BGH · VI ZR 211/69 vom 11.05.1971
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1« Die Berufung des Erst beklagten gegen das Urteil der 4« Zivilkammer des Land-gerlchts Osnabrück vom 10« April 1968 wird aurttckgewlesen« Der Kläger hat, gestützt auf §§ 823, 830 BGB, die beiden Beklagten auf Schadensersatz in Anspruch genommen« Hach seiner Darstellung war der fragliche Stein nicht von seinem Freund Christoph geworfen worden, weil dieser in jenem Augenblick hinter ihm gestanden habe« Aber auch das Kind Hel no müsse aus scheiden, denn er habe nicht so weit geworfen, auch nie getroffen« Zudem zeige die Wucht des Wurfes, der außer der Augenverletzung eine Gehirnerschütterung zur Folge gehabt habe, daß der kleine und nicht sonderlich kräftige Hei no nicht der Urheber des Schadens gewesen sein könne« Hand einen Stock gehalten zu haben, um die Hunde abzuwehren, habe also gar nicht mit Steinen werfen können« Außerdem bringen beide Beklagte vor, der Kläger sei in Wirklichkeit von einem der von Hei no geworfenen Steine verletzt worden« Schon deshalb könne sich der Kläger, da somit seine Verletzung auch durch einen Nicht-Haftpflichtigen verursacht sein könne, nicht auf § 830 Abs« 1 Satz 2 BGB berufen« Bas Landgericht hat die begehrte Feststellung getroffen, die Haftung der Beklagten indes auf die Hälfte beschränkt, weil dem Kläger ein Mit verschulden zur Last zu legen sei; als Schmerzensgeld hat es ihm 3.000 DM zugesprochen« Das Berufungsgericht sieht sich so wie das Landgericht trotz der von diesem und von ihm seihst durchgeführten Beweisaufnahme außerstande, mit der erforderlichen Sicherheit festzustellen, welcher der Jungen den Stein geworfen hatte, der den Kläger verletzt hat« Das Berufungsgericht verneint daher, daß der Kläger die Beklagten schon aufgrund der allgemeinen Regeln nach §§ 823 , 847 BGB in Anspruch nehmen könne« Auch die Anwendbarkeit des § 830 Abs« 1 BGB sei zu verneinen, so meint das Berufungsgericht, weil sich die Voraussetzung des Satzes 1 dieser Bestimmung, eine von beiden Beklagten gemeinschaftlich begangene unerlaubte Handlung, nicht feststellen lasse« Angesichts des Ergebnisses der Beweisaufnahme könne sich der Kläger aber auch nicht auf Satz 2 dieser Bestimmung stützen, so daß dahingestellt bleiben könne, ob auch der Zweitbeklagte geworfen habe« Denn auch wenn er neben dem Erstbeklagten als Urheber der Verletzung des Klägers in Betracht komme, scheide die Anwendung der Beweiserleichterung des § 830 Abs«1 Satz 2 BGB hier deshalb aus, weil der Stein ebenso gut von dem damals noch nicht 7 Jahre alten Hei no geworfen sein könne« Der Behauptung des Klägers, nach den Umständen könne der Stein nicht aus dessen Wurf herrühren, könne nicht gefolgt werden« Komme aber, so meint das Berufungsgericht, das nicht verantwortliche Kind Heino (§ 828 Abs« 1 BGB) als einer der Beteiligten ebenso wie die beiden Beklagten in Betracht, so fehle es an der Vor aus Setzung des § 830 Abs. 1 Satz 2 BGB, daß der Schaden von diesen mehreren Beteiligten durch eine von jedem von ihnen begangene unerlaubte, also nicht nur rechtswidrige, sondern auch schuldhafte Handlung verursacht sein könne. Die Revision greift mit auf § 286 ZPO gestützten Rügen die Peststellung des Berufungsgerichts an, daß der Stein, der den Klüger verletzt hat, auch von Heino geworfen sein könne. Hinsichtlich der Anwendung des § 830 Abs. 1 Satz 2 BGB hat der Bundesgerichtshof allerdings ausgesprochen, daß dann, wenn einer der Beteiligten rechtmäßig gehandelt hat - etwa aufgrund befugten Waffengebrauchs -, nicht nur dessen Haftung ausscheidet, sondern auch die Inanspruchnahme des anderen Beteiligten aus dieser gesetzlichen Bestimmung (Senatsurteil vom 17* Dezember 1952 - VI ZR 6/52 - LM § 830 BGB Nr. 2). -rv Hier wird» wenn auch ohne nähere Auseinandersetzung mit dem besonders liegenden Fall der Beteiligung eines Schuldunfähigen, teils die Ansicht vertreten, daß, wenn einer der Beteiligten nicht schuldhaft gehandelt hat, nur dessen Inanspruchnahme ausscheide, nicht aber die der Übrigen Beteiligten (so Schäfer in Staudinger, B6B 10./11. Denn die beiden Beklagten haften auch dann, wenn zu ihren Gunsten angenommen wird, daß der Stein, der den Kläger verletzt hat, von Hel no geworfen worden 1st. Die Beklagten haben gemeinschaftlich mit Hei no, als die eine Partei, auf den Kläger und seinen Freund, als die andere Partei, Steine geworfen mit dem Ziel, diese zu treffen. 1* Bei diesem Sachverhalt kann sich vielmehr schon fragen, ob die Beklagten nicht bereits unmittelbar aus § 823 Abs« 1 BGB, also ohne Rückgriff auf § 830 BGB, dem Kläger haften« Dazu meint das Berufungsgericht, die Haftung entfalle, weil ungewiß geblieben sei, ”ob und wer von den Beklagten” den Stein, der den Kläger verletzt hat, geworfen habe« Diese Betrachtung trägt den Besonderheiten solcher Steinschlachten nicht genügend Rechnung« Die Jungen waren zwar wegen der Hunde, die sie bei sich hatten, in Streit geraten« Sie warfen mit den Steinen aber nicht wechselseitig auf den Hund ihres jeweiligen Gegners, sondern auf diese selbst« Das taten sie nicht nur, um sie zu erschrecken, sie zu vertreiben oder am Veitergehen zu hindern, sondern um sie zu treffen« Dabei war jeder Treffer eines Jungen ein Treffer seiner Bartei« Selbst wenn, wie der Kläger behauptet, Heino zu klein gewesen war, um ihn oder seinen Freund zu treffen und dabei gar zu verletzen, so war er ebenso sein Gegner wie die beiden Beklagten; denn er warf so wie diese mit Steinen« Seine Würfe konnten zu demindest objektiv dazu dienen, den Kläger und seinen Freund bei ihren eigenen Würfen abzulenken, sie in ihrer Aufmerksamkeit, vor allem beim Ausweichen vor einem Stein, zu stören, sie auch zu hindern, sich nach allen Seiten frei zu bewegen« So gesehen haben die Beklagten auch dann die Terletzung des Klägers im Sinne des § 823 Abs« 1 BGB verursacht, wenn der fragliche Stein nicht von ihnen, sondern von Helno geworfen war. Daß der Kläger dem Stein nicht ausgewichen war, sondern getroffen wurde, kann dadurch verursacht worden sein, daß die beiden Beklagten in diesem kritischen Augenblick ebenfalls auf den Kläger zielten und warfen« a) Voraussetzung der Anwendung des § 830 Abs. 1 Satz 1 BGB ist nach der Rechtsprechung, daß die Mittäter so wie Mittäter im Sinne des Strafrechts (§47 StGB) bewußt und gewollt zusammengewirkt haben (BGHZ 8, 288, 292; BGH Urteil vom 30. Bas 1st an sich richtig, rechtfertigt aber bei dem hier fest gestellten Geschehen, wie die Revision mit Recht rügt, nicht die Beurteilung des Berufungsgerichts, bei der überdies zweifelhaft ist, ob es sich um eine tatsächliche Feststellung oder nicht vielmehr um eine Rechtsausführung bandelt. Dem Zusammenhang des Berufungsurteils ist ferner die Feststellung zu entnehmen, daß nicht etwa ein außerhalb der im Sinne des § 830 Abs. 1 Satz 1 BGB gemeinschaftlich handelnden Gruppe stehenderDritte, wie etwa der auf der Seite des Klägers beteiligte Christoph, den Stein, durch den der Kläger verletzt worden ist, geworfen hat. Anders als im "Knallerbsen-Fall" des Reichsgerichts (RGZ 38, 357), bei dem die damals Verklagten, wie das Reichsgericht hervorhebt (insoweit nur ln JW 1904, 486 Hr. 10 abgedruokt), nicht zielbewußt rv auf Menschen geworfen hatten, wollten hier die Beklagten und Heino den Kläger treffen* Damit aber übertraten sie als Mittäter (§47 StGB) die Strafbestimmung des § 366 Kr* 7 StGB, handelten also gemeinschaftlich einem Gesetz zuwider, das den Kläger schützen wollte (§ 823 Abs* 2 BGB)* Infolgedessen haften sie nicht nur für den Schaden, den jeder von ihnen nachgewiesenermaßen verursacht hat, sondern gemäß § 830 Abs* 1 Satz 1 BGB für jeden Schaden, der durch diese gemeinschaftliche Handlung verursacht worden ist* Diese Haftung tritt auch dann ein, wenn der Stein, der den Kläger verletzt hatte, von Heino geworfen war (vgl* RG Recht 1923 Kr* 646 * Gruch 67, 167)« Darauf, ob sie die Augenverletzung, die Folge der von ihnen begangenen Verletzung des Schutzgesetzes, voraussehen konnten, kommt es nicht an (vgl* RGZ 69 , 340 , 344; Senatsurteil vom 12* März 1968 - VI ZR 178/66 - LM § 823 /Bf7 Kr. 48 = VersR 1968, 593). Wer gemeinschaftlich mit anderen den Körper oder die Gesundheit eines Dritten verletzt, haftet nach § 823 BGB für alle Schäden, die aus dieser Verletzung entstanden sind, es sei denn, daß dieser Schaden nicht mehr als adäquate Folge der Verletzung anzusehen wäre (vgl. Infolgedessen haften die Beklagten auch dann, wenn die Verletzung, die der Kläger erlitten hat, nicht von ihnen, sondern von Heino verursacht worden war (§ 830 Abs.1 Satz 1 BGB). Bei der Entscheidung des vorliegenden Falls darauf abzustellen, ob die Beklagten und Hei no gar auch die Augen Verletzung des Klägers gemeinschaftlich, also bewußt und gewollt, begangen haben, wäre zu eng. Es genügt, daß eie die unerlaubte Handlung, nämlich die Körperverletzung des Klägers, gewollt haben, durch die es zu dem Schaden gekommen 1st« An welcher Körperstelle der Kläger getroffen wurde und welcher Art die Verletzung war, spielt haftungsrechtlich keine Rolle (vgl. Klägers» gegen das er sich mit seiner Berufung nicht gewandt hat» nur zur Hälfte« An der Haftung des Erst beklagten würde sich auch dann nichts ändern» wenn sich demnächst ergeben sollte» daB nur er und Hei no als Mittäter anzusehen sind« War es sein Stein gewesen» der den Kläger verletzt hatte» so hat er als (unmittelbarer) Täter eine Körperverletzung begangen (§ 223 StGB); war es ein von Hei no geworfener Stein» so war der Erstbeklagte mittelbarer Täter (vgl« RGSt 63» 104) der Körperverletzung« In jedem dieser Fälle wäre auch seine zivilrechtliche Haftung gegeben (vgl. Da der Kläger nit seiner Berufung die Zuerkennung eines höheren Schmerzensgeldes Terlangt hat, war der Rechtsstreit insoweit auch in Bezug auf den Erstbeklagten an das Berufungsgeri cht zurückzuverweisen.