BGH · VI ZR 218/63
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Bie beamtenrechtliche Regelung der Unfallfürsorge und -Versorgung schließt nicht aus, daß der Bienotherr dem Beamten und seinen Hinterbliebenen zur Gewährung der Unfallfürsorge und -Versorgung auch aus einer für den Bienstunfall des Beamten ursächlich gewordenen Verletzung der bcamtenrechtlichen Fürsorgepflicht verpflichtet sein kann. Ber Bienstherr, der den verantwortlichen Urheber des Dienstunfallo eines Beamten auf Ersatz seiner Leistungen an Unfallfürsorge und -Versorgung in Anspruch nimmt, ist ihm zur Ausgleichung verpflichtet, wenn für den Bienstunfall zugleich eine schuldhafte Verletzung der beamtenrechtlichen Fürsorgepflicht ursächlich geworden ist. - Prozeßbevollmächtigter: Rechtsanwalt Br Der VIo Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat i auf die mündliche Verhandlung vom 15» Dezember 1964 unter Mitwirkung des Senatspräsidenten Dr0 Engels und der Bun-desrichtor Hanebeck, Dr» Bode, Dr0 Hauß und Dr» Pfretzschner für Recht erkannt: Auf die Berufung des Landes Hessen wird das Urteil der 4o Zivilkammer des Landgerichts Frankfurt am Main vom 19» Juli 1962, soweit es sich gegen den Beklagten Schmolke richtet, abgeänderto Der Klageanspruch zu Ziffer 1 ist dem Beklagten Schmolke gegenüber dem Grunde nach zu 1/4 des Sachschadens gerechtfertigt, der dem Lande Hessen durch den Verkehrsunfall vom 30« Januar 1959 entstanden ist» Das klagende Land hat v/egen der Aufwendungen, die ihm an Unfallfürsorge und -Versorgung für den Verunglückten und seine Hinterbliebenen erwachsen sind und weiter entstehen werden, auf Grund des Forderungsübergangs nach § 136 dos Hessischen Gesetzes vom '11. Hinsichtlich dieser Schäden hat cs jedoch der schuldhaften Mitverursachung des Unfalls durch den eigenen Fahrer Rechnung getragen und mit dem Verlangen nach Zahlung von 1 386,08 DM nebst Prozeßzinsen (Klageantrag zu 1) nur l/4 der Sachschäden geltend gemacht. lo Das Berufungsgericht hat die Schadensersatzpflicht dos Beklagten für die mit der Klage geltend gemachten Schäden dom Grunde nach bejaht« Bei den Fahrzeugschäden hat es den Anspruch auf Ersatz eines Viertoife der noch festzustcllendon Schadensbeträge nach §§ 7, 17 StVG für gerechtfertigt gehalten« Bei den Schäden, die in der Person des verunglückten und seiner Hinterbliebenen entstanden sind, hat es eine Schadensersatzpflicht des Beklagten auf Grund der Haftungsvorschriften des Straßenverkehrsgesetzes wie des Bürgerlichen Gesetzbuches über unerlaubte Handlungen als begründet angesehen und den Beklagten zufolge dos gesetzlichen Porderungsübergangs nach § 136 HBG dem klagenden Lande gegenüber in vollem Umfang zur Br satzlei stung für verpflichtet erachtet« Hatte dessen Fahrer auch nach den Feststellungen des Berufungsgerichts ebenso v/ie vor ihm einige andere Fahrer noch rechtzeitig das Fahrthindernis auf der Autobahn bemerkt und sein Fahrzeug zu dem Stehen bringen können, - bei einem Abstand von ungefähr 65 m zwischen ursprünglicher Unfallstelle und Anstoß des Regierungsfahrzeugs so war er doch eben darum zu dem Anhalten genötigt gewesen, weil der Beklagte durch den von ihm angerichteten Unfall die Autobahnblockierung herbeigeführt hatte. Der durch das Auffahren des Regierungsfahrzeugs auf den Lastkraftwagen entstandene Schaden liegt nicht außerhalb des Bereiches der Folgen, zu deren Ausgleichung die vom Beklagten verletzten Haftungsnormen ( § 823 Abs. 1 und § 823 Abs. 2 BGB i.V. m. besondere Umstände dagegen sprechen, erwarten und sich darauf einrichten, daß andere Verkehrsteilnehmer die für sie geltenden Vorschriften beachten und nicht durch pflichtwidriges Verhalten den Verkehr gefährden« Hier geht es aber nicht darum, wie der' Beklagte im Hinblick auf das zu erwartende Verkehrs verhalten anderer seine Fahrweisc gestalten durfte, sondern um die Frage, für welche Folgen sein verkehrswidriges Verhalten ursächlich geworden ist« Daß der Beklagte es bei seiner Fahrt in den Nebel auf einen Aufprall auf voraus befindliche Fahrzeuge im Vertrauen darauf hätte ankommen lassen dürfen, nachfolgende Fahrer würden schon aufpassen, daß ihnen nicht möglicherweise Gleiches widerfahre, kommt nicht in Betracht und wird auch von der Revision nicht vertreten-« 3„ Da mit der Möglichkeit zu rechnen war, daß bei dem herrschenden Nobel ein vom Beklagten verursachter Auffahrunfall gleichartige Unfälle nachfolgender Fahrzeuge nach sich zog, und bei Anwendung der verkehrserforderlichen Sorgfalt auch der Beklagte hiermit rechnen mußte, hat das Berufungsgericht mit Recht angenommen, daß von dem Verschul den, das den Beklagten trifft, auch der Auf fahrunfall des Regierungsfahrzeugs mit seinem Folgeschaden umfaßt wird« Zutreffend hat das Berufungsgericht darauf abgestellt, wie sich die Betriebsgefahr der beiden Fahrzeuge bei dem schuldhaften Verhalten der beiden Fahrer schadensursächlich ausgewirkt hat« Wenn es in dem Ausmaß des beiderseitigen Verursachungsbeitrags und Verschuldens keine wesentlichen Unterschiede gesehen hat, so läßt sich dies rechtlich nicht beanstanden« Bie Begründung der Schadensverteilung genügt den an sie zu stellenden Anforderungen« Bie Revision muß daher - mit der in der Urteilsformel vorgenommenen Verdeutlichung - zurückgewiesen worden, soweit über den Anspruch des Landes auf Ersatz eines Viertels seiner Sachschäden dem Grunde nach erkannt ist« den sind, beide Kraftfahrzeuge und die schuldhafte Fahrweise beider Fahrer ursächlich beteiligt waren, ist das Berufungsgericht trotz der von ihm selbst hervorgehobenen Härte des Ergebnisses zu der Auffassung gelangt, daß für die den Verletzten entstandenen und auf das klagende Land übergegangenen Schadensersatzansprüche der Beklagte voll einzustehen habe« Bie rechtliche Möglichkeit einer Schadensausgleichung zwischen dem Beklagten und dem Lande, so hat das Berufungsgericht erwogen, scheitere daran, daß für Meuer und seine Hinterbliebenen Schadensersatzansprüche nur gegen den Beklagten, nicht aber auch gegen das Land entstanden seien, und daß der Beklagte selbst gleichfalls fahrzeugs gewesen sei ( § 8a StVG)» Eine Schadensersatzpflicht aus unerlaubter Handlung scheide aus, da sich das Regierungsfahrzeug auf einer hoheitlichen Dienstfahrt befunden habe und die Verletzten wegen der ihnen aus der schuldhaften Fahrweise des Fahrers entstandenen Schäden das klagende Land nach § 839 BGB io Verb« mit Arto 34 GG nur dann in Anspruch nehmen könnten, wenn sie nicht auf andere Weise Ersatz zu verlangen vermöchten; eine anderweitige Ersatzmöglichkeit bestehe aber auf Grund der Scha-densersatzpflicht des Beklagten» Die Subsidiarität der Staatshaftung schließe es auch aus, daß der Beklagte wegen der Schadenslast, die ihn auf Grund des Unfalls des Regierungsschulrats M^^^trdffe, seinerseits einen Schadensersatzanspruch gegen das klagende Land aus schuldhafter Amtspflichtverletzung des Regierungsfahrers erheben könne, ganz abgesehen davon, ob dem Fahrer eine Amtspflicht gegenüber dom Beklagten obgelegen habe» Fraglich könne nur sein, ob dem Lande nicht eine Schadensersatzpflicht gegenüber Heuer und seinen Hinterbliebenen daraus erwachsen sei, daß die beamtenrechtliche Fürsorgeßflicht, die das Land gegenüber gehabt habe, durch den Regierungsfahrer vorletzt worden sei, für dessen Verschulden das Land nach den entsprechend anwendbaren Grundsätzen des § 278 BGB cinzustehen habe» Das Berufungsgericht hat diese Frage jedoch verneint» Es hat sich der Auffassung angeschlossen, die der III» Zivilsenat des Bundesgerichtshofs in der Entscheidung vom 16» Februar 1959 - III ZR 199/57 - BGHZ 29» 310 - vertreten hat, daß die schuldhafte Verletzung der Der erkennende Senat vermag der in der Entscheidung BGHZ 299 310 ausgesprochenen Rechtsansicht nicht beizu-troten« Sie steht im Widerspruch zur verwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung wie auch zur Rechtsprechung des Reichsgerichts (vgl« die Nachweise in dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 24« August 1961 - BVerwGE 13* 17) und der bisherigen Rechtsprechung dos Bundesgerichtshofs (vgl« die Nachweise in der Anmerkung von Pagendarm zu der genannten Entscheidung des III« Zivilsenats bei LM Nr« 14 zu § 36 DBG)« Wie der II« Senat des Bundesverwaltungsgerichts in dem Urteil BVerwGE 13 9 17 unter Zustimmung des VI« Senats (Urteil vom 20« März 1963 - VI C 169/60 -Buchhols BVerwG 232 § 79 BBG Nr« 6) mit eingehender Begründung dargelegt hat, führt die schuldhafte Verletzung, der beamtenrechtlichen Pürsorgepflicht nach allgemeinen Grundsätzen der deutschen Rechtsordnung, wie sie in den §§ 276, 278, 618 Abs« 3 BGB zu dem Ausdruck gelangt und auch im öffentlichon Dienstrecht anzuwenden sind, zu unmittelbarer Schadenshaftung des Dienstherren« Das ist auch die Meinung, die im Schrifttum vertreten wird (vgl« wiederum die Nachweise in dem Urteil BVerwGE 13, 17 sowie bei Pagendarm aaO)« Gleicher Ansicht ist das Bundesarbeitsgericht (BAG 8, 260, 270)« Der erkennende Senat macht sie sich ebenfalls zu eigen« Der III« Zivilsenat hat auf Rückfrage erklärt, daß er mit Rücksicht auf die Einhelligkeit der verwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung an der in der Entscheidung BGHZ 29» 310 vertretenen Ansicht nicht mehr festhälto Nach § 122 Abs» 1 HBG ( von 1954), einer Bestimmung gleichen Inhalts wie § 151 BBG und § 81 BRRG, haben der verletzte Beamte und seine Hinterbliebenen aus Anlaß eines Dionstunfalls gegen den Dienstherrn allerdings nur die im Beamtongesetz geregelten Ansprüche auf Unfallfürsorge und -Versorgung (ebenso jetzt § 165 HBG vom 21 »3«1962)» Y/eiter-gehende Ansprüche auf Grund allgemeiner gesetzlicher Vorschriften, so war in § 122 Abs0 2 HBG ( von 1954) bestimmt, können gegen einen öffentlichen Dienstherrn im Geltungsbereich dos Gesetzes oder die in seinem Dienst stehenden und in Ausübung der ihnen anvertrauten öffentlichen Gewalt handelnden Personen nur dann geltend gemacht werden, wenn der Dienstunfall durch eine vorsätzliche unerlaubte Handlung einer solchen Person verursacht oder bei Teilnahme am allgemeinen Verkehr - im Sinne des Gesetzes über die erweiterte Zulassung von Schadensersatzansprüchen bei Dienstund Arbeitsunfällen vom 7-10o1943 (RGBl I, 674) - eingetreten ist« Soweit in dieser Vorschrift ausgesprochen war, daß der Bedienstete in Ausübung anvertrauter öffentlicher Gewalt gehandelt haben müsse, wenn weitergehende Ansprüche auf Grund allgemeiner gesötzlicher Vorschriften sollten geltend gemacl: werden können, ist diese Voraussetzung in § 165 Abs« 2 HBG von 1962 in Anpassung an § 151 BBG und § 81 BRRG fallen gelassen worden« Die Schadenshaftung bezieht sich nämlich nur auf solche Leistungen, v/ie sie das Land als Unfallfürsorge und -Versorgung gewährt hat und v/eiter gewähren wird* Y/&Vergehende Ansprüche des Verletzten und seiner Hinterbliebenen gegen das Land sind nicht im Spiel« Ihre Grundlage findet die dargelegte Schadenshaftung auch ebenso wie die gewährte und weiter zu gewährende Unfallfürsorge und -Versorgung in dem öffentlich-rechtlichen Beamtenverhältnis, in dem zu dem klagenden Lande gestanden^hat« Es war im besonderen die Fürsorgepflicht des Landes gegenüber seinem Beamten und dessen Hinterbliebenen, aus der sich die Verpflichtung des Landes zur Gewährung der in Rede stehenden Leistungen ergab« Wie die gesetzliche Regelung der Unfallfürsorge und Unfall-veroorßung Ausfluß der Fürsorgepflicht des Landes gegenüber seinen Beamten und ihren Hinterbliebenen ist, so beruht es gleichfalls auf dieser Fürsorgepflicht des Landes, daß vermöge Anwendung allgemeiner Grundsätze des deutschen Rechts im öffentlichen Dienst für einen durch Dienstunfall betroffenen Beamten und seine Hinterbliebenen Ansprüche auf die Unfallfürsorge und -Versorgung auch bei schuldhafter Verletzung der beamtenrechtlichen Fürsorgepflioht bestehen« Es läuft auf dasselbe hinaus, wenn das Land zu den Leistungen, die es in Erfüllung seiner Fürsorgepflicht bewirkt und weiter zu bewirken hat, auch aus der Verletzung der Fürsorgepflicht durch das von ihm zu vertretende schuldhafte Handeln seines Bediensteten verpflichtet ist« Bann ob das klagende Land dem Regie rungs schulrat Steuer und seinen Hinterbliebenen in Höhe der Leistungen an Uhfall-fürsorge und -Versorgung, die es vom Beklagten zurückverlangt, aus dem Gesichtspunkt schuldhafter Verletzung der bearatenrechtlichen Fürsorgepflicht zu Schadensersatz verpflichtet war, ist hier nur eine Vorfrage in dem bürgerlichen Rechtsstroit über den Schadensausgleich zwischen dem Lande und dem Beklagten wegen der entstandenen Verkehr sunf all Schäden. Für die Schäden, die dem Regierungsschulrat und seinen Hinterbliebenen entstanden und durch Gewährung von Unfallfursorge und -Versorgung auf das Land übergeleitet sind, hat hiernach eine gesamtschuldnerische Schadens-haftung des Landes und des Beklagten bestanden, infolgedessen sind Land und Beklagter einander nach § 426 BGB zur Schaconsausgleichung verpflichtet (BGHZ 6, 3, 25? wendung gelangt sind» Die Schadensverteilung kann daher keine andere sein, als hie das Berufungsgericht bei dem Sachschaden an sich für gerechtfertigt gehalten hat, wo es den Anteil von Verursachung und Schuld auf beiden Seiten gleichmäßig veranschlagt. Mag der Schadensersatzanspruch des klagenden Landes hinsichtlich der an seinem Fahrzeug entstandenen Schäden wegen der Beschränkung seines Ersatzbegehrens für die Sachschäden auf ein Viertel auch nur zu einem Viertel dem Grunde nach für gerechtfertigt erklärt worden sein, so hat bei den Schadensersatzansprüchen, die es kraft des gesetzlichen Forderungsübergangs unbeschränkt geltend macht, doch eine hälftige Teilung dos vom Forderungsübergang ergriffenen Schadens des verunglückten Meuer und seiner Hinterbliebenen einzu-treten.