BGH · VI ZR 128/63
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Dio Beklagten haben um Klageabweisung gebeten» Sie haben die Einrede der Verjährung erhoben» Der Erstbeklagte hat ausgeführt, sein Haftpflichtversicherer habe den Schaden zwar fallweise unter Zugrundelegung einer Haftungsquote von 90# reguliert, aber weder damit noch sonst ein Anerkenntnis den Grunde nach abgegeben» Der Kläger habe lediglich einen Verzicht in Höhe von 10# der vollen Schadensersatzansprüehe erklärt» Der zv/oitbeklagte Fahrer hat geltend gemacht, er werde in vorliegenden Rechtsstreit erstmals in Anspruch genommen; Verhandlungen und Vereinbarungen zwischen dem Kläger und den Haftpfli-chtvor sicher er des Erstbeklagten könnten ihn nicht berühren» Dieses Bedenken wird durch einen weiteren, ebenfalls revisiblen Mangel verstärkt„ Das Berufungsgericht schließt den Willen der Beteiligten, sich von ursprünglichen Schuldgrund zu losen, allein aus den Zweck der Vereinbarung, einen Prozeß über die Mitverursachungsquote und damit über den Grund des Anspruchs zu vermeiden«, Für diesen Erfolg konnte aber möglicherweise—auch ein schuldbestätigendes Anerkenntnis genügen«, Wenn der Versicherer sich verpflichtete gegenüber den auf 90 v#H« des Schadens begrenzten Haftpflicht ansprüchen keine Einwendungen zu dem Grunde zu erheben, und wenn er sich hieran bei den folgenden Verhandlungen zur Höhe und den alsdann gezahlten Entschädigungen hielt, konnte der Kläger das gegebenenfalls als ausreichend und eine Klage deshalb als entbehrlich ansehen«, Für eine solche Einstellung des Klägers könnte sprechen, daß er auf sein ursprüngliches Verlangen nach einem förmlichen Anerkenntnis erst wieder durch das Schreiben seines Prozeßbevollmächtigten vom 20o März 1961 zurückgekommen isto Auf der anderen Seite pflegen Haftpflichtversicherer ein abstraktes Schuldanerkenntnis nur abzugeben, wenn Erklärungen, die ihre Rechtsposition weniger einschränken, zur Vermeidung eines unerwünschten Rechtsstreits über den Anspruchsgrund nicht ausreichen«, Daß der letzte Zweck angeotrebt wurde, rechtfertigt deshalb für sich allein nicht den Schluß, daß die Beteiligten mit ihrer Abrede eine neue Anspruchsgrundlago schaffen und nicht die ursprüngliche in den vereinbarten Umfang bestätigen wollten«, Für einen solchen Schluß gibt auch das beiderseitige Entgegenkommen nichts her» Die Zusage des Versicherers, die das Berufungsgericht mit Recht der erzielten Vereinbarung entnommen hat, kann durchaus dahin gegangen sein, die ursprüngliche Verbindlichkeit in Höhe von 90# des Schadens erfüllen zu wollen, wogegen der Kläger dann auf die Geltendmachung des Restes verzichtete» Daß Verhandlungen über den Anspruchsgrund mit einer Übereinkunft enden, läßt diese nicht schon von selbst als ein abstraktes Schuldanerkenntnis erscheinen und macht die Feststellung des Isolierungswillens im konkreten Einzelfall nicht"entbehrlich» Der anscheinend ab- — weichenden Ansicht von Wussow (Informationen 60, 13) kann nicht beigetreten werden«. Die dargelegten Mängel zwingenc jedoch nicht zur Aufhebung dos Urteils» Soweit das Berufungsgericht festgestellt hat, daß in den Erklärungen des Haftpflichtversicherers auf jeden Fall ein Anerkenntnis in dem auf 90# des Schadens eingeschränkten Umfang zu erblicken ist, sind seine Darlegungen rechtlich zutreffend» Das wird auch von der Revision nicht ernstlich bezweifelt» Es könnte sich mithin nur noch darum handeln, ob dieses Anerkenntnis schuldbestätigender (deklaratorischer ,oder schuldbegründendcr (abstrakter) Natur ist» Darauf kommt es indessen für die allein entscheidungserhebliche Frago der Verjährung nicht an» Denn die Klageansprüche sind auch dann nicht verjährt, wenn vom Vorliegen eines lediglich deklaratorischen Anerkenntnisses ausgegangen und dabei offcngclasoen wird, ob seine vertragsmäßige*Abgabe dazu führen kann, daß die ursprünglichen Ansprüche nunmehr erst Wie das Berufungsgericht bereits ausgeführt hat-, ist durch das Anerkenntnis die damals zweifellos noch nicht vollendete Verjährung der Ansprüche nach § 208 BGB unterbrochen worden» Dieser Unterbrechung sind weitere gefolgt«, Das Anerkenntnis ist, seinem Sinn und Zweck entsprechend, bei der anschließenden Regulierung der Einzelschäden praktisch ge-handhabt und verwirklicht worden» Der Kläger hat seine Forderungen jeweils ausdrücklich auf 90$ der behandelten Schadensposten begrenzt» Darin lag unverkennbar eine Bezugnahme auf das zugrundeliegende Abkommen» Der Haftpflicht-Versicherer hat widerspruchslos auf dieser Basis gezahlt und sie dadurch mit jeder Leistung erneut als bestehend bestätigt; auftretende Differenzen betrafen niemals mehr den Grund, sondern nur noch die Höhe des Anspruchs oder seine Unfallbedingtheit» In jeder Zahlung lag deshalb, auch wenn sie einen Einzelanspruch betraf, das wiederholte, schlüssige Anerkenntnis des Gesantanspruchs durch das tatsächliche Verhalten des Versicherers, wie es nach § 208 BGB zur Unterbrechung der Verjährung genügte» Die eigene, mit Schriftsatz vom 5» April 1963 überreichte Aufstellung der Beklagten zeigt, daß entsprechende Zahlungen fortlaufend erfolgt sind, ohne daß zwischen ihnen jemals ein Zeitraum gelegen hätte, in dem sich die Verjährung nach der letzten Unterbrechung hätte vollenden können» -Schadens nach den Bezügen der Offizi-erslaufbahn erhoben» Die Rechtshängigkeit jenes Vorprozesoes unterbrach die Verjährung nach §§ 209, 211 BGB zwar nur bezüglich der eingeklagten Tcilfordorung» Im Nichtbestreiten des Haftungsgrundes, auf den jene Ansprüche ebenso wie alle anderen beruhten, lag dagegen wiederum ein Anerkenntnis der grundsätzlichen Ein-trittspflicht durch schlüssiges Verhalten mit der in § 2Ö8 BGB bestimmten Wirkung» Erst das Schreiben des Haftpflicht-Versicherers vom 11» April 1961 nahm seiner Einlassung im Prozeß diese bis dahin nicht zweifelhafte Bedeutung» Die Zustellung der vorliegenden Klage ist am 30» Januar 1962 erfolgt» Es ergibt sich demnach, daß die Klageansprüche auch dann nicht verjährt sind, wenn sie sich nicht auf ein abstraktes Schuldanerkenntnis stützen lassen, sondern nur aus dem gesetzlichen Schuldverhältnis herzuleiten sind» Auf diese Präge, ob andernfalls der Berufung auf die Verjährung mit den Argliotoinv/and begegnet werden könnte, braucht nicht mehr eingegangen zu werden» gegen beide Beklagteno Wie das Berufungsgericht zutreffend dargelegt hat, gilt der Versicherer nach § 10 der Allgemeinen Bedingungen für die KraftverkehrsverSicherung (AKB) als bevollmächtigt, alle ihm zur Befriedigung oder Abwehr der Ansprüche zweckmäßig erscheinenden Erklärungen im Namen der versicherten Personen abzugeben» Zu diesen zählte auch der Zweitbcklagte als berechtigter Fahrer«, Die Vollmacht hat eine vom Vortragswillen unabhängige gesetzliche Grundlage (BGHZ 28, 244; Stiefel-Wussow Kraftfahrtversicherung 5» Aufl», § 10 AKB Anmo 26 mit weiteren Nachw»)» Es kommt deshalb nicht darauf an, ob der Zweitbeklagte-mit seiner Vertretung durch den Haftpflichtversicherer einverstanden war oder zu demindest davon wußte» Ebensowenig endet die Vollmacht, wenn die erhobenen Ansprüche über die Deckungssummen hinausgehen (Stiefel-Wussow aaO)» Die Feststellung des Berufungsgerichts, daß der Versicherer tatsächlich auch im Namen des Zweitbeklagten gehandelt hat, unterliegt keinen rechtlichen Bedenken» Das Berufungsgericht hat mit Recht auf die Interessenlage ab-gootellt» Die Ausführungen decken sich in der Sache mit denen do3 erkennenden Senats in seinem Urteil vom 30» Juni 1964 (VI ZR 108/63 = VorsR 64 5 966)» Den Re gulie rungs Verhandlungen ist unstreitig die Androhung des Prozeßbevoll-mächtigten dos Klägers voraufgegangen, gegen den Halter beziehungsweise den Fahrer des beteiligten Kraftwagens vorzugehen, d»h» beide Personen nach den jeweils auf sie zutreffenden gesetzlichen Bestimmungen in Anspruch zu nehmen» Der Versicherer konnte hiernach nicht erwarten, bei einen Rechtsstreit über den Grund mit Ansprüchen gegen den Zwcitbcklagten verschont zu bleiben» Ihre Abwehr war nach dor Sachlage praktisch aussichtslos«, Unter diesen Umständen mußte dem Versicherer dringend daran gelegen sein, die Ansprüche gegen den Zweitbeklagten mitabzu-finden» Die bei der Regulierung erreichten Zugeständnisse wären wertlos gewesen, wenn der Kläger anschließend den Zweitbeklagten wegen des nicht befriedigten Teils der Gosantforderung hätte in Anspruch nehmen können» Diese Möglichkeit hat der Versicherer in dem Teilvergleich vom 23o November 1955 sogar ausdrücklich ausgeschlossen, indem er den Kläger schriftlich erklären ließ, daß damit seine Ansprüche gegen den Erstbeklagten und jeden Dritten in dem näher bezcichneten Umfang abgefunden seien«, Als ein solcher weiterer Anspruchsgegner kam praktisch nur der Zwcitbcklagte in Betracht«, Es kann nicht ernstlich bezweifelt werden, daß der Versicherer die Abfindungserklärung dem Kläger entgegengehalten hätte, wenn er etwa weitergehende Ansprüche gegen den Zweitbeklagten mit der Begründung erhoben hätte, dieser sei am Vergleich nicht beteiligt«, Die Meinung der Revision, der Versicherer habe über den vom Zweitbeklagten geschuldeten Schadensersatz nicht verhandelt, wird dadurch zusätzlich widerlegt«, Im Vorprozeß sind lediglich zur Anspruchshöhe aufgetretene Streitfragen ( insbesondere die der Lehrer- und Offiziersbezüge) ausgetragen worden» Der Anspruchsgrund war und blieb unbestritten» Unter diesen Umständen war es nicht erforderlich, die Klage förmlich gegen die jetzigen beiden Beklagten zu richten» Daß der Kläger derzeit den Zwcitbeklagten nicht in das Verfahren einbezogen hat, rechtfertigt unter diesen Umständen ebenfalls nicht den Schluß, daß die Haftung des Zweitbeklagten nicht Gegenstand des Regulierungsgesprächs gewesen sei»