BGH · VI ZR 36/68
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Der VIo Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung vom 24-» Juni 1969 unter Mitwirkung des Senatspriisidenten Br«, Engels sowie der Bundesrichter Bro Weber, Prof»Bro Nüßgens, Sonnabend und Buns für Hecht erkannt: Dio Beklagton haben Klagebweisung beantragt* Sie sind der Ansicht, daß der Vorwurf eines grob fahrlässigen Verhaltens nicht gerechtfertigt ist, weil der Pkw-Fahrer durch die Blinksignale des Üankwagenfahrers wegen des Verlaufs der KrJ^fetraße und der Bundesstraße irregeführt worden sei. Io Das Berufungsgericht hat den auf § 640 RVO gestützten Anspruch der Klägerin als Nachlaßverbindliehkeit angesehen, für welche die Beklagten als Erben haften» Diese von der Revision zur Nachprüfung gestellte Beurteilung läßt einen Rechtsirrtum nicht erkennen» § 640 RVO hat einen bürgerlichrechtlichen Anspruch eigener Art auf Ersatz mittelbaren Schadens zu dem Inhalt» Der erzieherische Zweck, dem die Zulassung dieses Ersatzanspruchs ebenfalls dienen soll, tritt demgegenüber zurück (Urteile des erkennenden Senats vom 7» November 1967 - VI ZE 79/66 - VersR 1968, 64, 65 und vom '30 o April 1968 - VI ZR 32/67 - VersR 1968, 641) und steht der Haftung der Beklagten aus § 1967 Abs» 1 BOB nicht entgegen» Bas Berufungsgericht hat weiterhin festgesteilt, daß der Pkw-Pahrer mit unverminderter Geschwindigkeit in die Einmündung der KriBstraße in die BundesStraße eingefahren ist, obwohl die Sichtverhältnisse für ihn ungünstig waren« Nach rechts war eine Einsichtnahme erst etwa 50 m vor der Einmündung möglich? Gegenüber der Behauptung der Beklagten, der Pkw-Pahrer habe sich wegen irreführender Straßenschilder im Irrtum be-funden und den Panklastwagenfahrer für einen wartepflichtigen Linksabbieger gehalten, hat das Berufungsgericht festgestellt, daß die Kr^^straßc keine gerade Fortsetzung der von HeflIHB ~ ZöWI^m herführen&enBiindeestraße UB ist ? Verkehrsinsel gabele, verlaufe sie nicht gerade weitere Das Berufungsgericht hat festgestollt, daß der Verlauf der Bundes-straßo flp durch weiße Band- und Mittelstreifen gekennzeichnet war; daraus hat es den Schluß gezogen, kein Kraftfahrer, der aus der Krf^straße in die Bundesstraße in Richtung einfahren will, könne - abgesehen von dem Vorfahrts-droieekechild - übersehen, daß seine Fahrtrichtung durch die Rand- und Mittelstreifen der Bundesstraße gesperrt ist» Das Berufungsgericht hat festgestellt, daß der Pkw-Fahrer durch die Blinkzeichen des fankwagenfahrers nicht verwirrt worden sein kann* Dieser ist nach den getroffenen Feststellungen bei der Gabelung der Bundesstraßen W/fl^nach rechts eingebogen, um auf der Bundesstraße zu der Umleitung der Bundosstraßo 0 um zu golangeno Dabei mußte er den rechten Blinker betätigen, um nachfolgende oder entgegenkommende Verkehrsteilnehmer Uber seine Fahrtrichtung zu unterrichten» Als er dann den linken Blinker betätigte, um anzuzeigen, daß er auf der Bundesstraßo weiterfahron wollte, war er noch etwa 70 m von der Verkehrsinsel an der Einmündung der KrflBstraßc VP? Das Berufungsgericht hat das Verhalten des Bkw-Pahrers, der als Wartopflichtiger mit einer für die Situation überhöhten Geschwindigkeit in die belebte Straßenkreuzung eingefahren sei, als besonders schwerwiegende Verletzung der Sorgfoltspflicht und als grob fahrlässig bezeichnet» Für den Begriff der groben Fahrlässigkeit gilt nicht ein ausschließlich objektiver, lediglich auf die Vorhaltensanforderungen des Verkehrs abgestellter Maßstäb0 Vielmehr sind nach feststehender Rechtsprechung auch Umstände zu berücksichtigen* welche die subjektive (personale) Seite der Verantwortlichkeit betreffen (BGHZ 10* 14* 17; Urteil des Bundesgerichtshofs vom 5«» Dezember 1966 - II 2R 174/65 -VersR 1967, 127; Urteil des erkennenden Senats vom 11o Juli 1967 - VI ER 14/66 - VersR 1967* 909h Subjektive Besonderheiten können in Einzelfall im Sinne einer Entlastung von den schweren Vorwurf der groben Fahrlässigkeit ins Gewicht fallen; dieser Vorwurf setzt einen objektiv schweren und subjektiv nicht entschuldbaren Verstoß gegen die Anforderungen dor verkohrserforderlxchen Sorgfalt voraus* Wegen der Verschlingung objektiver und subjektiver Gesichtspunkte und der Notwendigkeit, die Würdigung auf die besonderen Umstände des Einzelfalles abzustellen* lassen sieh nur mit großen Vorbehalten allgemeine Hegeln darüber entwickeln, wann eine unfallursächliche Fahrlässigkeit als eine grobe zu qualifizieren ist* Aus diesem Grund hat die Rechtsprechung in diesem Bereich einen revisionsrechtlich nicht nachprüfbaren Ermessonsspielraurn des Tatrichters anerkannt, der infolge seiner Sachnähe in der Lage ist, bei der Abwägung den Besonderheiten des Einzolfalles gerecht su werden* Hur dann, wenn der Tatrichter wesentliche Umstände nicht berücksichtigt hat oder wenn seine Würdigung auf einer Vorkennung des Hechtsbegriffs der groben Fahrlässigkeit beruht, kann das Revisionsgericht die Entscheidung des Tatriehters beanstanden (Urteile des erkennenden Senats vom 11* Juli 1967 - VI ZR 14/66 -VcrsR 1967, 909 und vom 28* Mai 1968 - VI SH 44/67 -VersH 1968, 768, 769 mit Hinweisen auf die frühere Rechtsprechung) * Das Berufungsgericht ist bei der Beurteilung des Verhaltens dos Pkw-Fahrers von dom in der Rechtsprechung entwickelten Hechtsbegriff der groben Fahrlässigkeit ausgegangen* Es hat weder diesen Begriff verkannt noch wesentliche Umstände unbeachtet gelassen; es hat das Fahrverhalten des Pkw-Fahrers als eine ungewöhnliche, besonders schwerwiegende Sorgfaltspflichtverletzung gewertet und hierbei insbesondere die Ortskenntnis des Pkw-Pahrors berücksichtigt, die nach der Überzeugung des Berufungsgerichts einen - bei einem ortsfremden Kraftfahrer möglicherweise noch entschuldbaren - Irrtum Uber die Straßenverhältnisse und die Vorfahrtsregelung an der Unfallstelle ausschloß * Damit hat das Berufungs-