BGH · VI ZR 15/68
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Io Auf die Revision der Klägerin wird das Urteil des 9»Zivilsenats des Oberlandesgerichts Hamm (Westf0) vom 21 o November 1967 insoweit, als es zu dem Nachteil der Klägerin erkannt hat, aufgehoben» streckungsbefehl gegen den Zweitbeklagten erwirkt» Auf seinen Einspruch hat das Landgericht den Vollstreckungsbefehl zwar aufgehoben, der Klage jedoch gegen beide Beklagte in Höhe von 905,90 DM nebst Zinsen stattgegeben» Dabei ist es von einer Haftung der Beklagten aufgrund der §§ 7, 18 StVG ausgegangen, hat aber angenommen, daß auch das Kind sich grob verkehrswidrig verhalten habe» Es müsse daher in entsprechender Anwendung des § 829 BGB, da es sozialversichert sei, die Hälfte des Schadens sölbct tragen» 582 und vom 9o April 1968 - VI ZR 27/67 - VersR 1968, 702)« Bas Berufungsgericht hält aber auch den Einwand der Beklagten für begründet, daß das Kind den Unfall in grob verkehrswidriger Weise mitverschuldet habe« Angesichts der Tatsache, daß es sozial.versichert sei, sei eine Schadensteilung billig (§§ 829, 254 BGB), 1o Richtig ist zwar, daß die Billigkeitsregel des § 829 BGB auch dann entsprechend - sozusagen spiegelbildlich - im Rahmen des § 254 BGB anzuwenden ist, wenn ein Kind den ihm entstandenen Schaden, für den es einen anderen ersatzpflichtig macht, mitverursacht hat, Bas entspricht der ständigen Rechtsprechung des Senats (BGHZ 37? Jedoch darf bei entsprechender Anwendung des § 829 BGB nicht aus den Augen gelassen werden, daß die Voraussetzungen, von denen das Gesetz die unmittelbare Anwendung dieser Vorschrift (Klage gegen das Kind) abhängig macht, erst recht in den umgekehrten Fall vorliegen müssen. nur in Ausnahme fällen kommen (vgl« Böhmer VersR 1962, 215, 823 und MBH 1962, 778)„ Me grundsätzliche Entscheidung des Gesetzes, daß schuldunfähige Personen weder ersatzpflichtig sind noch einen Teil ihres Schadens selbst tragen müssen, darf nicht schon dann durch das Billigkeitsurteil des § 829 BGB korrigiert werden, wenn die Billigkeit, etwa im Hinblick auf die beiderseitigen Vermögens Verhältnisse, cfeses erlaubt„ Vielmehr muß die Billigkeit diese: Korrektur (ganz oder teilweise) erfordern (so § 829 BGB), wie schon die Einschränkung zeigt, daß der Geschädigte nicht Ersatz bei einem Aufsichtspflichtigen darf erlangen können» Seine "Bedürftigkeit" ist daher mindestens ebenso Voraussetzung einer Haftung aus § 829 BGB wie die "Leistungsfähigkeit" des Schädigers» Um das Billigkeitsurteil zutreffend fällen zu können, bedarf es der Würdigung der gesamten Umstände des Haftpflichtfalles, wobei dann allerdings vor allem die persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Beteiligten zu berücksichtigen sind» Die beiderseitigen Vermögensverhältnisse allein fordern noch nicht, entgegen §§ 827, 828 BGB auch einen nicht verantwortlichen Schädiger für haftbar zu erklären - erst recht nicht der Umstand, daß einer der Beteiligten (oder gar beide) versichert ist, sei es haftpflichtversichert (freiwillig, gesetzlich oder zwangsversichert), sei es Unfall- oder sonst Schadensversichert (vgl» BGHZ 23, 90, 99; Senatsurteile vom 13» Juni 1958 - VI ZR 109/57 -m § 829 BGB Nr..2 = VersR 1958, 485, 487 und vom 26» Juni 1962 - VI ZR 152/51 = VersR 1962, 811)» Auszugehen ist von den die Schadensersatzpflicht auslösenden, im vorliegenden Fall das Mitverschulden "begründenden Handlungen der Beteiligten (vgl* BGHZ 23, 99)o Dabei ist der Anteil, der jeden von ihnen an der Verursachung trifft und ihm als Verschulden zur hast fällt, klarzustellen und zu werten» Denn oft fordert die Billigkeit es nicht, daß ein Schuldunfähiger auch dann, wenn sein Verursachungsbeitrag und seine Fahrlässigkeit (seine Zurechnungsfähigkeit unterstellt) nur gering gewesen sind, dem anderen feil, dessen Mitverschulden Uberwiegt, deshalb Ersatz (wenn auch nux^ zu dem feil) leisten soll, weil er vermögend, der andere aber arm lote. So schloß § 44 I 6 des Preußischen Allgemeinen Landrechts, der dem § 829 BGB als Vorbild gedient hat, den Billigkeitsanspruch von vornherein aus, wenn der Schädiger den Schuldunfähigen 11 durch sein eigenes auch nur geringes Versehen zu der schädlichen Handlung veranlaßt11 hatte (ebenso § 1308 österreichisches ABGB)» An die Stelle der mangelnden Schuldfähigkeit kann in der Regel nur dann mittels § 829 BGB die bessere wirtschaftliche Lage als Zurechnungsgrund gesetzt werden, wenn die "natürliche" Schuld wenigstens in solchem Maße gegeben war, daß ihre haftungsrechtliche Zurechnung nach Heranziehung des wirtschaftlichen Gesichtspunkts gerecht und billig erscheint» Der Senat hat schon hinsichtlich der nach § 829 BGB zu berücksichtigenden Lebensverhältnisse der Beteiligten darauf hingewiesen, daß die Durchbrechung des Schuldprinzips mittels § 829 BGB nach dem Sinn dieser Ausnahmevorschrift nur dann und insoweit erlaubt ist, als es sich um wirklich ins Gewicht fallende, erhebliche Unterschiede handelt, die es un- billig erscheinen lassen, daß der Schuldunfähige im ungestörten Genuß seiner Mittel bleibe, während der andere Teil die Lasten aus dem Unglüeksfall allein zu tragen hätte (vglo das angeführte Urteil vom 13» Juni 1958)„ 828 BGB folgenden Ergebnisses “fordert11« Daher haben die Oberlandesgerichte, deren Rechtsprechung der Senat in seinem Urteil BGHZ 37, 102 angeführt und gebilligt hat, es bisher - soweit ersichtlich - stets abgelehnt, die Haftung des Schädigers, dessen Schuld schwer war, zu Lasten eines Kindes-, dessen "Schuld“ nur gering wog, nach §§ 829, 254 BGB zu kürzen (vglo Hauß, Beser« zu BGHZ 37, 102 in LM § 254 BGB fGaJ Hr* 2; Soergel/Reiraer Schmidt 9y Aufl» § 254 Anim 17)» a) Die Verantwortung, die die Beklagten an der Verletzung des Kindes trifft, ist nicht so gering im Verhältnis zu der "Schuld" des Kindes, daß es als unbillig empfunden werden müßte, wenn sie voll haften sollten» Zwar hat das Berufungsgericht die Verurteilung auf die §§ 7, 18 StVG gestützt und nicht, wie dies die Klägerin verlangt hatte, auf die §§ 823, 831 BGB, nämlich auf nachgewiesenes Verschulden« Das war, da das Klagebegehren ohne weiteres nach den Vorschriften des Straßenverkehr sgesetzes begründet war, an sich sachgerecht« Für die Beurteilung der Frage aber, ob die Billigkeit eine Entlastung der Beklagten zur Hälfte erforderte, war aber das Verschulden und der .Grad des Verschuldens der Beklagten von Bedeutung« Insofern weist die Revision zu Recht darauf hin, daß der vom Berufungsgericht seinem Urteil zugrundegelegte Sachverhalt ergibt, daß den erstbeklagten Fahrer keineswegs ein geringes Verschulden trifft« Das Berufungsgericht hält sowohl ihn wie den zweitbeklagten Halter für mindestens ebenso verantwortlich wie das Kind, indem es eine hälftige Schadensteilung für angemessen erachtet« b) Es fehlt somit schon an einem deutlichen, zugunsten der Beklagten bestehenden Gefälle hinsichtlich des beider-seitigen Veiantwortungsbeitrages« Hinzu kommt, daß es im vorliegenden Rechtsstreit nur um die Frage geht, ob die Beklagten die eingeklagten rd« 1«800 DU in voller Höhe zu zahlen haben oder ob sie einen Heil dieses Betrages abwälzen können« Vor allem darf nicht außer Betracht bleiben, daß es sich um einen Kraftfahrzeug-Unfall gehandelt hat, so daß für die Beklagten die Haftpflichtversicherung eintritt« Bs ist nun aber gerade der Sinn dieser vom Gesetz vorgeschriebenen Versicherung, die Ersatzansprüche der VerkehrsOpfer sicherzustellen, dabei nicht zuletzt die Ansprüche verletzter Kinder oder Jugendlicher« Da# aber die Billigkeit fordere, deren Ansprüche bei einem etwaigen Mit-**Verschulden" zugunsten der Versicherer über § 829 BGB wenn die Klägerin ihren Ersatzanspruch unmittelbar gegen den Versicherer eingeklagt hätte (§ 3 Er* 1 PflVersG iodoF* des Gesetzes vom 5o April 1965 - BGBl I 213) o Gewiß haftete der Versicherer auch dann nur im Bahmen seiner Leistungspflicht? sozialversichert war«, Zu Unrecht hat das Berufungsgericht seine Erwägungen allein hierauf abgestellt, statt zunächst zu prüfen, ob überhaupt die Voraussetzungen gegeben waren, von denen die Anwendung des § 829 BGB abhängig gemacht werden muß«, Diese Bestimmung wollte grundsätzlich nur dem Armen helfen, den ohne sein Verschulden ein Unglück, für das an sich ein anderer haften müßte, getroffen hat» Sie im vorliegenden Fall auch den Beklagten, die weder schuldlos sind noch uarm”, zugute kommen zu lassen, besteht kein Grund, Die Billigkeitsregelung des § 829 BGB kann, wenn Schäden durch auf beiden Seiten beteiligte Versicherer zu regulieren sind, nur sehr begrenzt herangezogen werden. Ob diese, als Sozialversicherungsträgerin des Kindes und damit als dessen Rechtsnachfolger, sich gemäß § 829 BGB das ”Mitverschulden" des Kindes dann hätte entgegenhalten lassen müssen, wenn die Beklagten nicht (pflicht-) versichert wären und sie nur ein geringes Verschulden träfe, braucht nicht entschieden zu werden - auch nicht, ob bei der umgekehrten Anwendung des § 829 BGB eine Versicherung des Kindes (Sozialversicherung) ebenso außer Betracht zu bleiben hat (so Wussow Wl 1966, 52) wie bei unmittelbarer