger nicht sofort Widerspruch erhoben. die dem Berufungsurteil beigefügte und einen Bestandteil desselben bildende Zeichnung) verläuft die Grenze zwischen den Grundstücken der Parteien von der Straße aus nicht genau rechtwinklig, sondern mit geringer Schräge nach rechts hinten, also auf die Gebäude der Beklagten zu. Ein ordnungsmäßiger Widerspruch, der als einseitige empfangsbedürftige Willenserklärung an den Grundeigentümer oder dessen Vertreter zu richten sei, liege allerdings noch nicht in der Anzeige der Kläger an den Gemeindedirektor von Anfang Juli 1965, und auch dem damaligen polizeilichen Verbot des Baues und seinem Stilliegen während der folgenden 15 Monate komme in diesem Zusammenhang keine Bedeutung zu. Oktober ab den Bau weiterführte, hätten sowohl die Klägerinnen zu 2 und 3 gegenüber der Beklagten als auch eine Tochter der Klägerin zu 2 gegenüber dem Ehemann der Beklagten sich dagegen verwahrt, daß an der Giebelmauer weitergebaut werde. Das sei hier der Fall gewesen, weil damals die Giebelmauer in ihrem wesentlichen Teil noch nicht gestanden habe; auf dem Fundament hätten sich erst zwei Lagen Hohlblocksteine in einer Höhe von insgesamt 30 cm befunden, so daß es ein Leichtes gewesen wäre, den bereits vorhandenen Mauerteil wieder einzureißen, das Fundament etwas zu verlegen und sodann die Mauer, nunmehr mit der Grenze abschließend, neu hochzuziehen« Welche Begründung die Kläger ihrem Widerspruch gegeben hätten, sei gleichgültig; es genüge, daß sie dem Bau der Giebelmauer im Oktober 1966 überhaupt widersprochen hätten« Ebensowenig komme es darauf an, ob auch ihr Antrag vom 2. Sie rügt Nichtberücksichtigung wesentlichen Tat sachenstoffes (§ 286 ZPO), weil das Berufungsgericht außer acht gelassen habe, daß die Kläger, als sie sich erstmals gegen den Bau der Giebelmauer wandten, von einer Grenzüberschreitung noch nichts gewußt hät ten; ihnen sei es damals allein darum gegangen, eine Beeinträchtigung der Lichtzufuhr zu ihrem Treppenhausfenster zu verhindern, das man zuvor ohne Baugenehmigung und ohne Einwilligung der Beklagten durch die nach der Grenze zu gelegene Hauswand gebrochen habe; von einem Überbau sei zu jener Zeit nicht die Rede gewesen, und auch in den beigezogenen Bauakten finde sich darüber keine Andeutung. Es stellt ausdrücklich fest, daß nach Erteilung des Bauscheins die Klägerinnen zu 2 und 3 bei der Beklagten erschienen seien und ihr erklärt hätten, sie würde ihnen durch den beabsichtigten Bau Mdas Licht wegnehmen" Diese Urteilsausführungen zur Frage, ob und gegebenenfalls wie der Widerspruch gemäß § 912 Abs. 1 BGB begründet werden muß (ihretwegen hat ersichtlich auch der Berufungsrichter nach § 546 ZPO die Revision zugelassen), bilden den Gegenstand einer weiteren, sachlich-rechtlichen Revisionsrüge. Spruch beigefügte Begründung falsch gewesen; denn sie hätten, was beiden Parteien bekannt gewesen sei, ihr Treppenhausfenster baurechtswidrig angebracht und deshalb aus keinem Rechtsgrund von der Beklagten verlangen können, daß dem Fenster ein ausreichender Lichteinfall gewährleistet bleibe. Die nach der gesetzlichen Regelung dem Widerspruch allein zukommende Funktion, den Überbauenden auf die rechtlichen Folgen seines Verhaltens, nämlich die Notwendigkeit späterer Wiederbeseitigung des Überbaues, aufmerksam zu machen und ihn dadurch vom Bauen bzw. Da die Beklagte gewußt habe, daß den Klägern ein Lichtrecht nicht zustand, habe sie ihren Bau fortsetzen können, ohne damit die Rechtswohltat des § 912 Abs. 1 BGB einzubüßen. Denn dem Berufungsgericht ist darin beizutreten, daß mindestens unter den Umständen, wie sie im vorliegenden Fall gegeben waren, für die Wirksamkeit eines Widerspruchs gemäß §912 Abs. 1 BGB die beigefügte Begründung keine ausschlaggebende Rolle spielt. Wenn laut dieser Vorschrift der Nachbar, der nicht vor oder sofort nach der Grenzüberschreitung widersprochen hat, den Überbau dulden muß, ist das eine gesetzliche 11 Verschweigensfolge11 (so zutreffend Martin Wolff, Der Bau auf fremdem Boden, S. rechtzeitigen Widerspruch ausgeschlossen werden« Unterbleibt der Widerspruch, so tritt die Duldungspflicht von selbst und unwiderruflich ein, ohne daß es darauf ankommt, aus welchem Grunde der Nachbar zu widersprechen verabsäumt hat« Es macht dabei keinen Unterschied, ob ihn an dem Unterlassen des Widerspruchs ein Verschulden trifft oder nicht« Selbst wenn ihm der wahre Verlauf der Grundstücksgrenze in nicht vorwerfbarer Weise bisher verborgen war und er daher die Grenzüberschreitung weder kannte noch kennen mußte oder wenn er durch Ortsabwesenheit am rechtzeitigen Widersprechen gehindert wurde, muß er die Folgen seines Untätigbleibens hinnehmen« Er kann dieses, da es sich um keine Willenserklärung handelt, auch nicht wegen Irrtums, Betruges oder Zwanges anfechten; die Rechtsfolgen werden an das Schweigen nicht deshalb geknüpft, weil darin eine vermutete Genehmigung läge, sondern weil es die von seinem Willen unabhängige Nichtausübung seiner Widerspruchsbefug-nis darstellt (einhellige Meinung; vgl« insbesondere M.Wolff aaO S« 123; RGZ 83, 142, 147; 109, 107, 110; Meisner/Stem/Hodes aaO § 24 I 7, S. Erweisen sich hiernach die Gründe, aus denen der Nachbar einen rechtzeitigen Widerspruch unterlassen hat, als belanglos für den Eintritt seiner Duldungspflicht aus § 912 BGB, so ist es aber auch im umgekehrten Fall ohne Bedeutung, aus welchen Gründen er widerspricht, wenn nur das, was er gegen den Bau vorbringt, inhaltlich zugleich die Grenzüberschreitung Auch wenn er erst nachträglich von dem wirklichen Grenzverlauf erfährt, hat sein rechtzeitiges Widersprechen zur Folge, daß er das gegen seinen erklärten Willen errichtete Gebäude, soweit es auf seinem eigenen Grund und Boden steht, nicht hinnehmen muß. Es wurde, wie das angefochtene Urteil feststellt, durch die Erklärung der Zeugin Bürrig eingeleitet, daß ihre Mutter gesagt habe: dort, wo er baue, komme keine Mauer hin; und ihr Gesprächspartner - der laut tatrichterlicher Würdigung befugt war, als Vertreter seiner Ehefrau den Widerspruch entgegenzunehmen - erwiderte unter anderem mit einem Hinweis auf die örtliche Lage des Grenzsteins vorn an der Straße sowie auf eine weiter rückwärts auf dem Grundstück seiner Frau errichtete Abschlußwand. Er kann sich, falls ihm nachträglich eine Grenzüberschreitung nachgewiesen wird, nicht darauf berufen, der Nachbar müsse sie trotz seines rechtzeitigen Widerspruchs gemäß § 912 Abs. 1 BGB dulden. Wenn dort das Reichsgericht, weil der Nachbar irrigerweise nur einen Teil des auf seinem Grundstück errichteten fremden Gebäudes als grenzüberschreitend bezeichnet hatte, die Wirksamkeit des Widerspruchs auf diesen Gebäudeteil beschränkt und hinsichtlich des restlichen Teils eine Duldungs~ Pflicht bejaht hat, besagt das keineswegs, daß es, wie die Revision geltend macht, einen "unmotivierten Widerspruch, der sich gegen den Bau als solchen richtet11, als ungeeignet angesehen hätte, die Rechtsfolgen des § 912 Abs. 1 BGB zu verhindern; vielmehr erblickte es in der räumlichen Beschränkung auf einen bestimmten Gebäudeteil lediglich ein - die Duldungspflicht auslösendes - Unterlassen des Widerspruchs, soweit der sonstige Überbau in Betracht kam. Um einen solchen Sachverhalt handelt es sich hier jedoch nicht, da die Kläger nach den getroffenen Feststellungen im Oktober 1966 dem Bau der gesamten Mauer widersprochen haben. Die Revision beanstandet, daß das Berufungsgericht den Widerspruch als rechtzeitig im Sinne des §912 BGB angesehen hat. Die Frage der Rechtzeitigkeit des Widerspruchs beantwortet sich nach dem Zweckgedanken der Überbauvorschriften: ohne Not sollen keine wirtschaftlichen Werte zerschlagen werden (BGHZ 39» 5» 10 f5 53» 5» 11)« Ausschlaggebend ist daher, ob nach den Umständen des jeweiligen Binzelfalles noch zeitig genug widersprochen wurde, um eine sonst bei Beseitigung des Überbaues zu befürchtende erhebliche Zerstörung zu vermeiden (Motive zu dem BGB, Band 3 S. Nach seinen Feststellungen waren, als der Neubau der Beklagten im Juli 1965 stillgelegt wurde, von der geplanten Giebelmauer nur das Fundament sowie zwei Lagen Hohlblocksteine in einer Höhe von insgesamt 50 cm vorhanden; an diesem Zustand hat sich bis zu dem Oktober 1966 nichts geändert, und sobald damals nach erteilter Baugenehmigung der Ehemann der Beklagten und seine Gehilfen daran gingen, die Mauer nunmehr hochzuziehen, wurde seitens der Kläger Widerspruch erhoben. Wenn der Berufungsrichter die Rechtzeitigkeit bejaht hat, weil es in jenem Zeitpunkt noch leicht möglich gewesen wäre, die bereits gemauerten Steine abzureißen, das Fundament etwas zu verlegen und die Giebelmauer alsdann mit der Grenze abschließend erneut zu errichten, läßt diese Würdigung bei der gegebenen Sachlage keinen Rechtsfehler erkennen« Daß der Bau sich zuvor schon 15 Monate lang in dem geschilderten Anfangsstadium befunden hatte, schloß entgegen der Meinung der Revision angesichts der während dieses ganzen Zeitraums bestehenden Möglichkeit, den übergebauten Teil unschwer und ohne wesentliche Zerstörungen wieder zu beseitigen, die Rechtzeitigkeit des Widerspruchs nicht aus; die Beklagte kann, zu demal da sie das Stilliegen durch ihr eigenes Verhalten - Baubeginn ohne behördliche Genehmigung - herbeigeführt hatte, den Klägern nicht mit Erfolg entgegenhalten, daß sie schon früher hätten widersprechen müssen (vgl« dazu Martin Wolff, Der Bau auf fremdem Boden, S« 122)« Soweit die Revision die Feststellung bemängelt, im Zeitpunkt des Widerspruchs hätte eine Beseitigung des übergebauten Mauerstücks noch keine irgendwie erheblichen Zerstörungen verursacht, wendet sie sich in verfahrensrechtlich unzulässiger Weise (§ 561 Abs. 2 ZPO) gegen die tatrichterliche Sachverhaltswürdigung« Das Oberlandesgericht ist zu seiner Auffas sung auf Grund des Beweisergebnisses, insbesondere ei ner Ortsbesichtigung gelangt« Dafür, daß ihm die zur Beurteilung der Beseitigungsmöglichkeit erforderliche Sachkunde gefehlt habe, bieten seine Darlegungen kei- Und wenn eine bei den Bauakten befindliche Zeichnung - von der im übrigen nicht feststeht, daß sie in ihren Einzelheiten Gegenstand der mündlichen Verhandlung war -mit Bezug auf die streitige Giebelmauer den Vermerk "B 160W enthält (die Revision deutet das als "160er-Beton"), ist gleichfalls nicht erkennbar, wieso sich daraus die Unrichtigkeit der getroffenen Feststellung ergeben sollte. Daß das Klagebegehren, wie die Beklagte eingewandt hatte, auf Schikane beruhe'(§ 226 BGB), hat das Oberlandesgericht verneint, weil die Rechtsausübung der Kläger auch andere Zwecke haben könne als” den der Schadenszufügung: Durch die Beseitigung des Überbaues werde der Mauerspalt zwischen den Häusern der Parteien breiter, so daß sowohl die Giebelwand der Kläger als auch die Abwässerrinne besser gerei- Gegen diese Ausführungen wendet sich die Revision ohne Erfolg« Es mag sein, daß der Mauerspalt, wenn die Beklagte ihre Hauswand in voller Länge, also auch vorn an der Straße, unmittelbar auf die Grenze gesetzt hätte, noch schmäler geworden wäre, als er jetzt ist. Aber dieser (hypothetische) Fall liegt nicht vor; über eine Absicht der Beklagten, nach ihrer rechtskräftigen Verurteilung außer dem Abbruch des übergebauten Mauerteils auch ihr übriges Gebäude zu verändern und unter erheblichem Kostenaufwand bis an die Grenze heranzurücken, ist in den Tatsacheninstanzen nichts vorgetragen worden« 5. Mit Recht wird jedoch von der Revision beanstandet, daß das Berufungsgericht die landgerichtliche Entscheidung insoweit hat bestehen lassen, als darin der Anspruch der Kläger auf Zahlung einer Überbaurente dem Grunde nach für gerechtfertigt erklärt worden ist. § 260 An. 2 C), Auch der Umstand, daß die Kläger mit ihrer Berufung das erstinstanzliche Urteil, soweit es für sie günstig war, verständlicherweise nicht angegriffen haben, enthob den Berufungs-richter nicht der Notwendigkeit, dieses Urteil, wenn er den Hauptantrag zusprach, hinsichtlich des vom Landgericht zuerkannten Hilfsantrages abzuändem; denn dafür, daß die Kläger etwa in zweiter Instanz den bisher nur hilfsweise erhobenen Anspruch auf Überbaurente nunmehr selbständig neben dem Beseitigungsanspruch hätten geltend machen wollen, bot ihr Prozeßverhalten keinen Anhaltspunkt. Ein solches gleichzeitiges Geltendmachen beider Ansprüche nebeneinander hätte ihnen auch in der Sache selbst nicht zu dem Erfolg verholfen, da Beseitigungsanspruch und Rentenanspruch einander begrifflich ausschließen: die Überbaurente stellt den Ausgleich dafür dar, daß der Nachbar den Überbau dulden muß (Soergel/Baur, aaO § 912 An. 18), und setzt deshalb das Bestehen einer Duldungspflicht voraus, während diese mit dem Beseitigungsverlangen gerade geleugnet wird. Vielmehr vermag der Senat von sich aus das landgerichtliche Urteil dahin abzuändern, daß die Entscheidung über den Grund Mit dieser Maßgabe ist die Revision zurückzuweisen, Die Kosten des Rechtsstreits, einschließlich der des ersten Rechtszuges, sind in voller Höhe von der Beklagten zu tragen, da der Rentenanspruch angesichts des Umfangs der überbauten Fläche verhältnismäßig geringfügig war und keine besonderen Kosten veranlaßt hat (§§ 91, 92 Abs. 2, 97 ZPO).