BGH · VI ZR 279/63 vom 30.03.1965
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Mit einem am 22, Dezember 1951 eingereichten Schriftsatz erhob der Kläger, vertreten durch den damaligen Rechtsanwalt von gegen SBHI und Fräulein jetzt verehelichte TBHB-HfBHHB? Klage auf Zahlung von 6,500,— DM, nämlich eines Schmerzensgeldes von 3-000,— DM für die von ihm erlittene Untersuchungshaft und eines Teilbetrages von 3-500,— DM für den ihm infolge der Untersuchungshaft entstandenen Verdienstausfall, Daß Fräulein für die Anzeige vom 6, Juni 1950 mitverantwortlich war, bestätigte sich für den Kläger, als sein Prozeßbevollmächtigter im März 1952 in den Gerichtsakten jenes Rechtsstreits ihre Unterschrift auf dem auf der Rückseite der Durchschrift der Anzeige angegebenen Verteiler fand. September 1954 beauftragte der Kläger den Beklagten, eine weitere Schadenersatzklage in Höhe von 100.000,— DM gegen Frau und deren ehemaligen Verlobten FdHH zu erheben, der nach Ansicht des Klägers ebenfalls an der Erstattung der Anzeige vom 6. der Vorletzte von dem Schaden und der Person des Ersatzpflichtigen Kenntnis erlangt» Demnach trifft Ihre Annahme, daß etwa mit Jahrecrondc Verjährung ■ drohe, nicht zu» Es kann vielmehr zweifelhaft sein, oh die Verjährung nicht schon eingetreten ist» Das zu dem Schadensersatz verpflichtende Ereignis war die Anzeige vom 6» Juni 1950,von der SixPidoch alsbald durch Ihre Verhaftung Kenntnis erhalten haben» Die Verjährung des Anspruchs wäre dann nach § 852 BGB bereits im Sommer 1953 eingetreten» Es läßt sich allerdings der Standpunkt vertreten, daß Sie sichere Kenntnis von dem Verhalten der Pr au erst durch die Beweisaufnahme des abgeschlossenen Prozesses im Jahre 1953 erhalten haben» Dann würde die Verjährung erst im Jahre 1956 ablaufen» Außerdem gibt es die rechtliche Möglichkeit, falls die Beklagte die Einrede der Verjährung erheben sollte, demgegenüber die Replik der Arglist geltend zu machen. Nachdem Ihnen zunächst nur das Armenrecht für einen Teilbetrag von 6,500,— DM bewilligt war, wovon noch 3o000,— DM auf Schmerzensgeld entfallen, mußte Ihnen zunächst eine gewisse Zeit gelassen werden, um festzustellen, ob die Urteilsbeträge von der Schuldnerin beigetrieben werden können, um dann Ihr weiteres Vorgehen zu überlegen» Während dieser Überlegungs-zoit verstößt die Erhebung der Verjährungseinrede gegen Treu und Glauben« Bei den mir ausgehändigten Handakten des Herrn von befindet sich das hier beigefügte Armenrechtszeugnis vom 26» März 1954» Dieses Zeugnis müßte auf den neuesten Stand gebracht werden» Auch müßte noch ein Zeugnis des für Sie zuständigen Finanzamtes beigefügt werden»” und Josef erwidere ich auf Ihr Schreiben vom 5»d.M., daß ich übermorgen sowohl das neue Mittollosigkeitszeugnis als auch die Finanzamtboscheinigung bereits abholen kann, und ich lasse Ihnen diese Unterlagen noch am gleichen Tage zugohen. Durch Beschluß vom 25« Februar 1955 bewilligte das Landgericht dem Kläger das Armenrecht zur Durchführung der Klage gegen FdHHin Höhe eines Betrages von 6.100,— DM. Für die Durchführung der Klage gegen Frau HjpH|^-B^m verweigerte das Landgericht dem Kläger das Armenrecht, da cter Anspruch bereits verjährt sei. Auf die Beschwerde des Klägers hob das Kammergericht diesen Beschluß am 4« August 1955 auf und bewilligte ihm das Armenrecht zur Klage gegen beide Beklagten in Höhe von 30.000,— DM. In den Gründen des Beschlusses des Kammergerichts ist ausgeführt, es sei nach dem bisherigen Stand des Verfahrens nicht erwiesen, daß der Kläger bereits am 27• November 1951 eine in einem auf Grund der Anzeige vom 6«, Juni 1950 gegen sie eingeleiteten Strafverfahren am 23» Januar 1956 frei-gesprochen worden waren, entzog das Landgericht dem Kläger durch Beschluß vom 10«, November 1956 das Armenrecht . Auf seine Beschv/erde hob das Kammergericht den Beschluß auf«, Nunmehr bewilligte das Landgericht durch Beschluß vom 20«, Mai 1957 dem Kläger das Armenrecht zur Geltendmachung des gesamten Anspruchs von 100„000,— DM gegen beide Beklagte* Durch Zwischenurteil vom 13» Dezember 1957 erklärte das Landgericht den Schadensersatzanspruch gegen beide Beklagte dem Grunde nach für gerechtfertigt* In den Entscheidungsgründen führte es aus, die Forderung sei am 27« November 1954 noch nicht verjährt gewesen, da der Kläger erst im März 1952 die sichere Kenntnis von der Beteiligung der Frau an der Anzeige erlangt habe. Urkunden und den Auscagen der vom Kammergericht vernommenen Zeugen» Schließlich wies das Kammergericht darauf hin, daß der Kläger seinen Rechtsanwalt am 29» November 1951 zur Klageerhebung im Vorprozeß bevollmächtigt habe, und entnahm hieraus, daß dem Kläger damals die Verursachung des behaupteten Schadens durch Frau bekannt gewesen sei» Gegen dieses Urteil legte der Kläger Revision ein, nahm die Revision jedoch zurück, nachdem der Bundesgerichtshof ihm das Armenrecht für die Revisionsinstanz versagt hatte, weil die weitere RechtsVerfolgung keine hinreichende Aussicht auf Erfolg biete» Nach Erlaß des Zwischcnurteils des Landgerichts vom 13« Dezember 1937 hatte der Kläger gegen Frau Arrestbcfohle erwirkt und auf Grund dieser Zwangshypotheken auf ihren Grundstücken in und eintragen lassen» Am 4« November I960 Der Prozeßbevollmächtigte der Frau im zweiten Rechtszug, Rechtsanwalt Dr» SfHB* erwirkte auf Grund des Urteils des Kammergerichts gegen den Kläger den Kostenfestsetzungsbeschluß vom 13» April I960 über 3-117*12 DM» Ihr Prozeßbevollmächtigter erster Instanz, Der Kläger vertritt den Standpunkt, der Beklagte habe die ihm nach dem Anwaltsvertrag obliegenden Verpflichtungen schuldhaft dadurch verletzt, daß er nicht sofort nach Zugang des Schreibens vom 4. Hilfsweise hat der Kläger die Klage auch auf folgende weitere Schadensersatzforderungen gegen den Beklagten gestützt; Der Beklagte hat um Abweisung der Klage gebeten» Er hat bestritten, seine Anwaltspflichten verletzt zu haben, und darauf hingewiesen, er habe vor Einreichung der Klage mit der erforderlichen Gründlichkeit die Prozeßaussichten prüfen müssen, was bei dem umfangreichen Stoff Zeit benötigt habe» Auf Grund der Behauptungen des Klägers habe er davon ausgehen dürfen, die Verjährungsfrist werde erst im Jahre 1955 oder noch später ablaufen» Gemäß dem Vortrag des Klägers habe er diese Auffassung auch im Prozeß vertreten» Daß das Kammergericht eine Verjährung des Anspruchs annehmen werde, habe er nicht voraussehen können» Betrachte man aber die früheren Behauptungen &es Klägers über die Zeit seiner Kenntniserlangung im Sinne des § 852 BGB als unglaubhaft, so sei der Anspruch bereits in dem Zeitpunkt verjährt gewesen, als ihm der Kläger das Mandat erteilt habe» Auf die Möglichkeit, daß die Rechtslage -fro angesehen werden könne, habe er den Kläger im Schreiben vom 5o November 1954 pflichtgemäß hingewiesen, um ihn über das Prozeßrisiko zu unterrichten» Dafür, daß der Anspruch gerade Oktober oder November 1954 verjähren könne, hätten damals nicht die geringsten Anhaltspunkte bestanden» Der Beklagte ist der Ansicht, die Klage wäre auch dann vom Kemmergericht aus dem Gesichtspunkt der Verjährung abgewiesen worden, wenn die Klageschrift alsbald nach dem 4» September 1954 einge- reicht worden wäre,, Es fehle daher an der Ursächlichkeit zwischen dem ihm vorgeworfenen Pflichtverstoß und dem vom Kläger behaupteten Schadeno Im übrigen wirft der Beklagte dem Kläger ein mitwirkendes Verschulden vor, weil dieser nicht alsbald nach dem Urteil des Kammergerichts vom 24= November 1953 den Auftrag zur Einreichung der zweiten Schadensersatzklage erteilt habea Schließlich hat der Beklagte bestritten, daß der Kläger Vermögenswerte in der sowjetischen Besatzungszone infolge der Anzeige verloren habe und daß bei einem Gewinn des Prozesses eine Zwangsvollstreckung gegen Frau erfolgreich ausgefallen wäre. Der Kläger ist dem Vortrag des Beklagten entgegengetreten, und hat geltend gemacht, daß schon die zweifelhafte Rechtslage hinsichtlich des Ablaufs der Verjährungsfrist eine alsbaldige Klageeinreichung erforderlich gemacht habe, Ware der Beklagte pflichtgemäß dem Auftrag nachgekommen, die Klage umgehend einzureichen, so hätte die Verjährungseinrede rechtlich keinen Erfolg haben können. Diese Auffassung hält der rechtlichen Überprüfung nicht stando Nach dem Vortrag des Klägers - Bl. 79 dA -hatte dieser bereits seinem bisherigen Prozeßbevollmächtigten, Rechtsanwalt von nach Rechtskraft des im ersten Schadensersatzpro.zeß ergangenen Urteils den Auftrag erteilt, eine weitere Klage einzureichen« Übernahm der Beklagte die Praxis des Rechtsanwalts von so hatte er alsbald nach der Übergabe der Handakten zu prüfen, ob prozessuale Maßnahmen zur V/ahrung der Rechte der jetzt von ihm betreuten Mandanten zu ergreifen waren (RGZ 115» 183, 187)« Durch das Schreiben des Klägers vom 4. Eine kurze Prüfung der Handakten des Vorprozesses hätte dem Beklagten die Einsicht vermitteln müssen, daß hohe Eile geboten war, wenn man den Anspruch vor der Verjährung schützen wollte. Da die Teilklage des ersten Schadensersatzprozesses, die auf demselben Sachverhalt beruhte, im Dezember 1951 auf Grund einer im November J351 erteilten Vollmacht eingereicht v/ar, so lag es nur nahe, daß das Gericht spätestens für den Zeitpunkt November 1951 eine Kenntnis des Klägers im Sinne des § 852 BGB als erwiesen ansehen werde. L(J Beklagten im Prozeß ist der Beginn der Verjährungsfrist des § 852 BGB ebenso wenig abhängig, wie von der Erlangung der "vollen Gewißheit", daß eine bestimmte Person den äußeren und inneren Tatbestand einer unerlaubten Handlung erfüllt Uiat » Da der Beklagte als Rechtsanwalt auch Unsicherheiten der tatsächlichen Feststellung und mögliche Zwoifel in der rechtlichen Beurteilung in Betracht ziehen mußte, war eine Verzögerung umso weniger zu verantworten,als der Kläger die Y/eisung einer umgehenden Klageeinreichung erteilt hatte (vgl» § 665 DGB und § 50 der Reichs-Rechtsan-waltsordnung in der Fassung des Berliner Gesetzes über vorläufige Maßnahmen auf dem Gebiet des Anwaltsrechts vom 6. Das Berufungsgericht hat in einer Hilfsbegründung seiner Entscheidung ausgeführt, wenn man in Verschulden des Beklagten bejahe, so sei die verzögerte Einreichung der Klage für den ungünstigen Ausgang des zweiten Schadens-ersatzprozesses doch nicht ursächlich gewesen« Auch in diesem Punkt hat das Berufungsgericht die Rechtslage vi unzutreffend gewürdigt, Das Berufungsgericht meint, es sei "nicht auszuschließen", daß das Kammergericht der Einrede der Verjährung im Vorj)rozeß auch dann Erfolg gegeben hätte, wenn die Klage früher, etwa im September 1954, eingereicht worden wäre, Anhaltspunkte für eine solche Möglichkeit werden einer Würdigung der Entscheidungsgründe des Urteils des 9» Zivilsenats des Kammergerichts vom 10o November 1959 entnommen, Solche Erwägungen sind jedoch nicht geeignet, die Ursächlichkeit im Rechtssinne zu verneinen„ Es ist nämlich nicht darauf abzustellen, wie der 9» Zivilsenat des Kammergerichts voraussichtlich über die zweite Schadensersatzklage bei ihrem früheren Eingang entschieden haben würde, sondern darauf, wie das Gericht bei richtiger Beurteilung der Sachund Rechtslage über die Schadensersatzklage hätte entscheiden müsöen« wenn sie früher eingereicht worden wäre» Bei der Würdigung ist also die Auffassung des mit der Regreßklage gegen den Anwalt befaßten Gerichts maßgebend (vgl, die in BGB-RGRK 11, Aufl, Anm, 63 vor §611 mitgeteilte Rechtsprechung des Reichsgerichts; BGH NJW 1956, 140 = m RNotO § 21 Nr, 5; NJW 1959, 1125 = LM BGB § 839 (D) Nr, 8; NJW 1964, 405; IM BGB § 675 Nr0 22). Diese Frage hat das Berufungsgericht nicht beantwortet« Eine Beantwortung wäre ohne Auseinandersetzung nit den Vorbringen der Beteiligten und der Beweisaufnahme des Vorprozosses auch nicht möglich gewesen« Der Unterschied in der Beurteilung i3t nicht nur theoretischer Art« Denn nach der Auffassung des Berufungsgerichts scheidet schon die Möclichkeijb, daß der 9» Zivilsenat des Karnmerge-richts auch eine etwas früher eingereichte Klage abgewiesen hätte, die Feststellung aus, daß der Pflichtverstoß des Beklagten für den Schaden ursächlich war« Richtig ist dagegen zu prüfen, ob zu Lasten des Klägers die Feststellung getroffen werden kann, daß er die Um § 852 Abs» 1 BGB vorausgesetzte Kenntnis schon mehr als drei Jahre vor dem Zeitpunkt hatte, in dem der Beklagte bei pflichtgemäßem Handeln die zweite Schadensersatzklage spätestens hätte einreichen müssen« gangen, go fragt sich, ob er diese als genügend zuverlässig ansehen konnte und ob ihm hierauf die Einreichung einer Klage verständigerweiso zuzu demuten war« Nicht iot erforderlich, daß der Kläger alle, Beweismittel in der Hand hatte oder daß die Beschuldigte ihre Beteiligung einrüuntOo Welche Bedeutung in diesem Zusammenhang das Schreiben des Klägers an den Rechtsanwalt Dr«, vom 20 Juli 1950 zukommt, wird der Tatrichter zu prüfen habeno Engels Hanebock Dr«, Hauß Heinrich Meyer Dr0 Pfretzschner