BGH · VI ZR 219/63
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Die Klägerin hat behauptet: Ihr Fahrer Wiesinger sei gezwungen gewesen anzuhalten, weil plötzlich eine unvorhergesehene Störung des Motors aufgetreten sei« Y/iesinger habe den Lastzug nach rechts gesteuert, ihn langsam ausrollen lassen und durch Betätigen der Handbremse zu dem Stehen gebrachte Das Fahrzeug sei beleuchtet gewesen und habe mit seinen rechten Hadern auf dem rechten Randstreifen etwa 10 cm vom Rasenstreifen entfernt gestandene habe, um den nachfol- Die Klägerin hat weiter geltend gemacht, der Unfall sei allein auf das grob verkehrswidrige Verhalten des Beklagten zurückzuführen0 Dieser sei bei abgeblendetem Licht mit einer Geschwindigkeit von 70 km/st gefahren und habe, anstatt auf die vor ihm liegende Fahrbahn zu achten, seinen Kopf durch das linke Fenster des Führerhauses hinausgestreckt und nach rückwärts geblickt« Er habe infolgedessen den haltenden Lastzug nicht gesehen und sei ohne abzubremsen mit voller Geschwindigkeit auf ihn aufgefahren, obwohl das ausreichend beleuchtete Fahrzeug in der mondhellen Nacht und bei der Sichtweite von 250 bis 300 m gut und auch früh genug zu erkennen gewesen sei« Wenn au^ die Fahrbahn geachtet hätte, hätte ihm schon vorher nicht entgehen können, daß der vor ihm fahrende Lastzug seine Geschwindigkeit allmählich verringert habe, rechts herangefahren sei und am äußersten Fahrbahnrand angchalten habe« Ferner hätte ihm auch nicht entgehen können, daß die linken Blinklichter eingeschaltet gewesen seien und daß der Fahrer mit der brennenden Blinkwarnleuchte in der Hand an der linken Seite des Lastzuges entlang gelaufen sei« Die Beklagten haben um Abweisung der Klago geboten» Die beklagte GmbH hat mit der Widerklage beantragt, die Klägerin zur Zahlung von 12»001?75 DM nebst Zinsen zu verurteilen» Sie gibt zu, daß ihren Fahrer, den Beklagten ein Verschulden an dem Unfall trifft und hat deshalb nur die Hälfte ihres angeblich 24o003?50 DM betragenden Schadens geltend gemacht» Die Beklagten sind der Ansicht, der Fahrer der Klägerin sei mindestens zur Hälfte mit schuld an dem Unfall» Er habe nicht genügend deutlich angezoigt, daß er halten wolle; er habe die Bremslichter auf-leuchtcn lassen, den Lastzug also nicht nur mit der Handbremse, sondern durch Betätigen der Fußbremse zu dem Stehen bringen müssen» Der Fahrer der Klägerin habe gesehen, daß ihm ein Lastzug folgte, und habe auch mit weiteren Fahrzeugen rechnen müssen» Allein aus dem Rechtsheranfahren sei, besonders bei Hacht, die Absicht anzuhalten nicht, allenfalls erst aus nächster Entfernung zu erkennen gewesen, zu demal der Lastzug nur unwesentlich rechts herangefahren sei» Das Fahrzeug habe auch nicht parallel zur rechten Fahrbahnbegrenzung, sondern mit dem hinteren Teil des Anhängers schräg weiter in die Fahrbahn hineingestanden» Die Beklagten haben bestritten, daß am Anhänger der Klägerin der linke Blinker eingeschaltet gewesen sei; der Beklagte Dabruck habe den Blinker nicht gesehen» Auf jeden Pall;: müsse sich die Klägerin:* da der Unfall für sie kein unabwendbares Ereignis gewesen sei, die von ihrem Lastzug ausgehende Be'triebsgefahr anrechnen lassen» Diese Betriebsgefahr habe bei der Entstehung des Unfalls wesentlich mitgewifckt, denn der bei Nacht auf der Autobahn abgestellte Lastzug mit dem dreiachsigen Anhänger sei ein erhebliches Hindernis gewesen» Hinzu komme, daß der Motor und das Blinklicht nicht in Ordnung gewesen seien» Demgegenüber sei die Betriebsgefahr des Sattelschleppers erheblich geringer gewesen» Seine Geschwindigkeit von 70 km/st sei auch bei Abblendlicht mit Rücksicht auf die mondhelle Nacht und den geringen Verkehr nicht zu hoch gewesen» Die Klägerin hat bestritten, daß der Motor schon vorher öfter ausgesetzt und daß ihr Fahrer etwas derartiges erklärt habe» Das Fahrzeug sei in allen wichtigen Teilen regelmäßig nachgesehen und gepflegt worden» Das plötzliche Aussetzen des Motors sei nicht auf einen Bedienungsfehler, sondern darauf zurückzuführen, daß die Kraftstoff- oder die Luftzufuhr vorübergehend unterbrochen worden sei» Das lasse sich bei Lastkraftwagenmotoren auch bei bester Pflege und sachgemäßer Bedienung nicht ausschließen und behebe sich meist nach kurzer Zeit von selbst wieder» Der Fahrer habe aber die Ursache für das Aussetzen des Motors nicht vorher erkennen können, sondern damit rechnen müssen, daß das Ingangbringen des Motors einige Zeit dauern werde» Nach der Ansicht des Berufungsgerichts ist die Klägerin ebenfalls für den Unfall verantwortlich0 Der Unfall sei für sie kein unabwendbares Ereignis im Sinne des § 7 Abs« 2 StVG gewesene Einmal könne schon mit Rücksicht auf das Versagen der Brennstoffzufuhr als ein Versagen der Verrichtungen des Kraftfahrzeugs nach dem Gesetz ( § 7 Abs0 2 StVG) nicht vjn einem unabwendbaren Ereignis gesprochen werden« Zum anderen habe der Fahrer der Klägerin aber auch nicht jede in dieser Lage gebotene Sorgfalt beobachtet, denn er habe vor dem Anhalten auch noch die Fußbremse kurz betätigen können, um die Bremslichter wenigstens kurz A Aufleuchten zu bringen» Er habe den Lastzug langsam ausrollen lassen, ihn dabei allmählich nach rechts gefahren und so zu dem Halten gebracht, daß die rechten Hader etwa 10 cm vom rechten Hasenstreifen entfernt standen„ Durch dieses Verhalten, das bis zu dem Stehen des Fahrzeugs einige Sekunden in Anspruch genommen habe, habe der Fahrer der Klägerin dem nachfolgenden Verkehr deutlich zu erkennen gegeben, daß er am rechten Fahrbahnrand halten wolle«, Wie das Berufungsgericht weiter feststellt, hat der Fahrer der Klägerin, nachdem das Fahrzeug zu dem Stehen gekommen war, das linke Blinklicht eingeschaltet, Das sei, so wird im Berufungsurteil ausgeführt, die übliche und geeignete Maßnahme gewesen, um in der Zeit bis zu dem Aufsteilen der Warnblinkleuchte^den nachfolgenden Verkehr zu warnen und ein Auffahren zu verhüten. fahrenden Lastzug bemerkt und nach seinen eigenen Angaben auch erkannt habe* daß der Lastzug mit geringerer Geschwindigkeit fuhr und die Geschwindigkeit noch herabsetzte , habe er aus dom Seitenfenster des Führerhauses nach rückwärts geschaut* um sich zu vergewissern* ob er den Lastzug noch vor einem von hinten herankommenden Opel-Kapitän überholen konnte» Das Berufungsgericht ist der Ansicht* D(^H)habc sich nicht darauf verlassen dürfen, daß der vor ihm fahrende Lastzug mit unverminderter Geschwindigkeit weiter fahren werde, zu demal er nach seiner eigenen Erklärung dessen Langsamerwerden erkannt habe» Wenn er die vor ihm liegende Fahrbahn aufmerksam beobachtet hätte, wie es bei der hohen Geschwindigkeit von 70 km/st und bei der Nachtzeit seine Pflicht gewesen sei, so hätte er mit Sicherheit rechtzeitig bemerkt, daß der vor ihm fahrende Lastzug nicht nur seine Geschwindigkeit allmählich verringerte, sondern auch nach rechts heranfuhr und schließlich am rechten Fahrbahnrand anhielt» Als der Lastzug zu dem Stehen gekommen sei, sei Dabruck mit dem Sattelschlepper noch 200-300 m entfernt gewesen» Das ergebe sich aus der Zeit, die nötig gewesen sei für die Handlungen des Fahrers WdHBI zwischen dem Anhalten und dem Aufprall - Anziehen der Handbremse, Einschalten des linken Blinkers, Ergreifen und Einschalten der Warn-blinklampe, Aussteigen, Bewegen zu dem Ende des Anhängers und zurück - und der vom Beklagten eingehal- 2» Soweit die Revision darauf verweist, daß der Fahrer Wiesinger verpflichtet gewesen sei, vor dem Halten mit Hilfe der Fußbremse die Bremslichter auf-leuchten zu lassen, bestätigt sie mit ihren Ausführungen die Ansicht des Berufungsgerichts» Bas Berufungsgericht hat diese Verpflichtung dos Fahrers der Klägerin aus-drücklich hervorgehoben und ihre Verletzung bei der Abwägung berücksichtigt» 3» Zu Unrecht beanstandet die Revision, daß der Fahrer der Klägerin unmittelbar nach dem Anhalten die linken Blinklichter eingeschaltet hat» Ob diese Maßnahme richtig war, kann auf sich beruhen» Ba der Beklagte B^^^dic Blinklichter nicht bemerkt hat, Die Blinkleuchten sind, wie sich aus § 54 StVZO ergibt, in erster Linie Fahrtrichtungsanzeiger, also dazu bestimmt, die Änderung der Fahrtrichtung anzuzcigen» Daß an den rechten Fahrbahnrand heranfuhr, war keine Änderung der Fahrtrichtung und verpflichtete ihn daher nicht, die rechten Blinkleuchten einzuschalteno Zwar ist es weitgehend üblich, die Blinkleuchten auch zu anderen Zwecken zu verwendeno Es besteht aber keine gesetzliche Pflicht hierzu» Vor allem macht § 11 StVO dem Kraftfahrer nicht zur Pflicht, die Absicht des Haitons durch Bedienung der Blinkleuchten anzuzeigen» 5* Mit einer weiteren Rüge bemängelt die Revision, daß das Berufungsgericht den Fahrer B nicht zu der Behauptung der Beklagten vernommen hat, zu demindest der Anhänger des Lastzuges habe vor dem Unfall nicht 10 cm vom rechten Rasenstreifen entfernt, sondern weiter zur Mitte der Fahrbahn gestanden» Diese Rüge kann keinen Erfolg haben» nicht nur im Strafverfahren, sondern auch bei seiner Vernehmung durch das Landgericht im jetzigen Rechtsstreit darüber vernommen worden, wie er den Lastzug abgestellt hat» dem Zusammenstoß bemerkt und darauf durch Bremsen und Ausbiegen nach links versucht hat, den Unfall zu vermeiden» Auch für diesen Pall trifft ihn ein erhebliche Verschulden, denn es ist eine schwere Verletzung der i Verkehr erforderlichen Sorgfalt, daß er erst im letzte Augenblick auf den haltenden Lastzug aufmerksam wurde, obwohl die auf das Halten hinweisende Pahrweise des Lastzuges mehrere Sekunden gedauert hat und obwohl er nach den Pestotellungen des Berufungsgerichts noch 200 bis 300 m entfernt war, als der Lastzug schon hielt» In jedem Palle überv/iegen sein Verschulden und die Botriebsgefahr des von ihm gesteuerten Pahrzeugs so sehr, daß demgegenüber die von der Klägerin zu vertretende Betriebsgefahr ihres Lastzuges und das gering Verschulden ihres Fahrers in ihrer ursächlichen Bedeutung für den Unfall erheblich zurücktreten»