BGH · VI ZR 33/63
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Wer Verkehrsunfallflucht begeht und sich der erkannten Verfolgung durch einen eingreifenden dritten Kraftfahrer mit gefährlich übersetzter Geschwindigkeit zu entziehen sucht, um der vorläufigen Festnahme zu entgehen, haftet für die Folgen eines Unfalls, den der Verfolger durch Anpassung seiner Fahrweise erleidet <> Hechtsanwalt hat der VI, Zivilsenat des Bundesgerichtshofs auf die mündliche Verhandlung vom 24» März 1964 unter Mitwirkung dos Senatspräsidenten Dr. Engels sowie der Bundesrichter Hanebeck, Heinr<, Meyer, Dr. Pfretzschner und Dr. Nüßgens für Recht erkannt: stand gefolgt und hatte den Vorgang beobachtet* Als er sah, daß anscheinend unverletzt seinem Fahrzeug entstieg, nahm er mit aufgeblendeten Scheinwerfern die Verfolgung des Beklagten auf, der sich ihr durch Steigerung seiner Geschwin~ digkeit auf etwa 100 km/st zu entziehen versuchte * HaflHIA blieb jedoch stets in einem Abstand von rund 300 m hinter ihm» Nachdem die Jagd u.a. durch zwei Ortschaften geführt hatte, verunglückten beide Fahrzeuge an einer Straßenbaustelle bei Kreuznaaf * Hier ging ein neu begradigtes Straßenstück in einer scharfen Rechtskurve in die alte Straßenführung über? wegen Trunkenheit am Steuer und Fahrerflucht zu einer Freiheitsstrafe Der Kläger hat Ersatz des Schadens begehrt, der ihm aus der Beschädigung seines Kraftwagens (DKW) entstanden ist » Er hat behauptet, sein Stiefsohn HapHHHV habe den Beklagten verfolgt, um dessen vermutete Fahruntüchtigkeit und das Kennzeichen seines Wagens festzustellen<> Für den hierbei eingetretenen Schaden, so hat der Kläger ausgeführt, müsse der Beklagte einstehen, weil er ihn durch sein unstatthaftes Verhalten ausgelöst habe o Soweit er nicht unmittelbar dem Kläger zu dem Ersatz verpflichtet sein sollte, sei er es jedenfalls gegenüber den Erstgeschädigten Adolf und Harald BflBi, deren Interessen Happ flHBi durch die Verfolgungsfahrt wahrgenommen habe und die daher gehalten seien, dem Kläger die entstandenen Aufwendungen zu erstatten» Adolf und Harald Bjpp haben ihren Anspruch auf Freistellung von dieser Verbindlichkeit an den Kläger abgetreten» Der Kläger hat seinen Schaden auf 3 «>983 »05- DM berechnet und zunächst Zahlung eines Teilbetrages von 2»500 DM, dann - im zweiten Bechtszug - der ganzen Summe nebst Zinsen verlangt» Der Beklagte hat den Anspruch dem Or und e und der Höhe nach bestritten und um Klageabweisung gebeten» Er hat behauptet, das Kennzeichen seines Wagens sei schon bei dem ersten Unfall in Sieghurg mit praktisch ausreichender Genauigkeit (flHHP 774 statt richtig 772) erkannt worden; die Verfolgungsfahrt sei da- des Klägers aus eigenem Recht bejaht» Es hat ausgeführt, der Beklagte habe durch die Fortsetzung seiner Flucht die Fahrweise Ham^ dahin beeinflußt, daß dieser ihm folgte, als ob zwischen den beiden Wagen eine Verbindung gegenständlicher oder magnetischer Art bestände» Barin liege eine unmittelbare Einwirkung auf das Fahrzeug des Klägers, die adäquat ursächlich zur Beschädigung des Eigentums geführt habe und deshalb, nach § 823 Abs» 1 BGB zu dem Ersatz verpflichte» Ber Kläger müsse sich lediglich ein mitwirkendes Verschulden HaflHHHfcs entgegenhalten lassen, das seine Ansprüche dem Grunde nach auf drei Viertel des GesamtSchadens begrenze» rufungsgericht damit die Fahrt der beiden Wagen losgelöst vom Zusammenhang des gesamten Unfallgeschehens gewürdigt und ausschließlich auf die psychische Beeinflussung der Fahrweise HaHBBPs abgestellt hätte, Wer etwa bei einer spontan zustande gekommenen Wettfahrt waghalsig fährt, obwohl sein "Verfolger" ersichtlich Jedes gefährliche Manöver mitmacht, hat nicht unzulässig auf dessen Eigentum eingewirkt, wenn der zweite Wagen schließlich verunglückt * Es fehlt dann vielmehr an Jedem Verletzungstatbestando Dieser könnte nicht etwa in der Herausforderung des Ehrgeizes gefunden werden, die den zweiten Fahrer zu dem freien Entschluß bestimmt hat, sich auf das gewagte Unternehmen einzulasseno Im vorliegenden Fall ist es Jedoch anders* Der Verletzungstatbestand war bereits gegeben, als seinen - zweifellos freien - Entschluß zur Verfolgung des Beklagten faßte o Der Beklagte hatte unstreitig schon den ersten Verkehrsunfall in Siegburg verschuldet und sich dann verbotswidrig zur Flucht gewandt. Der Anspruch des Klägers ist danach zu Recht bejaht wordeno Das zweite Unglück hätte sich nicht ereignet, wenn der Beklagte nicht den Verkehrsunfall in Siegburg verschuldet und Die Rechtsprechung hat in diesem Sinne vorwiegend dann entschieden, wenn der Dritte durch sein nicht außergewöhnliches, aber mißlungenes 'Eingreifen den Schaden des Verletzten vergrößert oder gar erst hervorgerufen hat» So wird dem Schädiger regelmäßig der Nachteil zugerechnet, den der körperlich Verletzte dadurch erleidet, daß dem behandelnden Arzt ein Kunstfehler unterläuft» Der Wiederkehr end-Hinweis, daß der Retter aus einer Gefahr für Leib und Leben mit seinem Eingreifen einer rechtlichen oder sittlichen Pflicht nachkomme, ist nicht dahin zu verstehen, daß sich die Haftung des Schuldigen auf solche Fälle beschränke» Er verdeutlicht vielmehr nur, daß in derartigen Gefahrenlagen das Eingreifen , opferbereiter Dritter nahezu zwangsläufig herausgefordert wird, so daß hierbei erlittene Verletzungen unzweifelhaft adäquate Folgen der unerlaubten Handlung sind« Daraus folgt für weniger bedrohliche Situationen lediglich, daß es bei ihnen von den Umständen abhüngt, ob die vom Schädiger herbeigeführte Lage als generell geeignet anzusehen ist, Hilfeleistungen Dritter überhaupt und gegebenenfalls in der vorliegenden Form auszulösen 0 Das Recht zur vorläufigen Festnahme nach § 127 StPO wird von ihnen vielfach in der Überzeugung ausgeübt, daß die motorisierten Verkehrsteilnehmer einander in den typischen Notlagen beistehen und daß sie insbesondere gegenüber unverantwortlich handelnden Fahrern Zusammenhalten sollteno Wenn diese ’’Kameradschaftlichkeit der 1: Straße’’ auch nicht den Rang einer moralischen Pflicht erreichen mag, so ist sie doch eine Erfahrungstatsache, die es verbietet, bei Unfallflucht in der Verfolgung von vornherein das ganz imwahrscheinliche, von der Situation nicht herausgeforderte Eingreifen eines Dritten in den Kausal verlauf zu sehen <> Es hängt vielmehr von dem Verhältnis des angerichteten und noch drohenden Schadens zu den Wagnissen der Verfolgung ab, ob gesagt werden kann, daß der Täter mit dem Unfall und der Flucht objektiv auch das Risiko weiterer Unfälle bei seiner Verfolgung gesetzt hat. Verantwortung für einen geringfügigen Parkschaden dadurch zu entziehen sucht, daß er kopflos mit weit übersetzter Geschwindigkeit davonfährt, wird freilich für den Schaden eines ganz unverständig handelnden Verfolgers nicht einzustehen haben* Andererseits beschränkt sich die Eintrittspflicht den Voraussetzungen und der Höhe nach aber auch nicht auf den Aufwendungs-ersatz, wie ihn der Erstgeschädigte dem für ihn handelnden Verfolger aus dem Gesichtspunkt der Geschäftsführung ohne Auftrag (§§683, 670 BGB)schulden kann» Die Unverhältnismäßigkeit einer Verfolgung, die sie außerhalb einer zurechenbaren Schadensentwicklung stellt, unterscheidet -sich durchaus von der Unangemessenheit, bei der die Pflicht des Geschäftsherrn zu dem Ersatz von Aufwendungen endet?