BGH · VI ZR 115/58
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
1o Die in der Person des Klägers entstandenen Zahlungsansprüche werden gegen beide Beklagte im Rahmen des Straßenverkehrsgesetzes zu einem Viertel des vollen Schadens dem Grunde nach für gerechtfertigt erklärt® 2* Es wird festgestellt, daß die Beklagten als Gesamtschuldner verpflichtet sind, den noch entstehenden Schaden des Klagers aus dem Unfall vom 28« Juni 1954 im Rahmen des Straßenverkehrsgesetzes zu einem Viertel zu ersetzen« 9oo m lange auf seiner Fahrbahneeite liegende Straßenbaustelle passieren« Die gepflasterte und mit Teerbelag versehene Fahrbahn ist an dieser Stelle 5,30 m breit und stark gewölbt« Zu beiden Seiten der Fahrbahn läuft noch ein Kopfsteinpflaster- • streifen von je 50 cm Breite nebenher« In Fahrtrichtung des Klägers schließt sich rechts ein Grünstreifen von 4 m Breite an, während auf der Gegenseite ein Sommerweg von 3,30 m Breite neben dem Seitenstreifen hergeht« Die Straßentaustelle war dadurch gekennzeichnet, daß an ihrem Anfang, ungefähr in ihrer Mitte und an ihrem Ende weiß-rot-gestreifte Sperrböcke aufgestellt waren, die auf der einen Seite auf dem Grünstreifen und auf der anderen Seite auf der Fahrbahn standen« Etwa 20 m vor den Sperrböckeri* zu Beginn'und Ende der Eau-stelle war ein Schild mit der-Aufschrifts ”20 km” aufgestellt« Die Bauarbeiten waren nur auf dem rechten Kopfsteinpflasterstreifen in Angriff genommen« Bie eigentliche Fahrbahn war durch die Arbeiten nicht betroffen« Als der Kläger unter Benutzung der linken Fahrbahnseite durch die Baustelle fuhr, ruhte jede Arbeit« Während sich der Kläger dem dritten (letzten) Sperrbock näherte, kam aus der Gegenrichtung der .So .-blieb der Kläger auf der für ihn linken Seite, während der Erstbeklagte weiterhin die für ihn rechte Seite benutzte® Diebeiden Wagen stießen - vom Kläger aus gesehen - hinter dem letzten Absperrbock frontal zusammen« Der Kläger, seine mit ihm fahrende Ehefrau und der Erstbeklagte wurden erheblich verletzte Der Kläger hat von den Beklagten für seinen eigenen Scha-den und den seiner Ehefrau Ersatz verlangt und zur Begründung vorgetragen: Er, der Kläger,-habe die Baustelle mit der vorgeschriebenen Geschwindigkeit von 20 km/st durchfahren und als erster ein Blinkzeichen gegeben, um den Erstbeklagten auf! zufordern, vor dem Sperrbock zu warten, bis der Kläger aus dar Baustelle heraus gewesen sei« Das Antwortsignal des Erstbeklagten habe er als Bestätigung aufgefaßt• Deshalb sei er auf der linken Seite weitergefahren, die er ohnehin auf Grund der Aufstellung der Sperrechranken allein habe benutzen dürfen# Als er gesehen habe, daß der Erstbeklagte mit gleichbleibender Geschwindigkeit auf ihn zugekommen sei, habe-er befürchtet, die Fahrzeuge würden sich in der durch den Sperrbock geschaffenen Enge treffen» Diese Enge habe den Fahrzeugen nicht erlaubt, aneinander vorbeizufahren'# Er habe daher', um einen Zusammenstoß zu vermeiden, Gas gegeben und habe sein Fahrzeug auf den Sperrbock zugesteuert, den er habe überfahren wollen, um Die Beklagten haben um Abweisung der Klage gebeten und vorgetragen: Der Kläger sei mit erheblich grösserer Geschwindigkeit als 20 km/st durch die Baustelle gefahren« Es habe fUr den Kläger kein Anlaß bestanden, die linke Fahrbahnseite zu benutzen, da die Bauarbeiten erkennbar die Fahrbahn Überhaupt nicht betroffen hätten« Hicht der Kläger, sondern der Erstbeklagte habe das erste Blinksignal gegeben« Hach dem Antwortsignal habe der Erstbeklagte gar keinen Zweifel haben können, daß der Kläger die dem Erstbeklagten zustehende Pahrbahnseite freimachen werde« Der Sperrbock habe im übrigen nicht so weit in die Fahrbahn hineingeragt, daß hierdurch ein gefahrloses Nebeneinandervorbeifahren der Fahrzeuge in Frage gestellt worden sei« Der Zusammenstoß sei - vom Kläger aus gesehen - erst drei Wagenlängen hinter dem Sperrbock gewesen« Der Kläger habe daher sogar Gelegenheit gehabt, nach Umfahren des Sperrbocks wieder auf die freie rechte Straßenseite einzufahren« Der Piat-Uagen sei so weit rechts gefahren, daß die rechten Hader beim Zusammenstoß* auf dem Sommerweg gestanden hätten« Hach Ansicht der Beklagten ist der Zusammenstoß ein für den Erstbeklagten unabwendbares Ereignis gewesen« Das Landgericht hat die-Klage abgewiesen« Im Berufungsrechtszug hat der Kläger die Klageanträge eingeschränkt, , indem er die Ansprüche, seiner Ehefrau nicht weiter verfolgte und eine Mitverursachung in .Höhe von einem Viertel gegen .sich gelten ließ« Er hat nunmehr^beantragt: Die in der Person des Klägers entstehenden Zahlungsan-* Sprüche werden im Bahmen des Straßenverkehrsgesetzes zur Hälfte dem Grunde nach für gerechtfertigt erklärt. 1« Das Berufungsgericht ist der Ansicht, keinem der beteiligten Fahrer sei ein Verschulden nachzuweisen, andererseits habe sich aber auch keiner der beiden Pahrer dahin entlasten können, daß er nicht schuldhaft den Zusammenstoß herbeigeführt habe« Da die Betriebsgefahr der beiden Fahrzeuge etwa gleich zu veranschlagen sei, habe der Kläger Anspruch auf Erstattung der Hälfte seines Schadens« Für diese Entscheidung war von wesentlicher Bedeutung,- daß nach Auf- klärten«Umstände günstig für ihn lagen,und insoweit seinen unwiderlegten Vortrag zugrunde gelegt« Dieser Ausgangspunkt ist rechtlich zutreffend« Erst hei bewiesenem Verschulden konnte eine Haftung nach den Vorschriften des Bürger liehen Gesetzbuches über unerlaubte Handlung b’ejaht werden, und erst ein erwiesener Vorwurf ließ eine Erhöhung der Schadensverteilungsquote zu Lasten einer Partei im Eahmen des § 17 StVG zu„ Es war daher richtig, daß das Berufungsgericht die zweifelhaften Punkte bei der Prüfung des Ver- a) Jon dieser Grundlage aus begegnet es keinen Bedenken, daß das Berufungsgericht ein für den Unfall ursächliches Verschulden des Erstbeklagten nicht angenommen hat« Eagte der Sperrbock nur so weit in die Pahrbahn, wie es die poli- . aus gesehen - etwa drei Wagenlängen vor dem Sperrbock auf seiner äussersten rechten Seite hart am Sommerweg war, so ist in der Tat nicht zu erkennen, wieso eine fehlerhafte Fahrweise des'Erstbeklagten für den auf seiner Fahrbahn-seite ein Stück vor dem Sperrbock geschehenen Zusammenstoß ursächlich gewesen sein soll« Darauf, daß ihm eine gefährliche Begegnung bevorstand, brauchte sich der Erstbeklagte, wenn man sein unwiderlegtes Vorbringen als richtig unter-» stellt, nicht einzurichteno Zu der Annahme, daß der Kläger in Verwirrung kommen könne, lag alsdann kein Anlaß vor« Der Erstbeklagte konnte - unbeschadet des streitigen Blinkzeichenwechsels - davon ausgehen, daß dem Kläger bei der Begegnung genügend Platz zur Verfügung stand, um auf der ihm zustehenden Fahrbahnseite ungefährdet vorbeizufahren« Damit, daß der Wagen des Klägers infolge Schleuderns auf der regenschlüpfrigen Fahrbahn plötzlich auf ihn zufahren würde,. Ohne Rechtsirrtum hat es das Berufungsgericht daher für unerheblich erklärt, daß die Geschwindigkeit des Erstbeklagten nicht schon beim Passieren des zur Begrenzung der Geschwindigkeit auf fordernden Schildes von vorher 40 km/st auf 20 km/st gesenkt.war, zu demal die Möglichkeit gesteht, daß der Erst-beklagte die Geschwindigkeit zwischen dem Passieren des Schildes und dem Zusammenstoß wirksam herabgesetzt hat und sie* vor dem Einfahren in die Baustelle ohne den Zusammenstoß noch.weiter herabgesetzt haben würde® Hätte der Zrstbeklagte bei korrekter Fahrweise die Geschwindigkeit auch etwas eher hefabsetzen müssen, so hat doch dieses Verhalten die Entstehung des Zusammenstosses, wenn die Sachdarstellung des Erst beklagten im übrigen richtig ist, in keiner Weise begünstigt« * fc) Der Senat vermag dem Berufungsgericht aber darin ni zu folgen, daß ein für den Unfall ursächliches Verschulden des Klägers dann nicht vorliegt, wenn man die tatsächlich zweifelhaften Umstände in seinem Sinne als günstig unterstell Zwar weist die Revision des Klägers zutreffend auf die Anlagd zur Straßenverkehrsordnung (Passung vom 14« August 1953) über, Verkehrszeichen und Verkehrseinrichtungen hine Sie entnimmt dieser Anlage aus der Bestimmung B I richtig, daß die ohne zusätzlichen Richtungspfeil aufgestelltei* Sperrschranken grund sätziich eine Sperrung der Fahrbahnseite für den Verkehr bedeuten, deren Breite durch die Stellung der Schranken angezeigt war« Es ergab sich aber im vorliegenden Palle aus der Art der Straßensperre ohne weiteres, daß auf der langen, nicht durch Seitenschranken eingegrenzten Strecke ein'Vorbeifahren zweier sich begegnender Fahrzeuge gestattet sein sollte o Denn die Sperrung war offensichtlich nicht auf einen Einbahnverkehr abgestellt, vielmehr mußte jeder Fahrer; der an der ersten Sperrschranke vorbeifuhr, damit rechnen, daß ihm während des weifeeren Fahrens neben der sich lang hinziehenden Baustelle ein Fahrzeug entgegenkommen könneo Aus dem Zu- : stand der Straße, die selbst erkennbar von den Bauarbeiten nicht berührt war, brauchte der Kläger keine Bedenken zu tra-. hat die Geschwindigkeit bis zur Engstelle und zu dem Zusammenstoß nicht vermindert* Wie das Berufungsgericht mit Recht ausführt, durf-te sich der auf der linken Fahrbahnhälfte fahrende Kläger nicht darauf verlassen, der Erstbeklagte werde schon vor , dem Sperrbock warten und ihn durchfahren lassen« Auf den so-, genannten Vertrauensgrundsatz kann sich der. Wechsel konnte keinesfalls die erforderliche Sicherheit für ein gefahrloses Weiterfahren auf der linken Fahrbahnseite ge^ wahrleisten« Was die überraschende Schleuderbewegung des eigenen Wagens und das Verhalten des entgegenkommenden Vahrzeugs angeht, so sollte solchen bei einer verengten Fahrbahn'*;] typischen Gefahrenquellen gerade durch die angeordnete Ge-schwindigkeitsbegrenzung entgegengetreten werden« Es entspricht der ständigen Bebens- und Verkehrserfahrung, daß eine wesentliche Überschreitung der Höchstgeschwindigkeit und eine auch dem Erfordernis des § 1 StVO nicht entsprechen-^ de Fahrweise zu einem Verkehrsunfall in der Art des hier eingetretenen führt* Bei langsamerer Fahrweise wäre dem Kläger angesichts des Zustandes der Fahrbahn ein Lenken des Wagens nach rechts auch ohne Gefährdung möglich und zu demutbar gewesen« Ergibt sich, mindestens nach den Grundsätzen des Beweises des ersten Anscheins, daß der Kläger den Zusammenstoß durch eine langsamere und vorsichtigere Fahrweise hätte ver-: meiden können, so brauchte' nicht näher darauf eingegangen zu werden, ob nicht den Einzelerwägungen des Berufungsgerichts, in denen der Nachweis der Ursächlichkeit abgelehnt wird, eine rechtliche Verkennung«der Verkehrslage zugrunde liegt« Keiner näheren Begründung bedarf es, daß ein ursäch- : liches Verschulden des Klägers erst recht vorliegt, wenn die Behauptung der Beklagten Uber die Aufstellung der Sperr-: schranke und den Ort des Zusammenstosses richtig ist, also gar kein Anlaß zu überraschenden Richtungsänderungen vor-lag« Es ist daher bei der rechtlichen Würdigung in jedem Falle Von einem Verschulden des Klägers auszugehen«. 3« Wie sich aus den vorstehenden Ausführungen ergibt, kann die Schadensabwägung des Berufungsgerichts nicht bestehen bleiben« Denn diese beruht entscheidend auf der Ansicht, keinem der beteiligten Fahrer sei ein Verschulden nachr zuweisen« Es fragt sich, ob das Revisionsgericht in der Lage ist, die Schadensabwägung selbst vorzunehmen® Bas wäre dann nicht der Fall, wenn die Revisionsrügen der Parteien aus § 286 ZPO durchgreifen würden, mit denen gerügt ist, dem Berufungsgericht sei im Rahmen der gestellten Beweisanträge eine Aufklärung jener Punkte möglich gewesen, die es selbst als ungeklärt bezeichnet« In dieser Richtung hat der Kläger beachtliche Gesichtspunkte nicht vorgebracht* Bie Revisionsrügen der Beklagten aus § 286 ZPO zielen darauf ab, das Berufungsgericht habe eine sichere Feststellung dahin treffen können und müssen, daß die Stellung des Sperrbockes genügend Raum zur Begegnung der beiden Fahrzeuge gelassen habe« Wäre das der Fall, so würde sich naturgemäß die Frage stellen, ob überhaupt eine Haftung der Beklagten aus §§ 7, kommen« Bie Rügen der Beklagten erweisen sich jedoch als unbegründet« Ber Hinweis* darauf, die beteiligten Fahrer hätten in den polizeilichen Protokollen des Strafverfahrens die Richtigkeit der polizeilichen ünfallskizze' anerkannt, verkennt, daß der Kläger in dem von der Revision angezogenen Protokoll ausdrücklich erklärt hat, der Sperrbock habe bis zur Straßenmitte gereicht« Baher kann in diesem Punkt von der "Anerkennung11 der Richtigkeit der Skizze keine.Rede sein« der Verhandlung gemachten Strafakten bekundet, daß der Spej bock geraume Zeit vor dem Erscheinen der den Unfall aufneh* den Polizeibeamten zur Seite geschoben worden sei® Bei der Vernehmung dieses Zeugen vor dem Oberlandesgericht genügte es, den für die Entscheidung wesentlichen Punkt in die Hie de' schrift aufzunehmen, wie nach der Erinnerung des Zeugen der Sperrbock zur Zeit des Zusammenstosses gestanden hat. Die Parteien haben nach Verlesung der Niederschrift zudem, ohne Anträge auf eine Ergänzung der Niederschrift zu stellen, zur"; Sache verhandelt (§ 295 ZPO)® Dafür, daß die in dem Strafverfahren gemachte Aussage des Zeugen Polizeihauptwachtmeister BflMkvom Berufungsgericht übersehen worden ist, fehlt jeder Anhaltspunkt«, Natürlich konnte dieser Polizeibeamte nur Aussagen darüber machen, wie der Sperrbock stand, als er an , der Unfallstelle eintraf® Daß ein beweiserheblicher Antrag auf Vernehmung dieses Zeugen von den Beklagten gestellt worden ist, ergibt sich aus dem von der Revision angezogenen Schriftsatz vom 8® Mai 1956 nicht«, legten die Beklagten nach der Vernehmung des. themas stellen müssen® Hier wie in anderen Punkten ist nicht; ersichtlich, daß das Berufungsgericht seiner Pflicht.zur möglichen Aufklärung im Rahmen' des Parteivortrags und der Beweisanträge nicht nachgekommen ist« In eine Auseinander-setzung über den Wert der Beweismittel konnte das Revisions-£ gericht nicht eintreten® Da die Verfahrensrügen, nicht, durchr greifen, sind die Ausführungen des Berufungsgerichts inso- x weit für den Senat verbindlich, als sie tatsächliche Pest- & ' ■ Bei der gemäß den §§ 17, 18 StVG erforderlichen Schadensabwägung, fiel entgegen dem Standpunkt des Berufungsgerichts ins Gewicht, daß eine fehlsame und schuldhafte Fahrweise des Klägers für den* Zusammenstoß ursächlich gewesen ist«, Es war weiter zu berücksichtigen, daß die* Betriebsgefahr des Wagens des Klägers durch die Schleuderbewegung nicht unerheb- * And rerseits war die Betriebsgefahr des sich der Baustelle näh den Wagens der Zweitbeklagten nicht so gering, daß dem Klä; ger mit Rücksicht auf sein Verschulden die Schadensersatz-ansprüche voll abzusprechen waren.