BGH · VI ZR 156/62
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Auf eine Anfrage des Vollstreckungsrichters, ob das Offenbarung o eidverfahren als erledigt angesehen werden könne, bat Rechtsanwalt Dr» mit Schreiben vom 30» Dezember 1959, den Kläger unter dessen neuer Anschrift in Bad Ems zu laden» Hierauf forderte der Vollstrockungsrichter von Rechtsanwalt Dr» die Vollotreckungsunterlagen an und bat ihn mitzuteilen, in welcher Höhe die Schuld noch bestehe» Rechtsanwalt Dr» HflH) übersandte mit Schreiben vom 19* Januar I960 "die Vollstreckungsun-tcrlagen"» Diese bestanden nach der Darstellung der Beklagten aus einem Vollstreckungsheft des Rechtsanwalts Dr» IliP, das u»a* die drei gegen den Kläger ergangenen Kostenfestsetzungsbeschlüsse enthielt» Unstreitig ist, daß der Kostonfestsetzungsbe-ochluß vom 7» Juni 1955 über 479,44 DM den dem Amtsgericht Bonn übersandten Vollstreckungsunterlagen beilag» In seinem Schreiben erklärte Dr» Np|^9 daß noch folgende Rückstände bestünden! Hach einem Schriftwechsel der beiden Anwälte - wegen seines Inhalts wird auf den Tatbestand des Berufungsurteils verwiesen - übersandte Rechtsanwalt Dr« SflBBlam 17o August I960 in Aufträge des Klägers einen Verrechnungsscheck über 389*32 DM vorbehaltlich einer Nachprüfung, da der Kläger sich die Forderung nicht erklären könne« Dr« sandte am 14» September kündigt mit der Begründung, eine Fortsetzung des Vertrages lasse sich, nachdem er im Schuldverzeichnis eingetragen sei, mit ihrem Status als Finanzierungsbank nicht mehr vereinbaren» Durch die Kündigung des Vertrages habe er bisher das Gehalt für die Monate Januar und Februar 1961 mit insgesamt IOoOOO DM verloren» Für diesen Schaden müsse die Beklagte aus dem Gesichtspunkt der positiven Forderungsverletzung und der unerlaubten Handlung einstehen» Ihr Prozeßbevollmächtigter, Rechtsanwalt Dr» Np^^ habe den Haftbefehl vom 14» Juli I960 grobfahrlässig und widerrechtlich erwirkt» Br habe nämlich das Offenbarungseidverfahren, in dessen Verlauf dieser Haftbefehl ergangen sei, zuletzt auf den Kostenfestsetzungsbeschluß vom 7o Juni 1955 über 479,44 DM gestützt, obwohl dieser Titel schon am 10» November 1955 bezahlt worden sei» Das sei geschehen, obwohl Dr» Np|p die Zahlung bekannt gewesen sei und obv/ohl der Kläger ihn wiederholt darauf hingewiesen habe, daß keine Forderung mehr bestehe» Für das Verschulden des Rechtsanwalts Dr» müsse die Beklagte nach § 831 BGB und, da er ihr Er- Die Beklagte hat um Abweisung der Klage gebeten» Sie hat geltend gemacht: Das Offenbarungseidverfahren sei ordnungsgemäß gegen den Kläger betrieben worden» Dieser habe sich verpflichtet, alle entstandenen Kosten zu erstatten» Bei den Zahlungen, die der Kläger geleistet habe, sei nie bestimmt gewesen, worauf sie angerechnet werden sollten« Daher seien alle Zahlungen zuerst auf die nichttitulierten Kostenansprüchc und dann auf die Vollstreckungskosten verrechnet worden« So:, habe sich schließlich der dem Rechtsanwalt BflHP mitgeteilte Restbetrag ergeben, wegen dessen dann der Haftbefehl ergangen sei. Soweit die Deliktsvorschriften als Anspruchsgrundlage in Betracht kommen, scheiden Ersatzansprüche des Klägers schon aus den Erwägungen aus, mit denen das Berufungsgericht sein Urteil hilfsweisc begründet hat» Da der Beklagten selbst keine unerlaubte Handlung zur Last zu legen ist, könnte sie insoweit für das Vorgehen ihres Prozeßbevollmächtigten nur nach §831 BGB zur Verantwortung gezogen werden (Urteil des BGH von 15»2»1957 - VI ZR 335/55 - in VersR 1957, 301)» Das muß aber daran scheitern, daß für Rechtsanwalt Dr» der Ent- IIo Das Berufungsgericht hat sich nicht dazu geäußert, ob in einem solchen Palle Ersatzansprüche aus § 278 BGB mit der Begründung geltend gemacht werden können, der Rechtsanwalt habe bei der Vollstreckung aus dem Schuldtitel als Erfüllungsgehilfe seines Mandanten gehandelt und dabei schuldhaft Pflichten aus einem Schuldverhältnis verletzt. Der Haftbefehl gegen den Kläger ist auf Grund dieses Kostenfest so tzungs-beschlusses ergangen, obwohl die diesem Titel zugrunde liegende Forderung schon durch Zahlung erloschen war. mäßig genau mit dem Kostenbetrag überein, den der jetzige Kläger nach dem Festsetzungsbeschluß vom 7» Juni 1955 zu erstatten hatteo Daraus hat das Berufungsgericht mit Recht gefolgert, daß die Zahlung vom 103 November 1955 in Höhe von 479?44 DM auf diesen Kostentitel zu verrechnen war» Da der Titel gerade auf diesen Betrag lautete, war für die Beklagte erkennbar, daß der Kläger mit seiner Zahlung seine Schuld aus diesem Kostontitel tilgen wollte» Diese Bestimmung war, auch wenn sie stillschweigend geschehen ist, nach § 366 Abs» 1 BGB für die Verrechnung maßgebend» Das Berufungsgericht meint nun, ein Rechtsanwalt, der sich im Offenbarungseidverfahren eines Kostentitels bediene, dessen Forderung schon bezahlt ist, handele nicht rechtswidrig, weil die Zwangsvollstreckung durch das Fehlen des materiellen Anspruchs nicht unzulässig werde» Der Vollstreckungsanspruch habe nur den Vollstreckungstitel zur Voraussetzung, nicht aber den materiellen Anspruch, der durch die Zwangsvollstreckung verwirklicht werden solle» Der Schuldner habe nach der Zahlung dertitulierten Forderung zwar das Recht, mit Hilfe der Vollstreckungsgegenklage (§ 767 ZPO) die Entziehung des Vollstreckungsrechts zu verlangen» Bis dahin geschehe die Zwangsvollstreckung aus dem Titel aber rechtmäßig» Dieser Schlußfolgerung vermag der Senat nicht beizutreten» Freilich ist das Offenbarungseidverfahren in einem solchen Falle nicht unzulässig, denn für den Rechtsbestand einer Vollstrcckungsmaßnahme ist es gleichgültig, ob der materielle Anspruch noch besteht» Daß eine Vollstreckung als staatliche Tätigkeit rechtmäßig ist, schließt aber nicht aus, daß das Vorgehen des Gläubigers in seinem Verhältnis zu dem Schuldner rechtswidrig sein kann» Die Handlung des Staates und die des Maßgebend ist vielmehr, ob das Vorgehen des Gläubigers vom Standpunkt des Zivilrechts aus zu billigen ist (im Ergebnis ebenso Stein-Jonas-SchÖnkc ZPO 17» Auflo § 767 ZPO Anm, VI und Vorbein» II 2 vor § 704 ZPO) o Die Ersatzpflicht der Beklagten kann daher nicht mit den Erwägungen verneint werden, aus denen das Berufungsgericht die Abweisung der Klage bestätigt hato 2o Sie entfällt aber aus anderen Gründen, Betreibt ein Gläubiger, der einen oder wie die Beklagte sogar mehrere vollstreckbare Schuldtitel erwirkt hat, gegen seinen Schuldner die Zwangsvollstreckung, so ist bei der Prüfung, ob er bei der Verfolgung seiner Ansprüche gegen Treu und Glauben verstößt und die Pflichten eines Gläubigers verletzt, ein eigener Maßstab anzulegen und den Besonderheiten Rechnung zu tragen, die sich aus dom Verhältnis zwischen dem Gläubiger eines Vollstreckungstitcls und seinem Schuldner ergeben» Der Gläubiger bedient sich, soweit er die Zwangsvollstreckung betreibt oder Termin zur Leistung des Offenbarungseides beantragt, eines gesetzlich geregelten Verfahrens, in dem das Gericht zwischengoschaltet ist und dem Schuldner genau geregelte Verteidigungsmöglichkeiten eröffnet sind (vgl» BGHZ 36, 18), Macht der Gläubiger von diesen Möglichkeiten Gebrauch, die das Gesetz ihm Ginräumt, so ist an sein Verhalten kein zu strenger Maßotab anzulegen, denn es geht nicht an, daß jedes Versehen, das ihm oder seinem Prozoßbevollmächtigten dabei unterläuft, zu der Verpflichtung führt, dem Schuldner allen hieraus entstehenden Schaden zu ersetzen» Das ist viel- Daß Rechtsanwalt Dr» bei seinem Vorgehen gegen den Kläger in dieser Weise seine Pflichten verletzt hat, dafür ist nichts dargetan<> Allerdings hat er in dem Offenbarungseidverfahren, das er wogen der Forderung aus dem Kostenfestsetzungsbeschluß vom 7o Juli 1955 in die Wege geleitet hatte, nach der Bezahlung dieses Betrages auch den schon erledigten ersten Kostenfestsetzungsbeschluß vorgelegt und so dazu beigetragen, daß auf Grund dieses Kostenfestsetzungsbeschlusses ein Haftbefehl gegen den Kläger erging* Dieses Verhalten darf aber nicht isoliert gesehen werden, sondern ist im Rahmen der gesamten Umstände zu werten, unter denen es zu diesem Verlauf gekommen ist» Dabei fällt vor allem ins Gewicht, daß Rechtsanwalt Dr» jedenfalls auf Grund des dritten Kostenfest- cctzungsbeschlusses, der unstreitig noch nicht bezahlt war, berechtigt war, das Offenbarnngseidsverfahren gegen den Kläger weiter zu betreiben und, falls dieser nicht erschien, Erlaß des Haftbefehls zu beantragen» Wenn er unter diesen Umständen auf die Aufforderung des Gerichts, die Vollstreckungsunterla-gon vorzulegen und die Höhe der Schuld anzugeben, auch den schon bezahlten ersten Kostenfostsetzungsbeschluß eingereicht hat, so ist dem kein entscheidendes Gewicht beizu demessen» Auch die Tatsache, daß die angegebene Restforderung zu dem Teil umstrittene und nichttitulierte Ansprüche umfaßte, kann nicht auoreiohen, um seinem Vorgehen den Charakter des Anstößigen zu geben» Es kommt hinzu, daß die Höhe der Kostenrestschuld, solange keine Zahlung erfolgte, für den Ablauf des Offenbarungseidsverfahrens ohne Bedeutung war» Oktober 1955 betrieben hätte, diesen Titel rechtzeitig durch Zahlung klar erledigt haben würde» Denn der Kläger mußte wissen, daß die Forderung aus diesem ihm zugestellten Kostentitel noch offenstand und die Beklagte mithin im Vollstreckungswege gegen ihn Vorgehen konnte«.