BGH · VI ZR 128/67
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Berufungsklüger, Berufungsbeklagten und Revisionsbeklagten, Prozeßbevollmäehtigter: Rechtsanwalt Br Der VIo Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung vom 21, Mai 1968 unter Mitwirkung der Bundesrichter Hanebeck, Heinr0 Meyer, Dxw Y/eber, Dr« Nüßgens und Sonnabend für Hecht erkannt; Der Klüger befand sich nach dem Unfall bis zu dem 10« Oktober 1959 in stationärer Krankenhausbehandlung «> Bis zu dem Unfall hatte er als Dreher gearbeitet; seitdem ist er arbeitsunfähig; er bezieht Rente aus der deutschen und französischen Sozialversicherung«, Wegen der neben anderen Verletzungen erlittenen Gehirnquetschung hat er sich in seinem Wesen und in seiner Persönlichkeit grundlegend veränderto Er hat einen ataktischen Gang bekommen und int pflegebedürftige Der - ledige - Kläger lebt seit der Entlassung aus dem Krankenhaus bei den Eheleuten E^^p, von denen er verpflegt und betreut wird» Gelegentlich beschäftigt er sich damit, daß er Puppenteile unter Anleitung und Überwachung mit Kapok ausstopft„ Sein Schwager Kurt E|^^ ist am 15» November 1965 vom Amtsgericht ScbPHIHB zu seinem Prozeßpfleger bestellt wordene Der Kläger hat die Beklagten - den Zweitbeklagten im Rahmen des StVG - auf Ersatz von 2/5 des ihm entstandenen und entstehenden Unfallschadons in Anspruch genommen, soweit die Ansprüche nicht auf öffentlich-rechtliche Versicherungsträger übergegangen sindo Der Kläger ist der Ansicht, daß der Erstbeklagte den Unfall überwiegend schuldhaft verursacht habe«, Das von dem Erstbeklagten gesteuerte Fahrzeug sei unbeleuchtet gefahrene Der Erstbeklagte habe infolge Übermüdung durch anstrengenden Einsatz im Taxidienst die Personengruppe, die gleichsam in einer Kette die Fahrbahn überschritten habe, nicht wahrgenommen; er habe es verabsäumt, die Geschwindigkeit den Straßenund Witterungsverhältnissen entsprechend herabzusetzen» Der iSrstbeklagte ist weiterhin verurteilt worden, an den Kläger für die Zeit bis 30* Juni 1963 ein Schmerzensgeld von 3oQ00 DM und vom 1* Juli 1963 an eine monatliche Schmerzensgeldrente von 50 DM zu zahlen* Sodann ist festgestellt worden, daß die Beklagten als Gesamtschuldner - und zwar der Zweitbeklagte bis zu der im StVG bestimmten Haftungshöchstgrenze - verpflichtet sind, dem Kläger den weiteren, seit 1* August 1963 entstandenen oder noch entstehenden materiellen Schaden zu 1/2 unter Berücksichtigung etwaiger Forderungsübergun-ge auf Sozialversicherungsträger zu ersetzen* Den wei~ tergehenden Klageanspruch hat das Landgericht abgev/ie- Gegen dieses Urteil haben beide Parteien Berufung eingelegte Der Kläger bat sich dagegen gewendet, daß sein Mitverschulden höher als zu 1/3 bewertet worden ist, und eine Erhöhung des Pflegegeldes und Schmerzensgeldes verlangt; die Beklagten haben um Klageabweisung in vollem Umfang gebeten» Io Das Berufungsgericht hat nicht für bewiesen gehalten, daß der Erstbeklagte vor dem Unfall mit unbeleuchtetem Fahrzeug gefahren ist« Bei seiner Beurteilung ist das Berufungsgericht von den eigenen Angaben des Erstbeklagten ausgegangen, der bei seiner Vernehmung vor dem Landgericht ausgesagt hatte, die gerade verlaufende Straße sei übersichtlich gewesen und man habe eine Sicht von etwa 300 bis 400 m gehabt; er habe Fußgänger im Bereich der Unfallstelle die Straße überqueren sehen, von denen er zu diesem Zeitpunkt noch etwa 100 bis 150 oder 200 n entfernt gewesen sei« Das Berufungsgericht stellt hierzu fest, daß die beiden jungen Männer und die Schwester des Klägers sowie hinter dieser deren Ehemann in Hoho des Anwesens Nr0 61 die Straße in diagona- fungsgerieht ist weiter davon ausgegangen, daß diese vier Personen ein gemäßigtes Fußgängertempo, etwa 4- km/ st, eingehalten haben® Bei einer Straßenbreite von 7?10 m und einer Breite des Bürgersteigs von jeweils 3 m ist der Weg, den diese Fußgänger bis zur Ecke Heckerstraße zurückzulegen hatten, mit etwa 10 m angesetzt worden® Bas Berufungsgericht hat errechnet, daß die Fußgänger etwa 11 Sekunden vor dem Zusammenstoß den westlichen Gehsteig verlassen hatten® Bo hat sodann ausgefuhrt, der Erstbeklagte sei nach seinen im Laufe des gesamten Verfahrens gleicbgebliebenen Angaben mit einer Geschwindigkeit zwischen 40 und 50 km/st gefahren® Gehe man von einem mittleren Wert von 45 km/st aus, so habe er pro Sekunde 12,50 m und in 11 Sekunden 137,50 m zurüekgelegt® Zu dem Zeitpunkt, in welchem die vier Fußgänger die Mitte der Fahrbahn erreicht hätten - etwa 5,5 Sekunden nach Verlassen des Gehwegs habe sich also der Brstbekiagte in einer Entfernung von rund 70 m befunden® Aus dieser Entfernung hätte er aber sowohl den Schwager des Klägers als einzelnen Fußgänger auf der Fahrbahn als auch den Kläger bemerken müssen, der sich entweder auch schon auf der Fahrbahn oder noch auf dem Gehweg befunden habe® Der Erstbeklagte habe jedoch nach seiner eigenen Einlassung vor dem Zusammenstoß niemanden gesehen® Schon dies zeigo, wie unaufmerksam der Erstbeklagte den gesamten Umständen nach gefahren sei und wie wenig er sich auf die Gefahrensituation eingestellt habe® Eine Gefahrensituation sei deshalb gegeben gewesen, weil in der Silvesternacht die Straße keineswegs menschenleer gewesen sei, sondern sich rechts und links Fußgänger befunden und zu dem feil auch die Fahrbahn überquert hätten® Der Erst-beklagte habe nicht darauf vertrauen dürfen, daß die Fußgänger in den frühen Morgenstunden des Neujahrstagos Mit Recht hat das Berufungsgericht auf die besondere Situation zur Unfallzeit abgestellt« Wenn sich am Neujahrsmorgen gegen 4«00 Uhr innerhalb einer Ortschaft Personen auf den Gehwegen und auf der Fahrbahn befinden, so kann es sich nach aller Lebenserfahrung nur um Leute handeln, die eine ausgedehnte Silvesterfeier verbracht und die hierbei auch Alkohol genossen haben» Unter solchen Umständen muß ein die Straße befahrender Kraftfahrer ganz besondere Vorsicht walten lassen, dies erst recht, wenn er Paßgänger vor sich die Fahrbahn überschreiten sieht» Er kann sich nicht darauf verlassen, daß sie sich verkehrsgerecht verhalten, sondern muß sich auf unbedachtsames und unvernünftiges Verhalten gefaßt machen» Mit Recht ist das Berufungsgericht daher der Ansicht, daß der Beklagte seine Fahrgeschwindigkeit von 4-0 bis 50 km/st nicht beibehalten durfte, als rund 70 m vor ihm die Schwester des Klägers, die beiden jungen Männer und dahinter der Ehemann der Schwester die Straße überquerten * Wenn das Berufungsgericht zu dem Ausdruck gebracht hat, der Unfall wäre ’wegen erheblich geringerer Auf-prallvucht in der eingetretenen Schwere vermieden worden, falls der Beklagte eine Geschwindigkeit von nur 20 bis 25 km/st eingehalton hätte, so ist das nicht dahin zu verstehen, daß der Beklagte mit einer Herabsetzung seiner Fahrgeschwindigkeit auf 20 bis 25 km/st und ihrer fortdauernden Beibehaltung seinen Verpflichtungen Genüge getan hätte» Vielmehr hat das Berufungsgericht hervorgehoben, daß der Beklagte auf die Entfernung von 70 m auch den Kläger auf dem Gehweg oder schon auf der Fahrbahn hätte bemerken können und müsse nf und hat ihm zur Last gelegt, daß er ihn in seiner Unaufmerksamkeit nicht wahrgenommen und sich auf die Gefahrensituation nicht eingestellt hat» ln der Tat lag es nahe, daß der Fußgänger, den der Beklagte hätte bemerken müssen, den anderen Personen, die kurz vor ihm die Straße überquerten, folgte und bei weiterer Annäherung des Kraftwagens in Gefahr geriet» Mit Ec läßt sich nicht beanstanden, daß das Berufungsgericht die Fahrgeschwindigkeit des Erstbeklagten mit 45 km/st angenommen hat; der Erstbeklagte, dor seine Geschwindigkeit im Rechtsstreit mit 40 bis 50 km/st bezeichnet hat, hatte sie in dem gegen ihn geführten Ermittlungsverfahren genauer selbst mit 45 km/st angegeben. Auch wenn - wie die Revision meint - der Hrstbeklagte wegen der regennassen Straße den Schwager des Klägers und diesen selbst nicht aus einer Entfernung von 70 m, sondern erst auf Das Berufungsgericht hat das Verschulden, das den Kläger selbst an seinem Unfall trifft, als erheblich höher als das des Erstbeklagten angesehen; doch hat es zu lasten der Beklagten die durch die verkehrsv/idrige Fahrweioe erhöhte Betriebsgefahr des Kraftwagens gewertete Die von dem Berufungsgericht in Übereinstimmung mit dem Landgericht vorgenommene Schadenoverteilung je zur Hälfte liegt auf tatrichterlichem Gebiet; insoweit sind Rechtsfehler nicht zu erkennen«. Dezember I960 erhobenen Pflegegeldanspruch geltend ge-macht worden ist, kann schon deshalb nicht durchgrei-fen, weil der Kläger bereits mit der im Dezember 1961 erhobenen Klage ohne zeitliche Beschränkung die Feststellung beantragt hatte, daß die Beklagten als Gesamt-Schuldner verpflichtet seien, ihm vorbehaltlich Forderungsübergangs auf Sozialversicherungsträger den weiteren und künftigen Schaden zu 2/3 zu ersetzen * Hierdurch war auch die Verjährung hinsichtlich des Pflegegeldes für die genannte Zeit unterbrochen worden* Es kommt also nicht darauf an, ob die Beklagten in der letzten mündlichen Verhandlung vor dem Berufungsgericht auf die Verjührungseinrede verzichtet haben oder ob insoweit die Sitzungsniedercchrift infolge eines Schreib-fehlere unrichtig ist, wie die Revision behauptet«.