BGH · VIII ZR 17/60
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Die Revision kann sachlich keinen Erfolg haben; denn das Berufungsgericht hat nach seinen tatsächlichen Reststellungen ohne Rechtsirrtum verneint, daß die Beklagte von den Mieträumen im Zeitpunkt der letzten mündlichen Verhandlung einen vertragswidrigen Gebrauch im Sinne de] Vorschrift des J$550;BGB machte, der den Kläger als Vermieter berechtigen konnte, auf Unterlassung zu. Bei seinen Erwägungen geht das Berufungsgerieht vom Wortlaut des Mietvertrages aus, nach dem die Beklagte nur berechtigt ist.s wenn es zu dem Ergebnis kommt, der Kläger könne sieh hier als Vermieter bei der besonderen Lage des Falles nicht an den Wortlaut des Vertrages klammern, sondern müsse die von der Beklagten im Zuge der all gemeinen Entwicklung des Schneidergewerbes vorgenommene Umstellung des Betriebes -von Maßarbeit auf Konfektion als im Rahmen des Zumutbaren liegend nach Treu und Glauben ebenso hinnehmen wie eine entsnrechende 'Betriebserweiteru Bei seinen Ausführungen hält sich das Berufungsgericht an die von der Rechtsprechung and auch im Schrifttum entwickelten Grundsätze darüber, ob und wann es als vertragswidrig angesehen werden muß, wenn' jemand, der Räume für einen bestimmten Zweck gemietet hat, sie an- nicht statthaft, wann das neue Geschäft ein wesentlich anderes sei (Beispiel: Metzgerei statt .Spezereiladen; oder wenn durch die Änderung eine Belästigung des Vermieters oder der übrigen Hausbewohner eintrete oder wenn der Vermieter im Einzelfalle ein besonderes Interesse daran habe, daß gerade das bestimmte ursprüngliche Geschäft weiterbetrieben werden Ebenso wie für Handelsgeschäfte gelten diese Grundsätze auch für sonstige Betriebe, insbesondere Gastwirtschafteno Für letztere hat der Bundesgerichtshof zwar entschieden, ein Gastwirt sei nicht ohne weiteres berechtigt, den Verwendungszweck der won ihm gemieteten oder gepachteten Gastwirtschaft ganz oder 'wesentlich zu verändern, gleichzeitig aber ausgesprochen, inwieweit mangels besonderer vertraglicher Abrede eine Änderung des GesamtCharakters der' Gastwirtschaft von dem Wirt vorgenommen werden könne, sei nach freu und Glauben unter Berücksichtigung der Belange beider feile zu entscheiden (BGH ürto v„ 9» Januar 1954 - VI ZB 50/53 » EM BGB -§ 550 Ird), Dem hat sich der erkennende Senat schon in seiner nicht veröffentlichten Entscheidung vom 17„September 1957 “VIII ZR 320/56 - angeschlossen und.in Ergänzung dieser Rechtsprechung die Auffassung vertreten (Urte v„ .8,. Der Pall betraf die Erweiterung des Betriebes einer Milchbar durch Hinzunahme der Verabfolgung alkoholischer Getränke als Nebenartikel„ Es bestehen jedoch keine Bedenken, die hier entwickelten-Grundsätze.auch,auf den vorliegenden Pall einer Betriebsumwandlung anzuwenden« Dieser Pall liegt auch nicht, wie das Berufungsgericht meint, deshalb anders, weil es sich bei der die Milchbar betr- habe, an den die Vertragspartner bei Abschluß des Vertrages nicht gedacht hättenc Beide Fälle liegen vielmehr gerade insoweit gleich; denn-auch hier haben die Parteien sicher 1932 nicht damit gerechnetdie Mieterin als Inhaberin einer Bamenmaßschneiderei icönns sich einmal genötigt sehen, im Zuge der Strukturwandlung ihres Gewerbezweiges, der Schneiderei; im weiteren Sinne, ihren Betrieb von der individuellen auf industrielle'Anfertigung umzustellen v Dabei mag es einem Vermieter nicht immer zugemutet werden können, statt eines reinen 'Handwerksbetriebes (Damenmaßschneidereiv# nunmehr einen "mehr oder weniger industriellen1! Fertigungsbetrieb (für Daraenoberbeisleidung; in seinen Räumen zu dulden„t Auch insoweit kommt es immer auf die Umstände des Einselfalles an.Diese hat das Berufungsgericht hier untersucht und gewürdigt; sie recht-fertigen seine Entseheidungs die Umwandlung sei hier zu demutbare Gewerbezweiges aufgemacht haben .würde, und führt auss,sie habe ihren Betrieb auch nicht in einer .feise.erweitern,dürfen, die die Grenzen des Zumutbaren für den;Kläger selbst und die Mieter des Hauses überschreite0 Beides verneint es für den Zeitpunkt der letzten mündlichen Verhandlung aus im wesentlichen tatricht erlichen Erwägungen,, Das Berufungsgericht hat nicht übersehen, daß.nach dem Mietvertrag die Benutzung der Räume außer zu dem Wohnen nur für eine Damenmaßschneiderei vorgesehen war»' Davon geht es vielmehr gerade aus3 Es hat jedoch für den vorliegenden Einzelfall aus im wesentlichen tatrichterlichen Erwägungen bejahts daß der Kläger die "Umstellung"-'"des Betriebes nach Treu und Glauben .hinnehmen müsse5 weil der "neue" Betrieb bei Berücksichtigung aller Umstände, jedenfalls nicht als ein anders gearteter Betrieb angesehen werden könne9 und die Duldung eines solchen Betriebes dem Kläger und der Mitmiterin des Hauses zu demutbar sei« Dabei hat es auch nicht unbeachtet gelassen, daß die Umgestaltung des Betriebes u,a, dann unzu demutbar hätte sein können wenn sie auf den Charakter, des. 20 Unbegründet ist auch die Rüge der Revision, das Berufungsgericht habe nicht beachtet, es bestehe bei der auf Erfüllung des Vertrages gerichteten Unterlassungs-klage nach § 550 BGB ein Unterschied gegenüber den Voraussetzungen eines außerordentlichen Kündigungsrechtes wegen vertragswidrigen Gebrauchs nach § 553 BGB=, letzteres ist dem Vermieter allerdings nur gegeben, wenn seine Rechte durch den vertragswidrigen.Gebrauch, in erheblichem Maße beeinträchtigt werden, während bei dem An- Das ist aber nicht das Entscheidendeo Wie oben ausgeführt worden ist, muß nicht .jeder Gebrauch der Mietsache zu einem anderen als dem ursprünglich bestimmten als vertragswidrig angesehen werden« Das hängt vielmehr von den Umständen des Einzelfalles ab, die hier die Betriebsumgestaltung, wie im einzelnen dargelegt ist, als dem Vermieter zu-, mutbar erscheinen lassen, und zwar insbesondere deshalb, weil mit ihr keine, nicht einmal eine unerhebliche Beeinträchtigung der Hechte des Vermieters verbunden ist, wie das Berufungsgerichtnausdrücklich fest-gestellt hat« 3, Fehl geht auch der Vortrag der Revision, die Beklagte könne sich der "Erfüllungspf1i cht" aus dem Mietvertrag nicht mit dem Hinweis entziehen, dasjenige Gewerbe (Damenmaßschneiderei}, zu dessen Ausübung - ein-» schließlich Wohnen _ ihr die Räume überlassen worden seien, sei infolge Veränderung der wirtschaftlichsn Verhältnisse nicht mehr rentabel., • sie wolle sich daher einem verwandten Gewerbe zuwenden« Dabei übersieht die Revision, daß auch die Vertragserfüllung dem Grundsatz von - freu und Glauben untersteht« Danach kann aber, wie das Berufungsgericht hier im einzelnen dargelegt hat, da Betreiben eines verwandten Gewerbes (statt Maßschneiders jetzt Konfektionsbetrieb) nach den besonderen Umständen des Einselfalles nicht als -vertragswidrig angesehen wer»» stellung des Betriebes ordnungsgemäß, Ihr Verhalten verstößt auch:nicht deshalb gegen Treu und Glauben, weil sie selbst, worauf die Revision an sich zutreffend verweist, den Mietvertrag, der nicht xür-eine'bestimmte Zeit abgeschlossen ist« frei kündigen könnte« Es -kann auch unterstellt werden, daß sie in Berlin anderweit entsprechende Geschäftsräume' würde finden können. Nur, weil der Kläger -glaubt, die Umstellung, die ihm, -wie das Berufungsgericht tatsächlich .festgest61.lt hat, keine, Nachteile bringt, nicht dulden -zu müssen-, kann man sie auch unter Berücksichtigung von freu und Glauben nicht zwingen, ihre Räume aufzugeben oder dem Kläger freiwillig mehr Miete zu zahlen, solange in Berlin noch .-.Mieterschutz und gesetzliche Mietzinsregelung auch für Geschäftsräume in Kraft sind» in der;'.die Beklagte noch ihre Maßschneiderei mit den zwangsläufigen Kundenbesuchen betrieben habe« Bür diese Feststellung verwertet, es allerdings, daß der Kläger nichts substantiiert darüber vorgetragen habe, inwiefern sich nach Herausnahme eines Teiles des Betriebes der Restbetrieb noch belästigend auswirkeo Damit hat es sich jedoch im Rahmen seiner tatrichterlichen Würdigung des Parteivortrages gehalten, und es brauchte auch aus der Tatsache allein, daß erfahrungsgemäß in einem Konfektionsbetrieb, der mit der gleichen Zahl von Angestellten und Maschinen arbeitet,wie ein Maßschnei~ derolß-ibetrieb, erheblich mehr Sinzelstücke hefge-stellt werden, nicht auf eine Unzu demutbarkeit der Umstellung des Betriebes der Klägerin für den Hauseigentümer zu schließeno Beklagte .nehme weiterhin das Recht für sich in Anspruch, in den-Mieträumen einen Konfektionsbetrieb zu führen, ist ihr ebenfalls nicht zu folgen„ Dem Zusammenhang der Entscheid ungsgr Und e des Berufu.ngsgerib.hts ist vielmehr zu entnehmen, daß dieses die Verlegung eines Teiles des Betriebes der Beklagten in neue Räume als«endgültig angesehen hat und daraus folgert,' die Beklagte nehme nur noch für sich in Anspruch, die vom'Kläger gemieteten Räume so verwenden zu dürfen, wie sie im Zeitpunkt der letzten mündlichen Verhandlung vor dem Berufungsgericht, am 3» Dezember 1959, benutzt wurden * Diese Benutzung ist aber nach Lage des Balles nicht als vertragswidrig im Sinne-von § 550 BGB anzusehen0 Deshalb kann die Unterlassungsklage keinen Erfolg ha-