BGH · VII ZR 74/62
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Die Ansprüche eines Bauunternehmers auf Vergütung für seine Bauleistungen verjähren in zwei Jahren auch dann, wenn er weder Kaufmann im Sinne der §§1,2 HGB ist noch selbst handwerksmäßig in seinem Betrieb miterbei tet, sondern nur die Oberaufsicht über diesen ausübto hat der VIIo Zivilsenat des Bundesgerichtshofs auf die mündliche Verhandlung vom 2» Mai 1963 unter Mitwirkung des Senatspräsidenten Glanzmann und der Bundesrichter Rietschel, Br» Hcimann-Trosien, Dr» Vogt und Drc Finke für Recht erkannt: Die Revision des Klägers gegen das Urteil des 3° Zivilsenats des Oberlandesgerichts in Stuttgart vom 80 März *962 wird zurückgewiesen,. Der Kläger hat darauf entgegnet: Er sei nicht Kaufmann, weil er kein Grundhandelsgewerbe betreibe und auch nicht im Handelsregister eingetragen sei» Sein Betrieb gehe andererseits nach Art und Größe über das Handwerksmäßige hinaus. Der Kläger habe während seiner Ausbildung alä Bau-ingenieur ein Praktikum als Maurer mitgemaehto Er betreibe keinen Baustoffhandel und sei nicht im Handelsregister, wohl aber in der Handwerksrolle eingetragen; er nabe das Recht, Lehrlinge auszubilden. Betriebe, bei denen sich die iätigkeit des Inhabers in der- bloßen Oberleitung und der kaufmännischen Geschäftsführung erschöpfe und von einer persönlichen Mitarbeit durch eigene Handarbeit oder durch technische Anweisungen an seine Leute keine Rede mehr sei, seien auch kaum noch als Handwerksbetriebe aiizusehen® Ihre wirtschaftliche Punktion entspreche aber ganz derjenigen der in § 196 BGB angeführten Berufsgruppen. Die Vorschrift des §196 Abs 1 Hr. 1 BGB sei daher auf den Inhaber eines solchen Betriebes sinngemäß anzuwenden® ’.Ser Revision ist zwar zuzugeben, daß es der rechte poiitisehe Zweck des § 196 BGB war, die Verjährung von Ansprüchen aus Geschäften des täglichen Verkehrs ab zu-kürzen (vglo dazu die Motive zu dem Entwurf eines Bürgerlichen Gesetzbuches Band I So 29? Die Ausgestaltung des $196 BGB im einzelnen hat dazu geführt, daß auch manche Ansprüche nicht alltäglicher Art der kurzen zweijährigen Verjährung unterworfen worden sind» Unzweifelhaft fallen darunter die 2o Zutreffend weist die Revision darauf hin, daß Rechtsprechung und Schrifttum bisher durchweg den § 196 Abs» Nr» 1 BGB nur auf solche Bauunternehmer für anwendbar erklärt haben, die selbst als Kaufleute oder Handwerker angesehen wurden (vgl, RGZ 60, 74-, 77s 66, 4; 70, 28; RG in «TW 1905, 357; JW 190?, 325; 1908, 235 und 328; JW 1913, 196; RG in Gruchot 50, .93; EG in V/arn Rc-pr 1934 Nrfl 1186;'RGZ 129, 403; ÖXG Königsberg in HRR 1934 Nr0 1186; OLG München in JW 1938, 2Ü34; Staudinger--Going § 196 Anm»‘ 13; Soergel-Siebert § 196 Amtu 14; RGBK § ‘196 Anrio 28 und 30)» Dabei kommt aber manchmal mehr oder weniger deutlich zu dem Ausdruck, der Begriff des Handwerkers sei im Hinblick auf die wirtschaftliche und technische Entwicklung nicht eng auszulegen, der Pall, daß ein Bauunternehmer weder Kaufmann noch Handwerker sei, werde nur selten Vorkommen (so z.B, RGZ 66, 4 und 129, 40’, 403; In Übereinstimmung mit dem Berufungsgericht kann es aber nicht als sinnvoll angesehen werden, daß für eine in der Größenordnung regelmäßig dazwischen liegender, verhältnismäßig kleine Gruppe von Bauunternehmern eine andere, nämlich die 30>jährige Verjährung gelten sollte. Dabei ist von Bedeutung, daß die §§ 1 und 2 HGB in aller Regel eine klare und eindeutige Feststellung ermöglichen, ob jemand Kaufmann ist oder nicht. 4° Das Berufungsgericht hat unter diesen Umständen mit Recht Bedenken gehabt, den Kläger nach den über seinen Betrieb getroffenen tatsächlichen Feststellungen als Handwerker im allgemeinen Sinne dieses Begriffs anzusehen, insbesondere im Hinblick darauf, daß er sich im wesentlichen auf die Oberaufsicht über seinen Betrieb und dessen kaufmännische Leitung beschränkt» Der Kläger hat auch nur ein Praktikum als Maurer mitgemachta also keine Meisterprüfung abgelegt. 5. Die Frage, ob der Kläger persönlich noch als Handwerker im allgemeinen, herkömmlichen Sinne angesprochen werden kann, bedarf aber für die hier allein zu entscheidende Frage der Verjährung aus den nachfolgenden Erwägungen keiner abschließenden Prüfung. a) Die kurze Verjährung ist nicht wegen der Person des Betriebsinhabers, sondern wegen der Art der in dem Betrieb ausgeführten Geschäfte eingeführt. werksordnung aus nicht darauf abzustellen, ob der Betriebes inhaber persönlich selbständiger Handwerker ist oder ob ihm diese Eigenschaft abgesprochen werden muß, insbeson-• dere weil er selbst wegen der Größe seines Betriebes nicht an dem technischen Herstellungsprozeß beteiligt ist, sondern nur die kaufmännische Geschäftsführung innehat o Es kommt vielmehr hier darauf an, aus welchen Geschäften die zu beurteilenden Ansprüche hergeleitet werden, ob diese ganz oder jedenfalls im wesentlichen aus handwerklicher Arbeit herrühren» Das ist der lall, wenn die Leistungen im wesentlichen "handwerksmäßig bewirkt" werden, wie es in den §§ 2 und 3 der Handwerksordnung mehrfach auogedrückt wird» b) Diese Voraussetzung ist bei Bauunternehmern in aller Regel erfüllt, auch wenn sie selbst nicht hand-werksmäßig in ihrem Betriebe mitarbeiten» In diesem lalle müssen sie notwendig eine größere oder geringere Zahl handwerklioh ausgebildeter Kräfte beschäftigen, um die ihnen übertragenen Arbeiten ausführen zu können» Auch im Betriebe des Klägers sind nach der Feststellung des Berufungsgerichts u»a« mehrere Maurermeister tätig» ilr0 *] BGB kann die Revision nicht mit Erfolg entgegenhalten, die Vorschrift enthalte eine kasuistische Regelung, die einer ausdehnenden Auslegung nicht fähig sei* Auch in solchen Fällen ist eine sinngemäße Auslegung, insbesondere von Begriffen, die in älteren Gesetzcsvorschriften enthalten 3indP unbedenklich zulässige Es handelt .sich dabei nicht um die Ausfüllung einer Gesetzeslücke durch Analogie, sondern lediglich darum, daß der Begriff des Handwerkers im verjährungsrechtlichen Sinne der .modernen V/irtSchafts- ___ allein wegen der Frage der Verjährung häufig schwierige Untersuchungen darüber anzustellen, ob jemand Handwerker im gewerberechtlichen Sinne i3to Gebote der Rechtssicherheit stehen dem nicht entgegen*, Im Gegenteil erfordern diese gerade, daß für tatsächlich und rechtlich völlig gleichartige Ansprüche von Angehörigen desselben Berufszweiges eine einheitliche Verjährungsfrist gilt und nicht erst die dem Vertragsgegner häufig schwer erkennbare innere Gestaltung des einzelnen Betriebes geprüft werden muß, um festzustellen, welche von verschiedenen Vehjährungsvorsehriften anwendbar ist» Da;das angefochtene Urteil auch sonst keinen Rechtsirrtum zu dem Nachteil des Klägers erkennen läßt, ist dessen Revision mit der Kostenfolge aus dem § 97 ZPO zurückzuweisen#