BGH · VI ZR 15/64
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
I» Das Berufungsgericht hat mit Recht angenommen, daß es sich bei dem zur Bewachung der Gastwirtschaft verwendeten Bornhardincrhund der Beklagten um ein Haustier gehandelt hat, das dem Berufe und der Erwerbs-t:;4iigkcit der Beklagten zu dienen bestimmt war» Daraus folgt, daß die Beklagte als Halterin des Hundes nach § 833 Satz 2 BGB von der Pflicht, den Schaden des Klägers zu ersetzen, dann befreit ist, wenn sie entweder bei der Beaufsichtigung dos Tieres die in Verkehr erforderliche Sorgfalt beobachtet hat oder der Schaden Ec genüge, daß er sich - wie im Palle des Klägers -auf die Hinterbeine stelle und die Pfoten auf die Schultern legen wolle» Baboi könne auch ein Erwachsener zu Pall können und sich verletzen» Das Berufungsgericht noint, in allgcncincn reiche cs aus, einen solchen Hund an die Kette zu legen, das müsse aber so geschehen, daß er die normalen Zugongswcgc zun Hause nicht erreichen könne» In vorliegenden Falle habe der Hund etwa 345 m in das Grundstück hinter der Gastwirtschaft hineinlaufen können» Auf diesen Grundstück hätten die Gäste ihre Kraftfahrzeuge abgcotcllt» Aber auch Besucher der Gaststätte, die keinen Kraftwagen benutzten, hätten von diesem Platz aus die Gastwirtschaft betreten können» Das Berufungsgericht hat nicht übersehen, daß der Bernhardiner nach der Behauptung der Beklagten an sich harmlos und gutmütig war» Ersichtlich ist es davon ausgegengen, daß diese Behauptung zutrifft» Mit Rocht hat cs aber entscheidendes Gewicht darauf gelegt, daß ein ausgewachsener Bernhardinorhund allein schon durch seine Größe und sein Gewicht gefährlich worden kann, wenn er sich wie in dem hier zu entscheidenden Palle auf die Hinterbeine stellt und seine Pfoten auf die Schultern eines Menschen zu logen versucht» Bas Berufungsgericht hat daher zutreffend angenommen, daß die Beklagte verpflichtet war, die Besucher der Gaststätte vor dieser Gefahr zu schützen» Bie Revision kann sich auch nicht mit Erfolg darauf berufen, daß jeder Gast bei der Größe dos Hofes (20 x 27 m) mit einem größeren Bewcgungsraum des Hundes habe rechnen müssen» Bas Berufungsgericht hat es mit Recht nicht auf die Größe des Hofes, sondern allein darauf abgostollt, ob der Hund Gasthofbesucher erreichen konnte, wenn sie die normalen Zugänge zu dem Hause benutzten» Baß dies möglich war, hat das Berufungsgericht rochts-irrtunsfroi auf Grund der Lichtbilder des Gaststätten- Wenn aber mit dieser Möglichkeit gerechnet werden mußte, so kann oo entgegen der Meinung der Revision keine Rollo spielen, daß die Hundehütte und auch der Hund für joden Gaot ohne woitoreo zu sehen waren« Das Berufungsgericht verweist mit Recht auf die Möglichkeit, daß ein Gaot die Länge der Hundeketto nicht richtig einschätzto oder überrascht wurde, wenn der Hund plötzlich aus ooinor Hütte horauofuhr« Angesichts dieser Gefahren mußte die Beklagte den Hund so kurz an der Kette halten, daß Verletzungen anderer -nachmenschlichem Ermessen vermieden wurden« In seinem Urteil vom 16« März 1965 - VI ZR 276/63 - hat der Bundesgerichtshof angenommen, daß ein Landwirt, der auf seinen Bauernhof einen bissigen Hund hielt, durch das Anbinden des Tieres an eine 3>25 m lange Kette der ihm obliegenden Sorgfalto-pflicht nicht gerecht geworden ist« Das Gleiche muß gölten, wenn der Wachhund einer Gaststätte unter Ver-hilinioccn, wie sie hier fcotgootollt sind, 3,45 m weit von seiner Hütte in den Hof der Gaststätte hinoin-laufcn kann« Dieser Feststellung Btohen, wie der Revision zuzugeben ist, vcrfahrcnorcchtlichc Bedenken entgegen„ Das Berufungsgericht hat ausgoführt: Der angoketteto Hund habe nach den Feststellungen, die das Landgericht bei einem Augenschein getroffen habe, etwa 3?45 m in das Grundstück hinter der Gastwirtschaft hineinlaufcn können« Dine genauere Feststellung sei nicht möglich gewesen und sei nicht möglich, weil die Kette nicht mehr vorhanden sei« Das Landgericht sei dabei von den Angaben der Beklagten und des Zeugen ausgegangen, daß der Hund an der Kette bis zu dem Kellercingang neben der Hütte habe gelangen können« Deshalb sei es nicht erforderlich gewesen, den Zeugen SdHB nochmals darüber zu vernehmen, daß die Kette etwa 3 m lang gewesen sei« Mit diesen Ausführungen verkennt das Berufungsgericht das Ergebnis dos Augenscheinstormins und die Darlegungen, die das Landgericht hierüber gemacht hat« Das Landgericht hat in den Entscheidungsgründen soinoo Urteils ausdrücklich erklärt, bei der Einnahme dos Augenscheins habe nicht einwandfrei geklärt werden können, wie weit der angckcttctc Hund von der Hütte weg in den freien Platz habe hinoinlaufen können« Der Hund sei am Unfall-tagc an einer Kette angebunden gewesen, die an einem oberhalb der Hundehütte stehenden Baum befestigt gewesen sei. Gleichwohl kann dieser Mangel des Berufungsurteils nicht zu einem Erfolg der Revision führen» Denn die Er-satzpflicht der Beklagten hängt nicht davon ab, daß ihr Verschulden bewiesen wird» Es war vielmehr Aufgabe der Beklagten, sich nach § 833 Satz 2 BGB zu entlasten» Will • der Tierhalter geltend machen, daß er bei der Beaufsichtigung des Tieres die im Verkehr erforderliche Sorgfalt beobachtet habe, so muß er alle hierfür in Betracht kommenden Umstände dartun» Wenn einzelne Umstände ungeklärt bleiben, gereicht dies zu seinem Hachteil (BGB RGRKom» § 833 Anm» 16)» Die Beklagte war daher auch beweispflichtig für ihre Behauptung, der Hund habe nur etwa 2 m weit von der Hti'bte weg in das Grundstück hinoinlaufcn können» Diese Behauptung halten aber weder das Landgericht noch das Berufungsgericht für bewiesen» Hach der Ansicht beider Gerichte ist es vielmehr möglich, daß der Hund einen größeren Bewegungaroum (bis zu 3?45 m) hatte» Das ergibt sich, soweit das Berufungsgericht in Betracht kommt, auch daraus, daß es in anderem Zusammenhang dio Behauptung des Klägers, er habe beim Vorbeigehen an der Hütte einen Abstand von 3,25 m cingehalton, nicht für widerlegt hält» Diese Behauptung ist überdies durch die vom Berufungsgericht angeführte Aussage der Ehefrau des Klägers in etwa bestätigt worden. Da3 ist verfahrensrechtlich nicht zu beanstanden« Daher ist die Ansicht des Berufungsgerichts, die Beklagte habe nach § 833 BGB als Haltcrin des Hundes für den Schaden dos Klägers einzustehen, jedenfalls im Ergebnis zu billigen, ohne daß es erforderlich war, die Sache an das Berufungsgericht zurückzuvc§^iseno B. 7,um Mltvorschulden des Klägers Io Das Berufungsgericht hat ein mitwirkendes Verschulden darin gesehen, daß der Kläger in einem Abstand von etwa 3,25 m an der Hundehütte vorbeigegangen ist und nicht einen wesentlich größeren Bogen um sie gemacht hato Es hat ausgeführt: Der Kläger habe schon vor dem Spaziergang den großen Bernhardinerhund gesehen und festgcstellt, daß er angekettet gewesen sei» Allerdings habe er die Länge der Kette nicht genau fentstellen können» Er habe aber damit rechnen müssen, daß säe länger gewesen soi, als er vermutet habe, und daß der Abstand von 3*25 m, den er nach seinem eigenen Vorbringen "mit Bedacht” gewählt habe, nicht ausrcicho» Wenn er mit Bedacht einen Sicherheitsabstand cingchalten habe, dann zeige das, daß er trotz der voraufgegangenen beruhigenden Erklärungen des Vaters der Beklagten über die Eigenschaften des Hundes - er hatte das Tier als gutmütig und harmlos geschildert - doch besondere Vorsicht für geboten gehalten habe* Das habe er mit Recht getan, denn er habe sich sagen müssen, daß die Situation jetzt anders gewesen sei als vor dem f/iß&zier-gang, als sich der Vater der Beklagten bei dem Hund auf ge- Bas aber kann entgegen der Ansicht des Berufungsgerichts nicht angenommen werden» Der Kläger ist, wie es bei den örtlichen Verhältnissen nahe lag, von der Bergkuppo kommend in direkter Richtung auf den Eingang der Gaststätte zugegangen* Wenn er dabei einen Abstand von 3,25 m zu der Hundehütte eingehalten hat, so kann ihn daraus kein Vorwurf gemacht werden, denn er brauchte nicht drnit zu rechnen, daß er bei einer so großen Entfernung noch von dem Hund erreicht werden konnte» Er durfte davon ausgehen, daß der Hund jedenfalls zu Zeiten, in denen Gäste das Lokal besuchten, kürzer angekettet war und nicht in diesen Zugang zur Gastwirtschaft hinein-laufcn konnte» Auch das Berufungsgericht nimmt an, ein Gast habe nicht abschätzen können, wie lang die Kette gewesen sei» Geht man aber hiervon aus, so kann dem Kläger nicht als Verschulden angerechnct worden, daß er die Bange der Kette unterschätzt hat» Anlaß zu besonderer Vorsicht und damit zu einem größeren Abstand hätte bestanden, wenn der Kläger hätte damit rechnen müssen, einen bissigen oder bösartigen Hund vor sich zu haben» Bomhardinorhundo sind indes, wie schon die Lebenserfahrung lehrt, im allgemeinen harmlose und gutmütige Tiere» Baß dies jedenfalls für den Hund der Beklagten zutraf, war dem Kläger von dem Vater der Beklagten ausdrücklich bestätigt worden« Wenn er unter diesen Umständen die Hundehütte in einem Abstand von 3,25 m passiert hat, so kann nicht gesagt werden, daß ihn eine Mitschuld an seinem Schaden treffe» Soweit der Senat über die Kosten des Rechtsstreits entschieden hat, beruht die Entscheidung auf den §§ 97 9 91 ZPO; denn die Beklagte ist mit ihrer Revision und hinsichtlich des Fcctstollungeanspruchs auch in den anderen Instanzen endgültig unterlegen» Die Entscheidung über die weiteren Kosten dos Rechtsstreits hängt von dem Ausgang des Höhcverfahrens ab; sie war daher dem Schlußurteil des Landgerichts vorzubchaltcn»