BGH · VI ZR 200/55 vom 27.11.1956
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Die Rohre der Leitung waren in einem Graben von 90 m Breite und über 3 m Tiefe zu verlegen* Zur Sicherung gegen einen Einsturz wurden die Wände des Grabens mit einer durchlaufenden, durch Quersprießen abgestützten Bohlenwand versehen» Bei den Arbeiten, mit denen am 22. die Beklagten hätten sich sowohl einer fahrlässigen Außerachtlassung der ihnen obliegenden besonderen Sorgfalt als auch schwerer Verstöße gegen anerkannte Regeln der Baukunst schuldig gemacht« Vor allem seien die Grabenwände entgegen den Bestimmungen der Unfallverhütungsvorschriften (UVV) nicht bis zur Grabensohle verbaut (verschalt) worden, obwohl es sich in der Moltkestraße um Sandboden mit sehr geringer Standfestigkeit gehandelt habe» Weiter habe der Abstand des Erdaushubs von der Grabenwand ( sog» Schutzstreifen) nur 30 cm und nicht - wie vorgeschrieben - 60 cm betragene Die zu dem Verbau verwendeten Bohlen seien nur 4 cm und nicht 5 cm, wie es die UVV vorschreibe, stark gewesen. unter Außerachtlassung der ihnen vermöge ihres Berufs oder Gewerbes besonders obliegenden Aufmerksamkeit oder durch einen Verstoß gegen die allgemein anerkannten Regeln der Baukunst bei der Leitung oder Ausführung des Baues herbeigeführt haben« Bas hält das Berufungsgericht in Übereinstimmung mit dem Landgericht aus rechtsirrtümsfreien Erwägungen nicht für erwiesen* 1» Im Mittelpunkt dieser Erwägungen steht die Frage, ob die Wände des Abwassergrabens, in dem die Rohre verlegt wurden, bis zur Kanalsohle zu verschalen waren - wie die Klägerin behauptet - oder ob es - wie das Landgericht und das Oberlandesgericht im Anschluß an das Gutachten des Sachverständigen Prof« Betig meinen - genügte, wenn die Verschalung bis zu einer Tiefe von 50 - 60 cm über der Grabensohle geführt wurde und der darunterliegende Teil der Grabenwand unverschalt blieb* Bie Klägerin begründet ihre Ansicht damit, daß der Boden in der Moltkestraße, in der sich das Unglück ereignet hat, aus leichtem, fließendem Sand bestanden habe, während der Sachverständige und mit ihm die Vordergerichte davon ausgingen, daß es sich um standfesten lehmigen Sand in gewachsenem Zustand.handelte« denbeschaffenheit des Grabengeländes als Bekundungen einer unmaßgeblichen subjektiven Auffassung der Zeugen ab und bezeichnet es als Verletzung des § 286 ZPO, daß das Berufungsgericht den von der Klägerin schon im ersten Rechtszug gestellten und vor dem Berufungsgericht wiederholten Antrag, die Bodenbeschaffenheit durch eine Schürfung genau feststellen zu lassen, mit - wie die Revision meint - unzureichender Begründung abgelehnt habe, Bie Rüge kann nicht durchgreifen« Detig, dem das Berufungsgericht gefolgt ist, führt im Gutachten für seine Ansicht, daß es sich bei dem Boden an der Unfallstelle "nicht um reinen »Sand, sondern mindestens standfesten lehmigen Sand in gewachsenem Zustande" gehandelt hat, außer den genannten Erwägungen und den Aussagen der Zeugen noch die beim Aushub des Abwassergrabens angewendete Arbeitsmethode sowie die Tatsache an, daß durch die zwischen den Bohlen bestehenden Zwischenräume von 8 - 10 cm keine Erde herausgefallen ist«, Unter diesen Umständen kann es nicht als Verstoß gegen die Pflicht zur Erschöpfung der angebotenen Beweise angesehen werden, daß das Berufungsgericht den Antrag der Klägerin, die Bodenbeschaffenheit durch Vornahme einer Schürfung an der Unfallstelle und durch sachverständige Untersuchung der entnommenen Bodenproben feststellen zu lassen, abgelehnt hat3 Dabei kann dahingestellt bleiben, ob sich das Berufungsgericht die erforderliche Sachkunde zur Beantwortung der Beweisfrage .selbst Zutrauen durfte; denn es hat sachkundige Zeugen sowie einen anerkannten Sachverständigen der Technischen Hochschule Darmstadt gehört, der in seinem Gutachten ausdrücklich erklärte, auf Grund der in den Akten getroffenen Feststellungen zur Beurteilung der Bodenverhältnisse an der Unfallstelle imstande zu seinc Es bedarf daher auch keiner Prüfung der Frage, ob einer bodenphysikalischen Untersuchung, v/ie sie der Sachverständige in solchen Fällen an sich als wünschenswert bezeichnet hat, auf Grund von Bodenproben, In zweiter Linie wendet sich die Revision dagegen, daß das Berufungsgericht keinen Verstoß der Beklagten gegen anerkannte Regeln der Baukunst bejaht hat, obwohl es für erwiesen erachtete, daß die Standfestigkeit des Bodens an der Unfallstelle infolge eines durchziehenden Gasrohrgrabens beeinträchtigt war, und obwohl der Sachverständige ProfQ Detig zu dem Ergebnis kam, daß der Abwasserkanal wegen dieses Grabens an der Unfallstelle "zur Sicherheit tief herunter, am besten bis zur Graben-r sohle" hätte verschalt werden sollen«-. Las Berufungsgericht hat hierzu ausgeführt, auch für einen solchen Pall lasse sich weder dem § 86 Abs 2 der insoweit einschlägigen Unfallverhütungsvorschrift der Tiefbauberuf sgenossenschaft noch dem Gutachten des Sachverständigen entnehmen, daß der Verbau schlechthin bis zur Grabensohle durchzuführen sei* Es bestünden also weder Vorschriften noch anerkannte Regeln, die allgemein besagten, bis zu v/elcher Tiefe bei teilweise gestörtem Boden zu verschalen sei. worden, so sei auch zu bedenken, daß der Sachverständige - auf Grund der Beweisaufnahme des ersten Rechtszuges -irrigerweise angenommen habe, die von der Sohle des angeschnittenen Gasrohrgrabens bis zur Unterkante der Verschalung des Abwasserkanals reichende Schicht ungestörten Bodens habe nur 1 m, statt - wie im Berufungsrechtszug ermittelt - 1,30 m betragen« Schließlich sei auch noch zu beachten, daß der Vorarbeiter LflHl vom Tiefbauamt Darmstadt, der ständig an der Baustelle gewesen und ohne Zweifel als Sachverständiger anzusprechen sei, eine weitere Verschalung erst in dem Zeitpunkt für notwendig gehalten habe, in dem unter den Bohlen Erde hervorrieselte. Sie geben die Überzeugung des Berufungsgerichts wieder, es sei nicht erwiesen und nicht erweisbar, daß die Beklagten es unter Verstoß gegen allgemein anerkannte Regeln der Baukunst unterlassen haben, dafür Sorge zu tragen, daß auch der untere Teil der Grabenwand verschalt wurde. 3= Die Revision beruft sich schließlich für ihre Behauptung, die Beklagten hätten ^buldhafl: die Unfallverhütungsvorschriften verletzt, zu Unrecht auf den Beweis des ersten Anscheins5 denn nach den Feststellungen des Berufungsgerichts fehlt es schon an dem Nachweis einer objektiven Zuwiderhandlung gegen diese Vorschriften, soweit die Verschalung der Grabenwände in Frage steht.