BGH · VI ZR 143/62
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
An 16, Juni 1959 gegen 16 Uhr wurde der damals nicht ganz neunjährige Kläger bei dem Versuch, die Oesterholzstraße in Dortmund mit einem Roller zu überqueren, von einem elektrischen Linien-Omnibus (Obus) der Erstbeklagten angefahren, den der Zweitbeklagtc steuerte„ Er wurde schwer verletzt und nimmt die Beklagten auf Schadensersatz in Anspruch, Der Unfall ereignete sich an einer Kreuzung, In der Fahrtrichtung dos Zwoitbeklagton gesehen münden dort von links die Bnschodor Straße und etwas versetzt von rechts die breitere Oesterlandwehrstraße in die bevorrechtigte Ocster-holzstraße ein, die bis hierher'gerade und dann in einer Linkskrümmung verläuft. Alles dessen hätte es überdies nicht einmal bedurft, wenn der Zweitbeklagte von vornherein ganz rechts und nicht in mindestens eineinhalb Meter Abstand von dem (gedachten) rechten Fahrbahnrand gefahren wäre; denn er, der Kläger, habe unmittelbar vor den Unfall schon gehalten und sich gerade über den Verkehr auf der anderen Fahrbahnhälfte vergewissern wollen» Der Kläger hat Ersatz der Aufwendungen seines Vaters mit 826,25 UM, von Zweitbeklagten Zahlung eines Teilschmerzensgeldes von loOOQ UM sowie die Feststellung begehrt, daß die Beklagten ihn auch den künftigen Unfallschaden zu ersetzen haben» Im zweiten Hechtszug hat er die Schmerzensgeldforderung auf 6»000 UM erhöht und den Feststellüngsantrag hinsichtlich der Erstbeklagten auf die Haftung nach dem Straßenverkehrsgesetz beschränkt» Uie Beklagten haben um Klägeabweisung gebeten» Sic habe» behauptet, der Kläger habe die Straße durch eine Lücke des dem Obus entgegenkommenden Verkehrs zu überqueren versucht und sei daher auf dem ersten Teil seines Weges für den Zweitbeklagten verdeckt* gewesen; dieser habe alsdann so früh wie möglich, nämlich auf eine Entfernung von mindestens 24 m reagiert, wie der Bremsweg ergebe» Scharf rechts habe sich der Obus wegen parkender Fahrzeuge nicht halten können; ein Hineinfahren in die Lücken sei ebensowenig zu verlangen wie der gefährliche Versuch des Hechtsausweichens während der Notbremsung» Zudem sei der Unfall auch auf diese Weise nicht zu vermeiden gewesen, weil der Kläger entgegen seiner Behauptung nach überfahren der Straßenmitte weder angehalten noch nach rechts gesehen habe» Mit Sicherheit wäre der Unfall nur vermieden worden, wenn der Obus um mindestens jene rund acht Meter früher abgcbremst worden wäre, die er hinter der Anstoßstelle zu dem Stillstand gekommen ist« Der 2weitbeklagte hätte dann knapp eine Sekunde früher reagieren müssen« Daß er hierzu imstande und verpflichtet gewesen wäre, hat das Berufungsgericht zwar als möglich, doch nicht als bewiesen angesehen« Diese Würdigung beruht entgegen der Meinung der Revision nicht auf Rechtsirrtum oder Verfahrensverstößen« Ed hat erwogen, daß mit einem Roller höchst unterschiedliche Geschwindigkeiten erzielt werden - nicht vergleichbar den Gangarten eines Rußgängers und daß der Kläger derzeit immerhin schon ein verhältnismäßig' großer und kräftiger Jungo war« Hätte sich die Behauptung des Klägers erweisen lassen, daß er sich auf der Fahrbahn wie ein Fußgänger mit 5 km/st bewegt habe, so hätte der Zweitbeklagte freilich 5 Sekunden Zeit zur Verhütung des Unfalls gehabt» Das verkennt auch das Berufungsgericht nicht» Be hat jedoch den unsiche-I ren und einander widersprechenden Zeugenaussagen eine solche Begrenzung der Rollergeschwindigkeit nicht zu entnehmen vei,» mochto Die Rüge der Revision, daß das Berufungsgericht die zu diesem Punkt erbotenen Beweise nicht erschöpft habe, ist unbegründet» Die benannten Zeugen waren bereits im ersten Rechtszug gehört worden; ein Anlaß zu ihrer erneuten Vernehmung bestand nicht» War - wie das Berufungsgericht in unanfechtbarer V7ür-digung der Beweise darlegt - die Möglichkeit nicht auszu-schließen, daß der Kläger auch schnell vom Bordstein herab und über die Straße gefahren sein kann, so läßt sich nicht feststellen, daß der Zweitbeklagte den Obus bei gehöriger Aufmerksamkeit noch rechtzeitig hätte anhalten können» Pur den Weg von etwa 7 m, den der Kläger zurückgelegt hat, kommen dann Zeiten zwischen 2 und 4 Sekunden in Betracht, in deren unterem Bereich ein völliges Abbremsen des Obus offenkundig ausgeschlossen und an deren oberer Grenze es gerade noch möglich war» Diese zu hasten des beweispflichtigen Klägers bestehenbleibende Ungewißheit vermag die Revision mit den Rügen, die 3ie gegen die Berechnungen des Berufungsgerichts erhebt, nicht auszuräumen» gezogen hate Bremsverzögerung und Bremsweg sind aus der durchgeführten Bremsprobe abgeleitet worden; mit dem bloßen Hinweis, daß der Sachverständige Pachur zu ähnlichen Werten gelangt sei, hat sich das Berufungsgericht noch nicht unzulässig auf dessen im Strafverfahren erstattetes Gutachten gestützt» Schließlich besteht zwischen den Feststellungen, daß der Zweitbeklagte im Augenblick des Erkennens der Gefahr noch 16 m vom Unfallpunkt und schätzungsweise 18 m vom Kläger entfernt war, kein Widerspruch, weil es sich, wie im Urteil ausdrücklich erläutert wird, tatsächlich um verschieden große Strecken gehandelt hato Das Berufungsgericht hat nicht übersehen, daß das Verhalten des Zweitbeklagten danach zu beurteilen ist, wann er die Lage erstmals als gefährlich erkennen konnte und mußte. Auch wenn schon auf den Zeitpunkt abgestellt wird, als der Kläger den Bürgersteig verließ, bleibt die Möglichkeit bestehen, daß er den Weg von dort bis zur Unfallstelle schneller zurückgelegt hat, als der Zv/eitbeklagte den Obus anhalten konnte und angehalten hat. Befand er sich aber weiterhin in Fahrt, wäre er in jedem Fall - nur etwas weiter hinten - gegen den Obus geprallt, dfr dann jedoch noch nicht so stark hätte abgebremst sein könne» Benn daß sich zu demal bei einem so großen Fahrzeug Bremsen und Ausweichen nur sehr beschränkt kombinieren lassen, ist entgegen der Meinung der Revision eine allgemeine Erfahrung, die das Berufungsgericht ohne weiteres in seine Erwägungen aufnehmen durfte. Obuo unter weitgehendem Verzieht auf seine Bremsung und wahrscheinlichem Ahreißen der Stromverbindung erfordert und verbot sich wegen der unübersehbaren Gefahren von selbst« Deshalb sind die Erörterungen gegenstandslos, wieviel Raum dem Zweitbeklagten günstigstenfalls nach rechts zur Verfügung gestanden hätte* Blieb jedoch höchstens ein schwacher Rechtsbogen denkbar und befand sich andererseits der Kläger in voller,, möglicherweise schneller Pahrt, so konnte es das Berufungsgericht ferner ohne fiechtsirrtum als unbewiesen an-sehen, daß ein Hupensignal den Kläger noch rechtzeitig zu dem Anhalten veranlaßt hätte, d,h« daß sich die fahrlässige Unterlassung des Zweitbeklagten schädlich ausg€v/irki: hat* Mit Sicherheit wäre der Kläger* wie das Berufungsgericht dargelegt hat, in seiner gefährlichen Lage durch ein akustisches Signal zunächst erschreckt worden« Ob er gleichwohl noch zu einer rechtzeitigen Reaktion imstande gewesen wäre, ist im Hinblick auf seine ungeklärte Geschwindigkeit nicht einmal im Sinne einer überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu beurteilen«