BGH · VI ZR 320/52 vom 21.10.1953
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Rechtssatz: Im Falle der Tötung eines Kindes sind bei einer Klage auf Feststellung der Schadensersatzpflicht für den Wegfall seiner etwaigen späteren Unterhaltsleistung an die Eltern die mutmaßliche künftige Bedürftigkeit der Eltern und Leistungsfähigkeit des Kindes sachlich-rechtliche Voraussetzungen des durch die Tötung entstandenen Rechtsver hältnisses* Es ist daran festzuhalten, daß es insoweit keines weiteren Beweises bedarf als einer nicht eben entfernt liegenden Möglichkeit (BGHZ 4, 133; BGH Lindenmaier-Möhring § 256 ZPO Nr 7)« Der Unfall ereignete sich, nachdem der Erstbeklagte mit dem Lastkraftwagen auf der Fahrt über die Hordallee in Richtung Mosel kurz vor der Strassenkreuzung mit der Bruchhausen- und Lindenstrasse einem nicht ejrmittelten Lastkraftwagen ausgewichen war, der mit hoher Geschwindig-keit aus der.Bruchhausenstrasse in die Hordallee Richtung Forta Higra eingebogen und hierbei vorübergehend fast bis an den Bordstein an der rechten Seite der Fahrbahn des Erstbeklagten gekommen war« Da sowohl der Erstbeklagte als auch der Fahrer des entgegenkommenden Lastkraftwagens ihre Fahrzeuge scharf nach rechts lenkten, kamen die beiden Wagen ohne Zusammenstoss aneinander vorbei* Der Erstbeklagte geriet jedoch mit den rechten Rädern des von ihm geführten Lastkraftwagens auf den rechten Bürgersteig* Der Kläger hat behauptet, der Brstbeklagte habe den Unfall insbesondere dadurch schuldhaft verursacht, daß er während des Ausweichmanövers den Jungen nicht beachtet und es unterlassen habe, den Wagen rechtzeitig.anzuhalten, obwohl ihm dies möglich gewesen wäre« Sein Sohn habe nach seinen besonders guten Leistungen in der Volksschule eine ausreichende Veranlagung für ein Studium und damit für das Erreichen einer Leistungsstufe gezeigt, die ihm ein Einkommen ermöglicht haben würde, bei dem er für seine Eltern im Falle ihrer Bedürftigkeit hätte sorgen können. 1* Soweit sich das Begehren des Klägers auf die Feststellung der Schadensersatzpflicht der Beklagten gegenüber seiner Ehefrau richtet, ist seine Klagebefugnis aus § 1380 BGB erloschen« Die Bestimmungen über das Recht des Mannes zur Verwaltung und Nutznießung aia eingebrachten Gut der Frau, zu denen jene Vorschrift gehört, sind mit.dem in Art 3 GrundG ausgesprochenen Grundsatz der Gleichberechtigung von Mann und Frau nicht vereinbar und, was auch im Revisionsverfahren beachtet werden muß, nach Art 117 Abs 1 GrunüG mit Ablauf des 31. Es würde dem Grundsatz der Prozessökonomie widersprechen, wenn der Kläger den Rechtsstreit, soweit er seine Ehefrau betrifft, nicht sollte fortführen dürfen und zur Herbeiführung einer Sachentscheidung über diese Ansprüche ein .neuer Rechtsstreit begonnen werden müsste. 3. Gleichwohl hat das Berufungsgericht der Klage, mit der im Rahmen der hiernach begründeten Haftung die Feststellung der Schadensersatzpflicht der Beklagten nach § 844 Abs 2 BGB, § 10 Abs 2 KfzG begehrt wird, den Erfolg versagt. Insoweit handle es sich um unveränderliche Paktoren, deren Beurteilung nicht erst einem späteren Rechtsstreit auf Leistung von Schadensersatz überlassen bleiben dürfe*,» sondern die bereits jetzt als Voraussetzungen des materiellen Anspruchs bewiesen werden müssten« Das Berufungsgericht hat den Beweis, daß der getötete Sohn des Klägers jemals in der Lage gewesen wäre, seine Eltern zu unterhalten, nicht als geführt erachtet* Auch wenn an den Nachweis keine hohen Anforderungen gestellt würden, sei bei einem Kind von 9 Jahren die spätere Entwicklung in geistiger, charakterlicher und körperlicher Hinsicht noch nicht zu übersehen* Besonders gute Leistungen in der Volksschule und gute Anlagen, die u«a, aus diesen Leistungen gefolgert würden, gäben keinen hinreichend sicheren Anhalt dafür, daß das Kind den Plänen der Eltern entsprechend mit Erfolg eine höhere Schule besucht haben würde und nach einem Hochschulstudium in eine sozial höhere Lebensstellung gekommen wäre* Unbestimmt sei insbesondere, von welchem Zeitpunkt ab eine Unterhaltsfähigkeit hätte eintreten können« Es gehe nicht an, die Entscheidung hierüber einem späteren Rechtsstreit Uber die Leistung von Schadensersatz zu überlassen, da es untragbar sein würde, wenn das später entscheidende Gericht in der Lage wäre, bei der Beurteilung der Leistungsfähigkeit des Kindes, sei es auch nur hinsichtlich ihres zeitlichen Beginns, von einem anderen hypothetischen Werdegang des Kindes auszugehen als das jetzt erkennende Gericht« Ohne sichere und konkrete Anhaltspunkte zur Beurteilung des mutmaßlichen Werdegangs lasse sich auch a) Stand der Getötete zur Zeit der Verletzung zu ein Dritten in einem Rechtsverhältnis, vermöge dessen er diesem gegenüber kraft Gesetzes unterhaltspflichtig war oder werden konnte, und ist* dem Dritten infolge der Tötung das Recht auf' Unterhalt entzogen, »so hat der Ersatzpflichtige nach § 844 Abs 2 BGB,§10 Abs 2 KfzG dem Dritten insoweit Schadensersatz zu leisten, als der Geötete während der mutmaßlichen Datier seines Lebens zur Gewährung des Unterhalts verpflichtet gewesen sein würde«, War der Getötete nicht bereits zur Zeit seines Todes unterhaltspflichtig, so ist durch die Tötung doch bereits eine bedingte Rechtspflicht des für die Tötung Verantwortlichen zur Leistung von Schadensersatz entstanden, wenn der Getötete zu dem Dritten in einem Rechtsverhältnis gestanden hat, vermöge dessen er ihm kraft Gesetzes unterhaltspflichtig werden konnten Eine Unterhaltspflicht* des getöteten Kindes gegenüber dem Kläger und seiner Ehefrau kam nach §§ 1601 ff. Wird die Schadensersatzpflicht der Beklagten auch erst ausgelöst, wenn in der Zukunft der Fall eintritt, daß der Sohn, falls er am Leben geblieben wäre, seinen Eltern gegenüber unterhaltspflichtig geworden wäre, so sind die rechtlichen Beziehungen, die eine so bedingte Unterhaltspflicht zu dem Gegenstand haben, doch bereits mit dem Tode des Kindes entstanden, wenn die Annahme gerechtfertigt ist, daß es seinei Eltern hätte unterhaltspflichtig werden könnet. Mutmaßliche künftige ünterhaltshedürftigkeit der Eltern und mutmaßliche Leistungsfähigkeit des Kindes sind daher sachlichrechtliche Voraussetzungen des Rechtsverhältnisses, um dessen Feststellung es geht (Urteil des III* Zivilsenats des BGH vom 7.4»1952 in Lindenmaier-MÖhring § 256 ZPO Nr 7 * VersR 1952, 210 = VRS 4, 344). Wird die Schadensersatzpflicht der Beklagten auch erst wirksam, wenn Verhältnisse eintreten, unter denen der getötete Sohn seinen Eltern unterhaltspflichtig geworden wäre, so können doch auch derartig bedingte Rechtsverhältnisse Gegenstand einer Peststellungsklage sein (vgl BGHZ 4, 133 /I*347 und die dort angeführten Rach-.weise) liegenden'Art wird auch, worauf das Berufungsgericbt mit Hecht hingewiesen hat, die klärung cies Hergangs und der Schüxafrage mit dem Zeitablauf Immer schwieriger* Ist es - auch nicht der Zweck einer Peststellungsklage, Beweise zu sichern, so kann doch die Gefahr des Verlustes von Beweismitteln zur Begründung des Peststellungsinteresses mit-r* verwendet werden (RG Gruch 58, 1074 /T0l6/) > Dies gilt umso: mehr, als gerade in Verkehrsunfallssachen der unmittelbar nach dem Unfall erfolgenden Beweisaufnahme für eine zuver- ' lässige Sachaufklärung besondere Bedeutung zukommt* Sohnes als materiell-rechtliche: Voraussetzungen für das festzustellende Rechtsverhältnis» Wenn das Berufungsgericht zu demindest die auf dem Gebiete der geistigen und charakterlichen Veranlagung des getöteten Kindes liegenden Voraussetzungen des materiellen Anspruches für beweisbedürftig gehalten und es als notwendig angesehen hat, daß sich der Zeitpunkt, in dem das Kind zur Leistung von Unterhalt an die Eltern fähig geworden sein würde, schon jetzt bestimmen lasse, ja die Bestimmung selbst in dem Peststellungsurteil für geboten erachtet hat, so hat es die Voraussetzungen für das Entstehen der bedingten Schadensersatzpflicht und die Voraussetzungen für ihr Wirksamwerden nicht hinreichend auseinandergehalten* Der Kläger verlangt nicht die PestStellung, daß die Beklagten bereits jetzt oder von einem bestimmten künftigen Zeitpunkte an Schadensersatz zu leisten haben. Es geht nur um die PestStellung, daß die Beklagten zur Leistung von Schadensersatz verpflichtet sind, wenn Verhältnisse eintreten, unter "denen der Sohn den Eltern unterhaltspflichtig geworden sein würde. Erforderlich ist nur, daß nach der Erfahrung des Lebens und dem gewöhnlichen Lauf der Dinge die spätere Verwirklichung des Unterhaltsanspruchs nicht ausgeschlossen erscheint, vielmehr mit einer gewissen Wah*^ scheinlichkeit anzunehmen ist (BGHZ 4, 133 /^3§7; BGH Urt vom 7«4«1952 aaQ)« Eine bestimmte Altersgrenze, von der an beurteilt werden kann, ob ein Kind die Möglichkeit erlangt haben würde, Unterhalt zu gewähren, lässt sich nicht fest-setzen* die Präge nach der mutmaßlichen Leistungsfähigkeit kann nur unter Berücksichtigung der besonderen Umstände des einzelnen Falles beantwortet werden (BGHZ 4, 133 /^377). Es bedeutet hiernach eine Überspannung der Anforderung gen, wenn das Berufungsgericht einen Beweis dafür verlangt/ daß der getötete Sohn nach seinen Anlagen von einem bestimmten Zeitpunkte an in die Lage gekommen wäre, seine Eltern zu unterhaltene Es kommt vielmehr nur'darauf an, ob bei Berücksichtigung des Alters, der Gesundheit, der geistigen und charakterlichen Veranlagung sowie des bisherigen Werdegangs eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür spricht, daß das Kind zu Zeiten einer Bedürftigkeit der Eltern überhaupt leistungsfähig gewesen wäre« 5o' Bas Berufungsgericht hat die Möglichkeit, daß der Kläger und seine Ehefrau einmal in eine Lage kommen könnten* in der sie außerstande sein würdenT sich selbst zu unterhalten, offenbar nicht als eine so entfernte angesehen, daß j sie nicht in Betracht zu ziehen wäre« Bas begegnet keinen Bedenken« Wenn der Kläger zur Zeit des Todes seines Sohnes * auch im besten Mannesalter gestanden hat, so ist mit zuneh- . Die Möglichkeit, daß der Kläger und seine Ehefrau bedürftig werden können, ist nicht von der Hand zu weisen, Wenn der Sohn des Klägers, ein Junge von offenbar normaler Gesundheit ohne Charakter- : liehe Abart, bei seinem Tode auöh erst 9 Jahre alt war, so hatte er unstreitig in der Volksschule doch gute Leistungen gezeigte Nach der Erfahrung des Lebens und dem gewöhnlichen Lauf der Dinge kann daher angenommen werden, daß ihn sein Vater, ein Rechtsanwalt, eine höhere Schule hätte besuchen lassen; auch daß der Sohn ein Hochschulstudium ergriffen und mit Erfolg durchgeführt oder eine andere Berufsausbildung genossen haben würde, auf Grund deren er in seiner späteren Lebensstellung befähigt gewesen wäre, seinen Eltern erforderlichenfalls Unterhalt zu gewähren, lag nicht außer dem Bereich naheliegender Möglichkeiten. 6, Ob sich, was das Berufungsgericht von seinem Standpunkte aus offengelassen hat, der Kläger und seine Ehefrau auf ihren mutmaßlichen Schadensersatzanspruch im Wege der Vorteil8ausgleichung anrechnen lassen müssen, was sie an Aufwendungen für Erziehung und Ausbildung des Sohnes ersparen, kann dahingestellt bleiben. Auch wenn man eine solche Anrechnung für zulässig hält, würde das Feststellungsbegehren des Klägers nur ten uÄegrÜndet sein, wenn bereits jetzt feststünde, daß die ersparten Kosten auf jeden Fall den Betrag erreicht oder überstiegen hätten, den der Sohn als Unterhalt gezahlt haben würde.