BGH · VIII ZR 21/64
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Dor VIIIo Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung vom 20« Dezember 1965 unter Mitwirkung des Senatspräsidenten Dr« Haidinger sowie der Lundesrichter Artl* Dr« Mezger* Dr. Messner und Mormann für Recht erkannt: Die Klägerin nimmt den Beklagten aus der Bürgschaft auf einen Teilbetrag von 30 000 DM nebst Zinsen in Anspruch» Das Landgericht hat - ohne Beweisaufnahme - die Klage abgewiesen, weil vertraglich vereinbarter Zweck der Bürgschaft gewesen sei, die Voraussetzungen für ein Abzahlungyabkommen zwischen der Klägerin und dem Vater des Beklagten zu schaffen, dieser Zweck aber nicht erreicht worden sei (§ 812 Abs» 1 Satz 2 2» Eall BGB)» Das Berufungsgericht hat - nach Vernehmung von Zeugen - der Klage entsprochen» Mit der Revision erstrebt der Beklagte die WiederherStellung des Urteils des Landgerichts» Die Klägerin beantragt, die Revision zurückzuv/ei s en » Weder am 7» noch am 13° Juni 1962 habe der Beklagte die Übernahme der Bürgschaft von eitler Bedingung abhängig gemacht: Am 7» Juni habe er zu dem Bürgschaftsvcrlangen der Klägerin geschwiegen, am 13» Juni habe er die Bürgschaftserklärung vorbehaltlos unterschrieben«, Wohl sei anzunehmen» daß er sich in der stillschweigenden Erwartung verbürgt habe, das Geschäft des Vaters werde - bei ratenweiser Abtragung der Schulden - fortgeführt werden können«, Denn die am 7o Juni erörterten Maßnahmen seien überhaupt nur unter diecer Voraussetzung sinnvoll gewesene Diese Erwartung des Beklagten hätten die Parteien aber nicht zu dem Gegenstand des Bürgschaftsvertrages gemacht„ Vielmehr habe die Klägerin die Bürgschaft des Beklagten gewissermaßen als Vorleistung sogleich verlangt, weil der Eeklagte selbst für die erheblichen Schulden im Geschäft seines Vaters verantwortlich gewesen sei«. Dieses eigene Interesse des Beklagten habe die Klägerin für ihre Zwecke in zulässiger Weise ausgenutzt und vom Beklagten eine Bürgschaft vorweg verlangt«, Gezwungen durch seine eigene Verantwortung hinsichtlich der Schulden seines Vaters habe der Eeklagte sich zur Hergabe der Bürgschaft bereit finden müssen, ohne seine Hoffnung» dadurch ein Ratenzahlungsabkommen für seinen Vater herbeiführen zu können, zu dem Gegenstand des Bürgschaftsvortrages machen zu können«, 2» Dem Beklagten standen mehrere Möglichkeiten offen«, den Zv/eck seiner Bürgschaftsübernahme, einen Zusammenbruch des Geschäfts seines Vaters zu vermeiden, rechtlich zu dem Tragen zu bringen«, Einmal konnte er die Bürgschaftsübor-nahrae vertraglich unter eine entsprechende Bedingung stellen, wodurch die Recht3wirksamkeit der Bürgschaft unmittelbar von der Erreichung des mit ihr verfolgten Zweckes abhängig wurde (§ 158 EGR)o Er konnte auch die Erreichung dieses Zweckes als Inhalt des Bürgschaftsvertrages mit der Wirkung vereinbaren, daß mit der Zweckverfehlung zwar nicht die Bürgschaft von selbst hinfällig wurde, der Beklagte aber der Bürgschaftsforderung mit der Bereicherungseinrede aus § 812 Abs* 1 Satz 2 2» Pall BGB begegnen konnte» Diese beiden Möglichkeiten hat das Berufungsgericht gesehen, aber in ihren tatsächlichen Voraussetzungen verneint, weil die Parteien weder eine entsprechende Bedingung noch einen entsprechenden Zweck vereinbart hätten«. Es hat jedoch, wie die Revision mit Recht rügt, nicht geprüft, ob nicht die Verfehlung des vom Beklagten einseitig gesetzten Vertragszweckes nach den von der Rechtsprechung entwickelten Grundsätzen über den Wegfall der Geschäftsgrundlage der Klageforderung ontgegenstand» Allerdings ist, wie der erkennende Senat in dem Urteil vom 2 »12 «,1964 (VIII ZR 3o5/63 « LM BG13 § 765 Hr. 7 = EGH Warn 1964 Hr. 275 = WM 1965, 80) unter Bezugnahme auf die Rechtsprechung des Reichsgerichts und das Schrifttum ausgeführt hat, bei der Annahme, die Geschäft sgrundlage einer Bürgschaft sei weggefallen, besondere Vorsicht geboten» Daran wird festgehalten» Da der Bürge schlechthin und uneingeschränkt das Risiko der Leistungsfähigkeit des Schuldners übernimmt, kann er sich in aller Regel nicht darauf berufen, er habe - dem Gläubiger erkennbar - das Risiko unrichtig beurteilt und insoweit einen anderen Geschehensablauf erwartet«, Damit wird aber nicht ausgeschlossen, daß die Parteien Umstände außerhalb des Bas Berufungsgericht nimmt selbst an, der Beklagte habe sjch jh der Erwartung verbürgt, auf diese Y/eise die Portführung des Geschäfts seines Vaters zu ermöglichen» Ba der Sachverhalt es nahe legt und das Berufungsgericht nichts Gegenteiliges feststellt, ist mindestens zu unterstellen, daß die Klägerin auch \yußte, daß der Beklagte in dieser Erwartung die Bürgschaft übernahm» Bamit waren zwei Grundvoraussetzungen für die Anwendung der Grundsätze über den V/egfall der Geschäftsgrundlage gegeben» seinen Vater nicht fallen zu lassen* Er habe dann die Abgabe der Bürgschaft in den Vordergrund gestellt und gefordert, daß diese ohne Rücksicht auf die Lage des Geschäfts abgegeben würde; hierzu habe sich der Beklagte sofort bedingungslos bereit erklärt« Wenn damit eine Vorwegleistung des Beklagten im Sinne des Berufungsurteils behauptet sein sollte, so ist jedenfalls diese Behauptung durch die Beweisaufnahme nicht bestätigt worden« Bor Zeuge der bei der Besprechung am 7® Juni der Wortführer für die Klägerin war, hat vielmehr nach seiner Aussage den Beklagten darauf hingewiesen, daß er "nach der ganzen Entwicklung" für seinen Vater haften und aufkommen müsse« Sein Anliegen war nicht, sich vorweg die Bürgschaft zu sichern, sondern allgemein die Angelegenheit in dem am 7® Juni besprochenen Sinne zu fördern« Insoweit gab also die Beweisaufnahme keinen Anhaltspunkt dafür, daß die Klägerin die Bürgschaft als Vorwegleistung gefordert und der Beklagte sie als solche geleistet hatte« Bas Berufungsurteil kann nur so verstanden werden, daß ein solcher Charakter der Bürgschaft aus den Umständen, unter denen sie abgegeben wurde, zu folgern sei« Biese V/ertung hält ebenfalls einer Nachprüfung nicht stand« b) In dem Schreiben der Klägerin vom 8# Juni 1962, in dein das Ergebnis der Besprechung vom Vortage aus der Sicht der Klägerin zusamiaengefaßt wird, war die Bürgschaft dos Beklagten eine Vorbedingung neben anderen für ein "Abzah-lungoabkommenM«, Auf die Verantwortlichkeit des Beklagten wird insoweit hingewiesen, als mit ihr das Verlangen nach einer Bürgschaft des Beklagten begründet und die Mahnung zu einer bescheidenen Lebensführung des Beklagten ausgesprochen wird« Der Vater des Beklagten wird zwar gebeten, die Bürgschaftsurkunde "unverzüglich" zu Übersendeno Bas ist aber keine Besonderheit gerade dieses Punktes0 Auch die dingliche Sicherstellung soll "unverzüglich" erfolgen, ferner soll "sofort" für die Aufstellung eines Vermögens-statua gesorgt werden und in Ziff» 2 wird verlangt, daß der Vater des Beklagten allgemein die in Ziffo 1 genannten Bedingungen "unverzüglich" erfülle* Auch aus dem Schreiben vom 8«, Juni sind deshalb keine Anhaltspunkte dafür zu entnehmen, daß die Klägerin die Bürgschaft "anders als die anderen Vorbedingungen" als Vorwegleiatung im Sinne des Eerufungsurteils verlangt habe0 c) Bies ergab sich schließlich auch nicht, wie das Berufungsurteil anscheinend annimmt, ohne weiteres daraus, daß der Beklagte für die Geschäftsschulden seines Vaters verantwortlich war* Auch insoweit rügt die Revision mit Recht, daß das Berufungsurteil konkrete Feststellungen vermissen läßt0 Die Klägerin hatte darauf abgehoben, nach dem Pacht- und Agenturvertrag seien die vereinnahmten Verkaufserlöse selbst als Fremagelder an die Klägerin abzuführen gewesen, und der Beklagte söi ihr deshalb aus strafrechtlichen Gesichtspunkten verantwortlich gewesen» Bas Berufungsgericht hat dies jedoch ausdrücklich offen gelassen und ist von der Annahme ausgegangen, der Beklagte sei je- denfalls seinem Vater zivilrechtlich verantwortlich gewesen 0 Auch insoweit fehlt es aber an jeder Begründung im einzelnen» Bas Berufungsgericht stellt insbesondere nicht fest, was die Klägerin behauptet, der Beklagte aber bestritten hatte, daß der Beklagte Ware der Klägerin verschleudert habe, auch nicht, daß der Beklagte durch einen aufwendigen Lebenswandel die Schulden seines Vaters verursacht habe» Der Sachverhalt erlaubte deshalb nicht mehr als die Feststellung, daß der Beklagte seinem Vater aus dem Grunde verantwortlich war, v/eil er während der letzten Jahre das Geschäft geführt hatte» Es ist nicht ersichtlich, wieso eine solche Verantwortung gegenüber dem Vater der Bürgschaftsübernahme des Beklagten den Sinn geben konnte, daß sie auch gelten sollte, wenn eine Abzahlungsvereinba-rung mit der Klägerin nicht zustande kam und der Vater des Beklagten in Konkurs fiel» Denn in einem solchen Falle nutzte die Büi’gschaft gerade dem Vater nichts, dem zu helfen der Beklagte aus seiner Verantwortung heraus gehalten war o Yfenn die von einem Vertragspartner - für den anderen erkennbar - zur Grundlage des Geschäfts gemachte Erwartung fehlochlägt, so hat das nach dem von der Rechtsprechung entwickelten Grundsatz Einfluß auf seine vertraglichen Pflichten nur, wenn ihm ein Festhalten am Vertrag nach Treu und Glauben nicht zuzu demuten ist» Ob dies hier zu bejahen ist, kann insbesondere auch von zwei Umständen abhängen, die noch der Klärung bedürfen: Einmal davon, in welchem Sinne