BGH · VI ZR 13/57
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Es wird festgesbellt, daß der Beklagte verpflichtet ist# der Klägerin die weiteren Aufwendungen zu ersetzen# die diese für ihr Mitglied Eveline auf Grund des Verkehrsunfalls vom 23.Mai 1934 erbringen muß- Ferner hat sie um die Feststellung gebeten, daß der Beklagte zu dem Ersatz ihrer weiteren Aufwendungen aus Anlaß des Unfalls der verpflichtet sei« Der Beklagte hat um Abweisung der Klage gebeten« Er hat ein Verschulden bestritten und vorgetragen, Fräulein nabe den Unfall dadurch verursacht, daß sie sich in der Kurve anfgerichtst und anstatt nach rechts nach links gelegt habe. Auf Grund der im Eevisicnsrechtszug überreichten ärztlichen Gutachten sieht es der Senat als glaubhaft gemacht an« daß oei Fräulein MflHP ein unfrllbsdingter schwerer Bauersohaden vorliegt, der möglicherweise auf lange Zeit eine laufende Heilbehandlung erforderlich macht* Ausserdem ist damit zu rechnen, daß weitere Operationen sowie Muskel-• und Sehnenverpflanzungen erforderlich sein werden* Wenn auch die Verpflichtungen der klagenden Krankenkasse gegenüber der Verletzten nach deren Aussteuerung nur noch beschränkte sind und die weiteren Aufwendungen nach Pauschal-Sätzen vergütet werden, so konnte doch angesichts der noch gsr nicht abzusehenden Zeitdauer einer laufenden ärztlichen Behandlung der Streitwert der Feststellungsklage mit ? XIo Aua der Tatsache, daß der Beklagte hoi seiner nächt-ziehen Fahrt in einer scharfen Rechtskurve der Straße mit dor rechten Fußraste des Kraftrades Bodenberührung bekam und alsdann nach einer längeren Schleifspur stürzte, hat" das Berufungsgericht mit Recht auf Grund der Lebenserfahrung ge-foJgert. Kommt ein Kraftradfahrer mit seinem Kraftrad in einer Kurve nach Bodenberührung ins Schleudern, so ist das ein durchaus typischer Gesche’oensablauf, der zunächst auf mangelnde Sorgfalt und Vorsicht oder einen sonstigen Fahrfehler des Kraftradfahrers hinweist. Dieser sich nach der Lebenserfahrung aafdrängende Beweis des ersten Anscheins für ein Verschulden des Kraftradfahrers kann nur durch den Nachweis ion Tatsachen entkräftet werden, die auf die ernste Häßlichkeit eines nicht typischen Ablaufs hinweisen« Daß solche Tatsachen hier nicht dargetan sind, hat das Berufungsgericht ohne Rechtsirrtum ausgeführt. Da der Beklagte Fräulein erst gerade kennen gelernt hatte, so mußte er, wie das Berufungsgericht richtig bemerkt, die scharfe Xurve so langsam und vorsichtig befahren, daß er eine aus Ungeschicklichkeit, Angst ooer Unerfe.hr enheit der entstehende FshiraaktJLon rechtzeitig abfängen konnte. Der Beklagte hat auch nichts dafür Vorbringen können, daß er etwa durch den übrigen Verkehr auf der Straße Anlaß zu einer plötzlichen Richcungsänderung gehabt hat« Unter Y/Urdigung der gesamten Umstände hat das Berufungsgericht ohne Rechts-irr cum festgestellt, daß der Beklagte durch fahrlässiges Verhalten den Unfall verursacht hat. Sie sei aber nicht dahin auszulegen, daß sich der Fahrer auf Gefahr des 111‘.fehr end eil :ln typischen Situationen des Straßenverkehrs unvorsichtig verhalten und über die Grundregeln der Falir-icunst hinwegsebsen dürfe. Sie würde auch gewiß dem Beklagten erklärt haben, er möge in scharfen Kurven besonders vorsichtig fahren, wenn ihr bedeutet worden wäre, daß ihre Sicherheit wesentlich von ihren richtigen Verhalten als Beifahrsrin abhinge, Zs gehe nicht an, der Betfahrerin ein Einverständnis damit zu unterstellen, daß der Baklagia auf einer ihm bekennten kurvenreichen Straße in eine Kurve mit überhöhter Geschwindigkeit und unter Verstoß gegen anerkannte Fahrregaln einfahren dürfe., rx: allem ein Eingehen auf die unter Beweis Gestellte Behauptung des Beklagten, daß dieser sich erst auf Zureden naon anfänglicher Weigerung bereit erklärt habe, die beiden Mäd-chsn nach H9Zü bringen* Die Revision meint, die Bemerkung de« Beklagten, für nichts eufzukoramen, sei unter Würdigung der anfänglichen Y/eigeruug als Bedingung für die Übernahme der Beförderung zu werten* Die ErkJ-ärurc dos Peking ts:-: dürfe niche eo ansgelegt werden, daß ihr jede praktische Bcdo.~tv.ng genommen werde» Der Beklagte habe das Verhalten de:*.’ til gen wäre,.daß der Haftungsurafang gemindert ist (vgl* hierzu BGHZ 21j 102 /Tip/)« Der Präge des Haftungsmaßstabes der Vertragshaftung braucht aber hier nicht nachgegangen zu werden, da es sich bei den Beteiligten um Minderjährige handelt und jedenfalls der Beklagte die ihn belastende Vertrags-bindung nur mit Zustimmung des gesetzlichen Vertreters ein-gehen konnte« Im Übrigen sind keine Umstände dafür ersichtlich, daß der Beklagte und Präulein durch den Antritt der kurzen Pahrt eine rechtsgeschäftliche Bindung herbeifiinren wollten* Gerade bei solchen Gefälligkeiten des täglichen Lebens, wie sie hier aus dem gesellschaftlichen Kennenlernen auf einem Tanzvergnügen hervorgingen, muß in der Regel angenommen werden, daß sie sich ausserhalb des rechtsgeschäftlichen Bereichs halten (vgl» BGHZ 21, 102 ./Tot/)« Es ergibt sich daher, daß nur. eine Deliktshaftung des Beklagten in Präge steht, die gemäß § 825 Abs« 1 BGB die Haftung für jede Fahrlässigkeit umfaßt» Dementsprechend ist auch in der Rechtsprechung des erkennenden Senats stets angenommen worden, daß der Kraftfahrer dem aus Gefälligkeit mitgenommenen Fahrgast aus § 825 BGB für jede Fahrlässigkeit einzustehen hat, wenn nicht eine Abrede über eine Haftungsfreistellung oder eine Haftungsminderung getroffen ist, die allerdings auch stillschweigend abgeschlossen werden und aus den Umständen entnommen werden kann, unter denen die Fahrt angetreten wurde (vgl*, die oben angeführten Entscheidungen des erkennenden Senats; ferner BGHZ 2, 159)« Hun begegnet es allerdings er- heblichen rechtlichen Bedenken, daß das Berufungsgericht auch bei Unterstellung der Erklärung des Beklagten, er komme für nichts auf, nur einen Haftuhgsausschluß in einem ganz engen Rahmen als vereinbart ansehen will« Diese Auslegung nimmt der Erklärung des Beklagten praktisch jede Bedeutung, da dieser der Mitfahrerin gegenüber ohne Verschulden überhaupt üxößt haftet'und da ein Versehen bei unglücklicher Verkettung von Umständen im allgemeinen noch nicht einen Verschuldens-vorwurf rechtfertigt« Es stellt sich daher in der Tat die von der Revision erhobene Frage, ob nicht der Beklagte auf Grund seiner Erklärung und des anschließenden Verhaltens der nach Treu und Glauben annehmen durfte, er werde zu dem mindesten von den Haftungsfolgen aus leichter Fahrlässigkeit freigestellt, wobei von Bedeutung sein könnte, daß die Fahrt nur im Interesse der unternommen wurde.- Es kommt aber auf diese Frage der Auslegung nicht an« Wesent-licht ist vielmehr, daß Fräulein als Kind er jährige eine sie rechtlich belastende Willenserklärung, die in einem Versieht, auf einen ihr gesetzlich zustehenden Schadensersatz--anspruch zu sehen ist, gemäß § 1o7 BGB nicht ohne Zustimmung des gesetzlichen Vertreters wirksam abgeben konnte (vglo auch OliG Bamberg, NJ17 1949? Die ^ Annahme einer stillschweigenden Einwilligung verbietet sich ^ insbesondere in einem Falle, in dem der Fahrer ohne Fahrberechtigung gefahren ist« Uber die dem Schutz der Minderjährigen dienende Vorschrift des § 107 BGB kann auch nicht mit allgemeinen Billigkeitserwägungen aus § 242 BGB hinweggegangen werden« Dies ist vor allem deshalb nicht angängig, weil Haftungsverzichte weitgehende nachteilige Folgen für das ganze Leben des Minderjährigen auslösen können» Dieser Haftungsausschlußgrund ist erst von der Rechtsprechung herausgebildet worden« In der früheren Rechtsprechung des Reichsgerichts diente der Rechtsgedanke des Handelns auf eigene Gefahr dazu, in gewissen Fällen <3xe strenge Gefährdungshaftung, wie sie Insbesondere den Tierhalter und den Halter eines Kraftfahrzeugs trifft, ausz-.- als angemessen, wenn sich der Kläger, ohne durch gesetzliches, berufliches oder sittliches Gebot verpflichtet zu sein, der vermeidbaren Gefährdung aus solchen Gefahrenquellen bewußt selbst ausgesetzt hatte (RGZ 130, 162 /T69J und die dort zitierten Entscheidungen)» Erst in der Entscheidung RGZ 141, 262 wird anerkannt, daß wegen Handelns auf eigene Gefahr auch die Verschuldenshaftung des Schädigers ausgeschlossen werden kann» In der Gefahrübernahme wird nunmehr eine Einwilligung in eine möglicherweise eintretende Rechtsgutverletzung gesehen, die - im Rahmen rechtlicher Zulässigkeit - die Folge haben soll, daß die Widerrechtlichkeit der Schadenszufügung entfällt» Der III.Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat sich dieser Auffassung angeschlossen, die in der Gefahrübernahme eine empfangsbedürftige Willenserklärung sieht und sie als Einwilligung in eine möglicherweise eintretende Verletzung von Rechtsgütern des Geschädigten wertet (BGHZ 2, 159). Dabei wird in Übereinstimmung mit dem Reichsgericht betont, daß bei einem in einem Kraftfahrzeug mitgenommenen Fahrgast nur dann eine solche Einwilligungserklärung angenommen werden kann, wenn sich der Fahrgast der Möglichkeit des Eintritts einer Gefahr durch ihm bekannte besondere Umstände bewußt gewesen ist* Nicht dagegen dürfe eine Einwilligung mit der Folge des Ausschlusses der Rechtswidrigkeit angenommen werden, wenn der Fahrgast die besonderen Umstände, die zur Schädigung geführt hätten* nicht gekannt habe« Dieser Grundsatz ist auch T?ora erkennenden Senat stets aufrecht erhalten worden« Dieser hat es insbesondere stets abgelehnt, die Schadensersatzan-sprüche des Fahrgastes gegen den. Fahrer aus dem Rechtsgrund des Handelns auf eigene Gefahr*auszuschließen, wenn die Beeinträchtigung der Fahrsicherheit des Fahrers durch Alkoholgenuß zwar objektiv gegeben und erkennbar war, vom Fahrgast aber nicht erkannt wurde (vgl.. « VersR 1955» 85 j Urteil vom 23«Kürz 1955 - VI ZR 22/54 - « VersR 1955, 309)« Folgt man der rechtlichen Begründung des Reichsgerichts und des III„Zivilsenats,, so kann es nicht zweifelhaft sein, daß ein Minderjähriger ohne Zustimmung seines gesetzlichen Vertreters nicht rechtswirksam die ihn rechtlich belastende Zustimmung zu der möglicherweise eintretenden Körperverletzung geben kann (§ 111 BGB)* Das ist auch vom Reichsgericht ausdrücklich hervorgehoben worden (RGZ 141, 262, 265)« Denn es fehlt im vorliegenden Falle die unerläßliche Voraussetzung, die überhaupt erst dem sogenannten Handeln auf eigene Gefahr eine rechtlich selbständige Bedeutung geben könnte, daß nämlich ein in seiner Art und Gefährdungsmöglichkeit bekanntes Wagnis- eingegangen worden ist, Mur wenn der konkrete Umstände bekannt ge- wesen wären, die ihr ein besonderes mit der Fahrt verbundenes Risiko aufgezeigt hätten (etwa ersichtliche Fahruntüchtigkeit des Fahrers oder technische Kängel des Kraftrades), würde sich die Frage stellen, ob die Deliktshaftung des Fahrers wegen Übernahme der Gefahr durch.den minderjährigen Fahrgast ausgeschlossen sein könnte. Keineswegs geht es an, schon aus dem Gesichtspunkt der Gefahrübernahme ab zu-leiten, daß die Haftung des Fahrers gegenüber dem Fahrgast bei einer normalen Gefälligkeitsfahrt eingeschränkt oder ausgeschlossen ist (vgl. Zu einer Sub-stantiieruug dieses Vorbringens war der Beklagte naturgemäß nicht in der Lage« Vielmehr lag die Behauptungs- und Be-weislast ausschließlich bei der Klägerin« Das Berufungsgericht hätte daher diesen Punkt durch Einholung von gutachtlichen Äusserungen der behandelnden Ärzte, auf die sich die Klägerin bezogen hatte, aufklären müssen, wenn es nicht gemäß § 529 Abs. 2 ZPO das erst im Berufungsrechtszug vorgebrachte Ver-teidigungsvorbringen als verspätet zurückwies(vgl. Das Revisionsgericht ist nicht in der Lage., anstelle des Berufungsgerichts Uber die Voraussetzungen dieser Bestimmung und die Zulassung des Verteidigungsvorbringens des Beklagten selbst zu entscheiden. Die vom Berufungsgericht für seine Entscheidung gegebene Begründung, daß nach dem Grundsatz des Beweises des ersten Anscheins angenommen werden müsse, alle von der Klägerin in Rechnung gestellten Aufwendungen seien-zu» Behebung von Unfall folgen gemacht, vermag die Entscheidung des Berufungsgerichts nicht zu tragen. Die Sache mußte daher insoweit an das Berufungsgericht zurückverwiesen werden, als über die Höhe des Zahlungsanspruchs entschieden worden ist.