BGH · VI ZR 71/56
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Er hat behauptet,, Schneeglätte habe seinen Sturz verursacht* Wegen Verletzung der Streupflicht hat er die Beklagte als Haus- und Wegeeigentümerin für seinen Unfall verantwortlich gemacht* Zum Ersatz des bis zu dem 31.Januar 1955 entstandenen Schadens hat er sie auf Zahlung von 5 500 UM in Anspruch genommen; für die Zeit vom 1. Uie Beklagte ist dem Klagebegehren nach Grund und Höhe, entgegengetreten* Sie hat das Bestehen einer Streupflicht bestritten, da es sich bei der ünfallstelle um keinen öffentlichen Weg gehandelt habe; auch habe zur Zeit des Unfalls der Schneefall noch angedauert« Für die Beseitigung von Schnee und Glätte hätten die .Parterrebewohner Wittig laut Mietvertrag zu sorgen gehabt«' Sie hätten auch stets ordentlich gestreut; die Erfüllung der Streupflicht sei durch den Hauswart der Beklagten einen ordentlichen und zu- Das Berufungsgericht hat als erwiesen angesehen, daß der Gehweg Schneeglätte aufgewiesen hat, nicht bestreut gewesen und der Unfall des Klägers hierauf zurückzuführen ist« Es hat die Schadensersatzpflicht der Beklagten nach’ § 823 BGB bejaht, weil ihr als Anliegerin.des Weges, der von der Allgemeinheit, insbesondere den Bewohnern der angrenzenden Häuser und den Kunden der in ihnen befindlichen drei Ladengeschäfte benutzt worden sei, nach den Bestimmungen der Ham-burgischen Wegereinigungs-Verordnung vom 1»Oktober 1940 (HambVOBl S 143) in Verbindung mit der hierzu ergangenen Satzung vom gleichen Tage (HambVOBl S 144) die Reinigungsund Streupflicht obgelegen habe, nach den Umständen des Palles der Gehweg zur Unfallzeit hätte bestreut sein müssen und es der Beklagten zur Last falle, nicht in der notwendigen 1c Ohne ihre Reinigungs- und Streupflicht an jenem Wege weiter in Abrede zu stellen, wendet sich“- die Beklagte mit der Revision doch dagegen, daß am Unfalltage bereits zur Zeit des Unfalls eine Verpflichtung zu dem Streuen bestanden habe, Daß diese Verpflichtung vom Berufungsgericht bejaht worden ist, laßt sich rechtlich jedoch nicht beanstanden, Obwohl die Satzung zur Wegereinigungs-Verordnung bestimmt, daß die Bestreuüng unverzüglich nach Glättebildung durchgeführt und wiederholt werden muß', wenn sie durch den Verkehr oder die Witterung unwirksam ’geworden ist, hat das Berufungsgericht nicht verkannt, daß eine unverzügliche Bestreuung dann nicht verlangt werden kann, wenn sie wegen anhaltenden starken Schneefalls zwecklos wäre* Daß ein solcher Ball Vorgelegen habe, hat es aber in unangreifbarer Bev/eiswürdigung verneinte Nach seinen Feststellungen kann es sich, wenn es zur Unfallstunde überhaupt noch geschneit hat, nur um einen ganz leichten Schneefall gehandelt haben, wie auch vorher die Schneefälle nur so leichter Natur gewesen sind, daß sich laut Auskunft des Seewetteramtes Hamburg in der ganzen Zeit von der vorhergegangenen Nacht bis zu dem Mittag des Unfalltages nur eine Neuschneelage von nicht mehr als 1 „bis 2 cm Stärke gebildet hat. Unbegründet ist auch die Rüge der Revision, das Berufungsgericht habe es an einer Feststellung darüber fehlen lassen, ob nicht die Streupflicht vielleicht gerade erst im Zeitpunkt des Unfalls selbst eingesetzt habe» Nach der vom Berufungsgericht her\r©rgehobenen Aussage des Zeugen hat bereits eine halbe Stunde vor dem Unfall des Klägers an der • .Unfallstelle ’»eine Glätte wie noch nie” geherrscht. mit öffentlich-rechtlicher Wirkung hätte begründet werden können, haben, wie das Berufungsgericht dargelegt hat und die Revision auch nicht bezweifelt, nicht Vorgelegen:. Bas Berufungsgericht hat festgestellt, daß die Beklagte offenbar rein formularmässig in ihren Mietverträgen dem jeweiligen Bewohner des Erdgeschosses ihrer Häuser die Reini-gungs- und Streupflicht auferlegt hat und daß so auch die Eheleute verpflichtet worden sind, ohne Rücksicht darauf, ob die Ehefrau WflHBnach dem Tode ihres Ehemannes und Erreichung des 76« Lebensjahres den körperlichen Anforderungen der Reinigung noch gewachsen gewesen ist« Am Morgen des Unfalltages hatte sie sich nicht wohl gefühlt, weshalb sie zunächst im Bett geblieben war» Bas Berufungsgericht ist der Ansicht, daß die von der Beklagten gehandhabte Art der Bestellung von Personen zu dem Streuen den an sie zu stellenden Anforderungen nicht genüge« Bie Beklagte habe nur solche Personen auswählen dürfen, die zur regelmässigen Burchführung der nicht ganz einfachen Aufgabe iii der Lage und auch hinreichend zuverlässig gewesen seien« Einer Regelung habe es auch für den Pall bedurft, daß die beauftragten Personen •durch Krankheit, Reisen oder dergl« vorübergehend an der Burchführung ihrer Pflichten verhindert seien« Bie fort- Die Revision bekämpft diese Auffassung als zu weit-gehends indem sie geltend macht, es sei in Deutschland weithin verkehrsüblich, daß der Mieter der Erdgeschoßwohnung mit der Y/ahrnehmung der Reinigungs- und Streupflicht beauftragt werde; hiergegen sei auch nichts einzuwenden, wenn der Hauseigentümer der Überzeugung sein könne, daß der Mieter selbst oder durch einen Dritten dieser Pflicht ausreichend nachkomme<> richtungsgehilfen (§ 831 BGB), zu vereinbaren ist, daß rein formularmässig dem Bewohner des Erdgeschosses die Reinigungsund Streupflicht durch-den Mietvertrag auferlegt wird« Geschieht es, so trifft den Hauseigentümer zu dem mindesten eine erhöhte Überwachungspflicht, damit hinreichend sichergestellt wird,, daß der Mieter .die ihm übertragenen Obliegenheiten auch wirklich ordnungsmäss.ig. Nach dem vom Berufungsgericht festgestellten Sachverhalt hat es die Beklagte an der gehörigen Überwachung fehlen lassen« Eie Beklagte hatte im Rahmen der von ihr getroffenen Maßnahmen einen Hausverwalter für drei verschiedene Häuserblocks mit insgesamt 30 einzelnen Häusern eingesetzt, die etwa 6 bis Io Minuten von einander entfernt lägen« Es braucht * hier nicht erörtert zu werden, ob es, wie das Berufungsgericht anzünehmen scheint, allgemein als unzureichend anzusehen ist, wenn ein Grundstücksunternehmen für einen Häuserbezirk dieses Ümfängs nur "einen Mann damit beauftragt, die Erfüllung der Reinigungs- und'Streupflicht durch"die Mieter zu überwachen« Hier ist die Überwachung jedenfalls unzulänglich gewesen« Een Aussagen der Zeugen Ri€B^ Erau ApMi und Erau Rtf» hat das Berufungsgericht entnommen, daß die Art und Weise, wie Erau WfHBder ihr übertragenen .Reinigungs- und Streupflicht nachgekommen ist, bereits vor dem, Unfalltage Anlaß zur Beanstandung gegeben hat, da an der Unfallsteile häufig nicht ordentlich gestreut gewesen ist'« Eies hätte der Beklagten aber nicht verborgen bleiben können, wenn sie die Überwachung so organisiert hätte, wie es bei. Da es nach der eigenen Bekundung der Beklagten bis zu dem Unfallzeitpunkt noch geschneit hat, hält es das Berufungsgericht aber für möglich, daß in dem Augenblick, als der Kläger das Haus verließ, ein Unterschied zwischen dem Weg rechts um die Grünanlagen und dem Weg links herum nicht zu erkennen gewesen ist« . bei ihr mit seinen Ausführungen darüber in Widerspruch gesetzt hätte, daß an jenem Morgen hätte gestreut werden müsseno Es liegt nicht ausserhalb jeder Erfahrung, daß die abstumpfende Wirkung von Streumaterial auch dann fortbesteht, wenn leichter Schneefall es so bedeckt hat, daß es nicht mehr sichtbar ist* Auch findet es in dem festgestellten Sachverhalt und Sachvortrag der Parteien keine Stütze, wenn die Revision geltend macht, der Kläger habe sich nur so kurze Zeit bei seiner Schwester aufgehalten, daß der Unterschied zwischen den bestreuten und unbestreut gebliebenen Wegestellen mittlerweile nicht habe überdeckt werden könneno Die Revision erweist sich demnach als unbegründet* Die Kostenentscheidung beruht auf § 97 ZPOo. Meiß Engels Dr.Bode DroHauß Hanebeck