BGH · VIII ZR 168/62
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Klägerin und Revisionsbeklagte - Prozeßbevollraächtigter: Rechtsanwalt Dr, hat der VIII- Zivilsenat des Bundesgerichtshofs auf die mündliche Verhandlung vom 110 Dezember 1963 unter Mitwirkung des Senatspräsidenten Dr» Haidinger und der Bundesrichter Artls Dr° Kezger5 Dr 0 Messner und Mormann für Recht erkannt; 1. In den Vorinstanzen hat die Beklagte die Verurteilung ihrer Mutter im Schadensersatzprozeß (1 0 2o9/51 LG München I = 5 U 16o2/52 OLG München - VI ZR 31o/51+ BGH) und die dieser Verurteilung zu Grunde liegende Feststellung, ihre Mutter habe die Klägerin betrogen, als unrichtig angegriffen und vorgobracht, die Klägerin habe ihrerseits diese Urteile durch wissentlich unrichtigen Parteivortrag erschlichen; die angebliche Schadensersatzforderung der Kla- gerin gegen ihre Mutter sei im übrigen jedenfalls deshalb erloschen, weil diese mit früheren Gegenansprüchen gegen die Eheleute Josef SchflflH^ jun« aus der Nutznießung der Schloßmühle (seit 1» Oktober 19*+9) aufgerechnet habe«. Das Berufungsurteil führt hierzu aus: Im Anfechtungs-rechtsstreit könne der Anfechtungsgegner nur die Einwendungen geltend machen, die dem Schuldner noch gegen das rechtskräftige Urteil zuständen« Viktoria Sch(fl^^ habe solche Einwendungen nicht, es komme deshalb auf die Kritik der Beklagten an den gefällten Urteilen nicht an« Mit ihren zur Aufrechnung gestellten Gegenforderungen sei Viktoria SchflflH^ in einem weiteren Vorprozeß (lo/8 0 178/52 LG München = 5 U 1^63/57 OLG München) rechtskräftig abgewiesen worden« Die Möglichkeit eines arglistigen Zusammen-wirkens zwischen Gläubiger und Schuldner, das dem Anfechtung sgegner im Anfechtung srechtsstre'it die Einrede des Rechtsmißbrauchs (§ 826 BGB) eröffne, scheide bei der unversöhnlichen Feindschaft von Carola und Viktoria Sch®&-aus« Die Revision rügt in erster Linie, das Berufungsgericht habe sich zu Unrecht einer Auseinandersetzung mit den Ein-v/änden der Beklagten gegen die Urteile im Schadensersatzprozeß entzogen« Die Rüge hat im Ergebnis keinen Erfolg« • /eil die rechtskräftige Feststellung der Forderung im Hauptprozeß nicht gegen ihn wirke (§ 325 Abs» 1 ZPO), im Anfech« tungsprozeß alle Hinwendungen gegen die Forderung erheben, ohne Rücksicht darauf, ob der Schuldner sie bereits verloren habe, und könne deshalb den Gläubiger erneut zu dem Beweise seiner Forderungen nötigem Die Gegenmeinung, die bereits von Reichsgericht in ständiger Rechtsprechung vertreten wurde und vom Bundesgerichtshof übernommen worden ist (Urteil vom 5° Februar 1953, IV ZR 173/52 = LM AnfG § 2 Nr. 1) geht davon aus, Grundlage für die Anfechtung sei gemäß §^2 AnfG nicht das Bestehen der Forderung, sondern das Vorliegen eines Titels, und deshalb sei der Anfechtungsgegner hinsicnt lieh der Voraussetzungen des § 2 AnfG auf die Einwendungen beschränkt, die der Schuldner gegen den Titel erheben könne (vgl« § 767 Abs« 2 ZPG). Der erkennende Senat hat sich in seinem Urteil vom 26» April 1961 WM 71» 6*+6 = LM AnfG § 2 Nr» 2) unter eingehender Begründung diese Ansicht zu eigen gemacht» /-in ihr wird festgehalten» Für sie spricht außer der vom Senat bereits in der früheren Entscheidung herangezogenen Amtlichen Begründung;zu dem § 2 des Gesetzes ein dringendes praktisches Bedürfnis, wie gerade der hier zu entscheidende Fall zeigt» Würde der Gläubiger, der seinen Titel in einem jahrelangen Rechtsstreit durch 3 Instanzen gegen den Schuldner erkämpft hat, im Anfechtungsprozeß gezwungen, den seiner Forderung zugrunde liegenden Sachverhalt erneut zur Diskussion zu stellen und seine Forderung nunmehr gegen alle Einwendungen des mit dem Schuldner einverständlich streitenden Anfechtungsgegners erneut zu verteidigen, so würde damit die Verwirklichung des Anfechtungsanspruchs in unzu demutbarer Weise erschwert und der Anfechtungsanspruch selbst praktisch erheblich entwertet werden» Demgegenüber müssen dogmatische Bedenken der Rechtslehre zurücktreten» Das Berufungsgericht ist demnach zu Recht davon ausgegangen, daß die Einwendungen, welche die Beklagte in den Vorinstanzen gegen die Schadensersatzforderung der Klägerin erhoben hat, im Hinblick auf § 2 AnfG insoweit unbeachtlich sind, als sie nicht von der Schuldnerin Viktoria SchflBHB selbst noch gegen den Titel erhoben werden könnten» Die Angriff fe der Revision sind demnach unter dem Gesichtspunkt zu prüfen, ob das Berufungsgericht solche Einwendungen der Beklagten gegen das Schadensersatzurteil unbeachtet gelassen hat, welche die Schuldnerin Viktoria SchJHPB selbst noch geltend machen könnte o a) Die Aufrechnung von Gegenforderungen der Viktoria Sch^B M ist im Schadensersatzprozeß aus dem Gesichtspunkt des c) Es verbleibt der Beklagten aber der Einwand, die Klägerin habe die Urteile im Schadensersatzprozeß erschlichen und dürfe deshalb aus ihnen nicht vollstrecken (§ 826 BGB)» 3 ff; Thumm, Die Klage aus § 826 gegen rechtskräftige Urteile in der Rechtsprechung des Reichsgerichts und des Bundesgericht hofs, 1959)® Der vorliegende Fall nötigt nicht zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit den Gegenmeinungen» Der Bundesgerichtshof hat in einem Urteil vom 7® Juni 1963 (IV ZR 136/62, zur Aufnahme in die amtliche Sammlung bestimmt) klargestellt, daß ein sich gegen ein rechtskräftiges Urteil richtender Anspruch aus § 826 BGB nicht schon.in der Weise begründet werden kann, daß die unterlegene Partei ihre Behauptungen wiederholt und geltend macht, die obsiegende Partei habe gegen die ihr nach § 138 Abs» 1 ZPG obliegende Wahrheitspflicht verstoßen» Die unterlegene Partei kann auch nicht die Voraussetzungen des § 826 BGB damit schlüssig dartun, daß sie ihre im Vorprozess aufgestellten Behauptungen ergänzt oder etwas verändert oder zusätzlich Beweisanträge stellt, mit denen im Grunde das bisherige Vorbringen lediglich untermauert werden soll. Der Vortrag der Beklagten, mit dem sie den Einwand aus § 826 BGB begründet, ist ausschließlich der Art, wie er nach dem obigen Urteil des Bundesgerichtshofs nicht genügt. ’wie der Bundesgerichtshof schon in seinem Urteil vom 2»Februar 1955 (WM 55j *+i2 = LM AnfG § 3 Nr« 2) festgestellt hat, in seiner Beweiswürdigung frei und nicht durch die die Anfechtung sbefugnis bejahende Entscheidung gebunden» Insoweit vermißt die Revision mit Hecht Ausführungen des Berufungsurteils zu der Frage, ob mit der Kritik der Beklagten an den Urteilen des Hauptprozesses sich die Feststellung der Voraussetzungen des § 3 AnfG verträgt. a) Zu Unrecht glaubt die Revision, der Anfechtungsbeklagte könne mit den Einwendungen gegen das Urteil des Hauptprozesses auch die allgemeine Voraussetzung jeder Gläubigeranfechtung, die (objektive) Benachteiligung des Gläubigers, in Frage stellen, weil ein "Gläubiger", dem in Wirklichkeit eine Forderung nicht zustehe, durch die ange^ fochtene Rechtshandlung nicht benachteiligt werden könne. b) Dagegen können für die Frage, ob der Schuldner in der Absicht gehandelt hat, Gläubiger zu benachteiligen, u.U» Einwendungen des Anfechtungsbeklagten, die Forderung des Gläubigers bestehe trotz rechtskräftiger Feststellung nicht, von Bedeutung sein» Der Bundesgerichtshof hat dies in dem bereits erwähnten Urteil vom 2» Februar 1955 (WM 55j ^12 = EM AnfG § 3 Nr» 2) für den Fall bejaht, daß - nach der Behauptung des Anfechtungsgogners - Gläubiger und Schuldner . in arglistigem Zusammenwirken den Vollstreckungstitel geschaffen hatten, um ihm, dem Anfechtungsgegner, den Erwerb aus dem Vermögen des Schuldners abzunehmen» In einem solchen Fall, in dem übrigens dem Anfechtungsbeklagten auch unmittelbar ein Einwand aus § 826 BGB zusteht, scheidet offensichtlich ein Handeln des Schuldners in der Absicht, diesen Gläubiger zu benachteiligen, aus, weil er weiß, daß diese Forderung seines (einzigen) Gläubigers überhaupt nicht besteht» Ein solcher Fall ist - auch nach der Behauptung der Beklagten - hier nicht gegeben. Ist der Schuldner hiervon überzeugt, so kann das ein Beweisanzeichen Gegen seine Benachteiligungsabsxcht seine Eine abschließende Feststellung kann aber immer nur auf Grund der gesamten Umstünde des Falles getroffen werden, wobei es insbesondere auch darauf ankemmt, ob und mit welcher Kraft andere Umstände für die Benachteiligungsabsicht des Schuldners sprechen Danach ist die Meinung der Revision irrig, das Gericht des Anfechtungsprozesses müsse .immer zunächst den Einwendungen des Anfechtungsgegners gegen den Bestand der Forderung nachgehen und könne eine Benachteiligungsabsicht erst feststellen, wenn es diese Einwendungen als widerlegt ansehe» Zutreffend ist nur, daß ein Beweisanzeichen für die Absicht, in welcher der Schuldner die angefochtene Rechtshandlung vorgenommen hat, darin gefunden werden kann, wie er die Aussichten des Gläubigers in diesem Prozeß eingeschätzt hat» Dies hat aber auch das Berufungsgericht nicht übersehen» Es gründet seine Feststellung, Viktoria SchflHIH) habe das Anwesen Ma^^-W^^Straße in der Absicht auf die Beklagte übertragen, die Klägerin als Gläubigerin zu benachteiligen, auf eine eingehende Würdigung der Umstände und auf eine Äußerung der Viktoria SchflH^ selbst» Als belastend sieht es den Zeitpunkt der Veräußerung an - im Schadensersatzprozeß war damals Beweisaufnahme angeordnet - und stellt dabei fest, Viktoria SchflH^^ habe erkannt, welches Prozeßrisiko für sie bestand» Ferner berücksichtigt das Berufungsgericht, daß die Schuldnerin ohne einleuchtenden Grund sich innerhalb von k Tagen ihres gesamten Grundbesitzes entäußerte, und daß sie den Barerlös aus der Veräußerung der Schloßmühle in Höhe von ko ooo DM zunächst in einem Schrank und später außerhalb ihrer Wohnung auf dem Anwesen Ma^^-W^^-Straße ver~ steckt und dem Zugriff des Gerichtsvollziehers entzogen habe» Hach der Feststellung des Berufungsgerichts hot ferner Viktoria SchflBP am 2o» Dezember 1951 j also knapp einen Monat nach dem Vertrag mit der Beklagten, anläßlich eines Termins in ihrem Ehescheidungsprozeß gegenüber ihrem Sohn Die gegen diese Feststellungen aus § 286 ZPO erhobenen zahlreichen Verfahrensrügen, mit denen insbesondere bemängelt wird, daß das Berufungsgericht nicht weiteren Beweisangeboten der Beklagten nachgegangen sei, sind sämtlich nicht begründeto Insbesondere brauchte das Berufungsgericht nicht auf Antrag der Beklagten den Prozeßbevollmächtigten der Klägerin Dr« G|^H^ als Zeugen darüber zu hören, ob er die angebliche Erklärung der Schuldnerin gehört habe« Daß die Schuldnerin diese Äußerung getan hatte, hat das Berufungsgericht auf Grund der Aussage des Josef SchflH^ jun« und des eigenen Verhaltens der Schuldnerin in einem früheren Arrestverfahren (1 C 88/51 DG München I) festgestellt, in dem die Schuldnerin persönlich diese Äußerung nicht bestritten, sondern nur versucht hatte, ihr einen anderen Sinn zu geben« Wenn dem Berufungsgericht diese Erkenntnisquellen zur Bildung seiner Überzeugung ausreichten, so kam es darauf, ob der Prozeßbevollmächtigte diese Äußerung gehört hatte, nicht an. als der Gerichtsvollzieher auf Grund eines von der Klägerin erwirkten Arrestes bei ihr pfändete, die 4-0 000 DM aus dem Verkauf der Schloßmühle im Schrank versteckt hatte oder ob sie mit einem Besuch des Gerichtsvollziehers noch nicht rechnete und das Geld im Schrank nur aufbewahrt hatte, ebensowenig darauf, ob sie dem Gerichtsvollzieher gegenüber den Besitz von Bargeld abgeleugnet oder nur verschwiegen hatte, und dieser es im Schrank nur nicht gefunden hatte» Allein in der Tatsache, daß die Schuldnerin einen so hohen Geldbetrag in der Wohnung aufbewahrte, und wie sie selbst zugibt, später im Jahre 1952 in einem besonderen Versteck außerhalb ihrer Wohnung unterbrachte - angeblich, um es vor ihrem Ehemann in Sicherheit zu bringen konnte das Berufungsgericht ein gewichtiges Be-weisanzeichen dafür finden, daß die Schuldnerin sich im November 1951 ihres Vermögens in der Absicht entäußert hatte, die Klägerin als Gläubigerin zu benachteiligen»