BGH · VI ZR 247/64 vom 12.07.1966
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Der Kläger hat die Beklagten auf Schadensersatz in Anspruch genommen« Er hat behauptet, er habe 2 m seitlich neben dem Lastkraftwagen und damit so weit außerhalb des Ausfahrtbereichs gestanden, daß er über die 13 cm hoho Bordsteinschwelle hätte hinunterfahren müssen, um geradeaus auf die Eahrbahn zu gelangen. Sie haben behauptet, der Zweitbeklagte habe mit dem langen Lastzug nicht anders als geschehen in die Straße einbiegen können. Er habe sich aber, obwohl er den angehängten Teerkocher wahrgenommen habe,, weit näher als 2 m neben dem Lastkraftwagen und zudem im toten Winkel des rechten Rückspiegels aufgestellt, so daß ihn der Zweitbeklagte bei der Orientierung nach rechts nicht habe sehen können. Das Berufungsgericht hat übereinstimmend mit dem Landgericht festgestellt, daß der Zweitbeklagte beim Einbiegen in die Latfim^ Straße in einem engen Bogen gefahren ist und dabei einen Raum mitbenutzt hat, der nicht zur eigentlichen, durch die Abschrägung und Abflachung der Bordstein-kente gekennzeichneten Ausfahrt gehörte, ln welchem Umfang dies geschehen ist, ergab sich aus der polizeilich gesicherten 1 o Entgegen der Meinung der Revision mußte der Zweitbeklagte sehr wohl damit rechnen, daß sich wartende Verkehrsteilnehmer rechts neben seinem Lastzug eingefunden haben konnten, während er für eine nicht unbeträchtliche Zeit den Fuß- und Radweg in seiner gesamten Breite versperrte o Woher sic gekommen soin mochten«, ob auf den versperrten Wegen oder ebenfalls aus der Ausfahrt, ist in diesem Zusammenhang ohne Belango Der Zweitbeklagte mußte sich ferner sagen, daß sich solche Personen für ungefährdet halten würden, solange sie sich einwandfrei außerhalb des am abgesenkton Bordstein erkennbaren Ausfahrtbereichs aufhiolten«, Er konnte von ihnen weder erwarten, daß sie seine Absicht erkannten, einen engen Rechtsbogen unter Verzicht auf die Ausnutzung der vollen Fahrbahnbrcito auszuführen, noch daß sie den für diesen Fall zu erwartenden Nachlauf des letzten Rädorpaarcs richtig cinschUtztcrio Dem Zv/eitbeklagten mußten dagegen die Auswirkungen der von ihm gewählten Fahrweiso klar soin, zu demal ihm die Örtlichkeit nach den Feststellungen vertraut war« Er mußte wissen* daß das letzte Räderpaar bei der Länge des Lastzuges und der Überdies größeren Achsbreite betracht lieh zur Innenseite des Bogens hin abweichen und dabei entsprechend Uber den Bereich der Ausfahrt hinausgeraten würde Wollte er dennoch den ihm nicht vorbehaltenen Raum in Anspruch nehmen* so war es unerläßlich* sich von der Ungefähr lichkeit für andere Verkehrsteilnehmer eindeutig zu überzeugen« Der Gesichtspunkt der Überforderung, auf den die Revision abstellen möchte, vermag in einem solchen Palle den Pahrer nicht zu entlasten«, Es gibt keine erlaubte Fahrweise, bei der dio Gefährdung schuldloser Verkehrsteilnehmer von vornherein in Kauf genommen werden dürfte« Davon abgesehen kann den Erwägungen der Revision auch in tatsächlicher Hinsicht nicht beigetreten werden« Als besonders gefährdet kamen gojfäde Personen in Betracht, die der - auf den nachfolgenden Verkehr eingestellte - rechte Rückspiegel nicht zeigen konnte, weil sie bereits zu weit vorn neben dem Lastkraftwagen standen« Nach dem zutreffenden Hinweis des Berufungsgerichts hat dies der Zweitbeklagte im Strafverfahren selbst mit seiner Darstellung eingeräumt, daß er sich deshalb zur besseren Vergewisserung auf seinem Sitz etwas nach vorn gebeugt habe0 Daß dio Orientierung, gleichviel wie sie erfolgt sein mag, nicht ausreichend gewesen ist, ergibt sich aus der Verteidigung des Zweitbeklagten, daß er den neben dem Lastwagen stehenden Mopedfahrer zu keinem Zeitpunkt gesehen habe« Hierin läge ein Verschulden selbst dann, wenn die Wahrnehmung nur durch das geöffnete rechte Seitenfenster möglich gewesen sein sollteo In solchem Palle wäre der Zweitbeklagte im Hinblick auf dio besondere Gefahr der beabsichtigten Fahr-weise zu dieser Vorsichtsmaßnahme verpflichtet gewesen« Sollte sie die Dichte des von links herannahenden Verkehrs nicht zugolaocen haben« so hätte der Zweitbeklagte eine Aus der Wahl des Aufstellungsortes kann kein Vorwurf gegen den Kläger hergeleitet werden» Er befand eich unstreitig außerhalb des Bereichs der Ausfahrto Der seitliche Abstand zu dem Lastkraftwagen betrug zwei Meter» Dies ist eine tatsächliche Feststellung des Landgerichts, die es auf Grund der gesicherten Spuren getroffen hat und die vom Berufungsgericht übernommen worden ist« Das übersieht die Revision bei ihrer Rüge, das Berufungsgericht sei von diesem Abstand “ohne weiteres“ ausgegangen« Dasselbe gilt von der Feststellung, daß der Kläger etwa neben dem Fahrerhaus des Lastkraftwagens gestanden hat« Da dieser unstreitig mit den Vorderrädern die Fahrbahn erreicht hatte, war die Stellung der Beteiligten vor dem Unfall insgesamt hinreichend geklärt. Im übrigen hätte der Kläger, wenn seine Aufstellung rechts neben dem Ausfahrtbercich nicht möglich gewesen wäre, allenfalls hinter dem Lastzug bleiben müssen« Daß er sich links von Lastzug hätte aufstellen müssen, wie die Revision meint, trifft nicht zu, weil er ebenfalls nach rechts einbiegen wollte«, Schon das Landgericht hat als nicht erwiesen angesehen, daß der neben dem Zugwagen stehende Kläger den angehängton feerkocher gesehen haben müsse0 Es hat sich mit der Angabe des Klägers im Strafverfahren und der dortigen Urteilsfcst-stellung auseinandergesetzt, daß das Moped innerhalb der Ausfahrt von dem Lastkraftwagen überholt worden sei«, Mit rechtlich nicht anfechtbarer Begründung hat das Landgericht dargelegt, weshalb es hieraus nicht die Überzeugung zu gewinnen vermochte, daß auch der Anhänger vor dem Unfall an dem Kläger vorbeigefahren sein müsse«. Der Beweis für das behauptete Selbstverschulden dos Klägers war von den Beklagten zu erbringen« Der Inhalt dor Strafakten;, auf den sie sich bezogen haben, ist vom Tatrichter gewürdigt und als für die begehrte Feststellung nicht ausreichend angesehen worden« Der abweichende Sachverhalt im zweiten Strafurteil schloß dies weder aus, noch hätte er vom Kläger gegenbeweislich entkräftet werden müssen« - Soweit die Revision auf die zwangsläufige Wahrnehmung durch den Geruch zurückkommt, übersieht sie, daß der Teerkocher unstreitig leer war« Endlich ist es auch mit der Lebenserfahrung vereinbar, daß der Kläger sein Augenmerk ebenso wie der Zweitbeklagte nach vorn auf die Fahrbahn gerichtet und dabei wohl den neben ihm haltenden Lastkraftwagen, nicht aber dessen Anhänger bemerkt hat« Im übrigen haben die Vorinstanzen diese Frage mit Recht als nicht entscheidend angesehen« Selbst wenn der Kläger sowohl den Anhänger als auch die nach rechts eingeschlagenen Vorderräder des Zugwageno bemerkt hätteP brauchte er nicht zu gewärtigen, daß er an seinem Standort von dem rechton Hinterrad des Teerkochers erfaßt werden würde« är mußte'» im Gegensatz zu dem Zweit beklagten ■» nicht wissen, daß das letzte Radpaar dos Anhängers so weit nach innen von der Spur dos Zugwagens abweichen konnte« Tatsächlich war dies auch nur möglich, wenn der Zweitbeklagte den Rechtsbogon sehr eng auoführte» Daß diese Absicht bestand, d«h« daß der Zweitbeklagto in die Fahrbahn ohne Ausnutzung ihrer ganzen Breite einbiegen wollte, war für den Kläger nicht ersichtlich« Er war dort, wo er sich aufgestellt hatte, auch nicht zur sorgfältigen Erwägung der etwa möglichen Fahrweise des Lastzuges verpflichtet« Wollte der Zweitbeklagto den Raum neben cler Ausfahrt mitbenutzen, so war es seine Sache, sich von der Ungefährlichkeit zu überzeugen« Nachdem diese als richtig festgestellt worden war, konnte die Schilderung des Klägers im ganzen geglaubt werden; denn daß es möglich war» den Fahrer des Lastzuges aus zwei Meter seitlicher Entfernung durch die Scheibe der Kabine zu seheri, lag auf der Hand und war auch von den Beklagten nicht bezweifelt worden. Endlich war vom Kläger, wie das Berufungsgericht zutreffend dargelegt hat, unter keinem Gesichtspunkt zu verlangen, daß er zugleich mit dem Lastzug oder sogar von diesem auf die Fahrbahn hinunterfuhr.