BGH · VII ZB 14/57 vom 18.05.1957
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Die Beklagte beabsichtigte, gegen das Urteil Berufung einzulegen und beantragte unter dem 12. Für ihr Unvermögen zur Zahlung der Prozeßkosten bezog sie sich auf ein im ersten Rechtszuge zu den Akten gereichtes, von dem Bezirksamt Kreuzberg in Berlin (Westsektor) ausgestelltes Zeugnis zur Erlangung der Kostenbefreiung vom 26. April 1957 wies es das Armenrechtsgesuch zurück, weil die Beklagte bei einem Einkommen vpn rund 200 DM BdL monatlich aus Wertpapieren ihres seit 1945 verschollenen Ehemannes und von rund 50 DM BdL monatlich aus einer Rente mit dem Gegenwert der Hälfte dieser Einkünfte im Ostsektor ihren Lebensunterhalt bestreiten könne, auch wenn sie* dort kein Einkommen habe. fügen, Im Ostsektor Berlins sei nicht sie, sondern nur ihr Ehemann zur Steuer veranlagt, und zwar mit einer von der sowjetischen Besatzungsmacht beschlagnahmten Villa und einem ertraglosen Wochenendgrundstück* Ihr Einkommen in Ostmark könne zur Bezahlung der Prozeßkosten nicht verwendet werden, Gleichzeitig legte die Beklagte gegen das landgerichtliche Urteil Berufung ein und bat, ihr gegen die Versäumung der Berufungsfrist Wiedereinsetzung in den vorigen Stand zu. Durch den angefochtenen Beschluß hat das Kammergericht unter Ablehnung der Wiedereinsetzung die Berufung der Beklagten als unzulässig verworfen. Es führt aus, als ein unabwendbarer Zufall im Sinne des § 233 ZPO sei auch die wirkliche oder vermeintliche Armut einer Partei anzusehen, diese jedoch nur dann, wenn die Partei sich ohne Verschulden für arm halten dürfe und wenn das nach § 118 Abs, 2 ZPO erforderliche Zeugnis zur Erlangung des Armenrechts vollständig und von der zuständigen Behörde ausgestellt sei. Das bei den Akten befindliche Zeugnis beziehe sich nur auf das Einkommen der Beklagten in Westberlin, Es gebe die Erträge aus 7/ert-papieren nur unvollständig wieder und enthalte keine Angaben über die der Beklagten gezahlte monatliche Bente von 49 DH BdL, Daß die Beklagte monatlich 13,50 TM BdL Miete in Westberlin zu zahlen habe, sei nicht glaubhaft gemacht. Wird das Armenrecht wegen Verneinung der Armut versagt, so ist eine Wiedereinsetzung allerdings nur dann gerechtfertigt, wenn die Partei oder ihr Vertreter vernünftigerweise mit der Ablehnung des Gesuchs nicht hat rechnen können (BGH IM § 236 ZPO Nr. 4; Stein-Jonas-Schönke ZPO 18. deshalb abgelehnt worden, weil die beabsichtigte Rechtsverteidigung keine hinreichende Aussicht auf Erfolg biete, Die Beklagte und ihr Vertreter konnten deshalb damit rechnen, daß die zur Begründung des Armenrechtsgesuchs eingereichten Unterlagen ausreichten, sofern nicht Umstände Vorlagen, die diese Erwartung als ungerechtfertigt erscheinen ließen. Hierbei hat es nicht berücksichtigt, daß die Beklagte, wenn sie die Erteilung eines Zeugnisses zur Erlangung des Armenrechts ausschließlich bei ihrer V/ohnsitzbehörde beantragt hätte, nicht nur den Gegenstand des vorliegenden Rechtsstreits, sondern unter Umständen auch ihre und ihres Ehemannes wirtschaftlichen Verhältnisse im Westwährungsgebiet hätte offenbaren müssen. Das Kammergericht durfte daher angesichts der im Ostwährungsgebiet herrschenden besonderen Verhältnisse der Beklagten ungeachtet des §1^8 Abs. 2 ZPO nicht zu demuten, sich ein Zeugnis zur Erlangung des Armenrechts von der für ihren Wohnsitz zuständigen Behörde zu verschaffen«, überdies könnte die Beklagte aus einem etwa ausreichenden Ostmarkeinkommen die bei einem Westberliner Gericht erwachsenden Kosten nicht bezahlen, weil das Verbringen von Ostmark in das Westwährungsgebiet gegen die Devisenvorschriften des sowjetischen Besatzungsgebiete verstößt und die Beklagte ebenfalls der Gefahr der Bestrafung aussetzen würde» Lag aber dem Kammergericht an der Feststellung des Ostmark-einkommens der Beklagten deshalb etwas, weil es aus dessen Höhe Schlüsse für den zusätzlichen Bedarf der Beklagten an Westmark zu.ziehen beabsichtigte, so hätte es rechtzeitig von dieser nähere Angaben darüber erfordern müssen» Aus der erst nach Ablauf der Berufungsfrist erlassenen Verfügung vom 20» März 1957, die sich nur auf ihre Vermögensyerhältnisse bezog, konnte die Beklagte nicht ohne weiteres entnehmen, daß von ihr auch die Angabe ihres Einkommens im Ostsektor gewünscht wurde» Wenn die Beklagte hiernach bis zu dem Ablauf der Berufungsfrist auf die Vollständigkeit der von ihr eingereichten Armenrechtsunterlagen vertraute, so hat sie hierbei die ihr den Umständen nach zuzu demutende Sorgfalt nicht vernachlässigt * Dem Kammergericht kann auch insoweit nicht gefolgt werden, als es die vom Bezirksamt Kreuzberg ausgestellte Bescheinigung als unvollständig und von unrichtigen Voraussetzungen ausgehend bezeichnet» Die Höhe des Wertpapiere einkommens des Ehemanns der Beklagten konnte das Kammergericht nicht nur aus dem Zeugnis zur Erlangung des Armenrechts, sondern auch aus den ihm vorliegenden Akten des Vormundschaftsgerichts über die Abwesenheitspflegschaft ersehen, auf die sich die Beklagte schon in der Klagebeantwortung bezogen hatte» Da die.Bescheinigung des Bezirksamts Kreuzberg bereits im Jahre 1956 ausgestellt worden ist, konnte sich der Betrag von Hca. 170 DMW nur auf die Dividende für 1955 beziehen, weil diese erst nach Ablauf des Geschäftsjahrs festgestellt und an die Aktionäre ausgezahlt wird. Hieraus schon dürfte sich die geringe Ab-v/eiehung von etwa 10 DH monatlich zwischen dem in der behördlichen Bescheinigung und dem in den Pflegschaftsakten ausgewiesenen Dividendeneinkommen erklären* Sie braucht keineswegs durch unrichtige Angaben der Beklagten veranlaßt worden zu sein* Der Betrag von 13*50 DM für Miete beruht nach der - nicht zu widerlegenden - Einlassung der Beklagten auf einer Umrechnung des für deren Wohnung im Ostsektor zu zahlenden Mietzinses in Westmark, stellt also nicht, wie das Kammergericht annimmt, die Entschädigung für die Überlassung eines Raumes in Westberlin dar. Allerdings fehlt in dem Zeugnis zur Erlangung des Armenrechts eine Angabe über die der Beklagten gezahlte Rente von monatlich 49 DM Bdl. Worauf dies zurückzuführen ist, hat das Kammergericht nicht festgestellt. Zur Erteilung der von ihr beantragten Wiedereinsetzung in den vorigen Stand genügt die Feststellung, daß die Beklagte sich, wenn auch infolge eines ent-