BGH · VI ZR 193/57
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Mit der Berufung wandten sich die Beklagten gegen das Urteil, soweit der Erstbeklagte zu dem Ersatz von mehr als einem Brit-tel des Schadens im Haftungsrahmen des Straßenverkehrsgesetzes und der ^weitbeklagte zu dem Ersatz von mehr als einem Brittel des Gesamtschuldens des Klägers verurteilt worden sind, Bas Berufungsgericht hat auf die Berufung der Beklagten die erhobenen Klageansprüche nur zu einem Britt el für gerechtfertigt erklärt. Ohne Rechtsirrtum ist das Berufungsgericht davon ausgegangen, daß der Kläger gegenüber dem Zweitbeklagten nicht vorfahrtberechtigt gewesen ist. Ohne ÄechtsiHtum hat das Berufungsgericht ferner bei seiner Schadensabwägung im wesentlichen die von den Parteien objektiv gesetzten Ursachen des Schadens, insbesondere die objektive Verletzung der Wartepflicht berücksichtigt« Bies wird auch von der Revision nicht bemängelt« Zu Unrecht sieht der Kläger jedoch einen die 4atScheidung beeinflussenden Rechtsirrtum darin, daß nicht nur eine objektive Verletzung der ihn treffenden Wartepflicht der Abwägung zugrunde liegt, sondern dieser Irrtum über sein Vorrecht auch als nicht entschuldbar bei der Abwägung berücksichtigt worden ist« Soweit von den Prozeßbevollmächtigten der Beklagten die Auffassung vertreten worden ist, diese Präge liege der Entscheidung gar nicht zugrunde, wird der Sinn der Entscheidungsgründe verkannt« Bamit erübrigt sich auch ein Eingehen auf die von den Beklagten vorgetragene Meinung, die Zulassung der Revision sei hier gesetzwidrig*» Bas Berufungsgericht hat als glaubhaft, zu demindest als nicht widerlegbar angesehen, daß dem Kläger das Vorhandensein des Breiecksschildes in der von rechts einmündenden Dangaster Straße bekannt war und er sich deshalb möglicherweise für vorfahrtberechtigt gehalten habe, wenn er auch von dem Meinungsstreit über die Hechtsfolgen bei einem vereinsamten Breeicksschild keine Kenntnis gehabt habe* ü»s muß somit davon ausgegangem werden, daß der Kläger irrigerweise ein Vorfahrtrecht angenommen hat* weil in der Bangast er straße ein *artezeichen stand, obgleich seine Straße entgegen § 13 Abs«, 2 StVO nicht mit einem amtlichen Verkehrszeichen als Vorfahrt straße gekennzeichnet war«, Ber Kläger hat sich also über den Inhalt der Straßenverkehrsordnung geirrt, denn er hat, entgegen § 13 StVO angenommen, das "vereinsamte Breiecksschild" gebe ihm ein Vorrecht« Ber erkennende Senat hat bereits mehrfach ausgesprochen, daß es eine Außerachtlassung der erforderlichen Sorgfalt bedeute, wenn ein Kraftfahrer am Kraftverkehr teilnahm, ohne die grundlegenden Bestimmungen der Straßenverkehrsordnung oder überhaupt alle Bestimmungen die für ihn maßgebend werden können, zu kennen (vgl« z«B„ VI ZR 17/52, Urteil vom IO» Bezember 1952 IM Nr« 4 zu § 13 StVO)« Bei § 13 StVC handelt es sich sogar um eine grundlegende Bestimmung des Straßenverkehrs, denn die Erfahrung ha‘6 gezeigt, daß Verstöße gegen die Vorfahrt unter den Ursachen der Verkehrsunfälle mit an erster Stelle stehen« Bie Unkenntnis oder irrige Auslegung einer solch maßgeblichen Bestimmung der Straßen • Verkehrsordnung kann daher nur unter ganz besonderen Umständen entschuldigt werden (ebenso OBG Braunschweig, VHS 10, 387 = NJW 1956, 1650 (üeitsatz))« Bie Auffassung von Weigelt (BAH 1955? Damit würden Zweifelsfragen über die Auslegung der Straßenverkehrsordnung zivilrechtlich zu Das ten von sich richtig verhaltenden Verkehrsteilnehmern gehen* Das kann nicht i-ichtig sein* Es muß bei der Prüfung der im Verkehr erforderlichen Sorgfalt ein objektiver und bei der Gefährlichkeit des motorisierten Straßenverkehrs strenger Maßstab angelegt werden* Damit ist zwar nicht notwendig bei jeder irrigen Auffassung über die Auslegung einer Bestimmung des Straßenverkehrsrechts ein Verschulden zu bejahen* Martin (Kraft verkehrsrecht von A bis Z - Vorfahrt Allgemeine Erläuterungen 1 Blatt 3 B) hat sogar zur strafrechtlichen Verantwortlichkeit des Kraftfahrers ausgefübrt, daß bei der jedem Kraftfahrer zuzu demutenden Sorgfalt dieser nur ausnahmsweise werde einwenden können, er habe ein Verkehrsschild falsch gedeutet. sigkeit des Klägers darin gesehen, daß er geglaubt hat, sein Fahrrad mit Hilfsmotor stehe bei der Vorfahrt einem Kraftfahrzeug gleicho In dem hier zu entscheidenden falle handelt es sich jedoch um eine Hechtsfrage, die im Zeitpunkt des Unfalls am 28c April 1955 nicht geklärt war, bei der auch bis dahin keine wesentliche Rechtsprechung oder gar eine höchstrichtsr-liehe Entscheidung den auch in diesem Rechtsstreit vertretenen Standpunkt des Klägers geteilt gehabt hätte* 3ber die Frage, welche Bedeutung einem ”vereinsamten Breieckssehild" einer nicht als bevorrechtigt gekennzeichneten Straße gegenüber zukomme, herrschte vielmehr von Anfang an lebhafter Streit (vgl* z*Bo Guelde, RdK 1954? BayObBU BAß 1955, 47)o Müller (aaO), das Oberlandesgericht Hamm (VHS 7, 138) und das Oberlendesgericht Braunschweig (VRS 10, 387) haben bereits darauf hingewiesen, daß Tagespresse und Rundfunk die Bestimmungen über die Vorfahrt im Anschluß an die Änderungen durch die Verordnung vom 24o August 1953 eingehend gewürdigt und teilweise heftig kritisiert hatten« Unter diesen Umständen durfte der Klager nicht auf seine Meinung - es ist nicht ersichtlich, wie er zu der im Rechtsstreit vertretenen Auffassung gelangt ist -vertrauen«, Er hätte sich bei dieser Sachlage als Teilne3iraer am Kraftverkehr auf &rund der bereits seit fast zwei Jahren bestehenden Heuregelung und der Wiedereinführung des Grundsatzes "rechts vor links" vergewissern müssen, ob seine Auffassung über das Vorfahrtrecht auch richtig sei* Burfte er aber nicht die Gewißheit haben, daß seine Auffassung richtig sei, so mußte er zu dem mindesten durch eine entspre- chende Fahrweise diesem Rechnung tragen, wann er die verkehrserforderliche Sorgfalt als Kraftfahrer beachten wolltac Gerade bei den Gefahren des Straßenverkehrs muß an die ver-kehrserforderliche Sorgfalt ein strenger Maßstab angelegt werden« Bs geht nicht an, Zweifel über die Rechtslage, die der Klager hätte haben müssen, ohne weiteres nur wegen des Meinungsstreits Uber die Auslegung der Straßenverkehrsordnung als entschuldbar anzusehen und die Zivilrechtlichen Folgen insoweit dem anderen Verkehrsteilnehmer aufzubürden * Soweit die Beklagten vorgetragen haben, der Kläger sei bereits vom Landgericht mit seinen bezifferten Klageansprüchen abgewiesen worden, braucht auf diese .Frage nicht eingegangen zu werden, da der Senat mit dem materiellen Schaden des Klägers nicht befaßt ist* Bei dem geltend gemach--ten immateriellen Schaden (Schmerzensgeld) ist aber noch kein fest bestimmter Betrag Gegenstand der landgerichtlichen Entscheidung gewesen* Daß nach dem Urteil des Berufungsgerichts der Kläger jedoch nur ein Drittel eines angemessenen Schmerzensgeldes verlangen kann, darüber hinaus jedoch keine Ansprüche mehr erheben darf, unterliegt keinem Zweifel, wird auch ersichtlich vom Kläger nicht angenommen*