BGH · VI ZR 82/66
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Der Schmerzensgeldanspruch wird mit Zustellung der Klageschrift an den Beklagten auch dann rechtshängig und damit vererblich9 wenn die Klage im Namen des bewußtlosen Verletzten ohne Vertretungsmacht erhoben und die Prozeßführung später von den Erben genehmigt worden ist* Der VIo Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung vom 19° September *967 unter Mitwirkung de3 Senatspräsidenten Dr«, Engels und der Bundesrichter Dr* Hauß, Heinrich Meyer, Dr«, Pfretsschner und Dr«, Nüßgens für Hecht erkannts Auf die Revision der Kläger wird das Urteil des 1 * Zivilsenats des Oberlandesgerichts Zweibrücken vom 1, Februar 1966 aufgehoben«, Die Sache wird zur anderweiten Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten der Revision, an das Berufungsgericht zurückverwiesen« zugestellten Klageschrift hat der Prozeßbevollmächtigte der Kläger in erster Instanz "Namens und in Vollmacht" der Gewerbelehrerin Annemarie HflU vom Beklagten Zahlung eines angemessenen Schmerzensgeldes begehrt0 Die Kläger führen als ihre Rechtsnachfolger den Rechtsstreit fort. Nach ihrer Auffassung war der geltend gemachte Schmerzensgeldanspruch ira Zeitpunkt des (Todes der Verunglückten rechtshängig und deshalb auf sie übergegangen, Im Berufungsverfahren haben die Kläger vorgebracht, in der Zeit zv/ischen Unfall und Ableben sei die Verunglückte nicht ständig bewußtlos gewesen. Das Berufungsgericht verneint abweichend vom Landgericht, daß der in der Person der tödlich Verunglückten entstandene Schmerzensgeldanspruch auf die Kläger kraft Erbfolge übergegangen sei« Das Berufungsgericht ist davon überzeugt, daß die Verunglückte vom Zeitpunkt des Unfalls am 0» MB 1963 bis zu ihrem Tode am M° 1963 bewußtlos und nicht fähig war, zur Klageerhebung eine Willensäußerung kund zu tun oder eine Vollmacht zu erteilen«, Es nimmt v/eiter an, daß der erstinstanzliche Rechtsanwalt die im Hamen der Verunglückten erhobene Klage daher als vollmachtloser Vertreter eingereicht hat«, Dem steht nicht entgegen, daß die Vollmacht der damaligen Klägerin zur Klageerhebung fehlte, auch dann nicht, wenn die Verunglückte prozeßunfähig gewesen sein sollte (vgl* Das ist hier dadurch geschehen, daß die jetzigen Kläger, die als Erben der Verunglückten an ihre Stelle getreten sind (vgl« BGHZ 23 aaO), den Rechtsstreit fortgeführt haben. Obwohl das Berufungsgericht zutreffend den Eintritt der Rechtshängigkeit des Klageanspruchs bejaht, hält es die Klage für unbegründet, v/eil der Schmerzensgeldanspruch nicht auf die Kläger übergegangen sei« Nach seiner Auffassung muß der Begriff der Rechtshängigkeit im Rahmen des § 847 Abs« 1 Satz 2 BGB eingeschränkt werden« Dem kann nicht gefolgt werden« 1« Der erkennende Senat hat die Rechtshängigkeit als Voraussetzung der Übertragbarkeit des Schmerzensgeldanspruchs (§ 847 Abs« 1 Satz 2 BGB) in einem streng verfahrensrechtlichen Sinne verstanden und eine erweiternde Auslegung abgelehnt (Urteil vom 14« März 1 961 - VI ZR 146/60 » IM § 847 BGB Nr« 17 » VersR 1961, 661; vgl« auch Urteil vom 10« Oktober 1961 - VI ZR 40/61 » Geltendmachung nicht in der Absicht des Erblassers lag (vgl» Motive zu dem Entwurf eines BGB II So 802)« Wegen des persönlichen Charakters dieses Anspruchs soll es dem Verletzten anheim gestellt bleiben, ob er ihn geltend macht» Somit kommt es auf die Willensrichtung des Verletzten oder eines für ihn handelnden gesetzlichen Vertreters an» Es kann naheliegen, trotz prozessualer Rechtshängigkeit den § 847 Abs» 1 Satz 2 BGB dann einzuschränken, wenn der Verletzte sich zu seinen Lebzeiten trotz physischer und psychischer Möglichkeit nicht zur Geltendmachung seines Schmerzensgeldanspruchs entschlossen hat oder sein Wille gar einem solchen Vorgehen entgegenstand» Fehlt es aber an einem Willen des Verletzten in dieser Richtung, v/eil er wie in dem zu beurteilenden Sachverhalt im Zeitraum zwischen Verletzung und Tod ohne Bewußtsein war, dann beantwortet sich die Frage nicht schon mit der Erwägung, daß der nach dem Normsinn maßgebliche Wille des Verletzten eben nicht vorliege, jedenfalls nicht feststehe« Eine nach dem Zweck des § 847 Abs» 1 Satz 2 BGB ausgerichtete Auslegung führt vielmehr zu der Überlegung, von v/elchem mutmaßlichen Willen des Verletzten auszugehen ist0 Mangels Fest-stellbarkeit des wirklichen Willens stellt das Gesetz auch sonst hierauf ab (vglo §§ 677 f, 683 S« 1 BGB)« Mangels besonderer entgegenstehender Anhaltspunkte ist anzunehmen, daß der Verletzte einen ihm zustehenden Schmerzensgeldanspruch gegen Fremde in der Regel geltend machen will, auch sofern er nicht ihm persönlich, sondern seinen Erben und damit meist seinen Angehörigen zugüte kommt (so auchs Münzel NJW 1961, 1558; Behr NJW 1961, 2242; Lieberwirth, Bas Schmerzensgeld 3° Aufl» S 102)« 3o Gegen diese Auffassung spricht nicht«, daß die verstorbene Verletzte die nach § 847 BGB zu entschädigenden Beeinträchtigungen erlitten hat, nicht aber die Kläger als ihre Rechtsnachfolger» Bas hat der Gesetzgeber in Kauf genommen, da er den Schmerzensgeldanspruch für übertragbar und vererblich erklärt (§ 847 Abs« 1 Satz 2 BGB)» Gründe gegen die vertretene Ansicht können auch nicht aus der Erwägung hergeleitet werden, daß der Verletzte wegen dauernder Bewußtlosigkeit die körperlichen Beeinträchtigungen nicht habe empfinden können» Dieser Gesichtspunkt findet bei der Bemessung des Schmerzensgeldes seine Berücksichtigung» Rach unserer Rechtsordnung steht den Klägern als Angehörigen grundsätzlich kein eigener Schmerzensgeldanspruch zu; sie machen den auf sie kraft Erbfolge übergegangenen Anspruch der Verunglückten geltend» Damit sind bei der Bemessung allein die in deren Person und deren Verhältnissen liegenden Umstände zu beachten (vgl» hierzu? 4o Der erkennende Senat schließt sich daher der Auffassung an9 daß der Schmerzensgeldanspruch auch dann vererblich ist, wenn er während der bis zu dem Ableben andauernden Bewußtlosigkeit des Verletzten rechtshängig geworden und die Prozeßführung von den Erben genehmigt worden ist (RG DR 1940, 1634; Olfi Karlsruhe 1961, 287; Esser, Schuldrecht 2» Aufl» § 210, 1 c; RGRK BGB 11» Aufl» § 847, 11; Soergel-Siebert-Schräder 9» Aufl»