BGH · VI ZR 49/66
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Die Beklagte hat Klageabweioung beantragt und entgegnet , der Verletzte öci für seinen Unfall allein verantwortlich, weil er trotz seiner Erfahrung in Gleisbauarbeiten und Kenntnis der Unfallverhütungs-Vorschriften in einem nicht gesperrten Gleis mit den Rücken zu dem Ablaufberg gegangen sei«, Die Sicherungs-Posten seien richtig aufgestellt und eingewiesen worden«» Die Beklagte hat sich außerdem gegen die Höhe der Klageforderung gewandt» Das Berufungsgericht geht zutreffend davon aus, daß die Beklagte nur nach § 1 HaftpflG für die Unfallfolgen einzustehen hat» Insoweit erhebt auch die Revision keine Bedenken» Sie wendet sich aber mit Verfahrensund Sachrügen gegen die Schadensabwägung, die zu dem Ergebnis gelangt, das mitwirkende Verschulden des Verunglückten und die dadurch gesetzte Unfallverursachung seien so erheblich, daß demgegenüber die von der Beklagten allein zu vertretende - wenn auch durch verschiedene Umstände erhöhte - Betriebsgefahr Die Revision rügt Verletzung des § 254 BGB, weil nach ihrer Auffassung hei erhöhter Betriebsgefahr der Eisenbahn grundsätzlich auch eine noch so grobfahr-lässige Verhaltensweise dos Verletzten die Haftung des Bahnunternehmero nach § 1 HaftpflG nicht völlig auszu-schlioßen vermag«, Das sei, so meint sie, auch in der höchctrichtcrlichen Rechtsprechung anerkannt«, Dem kann nicht beigetreten werden«, Die Abwägung nach § 254 BGB richtet sich, wie das Berufungsgericht zutreffend hervorhebt, nach den Umständen des Einzol-falls, in erster Linie nach deni Ausmaß der beiderseitigen Unfallverursachungo Wenn das Berufungsgericht mit Rücksicht auf das ungewöhnlich schwere Verschulden des Vei'letzten, durch das nach seiner Überzeugung der Unfall ganz überwiegend verursacht wurde, die Beklagte von der Ersatzpflicht völlig freigeotollt hat, so lag das im Rahmen einer rechtsfehlerfreien tatrichterlichen Würdigung«, Wie der erkennende Senat in der Entscheidung vom 28«, Oktober 1958 - VI ZR 192/57 - VersR 59, 49 dargclegt hat, gibt es keinen Rechtssatz, der besagt, die erhöhte Betriebsgefahr der Bahn müsse stets zu einer Beteiligung des Bahnunternehmers am Schaden führen«, In dieser Entscheidung bat der* Senat auch zu den von der Revision angeführten Urteil des III«, Zivilsenats von 11 o Dezember 1950 - III ZR 94/50 - NJW 1950? 110 Nr o 3 Stellung genommen und ausgefülirt, daß auch diese - ausdrücklich auf den zu entscheidenden Pall abgcstellte - Entscheidung nicht allgemein ausopricht, eine noch so große Fahi’lässigkoit des Verletzten könne die Betriebsgefahr der Eisenbahn nicht völlig ausschalt en«, Die Auffassung der Revision wird auch durch die von ihr angeführten Entscheidungen des Reichsgerichts (JV7 1910, 37 Hr, 60; 1909, 667 Hr. 22 und 1913, 921 Hr, 8) nicht gestützt. In den beiden letzteren Urteilen wird in Gegenteil gerade der Grundsatz hervorgehoben, daß ein grobfahrlässiges Überschreiten der Bahngeleice bei der Abwägung gegen die Betriebsgefahr in der Regel jede Haftung der Bahn ausschließt, Zutreffend weist das Reichsgericht aber darauf hin, daß dieser Grundsatz keinen festen Rechtssatz darstellt und die besonderen Umstände des Einzelfalles eine dem Verletzten günstigere Entscheidung rechtfertigen können. Die Revision beanstandet weiter, das Berufungsgericht habe den Erfahrungssatz außer Betracht gelassen, daß langdauernder Umgang mit der Gefahr eine absturapfen-de Wirkung auf den Gefährdeten ausübe. Es habe deswegen das Verschulden des Verunglückten zu schwer, andererseits die Betriehsgefahr der Eisenbahn zu gering bemessen, v/eil es nicht beachtet habe, daß infolge der durch die Arbeit in einem Rangiergelände herbeigeführten Abstumpfung der Arbeiter gegen die vom Rangierbetrieb ausgehenden Gefahren die Betriebsgefahr der Bahn eine weitere Erhöhung erfahren habe. ausgehen wollte, daß das Berufungsgericht diesen Umstard nicht beachtet habe, bleibt seine eingehend begründete Feststellung bestehen, das Verschulden des Verunglückten sei ungewöhnlich schwer; er habe, so erwägt cs, trotz genauer Kenntnis der durch den Rangierbetrieb drohenden Gefahr und trotz Kenntnis der Vorschrift, daß Gleise auf dem kürzesten Wege zu überschreiten sind, ohne jeden ersichtlichen Grund den Rückweg auf eine Strecke von mindestens 10 n in Gleis W mit dem Rücken zun Ablaufberg zurückgolegt, von den her allein Gefahr gedroht habe; bei Berücksichtigung der primitivsten Regeln der Vorsicht würde der Unfall vermieden worden Der Revision kann auch nicht zugegeben werden, daß die abstumpfende Wirkung der Gewöhnung an die Gefahr fcu einer wesentlichen Erhöhung der Betriebsgefahr der Eisenbahn geführt hat« Einmal liegt dieser Umstand eher im Bereich des Verletzten als dem der Eisenbahn; denn er ist in der menschlichen Natur und nicht im Eisenbahnbetrieb begründet« Außerdem wird die Abstumpfung gegen die Gefahr infolge langdauernder gefahrgeneigter Arbeit weitgehend wettgemacht durch die dabei gewonnene Betriebserfahrung« Ein Neuling, bei dem die abstumpfende Wirkung der Gewöhnung an die Gefahr noch nicht eingetreten ist, dem aber auch die Erfahrung des altgedienten Arbeiters abgeht', erscheint nicht weniger gefährdet als dieser«