BGH · VIII ZR 200/62
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Der Kläger betrieb seit vielen Jahren auf seinem Grundstück in eine Autoreparaturwerkstatt» Ferner hatte er die Vertretung der Firma DKW-Autö Union* Als er im Jahre 1959 beabsichtigte, sich von dem Betriebe zurück-zusiehen, fand er durch Vermittlung des Betriebsleiters der Firma Auto Union in DflHHIB in dem Beklagten einen Interessenten für die Nachfolge im Geschäft» Die Parteien schlossen am 21» September 1959 einen notariellen Vertrag, in dem der Kläger sein Grundstück mit den darauf befindlichen Werkstätten und anderen Räumlichkeiten sowie Inventar an den Beklagten vermietete» Der monatliche Mietzins wurde auf 800 DM festgesetzt» Gleichzeitig kaufte der Beklagte die vorhandenen Werkzeug- und Ersatzteile» Der Vertrag enthielt u»a» folgende weiteren Vereinbarungen: Der Kläger ist der Auffassung, der Beklagte sei, weil er vertragswidrig den Mietvertrag nicht ausgehalten habe, verpflichtet, ihm den Unterschiedsbetrag zwischen dem im Nachtragsvertrag vom 15o Dezember 1959 vereinbarten Mietzins und dem von den Eheleuten Müfl^ geschuldeten Mietzins zu zahlen« Nachdem der Kläger vor dem Landgericht einen Betrag von 1200 DM nebst Zinsen verlangt, hatte, hat er im Berufungsrechtszuge für die Monate Januar bis Oktober 1961 einen Betrag von 3000 DM nebst Zinsen beansprucht« Hilfsweise begehrt er Entschädigung dafür, daß clor Beklagte sich in den Genuß des Geschäftswertes und des Kundenkreises des Betriebes gesetzt habe, ohne dafür außer der Grundstücksraiete für ein Jahr ein Entgelt zu zahlen» a) Die Revision meint, schon der Ausgangspunkt des Berufungsgerichts sei falsch» Eine Kündigung habe nicht ausgeschlossen v/erden können, weil für sie gar kein Raum gewesen sei» Der Mietvertrag hätte, weil er auf den 31» Dezember I960 befristet gewesen sei, ohne Kündigung geendet» Wenn das Grundstück weitervermietet werden sollte, hätte es dazu des Abschlusses eines neuen Mietvertrages in der vorgesehenen notariellen Form bedurft» Es kann dahingestellt bleiben, ob das der Sinn des notariellen Vertrages gewesen ist» Denkbar ist jedenfalls auch, daß die Parteien, wovon das Berufungsgericht wohl ausgeht, sich vorgestollt haben, der Vertrag sei zunächst auf unbestimmte Zeit geschlossen und könne frühestens zu dem 31» Dezember I960 gekündigt werden, und für den Pall, daß eine Kündigung nicht erfolge, auf die Dauer von 11 Jahren unter noch zu vereinbarenden Bedingungen einen neuen Vertrag schließen wollten Jedenfalls ist auch der Beklagte davon ausgegangen, daß auf Grund der Vereinbarung vom 15o Dezember 1959 der Mietvertrag, wenn er nicht gekündigt würde, über den 31 o Dezember I960 hinaus fortdauere und dann ab Io Januar 1961 die nachträglich verabredeten Bedingungen in Kraft träten» Nach beiden Auffassungen ist allein entscheidend, ob die Bestimmung des notariellen Vertrages vom 21» September 1959 über eine Beendigung zu dem 31» Dezember I960 - sei es durch Pristablauf, sei es durch Kündigungsmöglichkeit - in der Nachtragsvereinbarung vom 15° Dezember 1959 aufgehoben worden ist, so daß der Mietvertrag, wie der Kläger meint, von vornherein ab 1» Januar I960 langfristig und unkündbar wirksam geworden ist» Das aber hat das Berufungsgericht ohne Rechtsirrtum verneint» Ob, wie die Revision meint, die unwirksame Vereinbarung über die Bestellung der Kreishandwerkerschaft zur Schiedsstelle schon für das Jahr I960 gelten sollte, kann dahingestellt bleiben« Eine solche Abrede war denkbar auch für den Pall, daß Streitigkeiten im Probejahr entstandene Fehl geht ferner die Meinung der Revision, gegen die Auslegung des Berufungsgerichts spreche, daß bei Durchführung des notariellen Vertrages vom 21« September 1959 die Mietzeit unter Einschluß der vorgesehenen Verlängerung insgesamt zwölf Jahre gedauert hätte, während sie nach dem endgültigen Vertrage vom 15® Dezember 1959 nur elf Jahre hätte dauern sollen« Weil die Parteien im ersten Vertrage eine zv/ölfjährige Dauer des Mietverhältnisses ins Auge gefaßt hatten, liegt im G-egenteil die Annahme nicht fern, daß sie auch bei Abschluß des Vertrages vom 15® Dezember 1959 von einer zv/ölfjährigen Dauer des Mietverhältnisses ausgegangen sind, also das auf elf Jahre befristete unkündbare Vertragsverhältnis, das in dieser Vereinbarung vorgesehen ist, erst nach Ablauf des sogenannten Probejahres beginnen lassen wollten« Es ist nichts dafür her- IIo Io Das Berufungsgericht hält auch Ansprüche auf anderer Grundlage für nicht gegeben» Es führt au3, der Umstand, daß der Beklagte dem Kläger seine zur Zeit des Vertragoschlusses vom 28» September 1959 bereits schwebenden Verhandlungen über den Ankauf eines Grundstückes von der Stadt MflHP verschwiegen habe, begründe keinen Scha-densersatzansprucho Die Offenbarungspflicht bei Vertragsverhandlungen könne nicht so weit ausgelegt werden, daß die Vertragspartner Pläne, deren Verwirklichungsmöglichkeit nicht feststehe, der Gegenseite bekanntgeben müßten« Der Kaufvertrag zwischen dem Beklagten und der Stadt Moers sei erst am 19° Januar 1961 (offenbarer Schreibfehler0 IJaoh dem Tatbestand und Bl» 89 der Gerichtsaktens 19° Januar I960) abgeschlossen worden«, Bis dahin habe die Möglichkeit bestanden, daß der Ankauf noch scheitere» Der Beklagte gegenübcr meint, der Kläger habe rechtlich keinen Einfluß auf die Vergebung der Vertretung durch die Auto Union gehabt, so übergeht es, wie die Revision zutreffend rügt, den unter Beweis gestellten Vortrag des Klägers, die Auto Union sei, bevor sie ihm gegenüber das Vertreterverhältnis gekündigt habe, sich mit ihm einig gewesen, daß der Beklagte sein Nachfolger werde» Voraussetzung sei gewesen, daß sich die Parteien über die Übernahme der Vertretung einigten und insbesondere die Bedingungen aushan-delten, unter denen der Beklagte den Betrieb übernehme» Andernfalls hätte die AutoUnton dem Kläger als ihrem lang-jährigen Vertreter den Vertrag nicht gekündigt» Damit hat der Kläger ersichtlich behaupten wollen, die Auto Union hätte es ihm, wenn er sich nicht mit dem Beklagten geeinigt hätte, ermöglicht, durch Vertrag mit einem anderen zuverlässigen Nachfolger eine Entschädigung für den Geschäftswert zu erlangen» Pür die Auto Union hat dabei möglicherweise die Erwägung eine Rolle gespielt, daß sie dem Kläger eine Ausglcichszahlung leisten müßte, wenn sie ihm einen geworbenen Kundenstamm durch Kündigung entzog (vgl» BGIIZ 29, 83 ff; 34, 282)«, Das hängt von der Ausgestaltung des "Ver-troter"-Vertrages und den besonderen Umständen des Palles ab» Dieser Präge wird das Berufungsgericht, an das die Sache zur anderweiten Verhandlung und Entscheidung zurückverwiesen werden muß, gegebenenfalls Beachtung schenken müssen» Andererseits hatte der Beklagte, wie er bei seiner Vernehmung bekundet hat, schon längere Zeit, bevor er den Kläger kennengelernt hatte, den Plan gefaßt, in auf eigenem Grundstück ein Haus zu bauen, eine Kraftfahrzeugwerk statt zu errichten und eine DKW-Vertretung unmittelbar von der Auto Union zu übernehmen» Er stand deswegen mit der Stadt wegen Ankaufs eines Grundstückes in Ver- bindung» Da aber die Auto Union, so tragt der Beklagte im Schriftsatz vom 9» April 1962 vor, das Vertragsverhältnis mit dem Kläger beenden wollte, verlangte sie vom Beklagten, offenbar für den Pall, daß er in eine DKW-Vertretung betreiben wolle, er solle die des Klägers übernehmen» Der Beklagte war früher als Geschäftsführer bei der Auto Union-Vertretung in Wesel tätig gewesen» Bei seinen fachlichen Kenntnissen muß er sich - die Behauptungen des Klägers als richtig unterstellt - darüber klar gewesen sein, daß er die eingeführte Vertretung des Klägers und dessen Betrieb mit umfangreichem Kundenstamm nur unter Aufwendung nicht unbeträchtlicher Mittel werde erwerben können» Im Vertrage vom 21o September 1959 ist in § 6 zwar vorgesehen, daß eine besondere Vergütung für die Übergabe der Kundenkartei nicht zu zahlen sei» Nach der Darstellung des Klägers liegt das wahre Entgelt für den Geschäftswert indessen darin, daß der Mietzins für das eingerichtete Grundstück mit darauf betriebener DKW-Vertretung höher festgesetzt worden war, als er bei bloßer Überlassung des Grundstücks allein angemessen gewesen wäre» Der damals etwa 60 Jahre alte Kläger hatte sich nach seiner Darstellung also die Früchte seiner Arbeit bis ins höhere Alter hinein in Gestalt eines auf 12 Jahre laufenden höheren Mietzinses sichern wollen» Das meint der Kläger offenbar, wenn er in der Klageschrift davon spricht, ohne Bindung des Beklagten auf 11 Jahre hätte er seinen Betrieb nebst allen Nebenrechten niemals an den Beklagten abgegeben, vielmehr wäre eine derartige Übergabe für ihn wirtschaftlicher Selbstmord gewesen» Es spricht manches dafür, daß das auch dem Beklagten bewußt gewesen ist» Der Beklagte stellte im Vertrage vom 21» September 1959 dem Kläger auch den Abschluß eines notariellen Vertrages über einen langfristigen Mietvertrag in Aussicht und be- Hiernach hatte der Beklagte dem Kläger den Abschluß eines langfristigen Mietvertrages, der allein, wie der Beklagte wußte, für den Kläger wirtschaftlich sinnvoll war, in Aussicht gestellt o Dem Kläger v/ar zwar das Risiko bekannt* das darin lag, daß der Beklagte den Mietvertrag zu dem 31 o Dezember I960 kündigen und sich so dem Abschluß eines langfristigen Mietvertrages entziehen konnte» Der Kläger hat aber dem Beklagten vertraut, wie sich schon aus dem § 9 des Vertrages vom 21 o September 1959 ergibt» Er hat offenbar das Risiko gering geachtet» Der Beklagte könnte ihn in dieser Ansicht bestärkt haben» Der Beklagte erläutert nämlich bei seiner Vernehmung den Sinn der im notariellen Vertrage vereinbarten Kündigungsmöglichkeit dahin, ihm sei das Kundengebiet neu gewesen und er dem Kläger fremd» Beide Parteien gehen dementsprechend davon aus, daß das Jahr I960 ein "Probejahr" habe sein sollen» Das legt auch das Berufungsgericht zugrunde» Die Möglichkeit, daß der Beklagte mit dem über- nommenen Betriebe nicht zufrieden war und - so muß es vom Standpunkt des Klägers aus gesehen werden - die DKW-Ver-tretung wieder aufgab, mochte dem Kläger gering erscheinen, so daß er ein Probejahr in Kauf nahm«, Es ist ihm aber zu glauben, daß er den Vertrag mit dem Beklagten nicht geschlossen hätte, wenn er gewußt hätte, daß der Beklagte in aussichtsreichen Verhandlungen über den Erwerb eines eigenen Grundstücks stand, auf dem er den Betrieb führen wollte, und daß aus diesem Grunde die Möglichkeit einer Kündigung des Beklagten nahe lag« Dabei könnte sich im übrigen der Verdacht aufdrängen, daß es dem Beklagten nicht so sehr auf eine Probe, also auf eine Prüfung des zu übernehmenden Betriebes, als darauf angekommen ist, die Zeit vom 1» Januar I960 bis zu dem erwarteten Erwerb des Grundstücks zu überbrücken, und daß er, wie der Kläger es vorträgt, von vornherein beabsichtigt hat, den Mietvertrag zu dem 31* Dezember I960 zu kündigen, nachdem ihm der Werkstattbetrieb und die DKW-Vertretung zugefallen waren» Oktober I960 - VIII ZR 133/59 - IM § 276 Pa Nr. 11 = WM I960, 1384)» Erkannte der Beklagte, daß der Kläger die Möglichkeit einer Kündigung gar nicht ernstlich in Betracht zog, so könnten es Treu und Glauben gebieten, daß er den Kläger darauf hinwies, er werde aller Voraussicht nach den Vertrag deshalb kündigen, weil er ein eigenes Grundstück erwerben und dort den Betrieb fortführen wolle0 Der Beklagte müßte dann als Schadensersatz den Kläger so stellen, als hätte der Kläger den Vertrag mit ihm nicht geschlossen, sondern hätte das Grundstück an einen anderen ihm von der Auto Union zugewiesenen Bewerber langfristig vermietete bb> Bei dem zu unterstellenden Sachverhalt könnte zu demindest ein Anspruch auf Entschädigung für den verloren gegangenen Geschäftswert begründet sein» Zutreffend ist zwar die Ansicht des Berufungsgerichts, daß keine ungerechtfertigte Bereicherung des Beklagten vorliegt, weil für die Hechtsbeziehungen der Parteien das zwischen ihnen begründete Vertragsverhältnis maßgebend isto Wenn das Berufungsgericht aber meint, der Kläger sei durch Abschluß dec kurzfristigen Vortrages das Risiko eingegangen, daß er nach Ablauf des Jahres die DKW-Vertretung nicht wie-derbckomme und sein früherer Kundenkreis möglicherweise abgewandert sei, so ist das zu eng gesehen«» Das Berufungsgericht wird das Rechtsverhältnis zwischeh den Parteien auch unter folgendem Gesichtspunkt würdige^ müssen: Der Vertrag vom 21» September 1959 ist ein gemischter Vertrag«, Neben der Vermietung des Grundstücks enthält er9abgesehen vom Verkauf der Werkzeuge und Ersatzteile9auch Vereinbarungen über eine Überlassung von Vermögenswerten; Die Kundenlisten wurden dem Beklagten übergeben und der gesamte Betrieb wurde ihm zur Verfügung gestellt, wie es insbesondere in der Nr» 2 des Nachtragsvertrages vom 15o Dezember 1959 zu dem Ausdruck gebracht wird«, Dazu hatte der Kläger dem Beklagten die Möglichkeit verschafft, die DKW-Vertretung zu erlangen«. Das kommt wirtschaftlich auf die Übertragung eines Unternehmens heraus, in dem ein Ge-schäftswert, bestehend aus Kundschaft, Bezugsquellen Uo derglo enthalten ist* War der Vertrag vom 21» September 1959 für ein Jahr "auf Probe" geschlossen, so hätte der Beklagte, wenn er den Vertrag nicht verlängern wollte, nach allgemeinen Grundsätzen die ihm überlassenen Vermögenswerte zurückgobon müssen» Diese Folgerung aus der Kündigung des Vertrages zu dem 31» Dezember I960 zieht der Beklagte aber nicht» Die DKW-Vertretung übt er weiter aus und die Kundschaft hat er, wie das Berufungsgericht als möglich anniramt, an sich gezogen» Den Geschäftswert will der Beklagte also behalten» Der Wert läßt sich zu dem Teil auch nicht zurückgeben» Das in der langjährigen Zahlung einer erhöhten Miete liegende Entgelt für die Überlassung des Geschäftswertes ist dagegen entfallen» Das Berufungsgericht geben und ihm das Unternehmen zurückerstatten» Dann könnte der Vertrag, weil auch der Beklagte durch sein Verhalten den Eindruck erweckt hatte, er wolle auf dem Grundstück dos Klägers das Unternehmen probeweise führen, eine Lücke enthalteno Diese wäre im Wege ergänzender Vertragsauslegung danach auszufüllen, was ordentliche Gewerbetreibende für einen Pall, wie er tatsächlich eingetreten ist, über eine Entschädigung für den dem Beklagten zugutekommenden Geschäft swert vereinbart hätten«,