BGH · VI ZR 106/56 vom 04.06.1957
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Sie forderte den Beklagten auf, die Ware für den kommenden Freitag zur Abholung bereitzustellen, und machte darauf aufmerksam, daß sie die Ware nicht mehr abholen lassen, sondern die Zahlung des Gesamtbetrages verlangen werde, wenn der Beklagte ihrer Aufforderung nicht nachkommen werde * Der Beklagte spezifizierte nunmehr in einem ausführlichen Schreiben vom 6. Februar 1954 zeigte er an, daß er von seinem Rückbehaltungsrecht hinsichtlich der in dem Schreiben im einzelnen bezeichneten Waren Gebrauch mache, die Waren verkaufen und den sich eventuell zu Gunsten der Klägerin ergebenen Differenzbetrag sofort überweisen werde. Gleichzeitig übersandte er der Klägerin Abschrift eines unter dem Datum des 8c Februar 1954 an sich selbst gerichtetes Schreibens über diverse Entnahmen vom Auslieferungslager mit der abschließenden Bemerkung, daß die Bezahlung der Ware durch Verrechnung mit Provisionsabrechnung erfolge und für die Ware das Rückbehaltungsrecht geltend gemacht werde. Februar 1954 erteilte die Klägerin dem Beklagten eine Provisionsabrechnung über 501,43 DM und teilte ihm mit, daß die Provision durch eine Vorauszahlung von 500 DM bereits entrichtet sei, daß sie ihm aber noch in den Fällen Bi^BP und FäBMP Provision für Lieferungen bis zu dem 30. Die Klägerin hat darauf beantragt, den Beklagten zur Zahlung des Rechnungsbetrages der ihm gegebenen Ware in Höhe von 2209,70 DM nebst Zinsen zu verurteilen. Jedenfalls sei, so führt es aus, die vom Beklagten erklärte Aufrechnung mit diesen Ansprüchen nicht zulässig, da die Klageforderung aus einer vorsätzlich begangenen unerlaubten Handlung des Beklagten gerechtfertigt sei (§ 393 BGB)c Der Beklagte habe durch die Veräußerung der ihm anvertrauten Kommissionsware vorsätzlich das Eigentum der Klägerin verletzt und müsse daher diesen Schaden durch Wertersatz wieder gutmachen. Das Berufungsgericht führt im einzelnen aus, daß die vom Beklagten mit Schreiben vom 8»Februar 1954 erklärte Übernahme der Ware nicht rechtmäßig gewesen sei» An diesem Tage seien die vertraglichen Beziehungen der Parteien bereits beendet gewesen, aber auch während des EeStehens der vertraglichen Beziehungen habe der Beklagte die Ware nur an zahlungsfähige Detztverbraucher weiterveräußern dürfen» Der Beklagte habe auch nicht glauben können, über das Eigentum der Klägerin in der geschehenen Art verfügen zu dürfen. Er habe nichts unternommen, um feotzustellen, ob sein Verhalten mit den gesetzlichen Bestimmungen über die Befriedigung aus einem Zurückbehaltungsrecht (vgl § 371 HGB) in Einklang stehe Die Klägerin habe dem geltend gemachten Zurückbehaltungsrecht widersprochen und - so cei ihr Schreiben vom 3« Februar 1954 zu verstehen - für den Pall der Kichtlierausgabe der zurückbehaltenen Ware Schadensersatzansprüche angedrohtc Aus dem Briefwechsel und dem Vei'halten der Klägerin im xrozeß habe der Beklagte nicht entnehmen können, daß die Klägerin mit einer Veräußerung der Ware einverstanden sei«, Habe sich der Beklagte zur Veräußerung der Ware für befugt gehalten, so sei der Irrtum nicht unverschuldet«, Das Berufungsgericht setzt sich in diesem Zusammenhang mit der neueren strafrechtlichen Recht-sprechung zu dem Verbotsirrtum auseinander und kommt zu dem Ergebnis, daß auch im Zivilrecht ein auf Fahrlässigkeit beruhender Irrtum über die Rechtmäßigkeit des Verhaltens den Vorsatz unberührt lasse* Es meint aber, das Ergebnis sei kein anderes, wenn man mit der bisher herrschenden Ansicht im Zivilrecht vorsätzliches Handeln nur bei einem Bewußtsein der Rechtswidrigkeit annehmen wolle« Denn jedenfalls habe derjenige, der sich auf die irrige Annahme eines * Nun war der Beklagte selbstverständlich nicht berechtigt, sich eigenmächtig über die gesetzlichen Vorschriften hinwegzusetzen, die für die Befriedigung aus einem kaufmännischen Zurückbehaltungsrecht und einem gesetzlichen Pfandrecht gelten (§§ 371, 397 HGB in Verbindung mit § 1233 ff EGB) ® Zutreffend ist auch vom Berufungsgericht ausgeführt, daß eine eigenmächtige Befriedigung aus den zurückbehaltenen Gegenständen als rechtswidrige Verletzung des Eigentums im Sinne des § 823 Abs 1 BGB anzusehen sei, wobei offen bleiben kann, wie der Schadensersatz in Geld zu ermitteln wäre, wenn eine Wiedei’beschaffung der Gegenstände nicht möglich ist« Die besondere Eigenart des Palles liegt nämlich darin, daß die Klägerin dem Beklagten vor dem Verkauf der Gegen- stände angedroht hatte, sie werde nach ergebnislosem Ablauf der zur Herausgabe der Ware gesetzten Prist den Beklagten mit dem Rechnungswert der Ware belasten und diese nicht mehr abholen lassen«, Sie hat dann auch - von dem geäußerten Standpunkt folgerichtig - in einem weiteren Schreiben vom 10« Februar 1955 und in dem zunächst angestrengten Rechtsstreit nicht mehr Herausgabe der Ware, sondern Zahlung des Warenwertes verlangt, nachdem der Beklagte inzwischen erklärt hatte, er übernehme die Ware« Es mag dahinstehen, ob nicht entgegen dem Standpunkt des Berufungsgerichts dieses Verhalten der Klägerin rechtlich als Zustimmung zu der tjbei'nahme und Veräußerung der Ware durch den Beklagten ausgelegt werden muß« Selbst wenn man das nicht annehmen will, so muß doch bei der rechtlichen Würdigung dem Umstand Bedeutung zukommen, daß die Klägerin dem Beklagten angekündigt hat, dieser werde im Palle eines für ihn nachteiligen Ausgangs des Provisionsstreits Schadensersatz durch Zahlung des Warenwertes leisten müssen® Hätte die Klägerin-* den Beklagten nur darauf aufmerksam gemacht, er v/erde später die Ware zurückgeben und außerdem den Verzugsschaden ersetzen müssen (§ 286 BGB), so wäre die Rechtslage eindeutig gewesen» Jedoch enthält die Vorschrift des § 326 Abs 1 Satz 2 BGB den Rechtsgedanken, daß der Gläubiger, der unter Fristsetzung die spätere Annahme der dem Schuldner vertragsgemäß obliegenden Leistung abgelehnt und den Schuldner für vollen Geldersatz (Schadensersatz wegen Nichterfüllung) verantwortlich gemacht hat, nicht nachträglich einseitig auf die primär geschuldete Leistung des Schuldners zurückgreifen darf.Auch bei der Abwicklung eines Geschäftsbesorgungsvertrages hat der Schuldner ein schutzwürdiges Interesse daran, daß er sich bei seinen wirtschaftlichen Dispositionen auf Erklärungen des Gläubigers verlassen darf-, aus denen zu entnehmen ist, daß dieser eine bestimmte Art der Abwicklung fordern und durchsetzen wird« Das zeigt der vorliegende Fall in besonderem Maß. Kündigte die Klägerin nun an, sie werde den Beklagten mit dem vollen Wert der Ware belasten und sich auf eine Rückgabe der Ware nicht mehr ein- lassen, so ist sie jedenfalls nach § 242 BGB gehindert, aus der Verletzung des Eigentums Schadensersatzansprüche dahin zu stellen, daß die Schadensberechnung ohne Eingehen auf die streitigen ProVisionsansprüche und Sicherungsrechte des Beklagten vorgenommen wird« Etv/as anderes könnte höchstens dann gelten, wenn etwa der Beklagte selbst nicht an das Bestehen seiner Provisionsansprüche geglaubt hätte oder wenn er nicht imstande gewesen wäre, den sich bei endgültiger Abrechnung zu Gunsten der Klägerin ergebenden Betrag zu zahlen. Die Entscheidung des Hechtsstreits ist von dem Bestehen und dem Umfang der Pro-visionsansprüche deB Beklagten abhängig, über die das Berufungsgericht zu befinden haben wird.