BGH · VI ZR 198/61 vom 16.10.1962
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Neomycin wirke bei parenteraler Anwendung toxisch auf Nieren- und Gehörnerveno Das sei in der ärztlichen ’Wissenschaft damals bereits bekannt gewesenB Die Klägerin hat die Ansicht vertreten, es 3ei daher ein grober ärztlicher Xunctfehler gewesen, ihr das Mittel zu verabfolgen» Weiter hat sie vorgetragen, die behandelnden Ärzte hätten sie vor der Behandlung mit diesem Präparat über die Möglichkeit des Eintritts schädlicher Folgen aufklären und um ihre Zustimmung zu dieser Behandlung nachsuchen müssen; einer Belehrung habe es besonders auch darum bedurft, weil die Ärzte darauf angewiesen gewesen seien, daß sie mitwirkend darauf achtete, ob es auch zu keiner Beeinträchtigung ihres Hörvermögens kam. Der Beklagte hat hiernach bestritten, daß die Behandlung mit Neomycin ein Kunstfehler gewesen sei oder daß die Patientin auf etwa mögliche Gefahren dieser Behandlung hätte hingewiesen und über das allgemein zu dem Ausdruck gebrachte Einverständnis mit der Krankenhausbehandlung hinaus noch um ihre besondere Zustimmung zur Anwendung dieses Mittels hätte angegangen werden müssen. Hierauf sei es auch darum nicht angekommen, weil es bei der schweren Nierenerkrankung zur Erhaltung des iobens der Patientin notwendig gev/esen sei, mit einem radikalen und sicher wirkenden Antibioticum einzugreifen« Der Beklagte hat sich darauf berufen, daß die sorgfältig ausgewählten Ärzte im Hahnen ihrer ärztlichen Ausbildung über die Notwendigkeit, sich bei Anwendung gefährlicher Thcra- 1. Pas Berufungsgericht hat die Schadensersatzpflicht des Beklagten aus §§ 823, 31 > 89 BGB für begründet gehalten Ohne darauf einzugehen, ob die Behandlung der früheren Klägerin mit Heonycin ein ärztlicher Kunstfehler war, hat es in der Anwendung dieses Mittels mit der Folge des Gehörverlustes der Patientin darum eine zun Schadensersatz verpflichtende Maßnahme erblickt, weil die behandelnden Ärzte das Medikament wegen der Gefahr toxischer Nebenwirkungen nicht hätten anwenden dürfen, ohne die Patientin auf die Gefahrenmöglichkeiten hinzuweisen und ihre Zustimmung zu der Behandlung mit dem Mittel einzuholen« Daß sich die Klägerin mit der Aufnahme in das Krankenhaus allgemein mit den erforderlichen Behandlungen einverstanden erklärt habe, sei nur auf normale und übliche, harmlose, ungefährliche Behandlungsarten zu beziehen gewesen und habe nicht auch die hier vorgenommene Behandlung mit Neomycin umfaßt« Zu dieser sei ihre Zustimmung auch dann nicht entbehrlich gewesen, wenn sie "vital indiziert" gewesen sein sollte« Für die Annahme, daß die vorherige Aufklärung der Patientin eine ernste Gefährdung ihres Lebens oder ihres Gesundheitszustandes hätte zur Folge haben können, fehle es an hinreichender Darlegung« Mangels der erforderlichen Zustimmung stelle sich die Handlungsweise der Arzte als eine -schuldhaft begangene - rechtswidrige Verletzung der körperlichen Integrität der Patientin dar« Das Berufungsgericht ist der Ansicht, daß hieran auch der Krankenhausteitung selbst ein vom Beklagten zu vortretendes Verschulden zur Last falle, weil sie es unter Verletzung der ihr obliegenden allgemeinen Überwachungs-, Kontroll- und TJnterwei-sungspflicht verabsäumt habe, den Ärzten die notwendigen Anweisungen darüber zu erteilen, daß sie sich bei Anwendung gefährlicher Therapien, insbesondere von solchen der hier in Hede stehenden Art, der Einwilligung der zu be- a) Zutreffend ist das Berufungsgericht allerdings davon ausgegangen, daß eine zu Heilzwecken vorgenommene Behandlung, die zu gesundheitlicher Schädigung des Patienten geführt hat, unabhängig davon, ob hierfür ein ärztlicher Behandlungsfehler ursächlich gev/orden ist, als rechtswidrig anzusehen ist, v/enn sich der Patient nicht mit der Behandlung einverstanden erklärt hat» Die Zustimmung des Patienten setzt voraus, daß er im großen und ganzen weiß, worin er einwilligt» Ist eine vom Arzt vorgcnommene Behandlung mit gesundheitsschädlichen Nebenwirkungen verbunden, so muß der Patient daher in der Regel hierüber ins Bild gesetzt werden, wenn seine Einwilligung in die Behandlung wirksam sein soll» Aufklärung kann auch da erforderlich sein, wo nur die Möglichkeit droht, daß es infolge der Behandlung zu gesundheitsschädlichen Polgen kommt» Indessen kommt es, wie das Berufungsgericht ausweislich seiner widerspruchsvollen TJrteilsausführungen verkannt hat, sehr darauf an, welcher Art die möglicherweise eintrotenden Polgen sind, wie groß im gegebenen Palle die Gefahr ihres Eintritts ist und wie schwer sie im Verhältnis zu den Folgen wiegt, die für den Patienten im weiteren Ablauf seiner Erkrankung zu erwarten wären, v/enn die vorgesehene Behandlung unterbliebe» Auf Gefahren, die sich so selten verwirk- liehen und deren Hervortreten auch in dem Palle des betreffenden Patienten so wenig wahrscheinlich ist, daß sie bei einem verständigen Menschen in seiner Lage für den Entschluß, in die Behandlung einzuwilligen, nicht ernsthaft ins Gewicht fallen, braucht der Patient nicht hingewiesen zu werdeno Ebenso kann eine Aufklärung entbehrlich sein, wenn die möglicherweise eintretenden ungünstigen Nebenwirkungen der Behandlung so viel weniger gravierend sind als die Polgen eines ünterbleibens der Behandlung, daß sie ein vernünftiger Mensch in der Lage des Patienten für die Y/illensentschließung,sich der Behandlung, -zu unterziehen oder sie abzulehnen, nicht als bedeutsam ansähe (vgl, 3GHZ 29, 176, 179 und die dort angeführten Entscheidungen; Urteile des erkennenden Senats vom 26o September 1961 - VI SR 225/60 LM Nr. 14 zu § 276 (Ga) BGB - NJW 1961, 2203 = MDR 1962, 44 = VersR 1961, 1039; vom 24o Oktober 1961. len auftreten und anzunehmen ist, daß sie bei einem verständigen Patienten für seinen Entschluß, in die Behandlung einzuwilligen, nicht'ernsthaft ins Gev/icht fallen» Im weiteren Verlauf der Urteilsausführungen hat das Berufungsgericht dann aber hervorgehoben, zur Zeit der hier in Rede stehenden Behandlung vom Juli 1957 sei nicht schon zuverlässig geklärt gewesen, bis zu welcher Bosierungsgrenze eine "völlige Ungefährlichkeit" der Neomycinpräparate zu bejahen gewesen sei; damalige Erörterungen hätten es nicht als —^absolut sicher" erkennen lassen, daß nicht auch bei Gaben von 1 g und einer 3ehandlungsdauer von nicht mehr als 7 Tagen Gehörschäden auftreten könnten; toxische Hebenv/ir-kungen seien solchenfalls nicht "mit an Sicherheit grenzender V/ahrccheinlichkeit auszuschließen" gewesen» Es habe sich vorv/iegend, so hat das Berufungsgericht herausgestellt, nicht um eine Behandlung gehandelt, "bei der Kebenschäden schlechterdings nicht zu erwarten" gewesen seien» So ist das Berufungsgericht zu dem Schluß gelangt, daß eine Aufklärung unerläßlich gewesen sei» Pie Betrachtungsweise, die das Berufungsgericht tatsächlich zur Anwendung gebracht hat, verschiebt irrigerweise die Grenzen ärztlicher Aufklärungspflicht» Aufklärung ist nicht schon dann erforderlich, v/enn Nebenschä-den der vorgesehenen Behandlung nicht mit absoluter Sicherheit oder mit an Sicherheit grenzender V/ahrscheinlichkeit ausgeschlossen sind, vielmehr kann der Arzt nach den oben dargelegten Rechtegrundsätzen der Kotv/cndigkeit einer Auf- b) Bas Berufungsgericht hat nicht verkannt, daß es für die Beurteilung der Frage, ob ein Patient zur Zeit der hier vorgenommenen Neomycinbehandlung auf etwaige Gefahren schädlicher Nebenwirkungen aufzuklären war, auf den damaligen Stand der ärztlichen Erkenntnisse ankommt. Bei dem nur mäßigen Körper-und Ernährungszustand der früheren Klägerin (52,1 kg Körpergewicht bei 1,71 m Körpergröße) habe es insbesondere auch nicht außer jeder Wahrscheinlichkeit gelegen, daß die bei ihr durchgeführte Behandlung: die sonst bei größeren Dosen als möglich angesehenen Nebenfolgen habe hervorru-fen könneno Bei dieser Würdigung hat sich das Berufungsgericht auf einige von ihm angeführte Fundstellen aus dem ärztlichen Schrifttum gestützt. c) Es mag sein, daß bei Zugrundelgung der hier genannten Dosierungsziffern die fünftägige Behandlung der früheren Klägerin mit je 1 g nicht mehr als relativ ungefährlich erscheinen konnte» Walter-Heilneyer weichen aber mit ihren Angaben von dem Prüfungsergebnis klinischer Untersuchungen ab, über das Crone-Münzebrock und Fuchs noch 1957 berichtet hoben und das die Darlegungen in dem Prospekt der Herstellerfirma bestätigte» Das Berufungsgericht hat sich nicht darüber ausgesprochen und offenbar auch nichts darüber sagen können, wie sich die Unterschiedlichkeit der Auffassungen erklärte und wie sich die ärztliche Wissenschaft zu ihr stellte» Von der rechtsirrigen Betrachtungsweise aus, daß ärztliche Aufklärung schon immer dann erforderlich sei, wenn schädliche Nebenwirkungen der Behandlung nicht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auszuschlicßen seien, hat das Berufungsgericht die Befragung eines medizinischen Sachverständigen für unnötig gehalten, da es auch für einen medizinischen Daien ohne weiteres erkennbar sei, daß im Juli 1957 noch keine abschließenden zuverlässigen ärztlichen Erfahrungen hätten vorliegenfkönnen, bis zu welcher Dosierungsgrenze "eine völlige Ungefährlichkeit11 der Neomycinpräparate zu bejahen gewesen sei» Die irrige Anlegung eines rechtsfchlerhaften Maßstabes hat das Berufungsgericht dazu geführt, eine auf fachmedizinischem Uebiet liegende Frage zu beantworten, ohne daß es über das hierzu erforderliche Fachwissen verfügte» Mit Recht rügt die Revision, daß das Berufungsgericht unterlassen hat, sich der Hilfe eines Sachverständigen zu bedienen, wie es der Beklagte beantragt hatte» Durch Sachverstän-digenbcgutachtung wäre nicht nur zu klären gewesen, wie um die Mitte des Jahres 1957 Neomycin hinsichtlich seiner Anwendbarkeit und Medikation in dor ärztlichen Wissenschaft und Praxis beurteilt wurde, sondern auch, in welchen Maße und mit welchen Grade von Wahrscheinlichkeit im Palle der Klägerin nach dem damaligen Stande der Erkenntnisse etwaige ungünstige Nebenwirkungen der Neomycinbehandlung mög-lieh erschienen und sich zu den Folgen verhalten hätten, mit deren Eintritt hätte gerechnet werden müssen, wenn die Behandlung unterblieb» Wenn es regelmäßig auch im eigenverantwortlichen Ermessen der behandelnden Ärzte steht, darüber zu befinden, welche therapeutischen Mittel zur Anwendung gebracht werden sollen, so hat sich die Krankenhauslcitung doch in geeigneter '7ei~ se vergewissert zu halten, daß auch bei medikamentöser Behandlung eine notwendige Aufklärung der Patienten nicht verabsäumt wird. ab, durch welche Maßnahmen die Krankenhausleitung dafür zu 3orgen hat, daß die beim Krankenhaus tätigen Ärzte der Notwendigkeit ärztlicher Aufklärung gerecht werdeno Das Berufungsurteil hat sich über Gesichtspunkte dieser Art nicht ausgesprochen; es hebt allein auf 'die Gefährlichkeit der an der früheren Klägerin vorgenommenen Neomycin-Behandlung ab und meint, die Ärzte hätten angewiesen werden müssen, insbesondere bei Anwendung der hier in Rede stehenden Therapie, die Patienten über die mit der Behandlung möglicherweise verbundenen Gefahren aufzuklären und sich ihrer Einwilligung zu vergewissern* Eine derartige Anweisung wäre gewiß in 3etracht gekommen,wenn der Krankenhausleitung, etwa aus dem Erfahrungsbericht eines anderen Krankenhauses, bekannt geworden sein sollte oder hätte bekannt gewesen sein müssen, - vielleicht gar eher als den im Krankenhaus beschäftigten Ärzten selbst - daß eine Neomycin-Behandlung auch dann mit ernsten Gefahren verbunden war, v/enn sie sich im Rahmen der Dosierungsangoben der Herstellerfirma hielt. Für eine solche Annahme bietet der Sachvortrag der Parteien aber keinen Anhalt* Es bleibt daher die Frage, ob den Krankenhausvorstand auch ohne die Notwendigkeit besonderer Anweisungen über ärztliche Aufklärung bei Neonycin-Behand-lungen zur Last gelegt werden kann, seine leitungs- und Aufsichtspflicht mit Bezug auf die 3eachtung ärztlicher Aufklärungspflicht in Krankenhausbetrieb verletzt zu haben. schließende Beurteilung; sie wird auch erst dann wieder geprüft zu werden brauchen, wenn die weitere Sachaufklärung ergibt, daß nach dem damaligen Stande der ärztlichen Y/issenschaft und Praxis eine Neomycin-Behandlung in den Dosierungsgrenzen des Herstellerprospektes nicht als ungefährlich angesehen werden durfte und die Klägerin über die möglichen Gefahren der Behandlung hätte aufgeklärt werden müssen* Andernfalls würde es an der Ursächlichkeit etwaiger Versäumnisse der Krankenhausleitung für den eingetretenen Schaden fehlen* Bas Berufungsgericht verkennt, daß in Berufungsverfahren über den Klageanspruch auf Grund der Sachlage zu entscheiden ist, wie sie sich in Zeitpunkt der letzten mündlichen Verhandlung im Berüfungsrechtozug darstellt• Baher durfte sich das Berufungsgericht bei seiner Entscheidung nicht auf eine zeitlich überholte Lebenserwartung der früheren Klägerin zurückbeziehen, sondern mußte die abgeschlossene tatsächliche Lebensdauer zugrunde legen.