BGH · VI ZR 44/63
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Die damals in DflBHHP(&?eis ZflHIt6 wohnhafte Klägerin wurde am 16«, März 1953 vom Bezirksgericht Potsdam zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, nach ihrer Darstellung deshalb, weil sie in ihren Besitz gelangtes, antikommunistisches Propagandamaterial nicht, abgeliefert, sondern verbrannt hatte» Ihr Wohnhaus und sonstiges Vermögen wurden in einem nachfolgenden Verfahren enteignet» Die Klägerin wurde 1954 aus der Strafhaft entlassen, blieb jedoch bis I960 unter Polizeiaufsicht» Am ,15o Juni I960 verlegte sie ihren Wohnsitz nach Westberlin« Von hier aus erhob sie die vorliegende, am 30« Dezember 1961 eingegangene Klage, mit der sie die beklagte Vereinigung als Rechtsnachfolgerin des Untersuchungsausschusses Freiheitlicher Juristen (UPJ) auf Schadensersatz in Anspruch nimmt» Die Klägerin hat behauptet, der damals in den Diensten des UPJ stellende Rechtsanwalt Dr» MBIB habe ihr in dieser Eigenschaft das fragliche Paket mit Propagandamaterial durch einen Unbekannten zugehen lassen» Dieser habe es im Vorgarten ihres Hauses abgestellt, als sie die Annahme verweigerte, und sie im übrigen an StflHIP’ den Fahrer von Dr. MfHB? Die Beklagte hat um Klageabweisung gebeten» Sie hat sich auf den Standpunkt gestellt, daß sie nicht Rechtsnachfolgerin des UFJ sei und für dessen vor der eigenen Gründung (195$) liegenden Handlungen nicht haftbar gemacht werden könne» In der Sache hat sie bestritten, daß der UFJ der ihm unbekannten Klägerin das Material durch Dr» oder einen anderen Mit- Bas Kammergericht hat die Haftung der Beklagten für etwa den UFJ unterlaufone, zu dem Schadensersatz verpflichtende Handlungen bejaht u.nd ist der Klägerin auch darin beigetreten, daß ihr die gefährlichen Propagandaschriften keinesfalls in der behaupteten Weise aufgedrängt werden durften« Es; hat jedoch gegenüber den hiernach möglicherweise bestehenden Ansprüchen aus unerlaubter Handlung die Verjährungseinrede der Beklagten durchgreifen lassen« Vertragliche Beziehungen der Parteien hat der Tatrichter verneint, desgleichen das Bestehen eines vertrageähnlichen SchuldVerhältnisscs, wie es sich aus dem Eintritt in Verhandlungen ergeben kann (culpa in contrahendo)» daß ein im Jahre 1953 entstandener Beliktsanspruch verjährt wäre, selbst wenn zugunsten der Klägerin davon ausgegangen wird, daß sie erst 1955 von der I:Vermögenseinziehung Kenntnis erlangt hat und bis zu ihrer Übersiedlung nach Westberlin im Juni I960 an der Rechtsvorfolgung verhindert war; denn die Klage ist nicht innerhalb von sechs Monaten nach Wegfall der Hemmung erhoben worden (§ 203 BGB)« Bie Revision bemüht sich deshalb, die Entstehung dos Anspruchs auf den Zeitpunkt der Übersiedlung zu verlegen« Sie will dies damit begründen, daß die beanstandete Handlung im Geltungsbereich einer anderen Rechtsordnung begangen worden sei, wo sie keine Schadensersatz-ansprüche auszulösen vermochte» Babei wird jedoch schon übersehen, daß sov/ohl der UFJ als auch Rechtsanwalt Br» in Westberlin ansässig waren, als sie nach der Behauptung der Klä- Davon abgesehen gründet die Klägerin ihren Anspruch aber gerade darauf, daß die Rechtsordnung der Bundesrepublik in ihrem unabdingbaren, rechtsstaatlichen Korn auch Geltung in dem sowjetisch besetzten Teil Deutschlands beansprucht« Anders ließen sich aus einer in der Zone verwirklichten Tat, die dort aus politischen Gründen als nicht rechts- , widrig oder jedenfalls nicht zu Schadensersatz verpflichtend angesehen wird, keine Forderungen herleiten« Daraus folgt, daß der Schadensersatzanspruch schon im Zeitpunkt der unerlaubten Handlung entstände, und nicht erst in dem Augenblick, wo ihn der Geschädigte geltend machen kann« Hätte die Klägerin die Möglichkeit gehabt oder das Wagnis auf sieh genommen, ihre Klage von ihrem V/ohnsitz in der sowjetischen Besatzungszone aus zu erheben, so wäre sie nicht etwa mit der Begründung abzuweisen: gewesen, daß ihr ein Anspruch nach dem für sie ausschließlich geltenden Recht der Zone nicht zustehe« Das Kammergericht konnte daher zugunsten der Klägerin lediglich annehmen, daß sie im Sinne von § 203 BGB an der Rechtsverfolgung gehindert gewesen ist, bis sic ihren Wohnsitz nach Westberlin verlegte« An der Notwendigkeit, die Klage nunmehr innerhalb von sechs Monaten zu erheben, führt kein•denkbarer rechtlicher Gesichtspunkt vorbei, Es ist dies der gesetzliche Zeitraum, wie er auch nach Katastrophen nur zur Verfügung steht; deshalb kann die Verjährung nicht etwa insgesamt als gehemmt angesehen werden, solange sich der Geschädigte in der sowjetisch besetzten Zone auf-hält« gäbe der Sache zustande, wenn sich Hinterleger und Verwahrer über die damit begründete Pflicht zur Aufbewahrung und Rückgabe einig sind» Pie Klägerin hat jedoch vorgetragen, daß sie die Annahme des Paketes ausdrücklich abgelehnt habe, und daß es nur dadurch in ihren Besitz gelangt sei, daß der Unbekannte es gegen ihren Willen kurzerhand im Vorgarten ihres Hauses liegen-gelassen habe. Ob Pr» M0I als Mitarbeiter der UFJ wußte und wollte, daß das Paket bei der Klägerin zur Aufbewahrung abgegeben wurde, ist deshalb entgegen der Meinung der Revision ohne Bedeutung. Paß die Klägerin das Propagandamaterial zunächst bei sich behalten hat, beruhte nach der Überzeugung des 3?atrichters nicht auf ihrem nachträglichen Einverständnis, sondern auf der Zwangslage, in die sie gebracht worden war«, Pas Verhalten der Klägerin ist nach ihrer eigenen ParStellung nur darauf gerichtet gewesen, sich des Paketes so schnell wie möglich - allerdings ohne Gefährdung Pritter - zu entledigen„ Als der Fahrer Straßburger es nicht mitnehmen wollte, hat sie ihre Notlage dem darüber bestürzten Rechtsanwalt Pr. vor gehalten und dann mit seinen Einverständnis den Zustand, den sie nicht dulden wollte, durch Verbrennen der Prucksachon beendet. 3* Das Kammergericht ist darüber hinaus überzeugt, daß ; der Klägerin gar nicht angesonnen worden ist, eine vertragliche Verpflichtung zur Aufbewahrung des Paketes zu übernehmen» Auch diese Darlegungen sind rechtlich nicht zu beanstanden« lungsweise auch noch vertraglich verpflichtete, konnte ver-ständigerwoise nicht in Betracht kommen, ein entsprechendes Ver-j langen der Aufforderung nicht entnommen werden« Das Berufungsge*' rieht hat deshalb mit Recht in dem Gespräch der Klägerin mit dem Unbekannten, der das Paket bei ihr hinterließ, keine Vertragsverhandlungen erblickt, sondern nur die Verweigerung einer erbotenen Gefälligkeit» Durch die Aufnahme einer Verbindung, die von vornherein nicht auf die Herstellung vertraglicher Beziehungen gerichtet ist, kann aber auch kein vertragsähnliches i SchuldVerhältnis erzeugt werden« Das Kammergericht hat deshalb j zutreffend eine Haftung der Beklagten aus dem Gesichtspunkt der culpa in contrahendo verneint, wobei dahinstehen kann, ob ein solches Verschulden in dem eigenmächtigen Zurücklassen des Pa- \ ketc3 gefunden werden könnte, wenn es nach dem Scheitern wirk- > lichor Vertragoverhandlungen vorgefallen wäre» Aus der von der 1 Revision angezogenen Bescheinigung des UPJ, daß die Klägerin Verbindung zu einen hauptamtlichen Mitarbeiter gehabt habe, läßt sich nichts für ihren Standpunkt hcrleiten» Nach der