BGH · VIII ZR 245/61
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Hat jemand auf Grund eines einheitlichen Vertrages oder auf Grund mehrerer äußerlich selbständiger, aber rechtlich als Einheit anzusehender Verträge mehrere selbständige Leistungen erbracht, deren Zweck bei einigen in der Weise bestimmt war, daß der Leistende durch sie gegen ein gesetzliches Verbot- oder gegen die guten Sitten verstieß, bei anderen dagegen nicht, so ist die Anwendbarkeit des § 817 Satz 2 BGB hinsichtlich jeder Leistung gesondert zu beurteileno men war, schlossen die Klägerin und sie am 24° Februar 1959 einen weiteren als "Darlehens&ortrag" bezeichneten Vertrag, in dem die Vertragsparteien die Schuld der Firma NflHivon 20 000 DM in eine Darlehensschuld um-wandelten, und Ratenzahlungen sowie eine Verfallklau^ sei vereinbarten» In diesem "Darlehensvertrag" übernahmen die beiden Beklagten "für die Verpflichtungen aus diesem Darlehensvertrag die selbstschuldnerische Bürgschaft"» Am selben Tag vereinbarte die Klägerin mit in einem weiteren schriftlichen Vertrag, daß die im Jahre 1952 vereinbarten monatlichen Zahlungen von Entgegen der äußerlichen Vertragsgestaltung habe es sich bei den zwei Verträgen von 1952 um ein einheitliches Kreditgeschäft über 50 00Q DM gehandelte Dieses sei wegen Wuchers und allgemeiner Sittenwidrigkeit nichtige Von 1952 bis Mitte 1959, also innerhalb von 7 1/2 Jahren, habe Nfl|0 auf den Kredit von 50 000 DM insgesamt 85 276,60 DM Zinsen zahlen müssen«, Aus diesem Grunde sei^auch die Firma zusammengebrochen«, Die Nich- 2o Gemäß § 768 Abs«, i So 1 BGB können sie als Bürgen die dem Hauptschuldner NflHH zustehenden Einreden geltend macheno NflB könnte, wenn er aus dem Wechselkredit der Klägerin nichts geschuldet hätte, deren Forderung aus dem Darlehensvertrag von 1959 mit der Bereicherungseinrede aus 812 Abso H So 1, 821 BGB begegnen, da das Bestehen der Schuld aus 1952 den Rechtsgrund für die Begründung der Darlehensschuld aus 1959 darsteiltec Nowak steht jedoch eine solche Einrede nicht zu0 Dabei kann - der Meinung der Revision folgend - unterstellt werden, daß die Verträge von 1952 eine Einheit bildeten und wegen Verstoßes gegen § 138 BGB gemäß §§ 134, wohl aber, wegen Nichtigkeit dieser Vereinbarung, aus § 812 Abs« fi So BGB zurückverlangen können„ Das aber genügt, um einer Bereicherungseinrede des N^HV gegenüber der Forderung aus dem Darlehensvertrag die Grundlage zu entzieheno Denn Rechtsgrund für den Darlehens-vertrag von 1959 war nicht, daß Nfm die kreditierten 20 000 DM gerade aus der Vereinbarung von 1952, sondern daß er sie überhaupt schuldete« Diesen Bereicherungsanspruch der Klägerin könnte N^Hauch nicht mit der Einwendung aus § 817 S« 2 BGB entkräften« Denn selbst wenn die Klägerin, wie die Revision meint, durch die Verschaffung des V/ochselkredits gegen Gesetz oder Sitte verstoßer hätte, würde das nicht der Rückforderung der Krediivalu-ta als solcher (seit RGZ 161, 55 allgemeineV|Jeimmg.!;.der Rechtsprechung), sondern nur ihrer vorzeitigen Rückforderung entgegensteheno Die Klägerin fordert aber den Kredit nicht vorzeitig zurück« Nach der Vereinbarung von 1952 war der Wechselkredit für 5 Jahre vereinbart und "konnte im Einvernehmen beider Parteien auf weitere 5 Jahre verlängert werden«" Ob er - bis zu dem §« März 1962 - verlängert worden ist, kann dahinstehen« Denn die alte Kreditforderung wurde jedenfalls am 24« Februar 1959 durch eine neue selbständige Darlehensforderung ersetzt« Diese war in Monatsraten .gückzahlbar und enthielt eine - wirksam gewordene - Verfallklausel hinsichtlich des Restes« Außerdem hätte auch der inzwi-sehen eingetretene Zusammenbruch der Firma NflU Girier Weitergewährung des Betriebskredits die Grundlage entzogen und die Klägerin gemäß §§ 610, 242 BGB berechtigt, den Kredit sofort zurückzufordern« Die Klägerin hatte also - die Nichtigkeit der Vereinbarung von 1952 unterstellt - als sie 1959 den Darlehensvertraß schloß, auf jeden Fall gegen einen Bereicherungs- BGB ein Leistungsverweigerungsrecht mit dem Hinweis begründen, daß die Klägerin durch Aufrechnung gegen eine fällige Forderung der Firma NflHP sich selbst Befriedigung verschaffen könne» Eine Forderung gegen die Klägerin, gegen die diese aufrechnen konnte, steht der Firma NfHlauch dann nicht zu, wenn man - wiederum der Revision folgend - die Verträge von 1952 als sittenwidrig für nichtig hält» ln diesem Fall müßte die Firma NflHV ihrerseits den gesamten Kreditbetrag von 50 000 DM zurückzahlen, und zv/ar die 50 000 DM aus dem Gesichtspunkt des § 812 Abso 1 So 1 BGB, die 20 0Ö0 DM aus dem Darlehensvertrag von 1959 (s° oben)» Die Firma NJHB könnte ihrerseits die von ihr erbrachten Leistungen, die sie als Zinsen ansieht, ebenfalls gemäß § 812 Abs» ! Leistenden und dem mittelbar Bereicherten grundsätzlich nicht begründet«, Ob etwas anderes zu gelten hätte, wenn Frau KPIHBnur als von der Klägerin oder Wolfgang KpHB vorgeschobene Person anzusehen wäre, kann dahinstehen«, Frau kBHP spielte eine solche Rolle nichts Sie war rechtlich und wirtschaftlich die endgültige Adressatin der von der Firma NflB auf Grund des Gesellschaftsve^trages vom 60 März 1952 erbrachten Leistungen«, Hat demnach die Firma NAH hinsichtlich der Zahlungen von 75 276,60 allenfalls einen Beröicherungsanspruch gegen Frau nicht aber gegen die Klägerin, so hat diese - mangels Gegenseitigkeit der aufzurechnenden Forderungen « keine Aufrechnungsmöglichkeit, auf welche die Beklagten als Bürgen sie gemäß § 770 AbSo 2 BGB verweisen konnten» hei Nichtigkeit der Vereinbarung aus 1952, dem Bereicherungsan-Spruch der Klägerin auf Rückzahlung der Kreditvaluta von 20 000 BM keinen Einwand aus § 817 S» 2 BGB entgegensetzen, weil im Sinne dieser Bestimmung die verwerfliche Beistung nicht in der Zuwendung der Kreditvaluta als solcher, sondern in der Kapitalüberlassung für eine bestimmte Zeit besteht» Bie Klägerin könnte also die 20 000 BM aus dem Gesichtspunkt des § 812 Abs» 1 Satz 1 BGB von der Firma zurückfordern» 818 BGB» Banach erstreckt sich die Verpflichtung zur Herausgabe auch auf die gezogenen Nutzungen».Bie Firma NflBB hat mit dem ihr von der Klägerin zur Verfügung gestellten Wechselkredit ab März 1952 fortlaufend in ihrem Betrieb gearbeitet, ihn also genutzt» Bafür hat sie als Wertersatz gemäß § 818 Abs» II BGB den üblichen Zinssatz zu vergüten (RGZ 151, 125)o Nach den Angaben der Beklagten sind die 12 000 BM in Einzelzählungen bis Mitte 1959 gezahlt worden» Das bedeutet eine Verzinsung des Kredits für rund 7 1/2 Jahre, v/ovon auch die Beklag' ten bei ihren Berechnungen ausgeheno Eine Zinszahlung vc 12 000 DM in 7 1/2 Jahren auf ein Kapital von 20 000 DM entspricht einem Zinssatz von 8 # jährlich» Dieser Zinssatz übersteigt keinesfalls den Zinssatz, der in den Jahren 1952 bis 1959 für einen ungesicherten Personalkredit üblicherweise zu zahlen war«. Im vorliegenden Fall kann aber der Klägerin, soweit, die Gewährung des Wechselkredits von__20_0Q0_DM in Frage steht, ein Handeln gegen Gesetz oder Sitte im Sinne des § 8*7 Satz 2 BGB überhaupt nicht vorgeworfen werden.. Die Revision beanstandet insoweit selbst nicht, daß die Klägerin der Firma NflHI eine unangemessen hohe Gegenleistung abverlangt habe» Sie meint aber, beide Verträge von 1952 müßten als ein einheitliches Geschäft betrachtet werden, womit auch dem Vertrag über den V/echselkredit als Teil des Gesamtvertrages der Charakter des wucherischen und auch allgemein sittenwidrigen Geschäftes zukomme« Dieser Angriff der Revision verfehlt sein Ziel» Es werden dabei zwei verschiedene Fragen miteinander vermengt» Einmal geht es hierbei um die Frage, ob zwei äußerlich selbständige Verträge wegen ihres engen Zusammenhangs durch den Willen der Vertragsparteien eine rechtliche Einheit in dem Sinne gewinnen können, daß bei Nichtigkeit des einen auch der andere Vertrag nichtig ist» Diese Frage zielt auf § 139 BGB und ist zu bejahen (BGH Urt» v» 13« November 1954 - Y/M 1955, 690 = BB 1955, 430)o Eine andere Frage ist, ob dann, wenn in einem solchen rechtlich als Einheit anzusehenden Vertrag der eine Verträgsteil mehrere Leistungen übernimmt, deren Zweck nur bei einigen von ihnen in der Art vereinbart ist, daß der Leistende gegen ein gesetzliches Verbot oder die guten Sitten verstößt, dem Leistenden dieser Vorwurf auch hinsichtlich der nach ihrem Zweck einwandfreien Leistungen gemacht werden kann» Diese Frage zielt auf § 817 Satz 2 BGB und kann nicht allgemein, sondern nur nach den Umständen des Einzelfalles beantwortet werden» § 817 Satz 2 BGB stellt darauf ab, ob der Zweck einer Leistung in der Art bestimmt ist, .\iUiizl.• daß der Leistende durch die Leistung gegen Gesetz oder Sitte verstößt o Lies läßt sich hei mehreren Leistungen desselben Vertragsteils, auch wenn sie in einem Vertrag vereinbart sind, unterschiedlich beantworten, weil der Zweck der mehreren Leistungen verschieden sein kann» Grundsätzlich ist dies für jede Leistung, sofern sie nur gegenüber der anderen eine selbständige Leistung darstellt, gesondert zu beantworten (RGZ 78, 41, 46)o Im vorliegenden Fall handelt es sich bei den Leistungen aus den zwei Verträgen von 1952 um selbständige Leistungen, auch und gerade wenn man der Sachdarstellung und der Wertung der Beklagten folgto Sie unterscheiden sich nämlich hinsichtlich der Person des Leistenden und des Gegenstandes der Leistungo Yfährend der Zweck des Bardarlehens - immer nach der Meinung der Beklagten - darin lag, Frau KflHV wucherische Erträge aus dem Darlehens kapital von 30 000 zu verschaffen, lag die Zweckrichtung des Wechselkredits von 20 000 DM gerade entgegengesetzt 0 Er nach der Meinung der Beklagten (So 3 der Berufungsbegründung vom Ho6o I960 Bl» 131 GA) dazu, "die auch von erkannte Schwierigkeit wegen des enormen Zinssatzes (des 30 000 I Darlehens) zu mildern; auf diese Weise sollte der enorme Zinssatz für die Kapitalhergabe der 30 000 DM gewässert werdeno" Dieser Zweck aber, der die Auswirkungen des anderen, angeblich wucherischen Geschäftes in gewissem Umfang paralysieren sollte, verstößt we§Otl dieser Zweckrichtung keinesfalls gegen Gesetz oder Sitte * Auch dieses Verteidigungsmittel der Beklagten hat keinen Erfolg, Als Verbotsgesetz, gegen das diese Kreditinanipulatio-nen verstoßen könnte, käme nur § 263 StGB (Betrug) in Frageo Ein Betrug zu dem Nachteil der Wechselnehmer ist jedoch nicht gegeben, weil diese nicht geschädigt worden sind und auch nicht geschädigt werden könnteno Unstreitig sind sämtliche Wechsel von der Klägerin pünktlich eingelöst worden, und unstreitig war die Klägerin auch immer solvent, so daß die Wechselnehmer nie gefährdet waren, Damit scheidet aber ein Betrug - auch in dqr Form des Versuchs - aus. Da mithin der Klägerin aus der Gewährung des Y/ech-3elkredits nicht ein Vorwurf gemäß § 817 Satz 2 BGB-ge-macht werden kann, könnte sie, wenn der Wechselkreditvertrag wegen seines Zusammenhanges mit dem angeblich . lung der 12 000 EM seitens N|^Ban die Klägerin überschreitet diesen Rahmen nicht und findet demnach in § 818 BGB ihren rechtlichen Grund» Eie Firma RflHB hat also auch insoweit keinen Bereicherungsanspruch gegen die Klägerin, gegen den diese ihre Forderung von 20 000 EM (teilweise) aufrechnen könnten»