BGH · VI ZR 71/64
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Der VIo Zivilsenat dos Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung vom 6» Juli 1965 unter Mitwirkung der Bundesrichter Hanebeck, Dr0 Bode, Heinr» Meyer, Dr« Pfrotzschner und Dr«, Nüßgens für Recht erkannt % Dieser hat gebeten, die Klage abzuv/eisen0 Er hat bestritten, seine Pflichten verletzt zu haben und sich ferner darauf berufen, daß die Forderung der Klägerin spätestens seit dem lo Oktober 1962 verjährt sei? Gegenüber dieser Einrede der Verjährung hat die Klägerin den Einwand der unzulässigen Rechtsausübung erhoben und zur Begründung geltend gemacht, Rechtsan-wait G^Bfe habe sich auf Verhandlungen über eine gütliche Regelung eingelassen Und den Eindruck erweckt, daß nur sachliche Einwendungen erhoben würden» Bas Landgericht und das Berufungsgericht haben nicht geprüft, ob die Klägerin Schadensersatz beanspruchen kann, Sie sind der Ansicht, daß gegenüber einem etwaigen Ersatzanspruch der Klägerin jedenfalls die Einrede der Verjährung durchgreift, Io Bas Berufungsgericht nimmt an, daß § 32 a der Reichsrechtsanwaltsordnung (RRAO), der für Ansprüche dieser Art eine fünfjährige Verjährung vorsah, auf das Vertragsverhältnis der Parteien nicht mehr anzuwenden sei, weil § 232 der am lo Oktober 1959 in Kraft getretenen Bundesrcchtsanwaltsordnung (BRAO) die R^ichs-rcchtsanwaltsOrdnung und damit auch deren § 32 a aufgehoben habe» Bach § 51 BRAO, der ein seine Stelle getreten ist, verjährt der Anspruch des Auftraggebers auf Schadensersatz aus dem zwischen ihm und dem Rechts-Anwalt bestehenden Vertragsverhältnis in drei Jahren von dem Zeitpunkt an, in dem der Anspruch entstanden ist, spätestens jedoch in drei Jahren nach Beendigung des Auftrags, Bas Berufungsgericht stellt fest, daß das Auftragsverhältnis der Parteien seit dem Schreiben der Klägerin an den Beklagten vom 280 April 1959 beendet war. Die Revision will die fünfjährige Verjährungsfrist des § 32 a BRAO angewandt wissen, weil die Bundssrechts-anwaltsOrdnung keine Rückwirkung vorsehe» Sie meints Im Privatrecht gelte der Grundsatz, daß die rechtliche Beurteilung im allgemeinen nach dem Rechtssatz zu erfolgen habe, der zur Zeit der Verwirklichung des zu beurteilenden Sachverhalts in Geltung gewesen seio Eine rückwirkende Kraft könne deshalb nur angenommen werden, wenn ein solcher Wille erkennbar seio Richtig ist, daß Inhalt und ’Wirkung eines Schuldverhältnisses nach allgemein anerkanntem Rechtsgrundsatz in der Regel nach dem Recht zu£ beurteilen sind, das zur Zeit der Verwirklichung seines Entstehungstatbestandes galt und daß es einer besonderen gesetzlichen Regelung bedarf, wenn das Schuldverhältnis bei einer Gesetzesänderung nunmehrcdcm neuen Recht unterworfen werden soll (BGHZ 10, 5913 394)« Die Revision übersieht aber, daß die Bundesrechtsanwaltsordnung eine solche besondere gesetzliche Regelung enthält» Der Gesetzgeber hat die Verjährungsfrist mit Wirkung vom lo Oktober 1959 auf drei Jahre verkürzt und gleichzeitig die alte VerjährungsbeStimmung ( § 32 a BRAQ) aufgehoben» Damit ist deutlich zu dem Ausdruck gebracht, daß mit dem Inkrafttreten der Bundesrechtsanwaltsordnung grundsätzlich für alle, also auch für die schon bestehenden Schuldver-hältnisse die dreijährige Vsr j ähr ungs zeit gelten soll» Wenn es für bereits entstandene Ansprüche bei der fünfjährigen Verjährung hätte verbleiben sollen, so hätte insoweit der § 32 a RRAO in Kraft bleiben müssen» Diese Bestimmung ist aber samt den übrigen Bestimmungen der Reichsrochtsan-waltsordnung mit dem Inkrafttreten der Bundesrechtsanv/alts-ordnung ausdrücklich aufgehoben worden» Daraus folgt, daß die Präge des Ablaufs der Verjährung mit Wirkung vom 1» Oktober 1959 für alle noch nicht verjährten Ansprüche nach dem neuen Gesetz ( § 51 BRAO) zu beurteilen ist» Damit ist auch einem weiteren Revisionsangriff der Boden entzogen» Die Revision macht geltend, die Ver-jährbarkeit eines Anspruchs sei nach dem Recht zu beurteilen, da3 die Entstehung des Porderungsrechts bestimme» Die Klägerin habe den Anspruch in der Gestalt erworben, daß er fünf Jahre lang geltend gemacht werden könne» In diese Substanz könne nicht ohne ausdrücklichen gesetzlichen Befehl eingegriffen werden» Dieser Einv/and muß ebenfalls daran scheitern, daß der von der Revision vermißte Gosctzecbofohl tatsächlich vorliegt» Insoweit kann auf die vorstehenden Ausführungen verwiesen werden» geschütztes Recht darauf, daß die Frist für die Verjährung seines Anspruchs unverändert bleibt» Wenn die Rechtscntv/icklung es angezeigt erscheinen läßt, für bestimmte Ansprüche die Verjährungsfrist zu ändern, so ist der Gesetzgeber nicht gehindert, diese Änderung mit Wirkung vom Inkrafttröten des Gesetzes auch für schon laufende Verjährungsfristen auszusprechen0 Bedenken könnten nur bestehen,:: wenn das Gesetz nachträglich ändernd in abgev/ickelte, der Vergangenheit angehörende Tatbestände eingreifen würde» (Beschluß des BVerfG vom 3-U Mai I960- 2 BvL 4/59 - NJW I960, 1563 Nr» 2)0 Davon kann aber bei § 51 BRAO keine Rede sein» Fine andere Frage ist, in welcher Weise das neue Gesetz auf Verjährungen anzuwenden ist, die unter der Herrschaft des alten Rechts begonnen haben, aber noch nicht vollendet sindo Hierzu hat der erkennende Senat schon in früheren Urteilen ausgesprochen, daß die beim Inkrafttrcten des § 51 BRAO schon laufenden Verjährungsfristen nunmehr spätestens drei Jahre nach dem Inkrafttreten der Bundesrechtsanwaltsordnung ablaufen (Urteile des BGH vom 6» Dezember 1963 - VI ZR 292/62 - VersR 1964, 320 und vom 20» Oktober 1964 - VI ZR 101/63 - NJW 1965? 295)= Das Berufungsgericht ist der Ansicht, diese Voraussetzungen seien hier nicht gegebene Es hat in seinem Urteil den wesentlichen Inhalt der Schreiben wiedergegeben, die Rechtsanwalt GflB an die Klägerin gerichtet hsfc, nachdem diese mit ihrem Verlangen nach Schadensersatz an ihn herangetreten war, und hat hieraus gefolgert % Keines dieser Schreiben habe der Klägerin Anlaß geboten, die Erhebung der Klage aufzuschieben oder darauf zu vertrauen, Rechtsanwalt werde sich nicht auf Verjährung berufen» Vergleichs Verhandlungen seien zwischen den Parteien nicht geführt worden, Rechtsanwalt habe von Anfang an seine Ersatzpflicht bestritten und sei bei diesem Standpunkt vor 1)1ieben» Soweit er sich auf eine Erörterung von Saeh-fragen eingelassen habe, sei das geschehen, um die Klägerin davon zu überzeugen, daß sie Unrecht habe. Die Revision verweist darauf, daß Rechtsanwalt U| ebenso wie der erstinstanzliche Prozeßbevollmächtigte der Klägerin bei der A|HHB AG gegen Berufungsversehen versichert seio Sie meint, die Präge, mit welchem Verhalten die Klägerin in einem etwaigen späteren Rechtsstreit habe rechnen müssen, richte sich deshalb danach, welche Einwendungen von dem Versicherer des Beklagten zu erwarten gewesen seien. Mit dieser Rüge kann die Revision keinen Erfolg haben, denn auch der Versicherer des Rechtsanwalts OHfHP hat die Ersatzpflicht bestritten0 Das Schreiben des Rechtsanwalts GBI^vom 8o September 1962, auf das sich die Revision in einer weiteren Rüge beruft, ist im Berufungsurteil ausdrücklich erwähnt und gewürdigte Das Berufungsgericht war nicht verpflichtet, auf alle Einzelheiten dieses Schreibens einzugehen und sich mit jedem Vorbringen der Klägerin im einzelnen auseinanderzusetzen (BGHZ 3, 162, 174)o Es hat nicht übersehen, daß Rechtsanwalt seinen Schreiben auch Prägen erörtert hat, die er noch für aufklärungsbedürftig hielt« Dem hat einem früheren Brief ausdrücklich betont hatte, daß er mit dom Vorschlag, bestimmte Fragen zu prüfen, nicht von seinem Standpunkt abgehe, nicht zu Schadensersatz verpflichtet zu sein, und daß er den Sachverhalt nur deshalb so ausführlich zu erörtern bereit sei, wie es der Proscßbevollmächügte der Klägerin wünsche, weil er annehme, die Klägerin lasse sich davon überzeugen, daß sie zu Unrecht Ansprüche gegen ihn erhebe (Schreiben vom 17o Juli 1962)o III o Nach alledem ist das Berufungsgericht mit Recht zu dem Ergebnis gekommen, daß die Klageforderung verjährt ist und die Beklagten daher berechtigt sind, die Leistung zu verweigern ( § 222 BGB)0 Demnach ist die Revision der Klägerin zurückzuweisen„