BGH · V ZR 107/63
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Prozeßbevollmächtigter: Rechtsanwalt Dr SittenwidPDgktfit der zwischen den Parteien abgeschlossenen Hechtsgeschäfte verneint das Berufungsgericht deshalb, weil die allein in Betracht kommende Ausnutzung der ünerfahrenheit (§ 138 Abs« 2 BGB) daran scheitere, daß der Kläger zur Zeit der Vertragsverhand-lungen im Herbst 1958 nicht unerfahren im Sinn dieser Vorschrift gewesen sei» Seine mangelnde Branchenkunde stehe nicht entgegen, da er aus seiner bisherigen Tätigkeit als Kaufmann auf einem anderen Wirtschaftsgebiet wenigstens mit den allgemeinen kaufmännischen Gepflogenheiten vertraut gewesen sei und deshalb über Rentabilität und Marktlage Erkundigungen hätte einziehen müssen und könneno Indem er darauf verzichtet und sich statt-dessen hauptsächlich auf die Angaben der Beklagten verlassen habe, ohne selbst die Vorlage der Geschäftsbücher zu verlangen und wenigstens dadurch eine gebräuchliche Informationsmöglichkeit auszunutzen, habe er bewußt ein Risiko in Kauf genommen<, Davon könne er sich nicht nachträglich dadurch wieder befreien, daß er sich auf seine ünerfahrenheit in der Strumpfindustrie berufe« £ Zu Unrecht beanstandet die Revision (Begründung IV)9 daß das Berufungsgericht keine Feststellung über den objektiven Wert des verkauften "Betriebs” treffeo Auch ein erheblicher Minderwert dieser Leistung gegenüber dem Kaufpreis würde für sich allein zur Anwendung von § 138 AbSo 1 BGB noch nicht genügen0 Die weiter erforderliche verwerfliehe Gesinnung kann nur unter besonderen Umständen und keineswegs allgemein aus einem objektiven Leistungsraißverhältnis entnommen werden* Im vorliegenden Fall hat der Tatrichter in anderem Zusammenhang ausgeführt (BU S* 30 ff}s der objektive Wert der verkauften Maschinen und Binrichtungsgegenstände werde von fünf Sachverständigen verschieden beurteilt, und zwar mit einer Spanne zwischen 4 400 DM und über 24? habe er aber, solange die StrumpfWirkerei noch arbeitete, besser gesehen, als es ein Sachverständiger nachträglich habe ermitteln können0 Wenn er die Produktion wegen der Arbeitsweise der Maschinen habe aufgeben müssen, so habe er damit auch spätestens im Oktober 1958 seinen Irrtum erkannte Auch diese Ausführungen lassen einen Hechtsverstoß nicht ersehene Wenn die Revision geltend macht, zur Kenntnis vom Anfechtungsgrund habe auch das Wissen gehört, daß der Betrieb mit Verlust gearbeitet habe und von vornherein nicht rentabel gewesen sei, so übersieht sie, daß als Anfechtungsgrund hier nur ein Irrtum über verkehrswesentliche Eigenschaften der Kaufsache in Hede steht (§ 119 Abso 2 BGB)0 Wäre Kaufgegenstand das Unternehmen selbst gewesen, dann könnte der Bin-Wand begründet seino Da aber Kaufgegenständ, wie noch zu erörtern ist (unten III}, nur einzelne Sachen waren, insbesondere die Maschinen, wenn auch in ihrer Zusammenfassung als lebender Betriebsorganismus, wäre rechtser-heblieh nur ein Irrtum über verkehrswesentliche Eigenschaften dieser einzelnen Sachen, doho praktisch der Maschinen; die Rentabilität des Betriebs gehört hierher nichto Damenstrümpfen durch den Beklagten war nach der ausführlich begründeten Auffassung des Tatrichters schon objektiv, mindestens aber subjektiv nicht nachgewiesenermaßen unrichtig (BU So 42/43)° Die Nichterhebung eines Sachverständigengutachtens ist deshalb rechtlich nicht zu beanstanden, weil der dahingehende Beweisantrag (Schriftsatz vom 15o November 1962) zeitlich vor der umfangreichen Beweisaufnahme der zweiten Instanz vom 22° November 1962 lag und weder in der BeweisVerhandlung dieses Termins noch im Schluß^ptmin;der Berufungsinstanz vom lo April 1963 ausdrücklich wiederholt worden ist, obwohl vor dem letzteren Termin die bereits geschlossene mündliche Verhandlung zu dem ausgesprochenen Zwecke abschließender Stellungnahme zu dem Beweisergebnis wieder eröffnet worden war* Dafür, daß das Berufungsgericht den Parteivoitrag des Klägers über die Auswertung der Geschäftsunterlagen der Beklagten nicht berücksichtigt hätte, besteht kein Anhaltspunkt (die Beklagten haben dazu ebenfalls näher Stellung genommen. Co Daß Kauf gegenständ nicht das Unternehmen als Ganzes gewesen sei«, sondern nur die Maschinen und sonstigen Einrichtungsgegenstände» wenn auch in ihrer Gesamtheit als lebender» in sich geschlossener Betriebsorganismus» ist eine tatrichterliche Vertrags-auslegungo Sie ist möglich» die Angriffe des Klägers dagegen sind im Revisionsverfahren unbeachtlicho do Daß der von den Beklagten erzielte Verkaufspreis für die Maschinen und Einrichtungsgegenstände nur wenig mehr als 1/4 ihres eigenen Einkaufspreises vom Jahre 1957 ausmache» hat das Berufungsgericht nicht zu Lasten des Klägers, sondern der Beklagten erwogen (BU So 46)0 Wenn es diesen Breisvergleich (der nach Auffassung beider Revisionsparteien richtig auf 1/3 statt 1/4 lauten müßte) schließlich nicht als entscheidend angesehen hat, so ist dadurch der Revisionskiäser nicht beschwert * Urteils - So 47 Mitte - auf die Verkaufspreise und nicht auf die Herstellungskosten beziehen)o Dem in der Berufungsbegründung vom 21 o Januar 1961 enthaltenen Antrag, über die Herstellungskosten ein Sachverständigengutachten zu erheben, brauchte das Berufungsgericht nicht zu entsprecheno Die Geschäftsunterlagen der Beklagten hat das Berufungsurteil entgegen der Meinung der Revision ausdrücklich gewürdigt (So 48 oben)o Ein Hechtsverstoß, insbesondere gegen § 286 ZPO, ist weder insoweit noch durch die übrigen Hinweise der Bevision auf Schriftsatzstellen dargetano go Hinsichtlich der großen^Maschine im besonderen hat das Berufungsgericht mit ausführlicher Begründung eine arglistige (Täuschung verneint (BU So 35 bis 41): Die Maschine habe zwar nicht einwandfrei gearbeitet und sei ^ur Herstellung feinmaschiger Strümpfe erster Quali« tät nicht mehr zu gebrauchen gewesen (So 35); doch hätten auf ihr Strumpfhosen aus gröberem Material in zufriedenstellender Qualität hergestellt werden können, und die Beklagten hätten die Ausnutzung der Maschine durch solche Produktion, wenigstens probeweise, in Aussicht genommen (So 39); deshalb sei davon auszugehen, daß die Beklagten der großen Maschine bei zweckentsprechender Umstellung noch einen gewissen Betriebswert beigemessen hätten, möge auch längere Zeit hindurch nicht produktiv an ihr gearbeitet worden sein (So 41)o Diese Feststellungen tragen die Verneinung einer Täuschung im genannten Punkt o Der Zeuge hat entgegen dem Vortrag der Revision die Maschine nicht als nicht betriebsfähig bezeichnet (So 4 der Vernehmungsniederschrift vom 22o November 1962)0 Auf die sonstigen von der Revision bekämpften Einzelausführungen des Berufungsurteils hin- kann nicht ohne weiteres in eine Reihe gestellt werden mit ungenauen, reklamehaften allgemeinen Anpreisungen oder persönlichen Werturteilen«, Die Erklärung, ein bestimmter bestehender Betrieb sei rentabel, enthält vielmehr eine tatsächliche Angabe jedenfalls dahin, daß der Betrieb nicht mit Verlust arbeite© Und eine solche Angabe war hinsichtlich des Betriebs der Beklagten im September 1958 jedenfalls objektiv unrichtig; denn dieser Betrieb hat nach dem insoweit übereinstimmenden Vertrag beider Parteien in der Berufungsinstanz (BU So 16 Mitte, So 20 oben) mit erheblichen Verlusten gearbeitet * Daß dies dem Beklagten im Zeitpunkt jener Äußerung noch verborgen gewesen sein sollte, ist weder festgestellt noch wahrscheinliche Ob die Betriebsverluste auf besonderen Umständen vorübergehender Art beruhten (Betriebsumstellung, hohe Abschreibungen), spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle© Eine unwahre Angabe tatsächlicher Natur könnte allerdings dann zu verneinen sein, wenn sich jene Frage des Zeugen ~nd die Antwort des beklagten Ehemanns darauf (wenigstens nach seiner damaligen Auffassung) nicht auf die tatsächliche Rentabilität des damals laufenden Betriebs bezogen hätten, sondern auf die mögliche Rentabilität eines Betriebs, den der Kläger nach völliger Durchführung der Umstellung (auf nahtlose Strümpfe, auch Strumpfhosen) sowie nach Einsatz des ihm von den Beklagten als notwendig bezeichneten Betriebskapitals von etwa 30 000 DM (Klagschrift S© 6} in der Zukunft würde führen können© Aber eine derartige Sachlage, wie sie die Revisionserwiderung annimmt, ist ebenfalls weder vom Berufungsgericht festgestellt noch nach dem vom Zeugen bekundeten G-esprächswortlaut ohne weiteres wahrscheinlich O Ist hiernach im gegenwärtigen Rechtszug eine arglistige Täuschung des Klägers durch den beklagten Ehemann über die Rentabilität des damaligen Betriebs zu unterstellen, so ist auch nicht auszuschließen, daß diese Täuschung den Kläger zu dem Vertragsabschluß mit den Beklagten mit bestimmt hato Und zwar gilt diese Möglichkeit nicht nur für den Kaufvertrag über den »Betrieb11 (die Maschinen) und für die zugehörigen Erfüllungsgeschäfte, sondern auch für den Kaufvertrag über das Grundstück und für dessen Auflassung0 Die einschlägigen Ausführungen des Berufungsgerichts zu dem Hauptantrag (BU So 24/5} stellen ersichtlich keine - etwa in die gegenteilige Richtung gehenden - tatsächlichen Feststellungen dar, sondern lediglich Erwägungen rechtlicher Natur* Das Oberlandesgericht bejaht die Möglichkeit einer Unwirksamkeitserstreckung zwar für den Grundstückskaufvertrag (Bü So 26/29}} verneint sie aber für die Auflassung wegen deren ab-etrakten Charakters^Indessen ergibt der abstrakte Cha-rakter dieses Verfügungsgeschäfts nur, daß es (von Aus-hahmefällen abgesehen) nicht automatisch von der Unwirksamkeit des schuldrechtlichen Grundgeschäfts als solcher mit ergriffen wird?