BGH · VI ZR 198/59
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Für eine Klage mit der ein Anspruch aus unerlaubter Handlung allein deswegen geltend gemacht wird, weil der Beklagte vor Inkrafttreten des Überleitungsvertrages mit der Sache der Besatzungsmächte sympathisiert oder ihre Politik oder Interessen unterstützt hat, ist die deutsche Gerichtsbarkeit nicht gegeben (hier: Vorwurf sittenwidriger Schadenszufügung durch Ankauf eines Fabrikunternehmens zu Beginn einer später nicht weitergeführten Entflechtungsaktion« } Mit der Vorbereitung und Errichtung der Urkunde war dieser von dem Sachbearbeiter X,C« Nfl^aus dem Stabe des Controllers F^BP beauftragt worden« Der Kaufpreis betrug 760 000 HM« Bei Vertragsabschluß handelte auf Seiten der Käuferin der jetzige Inhaber der beklagten Firma als deren damaliger Prokurist} für die Gegenseite zeichneten die Prokuristen Br« Hafll^pund Ing« der Klägerin, Biese hatten sich zunächst gegen einen Verkauf und die Vollziehung des Vertrages gewandt, darauf aber durch schriftlichen Bescheid vom 11. April 1946 auf Grund der Allgemeinen Anordnung Nr, 3 der Militärregierung und des Gesetzes Nr« 52 als deren gesetzlicher Grundlage von F^|^ “als Controller (alleiniger gesetzlicher Vertreter) der Firma Friedr, die Weisung und den Auftrag“ erhalten, “den beiliegenden, zwischen mir und dem Ankäufer in allen Einzelheiten vereinbarten Vertrag o*,« unterschriftlich zu vollziehen“. Dies führte dazu, daß sich Br, Ha^BPund Ing.KafBPim Vertrags bsi der Benennung der Parteien nicht nur als Prokuristen der Klägerin bezeichnen ließen, sondern daß auch angegeben wurde, sie handelten ferner “im Aufträge und auf Vf ei sung des Mr, Ernest Leonard Bouglas F^ü^als von der Militärregie^-rung eingesetzter Controller über das Vermögen der Firma Priedr0 in der britischen Besatzungszone ,oo'r<> Auch wurde in der Urkunde ausdrücklich vorausgeschickt * das Rechtsgeschäft werde auf Weisung der Militärregierung abge-schlossen, was durch eine entsprechende Erklärung des Controllers zu dem Ausdruck gebracht werde« In notariell beglaubigter Erklärung vom 11 0 April 1946 bestätigte EflBP sodann unter Darlegung seiner Legitimation als Controller (alleiniger gesetzlicher Vertreter) für das K^^'sche Vermögen in der britischen Besatzungszone einschließlich der Vermögensteile, daß die Prokuristen Dr. Ei und Ingo Kafli^ in der Verhandlung für ihn als Controller in seinem Auftrag handelnd aufgetreten seien, und er erklärte, daß er den Erklärungen, die* diese von ihm beauftragen Personen abgegeben hätten, in vollem Umfang beitrete« Sie hat beim Landgericht in Essen als dem Gerichtsstand der unerlaubten Handlung geggadie beklagte Pirma, deren damalige Komplementärin Prau Witwe Vfjp und damaligen Prokuristen Max mit dem Anträge geklagt, die Pirma zur Huckauflassung und Herausgabe der Grundstücke sowie zu ihrer Freistellung von Belastungen zu verurteilen, alle Beklagten ferner gesamtschuldnerisch zu dem Ersatz allen durch Sachverständige festzustellenden Schadens, der ihr durch den Verkauf ihrer Betriebsabteilung ' Gegen das Urteil hat die Klägerin Berufung eingelegt und im Berufungsverfahren nach Anfechtung des Kaufvertrages wegen Zwangs und Drohung das Klagebegehren in erster Linie darauf gestützt, daß die beklagte Firma kein Eigentum an den Grundstücken erworben habe. teilen, ihr allen Schaden zu ersetzen, der ihr durch den am 11» April 1946 vollzogenen Verkauf ihrer Betriebsabteilung "Fried» KjJ|^Psche Tongruben und Schamottefabrik, sowie aus einer etwaigen Nichterfüllung der Klageansprüche 1 a bis c entstanden ist, und zwar in dem Umfange, wie dieser Schaden durch gerichtlich zu bestellenden Sachverständigen festgestellt wird, jedoch abzüglich eines Betrages von 76 000 DM zuzüglich etwa zu erstatte»“ der Aufwendungen, welche die Beklagten in Bezug auf die unter Nr* 1 a und b verzeichneten Grundstücke und Gebäude gemacht haben» Mit der Revision wendet sich die Klägerin gegen dieses Urteil, soweit ihre Berufung zurückgewiesen worden istc Sie beantragt, die prozeßhindernde Einrede mangelnder Gerichtsbarkeit auch hinsichtlich des Hilfsantrags der Klägerin wegen Schadensersatzes zu verwerfen und den Rechtsstreit zur weiteren Verhandlung Über Haupt- und Hilfsantrag an das .Landgericht in Bonn, hilfsv/eise an das Berufungsgericht zu-rückzuverweisen * 1. Ber mit der Revision angefochtene Teil des Berufungsurteils betrifft nur den Hilfsantrag der Klägerin«» Im Gegensatz zu dem Landgericht ist das Berufungsgericht zu der Auffassung gelangt, daß nur für dieses Hilfsbegehren auf .Leistung von Schadensersatz wegen unerlaubter Handlung die Einrede mangelnder deutscher Gerichtsbarkeit begründet ist; für den Hauptantrag hat es die sachliche Entscheidungsbefugnis der deutschen Gerichte bejaht„ Obwohl noch offen steht, wie die Entscheidung über den Hauptantrag ausfalien wird, hat es das Berufungsgericht doch für zulässig und geboten gehalten, auch hinsichtlich des Hilfsantrags durch Vorabentscheidung entsprechend § 275 ZPO bereits darüber Klarheit zu schaffen, oh der Streit der Parteien der deutschen Ge-richtsbarkeit entzogen ist oder nicht» Verfahrensrechtliche Bedenken sind hiergegen nicht zu erheben und werden von der Revision auch nicht geltend gemacht» des Geschädigten gegen den Unternehmer auf Ersatz des entstandenen Schadens weiter mit der Begründung verneint worden, daß der Beklagte nur auf Grund eines Werkvertrages privatrechtlicher Natur tätig geworden sei, nicht aber etwa auf «rund eines Befehls oder einer hoheitlichen Anordnung der Besatzungsmacht, die deren Ansehen oder Sicherheit hätte berühren können (Urteil vom 5« November 1958 - V ZB 48/57 -in M Nr. 3 zu Arte 2 AHKG 13)« Banach ist also “Erfüllung von Pflichten für die Alliierten Streitkräfte” im Sinne des Artikel 2 b AHKG 13 dahin verstanden worden, daß es sich um Pflichten handeln muß, die von der Besatzungsmacht in Ausübung ihrer hoheitlichen Befugnisse auferlegt worden sind« Ber in diesen Entscheidungen niedergelegten Auffassung ist beizutreten (so auch Schwenk aaO)* 1955, 894, 897)» ^enn es für den Ausschluß deutscher Gerichtsbarkeit nach Art, 3 Abs» 3 a ii genügen soll, daß die Verfahren Handlungen oder Unterlassungen "im Zuge“ der Erfüllung solcher Pflichten oder der Leistung solcher Dienste betreffen, so bedeutet dies nicht, daß es dort, wo sich die Pflichterfüllung oder Dienstleistung in dem Abschluß eines Rechtsgeschäfts des Pflichtigen mit einem anderen vollzogen hat, für ein Verfahren gegen diesen Beteiligten auf den dargelegten Charakter seiner eigenen Handlung oder Unterlassung nicht anzukommen brauche» Vielmehr ist unmittelbar auf ihn selbst abzustellen» Als maßgebend kann es daher nicht schon gelten, daß der Controller IMIB? als er den Abschluß des Vertrages vom 11» April 1946 mit dem Beklagten Max Vf|^als Geschäftsführer seiner Firma herbeiführte, im Zuge der Erfüllung von Pflichten gehandelt hat, die ihm mit seiner Einsetzung als Controller von der Militärregierung auferlegt worden waren5 der Beklagte Max selbst mußte beim Abschluß des Vertrages unter besätzungsbehördlicher Hoheitsgewalt oder in einer Dienststellung zu den Besatzungsbehörden gehandelt haben» Das ist nicht der Pall gewesen» Daß er namens.der Firma Vfp^als Vertragspartner an dem Abschluß des Kaufvertrages und der Auflassung mitwirkte, ist hiernach nicht schon geeignet, das Verfahren,•das die Klägerin mit ihrem Verlangen nach Schadensersatz dieserhalb angestrengt hat, nach Art«, 3 Abs» 3 a ii des Überleitungsverträges von der Ausübung deutscher Gerichtsbarkeit auszuschließen» oder ihre Politik oder Interessen unterstützt oder den Streitkräften, B2hörden oder Dienststellen einer oder mehrerer der Brei Mächte oder einem Beauftragten einer dieser Mächte Nachrichten geliefert oder Dienste geleistet hat« Die Bestimmung will Personen, die sich für die Besatzungsmächte eingesetzt haben, davor schützen, deswegen diskriminiert zu werden (BGHSt 14, 137, 140), Während Art, 3 Abs, 3 im besonderen der deutschen Gerichtsbarkeit Verfahren gegen solche Personen entzieht, bei denen die Erfüllung hoheitsrechtlich auf erlegter Pflichten oder dienstliche Handlungen gegenüber der Besatzungsmacht in Rede stehen, gilt der in Absatz 1 normierte Schutz ganz allgemein für jede Art einer Zusammenarbeit mit den Besatzungsmächten, wie sie hier in weitester Borm umschrieben ist«, Die Bestimmung inAbsatz 1 betrifft nicht lediglich Gerichtsverfahren, sondern stellt einen Grundsatz auf, der von allen deutschen Behörden zu beachten ist. Wenn in den Absätzen 2 und 3 für die dort besonders ins Auge gefaben Bälle die deutsche Gerichtsbarkeit in strafrechtlichen und nicht strafrechtlichen Verfahren ausdrücklich ausgeschlossen worden ist, so ist das nach dem äußeren und inneren Zusammenhang der Vorschriften ein Ausfluß aus dem Grundsatz des Absatzes 1» Die deutschen Gerichte haben sich daher nicht nur in den Fällen der Absätze 2 und 3 der Ausübung von Gerichtsbarkeit zu enthalten, sondern in allen Fällen, in denen die Bestimmung des Absatzes 1 ein» greift«, Anders als Artikel 2 des Uberleitungsvertrages, der mit der dort angeordneten Aufrechterhaltung der durch Maßnahmen der Besatzungsmacht begründeten oder festgesteilten hechte und Verpflichtungen die Gerichte in ihrer sachlichen Rechtsfindung bindet, schränkt Artikel 3 Abs« 1 also die deutsche Gerichtsbarkeit als solche ein« Wie sie den Behörden jede Initiative diskriminierender Art verbietet und es durch das Verbot einer diskriminierenden Anklageerhebung insbesondere unterbindet, daß es überhaupt zu einem strafgerichtlichen Erkenntnisverfahren kommen kann, so ist es den deutschen Gerichten auch in nichtstrafrechtlichen Sachen verwehrt, einem Verfahren seinen Lauf zu lassen, wenn es darauf hinausgeht oder dazu führen würde, daß jemand allein deswegen beeinträchtigt wird, weil er mit den Besatzungsmächten zusammengearbeitet hat« Wird solchenfalls eine Schadenersatzklage angestrengt, so muß sie daher als unzulässig abgewiesen werden« bb) Im vorliegenden Falle verlangt die Klägerin von den Beklagten Schadensersatz, weil der Beklagte Max als damaliger Geschäftsführer der Firma Vf|^ an dem Abschluß des Vertrages vom 11. wirtschaftspolitischen Bestrebungen lag, die von den Besät zungsmächten damals ihr gegenüber verfolgt wurden» Wenn sie von den Beklagten im Wege des Schadensersatzes Rückgabe des Unternehmens fordert, so gründet sich dieses Verlangen gerade darauf, daß sich der Beklagte Max in den I>ienst dieser Zielsetzung gestelifcüiabe: deutlicher als er habe in jenen Jahren kaum jemand seine Absicht zu dem Ausdruck gebracht, sich an dem von den Alliierten wider alles Recht zunächst inszenierten Ausverkauf der Klägerin zu beteiligen; er sei ein Kollaborateur, der aus der ihm bekannten Zwangslage der Klägerin Vorteile gezogen habe, £s kann keinem Zweifel unterliegen, daß bei dieser Sachlage die Voraussetzungen des Arte 5 Abs» 1 des Überleitungsvertrages gegeben sindo Die Klägerin hat im Verlaufe des Rechtsstreits, so namentlich bei der Begründung ihrer Berufung gegen das Urteil des Landgerichts Basen, von dem in der Klageschrift erhobenen Vorwurf einer Kollaboration abzurücken und stärker herauszustellen versucht, daß der Beklagte aus eigensüchtigem Interesse gehandelt habe« An dem Tatsachengehalt der Klage ist hierdurch nichts geändert worden» Es ist keine außerhalb des Schutzes der Vorschrift liegende Besonderheit, daß der Beklagte Max V^^^, wie die Klägerin hervorkehrt, geflissentlich davon abgesehen hat, von seinem Interesse am Erwerb des Witterschlicker Unter-nehmens die Geschäfteleitung der Klägerin zu*unterrichten, daß er nicht mit dieser in KaufVerhandlungen eingetreten ist, sondern hinter dem Bücken der Klägerin mit der Besatzungsmacht verhandelt und den Vertrag gegen den erklärten Willen der Klägerin abgeschlossen hat« Die Politik, die die Besatzungsmacht damit verfolgte, daß sie den Witterschlicker Betrieb aus dem von der Klägerin beherrschten Kreis von Unternehmungen herausnahm und veräußerte, fragte nicht danach, ob der Inhaber der Klägerin und die von ihm eingesetzte Geschäft sleitung hiermit einverstanden waren« Es ist daher nichts» was dem Beklagten Max über die Zusammenarbeit mit der Besätzungsmächt hinaus zu dem Vorwurf gemacht werden könnte, daß auch er nicht hiernach fragte« Überdies konnte nach 2iffer 2 jäe r Allgemeinen Verfügung Nr« 3 zu dem Gesetz Nr« 52 der Militärregierung die Geschäftsleitung der Klägerin abweichend von Art« IV des Gesetzes Nr« 52 nicht einmal Geschäfte des gewöhnlichen Geschäftsbetriebes selbständig abscKLießeno Bie alleinige Verfügungs-befugnis hatte der Controller« Ein für die Frage der Gerichtsbarkeit bedeutsamer zusätzlicher Umstand kann auch nicht darin gesehen werden, daß der Beklagte UJax dem Erwerb des Witterschlicker Unternehmens einen wirtschaftlichen Vorteil für seine Firma erstrebt und daß er, wie die Klägerin betont, aus eigensüchtigem Interesse gehandelt hat« Eine Diskriminierung ist nach Art« 3 Abs 1 des Überleitungsvertrages unabhängig davon unzulässig, ob 5er, der mit den Besatzungsmächten zusammengearbeitet hat, dabei für sich oder jemand anders einen besonderen Vorteil gesucht und erlangt hat oder nichtc Abgesehen davon kann die Klägerin dem Beklagten auch nicht etwa vorwerfen, daß er auf die Gestaltung des Erwerbspreises für das Witterschlicker Unternehmen einen Einfluß genommen habe, der ihr zu dem Nachteil geworden sei« Bas Gegenteil ist der Fall, da er nach dem Vorbringen der Beklagten, das in seinen Einzelheiten von der Klägerin nicht bestritten worden ist, andere Kaufinteress ent en überboten hat und der Klägerin ein höherer Kaufpreis zugeflossen ist, als sie ihn sonst erlangt hätte« In der Revisionverhandlung hat die Klägerin noch vor-* tragen lassen, der Beklagte Max V^jj^habe den Abschluß des Vertrages vom 11« *pril 1946 durch eine arglistige Täuschung erschlichen;er habe der Besatzungsmacht gegenüber seinen Mitbewerber bewußt wahrheitswidri als nazistisch gebunden hingestellt« Es braucht nicht darauf eingegangen zu werden, ob bei einer Sachlage, wie sie hier angedeutet wird, die deutsche Gerichtsbarkeit für den geltend gemachten Schadensersatzanspruch gegeben wäre« Der Vorwurf, den die Revision hier erhebt, ist nämlich neu, steht im Widerspruch zu dem bisherigen Sachvortrag und ist durch keinerlei tatsächliche Darlegungen unterbaut« Nach dem Klagevorbringen, von dem die Klägerin bislang nicht abgegangen war, hat der Beklagte Max V^jj^ bei der Unterredung mit dem Sachbearbeiter McBflH) aus dem Stabe des Controllers zwar zu verstehen gegeben, daß Wef^fc in der Vergangenheit unerwünschte politische Verbindungen gehabt habe; doch hat er die Frage, ob er eine besondere Anschuldigung vorbringe, ausdrücklich verneint« Zum Abschluß des Vertrages mit dem Beklagten ist es auch erst gekommen, nachdem beide Bewerber von der Militärregierung politisch überprüft worden waren und die Ermittlungen nach dem von der Klägerin mitgeteilten Befund des Headquarters Military Government North Rhine