BGH · VIII ZR 274/63
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
tUi Der Beklagte bezog in den folgenden Jahren Ware von der Klägerin, blieb jedoch seit dem lo Januar 1961, abgesehen von den Monaten Februar 1961 und Januar 1962runter der Um-satzgrenze von 3 000 DM« In einem Schreiben vom 7« Januar 1961 wies die Klägerin den Beklagten darauf hin, daß es ihm nicht erlaubt sei, andere als die im Vertrag vom 27« Mai 1959 namentlich benannten Kunden zu besuchen« Wegen der festgestellten Vertragsverletzungen sei es ihr ein leichtes, "die vereinbarte Vertragsstrafe von 1 000 öl zu erwirken'*« Am 12« April 1961 schrieb die Klägerin dem Beklagten: Wir haben Anlaß, auf die Bestimmungen des mit Ihnen geschlossenen Vertrages hinzuweisen, in dem Sie sich zur Mindestabnahme von monatlich 3 000 DM verpflichtet haben« Dies trifft für die Monate Januar und März bisher nicht zu« Wir werden eine solche Vertragsverletzung nicht, ohne die nötigen Konsequenzen zu ziehen, hinnehmen und bitten Sie um Ihre umgehende Stellungnahme« ” Sie erinnerte am 28« April 1961 den Beklagten an die erbetene Stellungnahme und wies im Schreiben vom 7« August 1961 erneut darauf hin, daß der Beklagte in den vorangegangenen Monaten seine AbnahmeVerpflichtung nicht eingehalten habe« Sie setzte hinzu, daß sie sich Vorbehalte, ihre vertraglichen Rechte geltend zu machen, wenn er nunmehr seiner Verpflichtung nicht nachkomme« Am 28« August 1961 trafen sich der Beklagte und seine Ehefrau mit dem Verkaufsleiter der Klägerin zu einer Besprechung« Nach einer Aktennotiz der Klägerin vom 5« September 1961 wurde über die Gewährung eines Zahlungszieles von 8 Wochen verhandelt« Der Verkaufsleiter der Klägerin stellte ein solches Zahlungsziel in Aussicht, machte aber zur Bedingung, daß sich der Beklagte sowohl hinsichtlich der vereinbarten Mengenabnahme als auch hinsichtlich des Kundenschutzes vertragstreu verhalte« Dabei äußerte der Beklagte in Bezug auf seine Abnahmeverpflich- Die Klägerin könne nunmehr von ihren Rechten Gebrauch machen, in jedem Falle der Zuwiderhandlung die vereinbarte Vertragsstrafe zu verlangen« In seinem Antwortschreiben vom 27« Januar 1962 rechtfertigte der Beklagte sein Verhalten mit der Behauptung, er sei von der Klägerin schlecht beliefert worden« Die Klägerin beanstandete alsdann im Schreiben vom 27« April 1962, daß der Beklagte auch in den Monaten Februar, März und April 1962 die vertragsmäßige Menge nicht abgenommen habe, und wies darauf hin, daß sie ihren Anwalt bereits beauftragt habe, ihre Rechte wahrzunehmen« Am 27« September 1962 erhob die Klägerin Klage auf Zahlung von 3 000 DM nebst Zinsen, und zwar als Vertragsstrafe wegen zu geringer Warenabnahme in den Monaten Januar, März und April 1961« Das Landgericht gab der Klage statt« Der Beklagte legte Berufung, die Klägerin An Schluß be ruf ung mit dem Antrag ein, den Beklagten zur Zahlung von weiteren je 1 000 DM Vertrags- Es sieht darin, daß die Klägerin mit der im August 19&2 eingereichten Klage noch Vertragsstrafe für die länger als ein Jahr zurückliegenden Monate verlangte, einen Verstoß gegen Treu und Glauben® Denn der Beklagte, so führt es aus, habe sich aufgrund des Verhaltens der Klägerin vor Klageerhebung darauf einrichten dürfen, und nach der Überzeugung des Senats auch darauf eingerichtet, daß die Klägerin zu demindest die mit der Klage eingeforderte Vertragsstrafe nicht mehr geltend machen werde® Das zeige schon die Über August 1961 hinaus fortbestehende Zusammenarbeit der Parteien® Berechtigter Anlaß zu einer solchen Einstellung des Beklagten habe aber in erster Linie der Umstand gegeben, daß in der Besprechung vom 28® August 1961, die der Beklagte und seine Ehefrau mit dem Verkaufsleiter der Klägerin führten, dieser in keiner Weise darauf hingewiesen habe, es seien bis dahin erhebliche Rückstände an Vertragsstrafe aufgelaufen, die die Klägerin einfordern werde, daß der Verkaufsleiter im Gegenteil geäußert habe, die Klägerin habe im Grunde kein Interesse daran, dem Beklagten Schwierigkeiten zu bereiten® Der Eindruck des Beklagten, daß er mit der Geltendmachung von Vertragsstrafen aus dem vor der Besprechung liegenden Zeitraum Das Berufungsgericht findet eine weitere Stütze für seine Auffassung in dem Wortlaut des Vertrages, dem es entnimmt, daß der Beklagte an die monatlichen Abnahmen gebunden sein sollte und seiner Abnahmeverpflichtung nicht etwa durch eine Jahresabnahme im Gegenwert von 36 000 DM genügen konnte® Das entspreche dem Interesse der Klägerin an einem gleichmäßigen Geschäftsgang und einem monatlich gleichbloibenden Absatz® Die Vertragsstrafe habe daher weniger eine Erleichterung für die Geltendmachung von in der Vergangenheit entstandenen Schadensersatzanspriichen bieten als vielmehr ein Druckmittel dafür sein sollen, daß der Beklagte seine Verpflichtung in der Zukunft einhalten würde o Hieraus zieht das Berufungsgericht den Schluß auf eine Verpflichtung der Klägerin, jeweils alsbald nach Ablauf der einzelnen Monate klarzustellen, ob sie die Vertragsstrafe für die zurückliegenden Monate einfordern wollte oder nicht« Es hält sich zu dieser Auffassung umso mehr berechtigt, als die Klägerin selbst der Meinung gewesen sei9 daß der Beklagte Über zu wenig Kapital verfügte9 um größere Umsätze tätigen zu können;, und sie aus diesem Grunde schon die Umsatzgrenze im Vertrag vom 27« Mai 1959 nicht, wie vom Beklagten angeboten, auf 5 ooo DMS sondern nur auf 3 ooo DM festgesetzt habe« Auch der Umstand, daß sich beide Parteien darüber im klaren gewesen seien9 dem Beklagten stehe nur ein beschränkter Kundenkreis zur Verfügung, und die Klägerin angenommen habe, der Beklagte könne die in der Vergangenheit aufgolaufene Vertragsstrafe nicht zahlen, weise in diese Bichtungo Die Feststellungen des Berufungsgerichts rechtfertigen nicht die von ihm angenommene Verwirkung des Klageanspruchs» Mit Recht weist die Revision darauf hin, die Klägerin habe durch die in ihren vor Klageerhebung liegenden Schreiben enthaltenen Hinweise auf Vertragsverletzungen und Vertragsstrafen den Beklagten genügend gewarnt und der Beklagte habe nur dann mit einer wohlv/ollenden Behandlung durch die Klägerin rechnen können, wenn er sich nicht einer ständigen Verletzung seiner Abnahmeverpflichtung schuldig gemacht hätte« (■’-J nach den Umständen, unter denen der Vertrag vom 27« Mai 1959 geschlossen wurde, eine schonende Behandlung durch die Klägerin erwarten dürfen, lassen keine schlüssige Begründung dafür vermissen, daß die Vertragsstrafe alsbald habe geltend gemacht werden müssen« Denn gerade das abwartende Verhalten der Klägerin, die nach ihrer Darstellung auf die Kapitalknappheit des Beklagten Rücksicht nehmen wollte und mit ihren Ansprüchen erst hervortrat, nachdem sie zu der Ansicht gekommen war, daß dem Beklagten genügend Kapital zur Verfügung stehe, bedeutete eine Schonung des Beklagten« Eine Verpflichtung der Klägerin, ungeachtet ihrer eigenen Bedenken den nach ihrer Ansicht kapitalschwachen Schuldner sofort auf Zahlung der Vertragsstrafe in Anspruch zu nehmen, ist nicht anzuerkennen« Allerdings hat das Oberlandesgericht in einem tatbestandlich ganz anders liegenden Falle - der Schuldner hatte b Jahre lang gegen seine Bierbezugsverpflichtung verstoßen - die verstrichene Zeit als unangemessen lang angesehen und Verwirkung angenoin men, weil es an einer Verwarnung des Schuldners und an einer Erkennbarmachung fehlte, daß die Vertragsstrafe gefordert werde, wenn die Zuwiderhandlung nicht aufhöre (OLGE 33, 233)« Demgegenüber hat das Reichsgericht ausgesprochen, ein Anspruch auf Vertragsstrafe erlösche nicht dadurch, daß er nicht alsbald geltend gemacht werde (Recht 19*16 Nr« 1863)» Dieser Ansicht folgt der erkennende Senat« Aber selbst, wenn man den Zeitraum bis zur Geltendmachung des Klageanspruchs für zu groß halten wollte, so sind doch die Umstände des Falles nicht so geartet, daß die verspätete Geltendmachung als illoyal und rechtsmißbräuchlich erscheint« Denn der Beklagte war durch die verschiedenen Schreiben der Klägerin vom Januar 1961 bis zu dem Januar 1962 immer wieder auf seine Vertragsverletzungen hingewiesen worden« Die Schreiben vom 12« April 1961 und vom 7« August 1961 bringen gan2 eindeutig zu dem Ausdruck, daß die Klägerin von der Einforderung der Vertragsstrafe nicht absehen will« Die Ansicht des Berufungsgerichts, daß diesen Dr hungen durch die Besprechung vom 28« August 1961 die Ernsthaft keit genommen worden sei, weil der Verkaufsleiter der Klägerin nicht erneut auf die Vertragsstrafe hingewiesen habe, unterlie rechtlichen Bedenken« Die Feststellungen des Berufungsgerichts die es aufgrund der Aktennotiz der Klägerin vom 5« September 1961 trifft, lassen nämlich klar erkennen, daß der Beklagte zur Vertragstreue angehalten wurde und auch die Einhaltung der monatlichen Abnahmemenge versprach, nachdem ihm ein Zahlungsziel von 8 Wochen in Aussicht gestellt worden war« Er durfte daher aus dem Unterbleiben einer neuerlichen Drohung nach Treu und Glauben nur für den Fall, daß er sich in Zukunft als vertragstreu erweisen würde, den Schluß ziehen, daß die Klägerin von der Einforderung der bereits aufgelaufene Vertragsstrafe absehen werde« Es steht jedoch fest, daß der Be klagte sich auch in den folgenden Monaten nicht an seine Verpflichtungen und an sein ausdrückliches Versprechen vom 28« August 1961 hielt« Wenn er sich trotzdem darauf eingerichtet haben sollte, die Vertragsstrafe nicht mehr zahlen zu müssen, so war er jedenfalls nach Treu und Glauben zu dieser Einstellung nicht berechtigt« Daran kann auch der Umstand nichts ändern, daß der Verkaufsleiter sich dahin geäußert hat, die Klägerin habe im Grunde kein Interesse daran, dem Beklagten Schwierigkeiten zu bereiten« Denn auch eine solche Erklärung durfte schon im Hinblick auf das Schreiben vom 7« August 1961 nach Treu und Glauben von dem Beklagten nur dahin verstanden werden, daß die Klägerin dem Beklagten lediglich bei einem Vertragstreuen Verhalten Entgegenkommen zeigen wollte« Die Grundsätze des redlichen Geschäftsverkehrs verboten dem vertragsuntreuen Beklagten auch weiterhin bis zur Klageerhebung die Annahme, daß die Klägerin ihre Rechte aus dem Vertrage vom 27« Mai nicht geltend machen III o Scheidet somit eine Verwirkung des Klage an Spruchs aus, so ist das angefochtene Urteil mit der Begründung des Berufungsgerichts nioht aufrecht zu erhalteno Da das Berufungsgericht über die übrigen Einwendungen des Beklagten, insbesondere auch über die Möglichkeit einer Herabsetzung der Vertragsstrafe, der allerdings die Vorschrift des § 3^8 HGB entgegenstehen könnte, nicht entschieden hat, war das Urteil aufzuheben und die Sache zur anderweiten Verhandlung und Entscheidung an das Berufungsgericht zurückzuver-weisen* Die Entscheidung Uber die Kosten der RevisLon, die von der Entscheidung in der Sache selbst abhängig ist, war dem Berufungsgericht zu übertragen*