BGH · VI ZR 197/61
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
'Bei dieser Sachlage hat das Berufungsgericht eine Schadensersatzpflicht des beklagten Mädchens rechtsirr-tumsfrei verneint« Zwar steht nach den Ausführungen des Berufungsurteils außer Frage, daß es die zur Erkenntnis seiner Verantwortlichkeit erforderliche Einsicht gehabt hat« Ebenso wie das Landgericht ist das Berufungsgericht aber der Auffassung, daß es dem beklagten Mädchen nicht zu dem Verschulden angercch.net werden kann, den Kläger mit den Pfeil verletzt zu haben« Diese Beurteilung enthält keinen Rcchtsfohlcr• Zutreffend sind die vorinstanzlichen Gerichte davon ausgegangen, daß der Vorwurf fahrlässigen Verhaltens die Beklagte nur dann träfe, wenn sie die Sorgfalt außer acht gelassen hätte, die von ihr nach dem Maß-stab der an Jugendliche ihrer Altersstufe allgemein zu stellenden Anforderungen erwartet werden konnte» Da die Beklagte mehrere Meter am Kläger vorbei auf die Haustür zielte und der Kläger nur darum getroffen wurde, weil er von der Seite her in die Flugbahn hineinlief, begegnet es keinen rechtlichen Bedenken, daß die vorinstanzlichen Gerichte angenommen haben, die Beklagte habe den Bogenschuß für gefahrlos halten dürfen» Anders wäre es nur, wenn sie die Möglichkeit dieses Hineinlaufens in die F’lugbahn hätte in Betracht ziehen müssen» Den vorinstanzlichen Gerichten ist aber darin beizutreton, daß die Beklagte nach dem Maße der an 12-jährige Kinder zu stellenden Anforderungen an Umsicht und Vorsorge hiermit nicht zu rechnen brauchte» worden coien* Auf diesen Beweisantritt kam es jedoch nicht an» Denn nicht Wildheit oder Ungebärdigkeit des Mädchens sind für die Verletzung des Klägers ursächlich geworden, sondern die mangelnde Voraussicht, daß der Kläger infolge Hincinlaufens in die Flugbahn getroffen werden könne, obwohl die Beklagte den Pfeil mehrere Meter an ihm vorbei abschoß o Es war nicht behauptet worden, daß ihr durch Hinweise und Belehrungen derartige Gefahrenmöglichkeiten zu dem Bewußtsein gebracht worden seien und daß sie ermahnt worden sei, sich beim Spiel mit einem Flitzbogen gegen solche Gefahren vorzuseheno Es lag daher kein Grund vor, an die Sorgfaltspflichten der Beklagten einen anderen Maßstab an-zulegcn, als es sich bei Jugendlichen ihrer Altersstufe allgemein rechtfertigt* Daß Carmen, wie der Kläger des näheren behauptet und unter Beweis gestellt hatte, ein ,,Wildfangn ist und ihre Eltern von den Eltern anderer Kinder gebeten worden waren, sie etwas im Zügel zu halten, haben die vorinstanzlichen Gerichte als richtig unterstellt* Andererseits haben sie aber berücksichtigt,, daß ihr ein gutes Betragen von ihren Lehrern bezeugt worden ist* Ihr das Spiel vor dem Hause etwa zu verbieten, hat nach der rechtsfehlerfreien Ansicht der vorinstanzlichen Gerichte kein Anlaß bestanden* Waren die Zu dem letzteren Punkt erhebt die Revision eine Rüge, die darauf zurückgreift, daß der Kläger in einem Schriftsatz vom 4» April I960 unter Berufung auf das Zeugnis der Frau DfliHB behauptet hatte, Carmen habe schon vor dem Unfall öfter mit Pfeil und Bogen anderer Kinder gespielt; die Revision bemängelt, daß dieser Beweis nicht erhoben worden ist» Die Rüge ist unbegründet» Der Schriftsatz ist eingereicht worden, als sich der Rechtsstreit zunächst nur gegen das beklagte Kind richtete» Die Behauptung ist von diesem bestritten worden» Der Kläger hat danach mit Schriftsatz vom 26» April I960 Klage auch gegen die Eltern des Kindes erhoben» In diesem Schriftsatz hat er durch das Zeugnis der Frau DflBl unter Beweis gestellt, daß die Carmen einen Tag vor dem Unfall in Gesellschaft einiger Jungen mit einem Flitzbogen geschossen habe» So hat auch das Landgericht nach Verbindung der beiden Prozesse das Klagevorbringen in dem Tatbestand seines Urteils dargestellt» Der Kläger hat weder eine Berichtigung des Tatbestandes beantragt noch ist er im Berufung s verfahren auf die Behauptung zurückgekommen, daß Carmen vor dem Unfall öfter mit Bogen und Pfeil gespielt habe» Danach konnte das Berufungsgericht diese Be- hauptung aber als fallengelassen ansehen, Wie das Landgericht auogoführt hat, besteht kein Anhalt dafür, daß den beklagten Eltern der Vorfall vom Vortage der Unfallver-letzung dos Klägers bekannt geworden ist oder hätte bekannt geworden sein müssen» Inwiefern die Eltern bis zu dem Unglückstagc hätten annehmon können, daß Carmen mit Bogen und Pfeil schießen würde, ist nach der Feststellung des Landgerichts nicht ersichtlich. Der Kläger hat im Berufung ever fahren nichts vorgebracht, was dem entgegonstände, Unbedenklich konnte daher auch das Berufungsgericht von der Feststellung des Landgerichts ausgehen, Brauchten die beklagten Eltern aber nicht damit zu rechnen, daß ein Flitzbogen in die Hand ihrer Tochter gelangen und diese damit schießen würde, so gereicht es ihnen auch nicht zu dem Vorwurf, in ihrer Aufsichtsführung etwas unterlassen zu haben, was sonst vielleicht notwendig gewesen wäre.