BGH · VIII ZR 158/61 vom 16.01.1963
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Verkauft ein Unternehmer in seiner Fabrik hörzustellende Erzeugnisse einer bestimmten Gattung mit der Zusicherung ihrer Eignung für eine bestimmte Verwendung (hier: als Dachbclag) und ist er bereits bei der Entstehung des Schuldverhältnisses aus technischen in seinem Verantwortungsbereich liegenden Gründen außerstande, diese Ware mit der erforderlichen Haltbarkeit herzustellen, obwohl dies technisch nicht allgemein unmöglich ist, so haftet er auch ohne Verschulden auf Schadensersatz wegen Nichterfüllung, wenn er den Vertrag nicht erfüllen kann* Im Schreiben vom 17« Februar 1954, das die Klägerin an die "Firma Ludwig KflBMife" richtete, schlug sie vor, in diesem Jahr 15 000 qm Mindestmengen des Dachbelags Pe^l^p abzunehmen* Der Alleinverkaufsvertrag sollte jeweils hie zu dem 51* Dezember gelten und beiderseits drei Monate vorher kündbar sein, sonst sich ohne weiteres jeweils auf ein Jahr verlängern. Die Beklagte teilte der Klägerin darauf durch Schreiben vom 29« September 1954 mitj die Ursache der Schrumpfung habe bisher von ihrem Chemiker im Werk nicht fostgestcllt worden können, und bat die Klägerin, den Verkauf bis auf weiteres zu stoppen, es sei denn, diese würde ihn auf eigenes Risiko durchführen. Mit Schreiben vom 29« November 1954 erklärte die Beklagte der Klägerinf sie sei bereit, die noch bei der Klägerin liegende Ware zurückzunehmen, zu demal noch nicht habe geklärt werden können, worauf die Schrumpfungserschcinun-gen zurückzuführen seien. den Markt zu bringen«* Mit Sehreiben vom 15» Februar 1955 teilte die Beklagte sodann der Klägerin mit, die Versuche seien noch nicht abgeschlossen, es sei beabsichtigt, sie bis Juni'Juli des Jahres fortzusetzen* Juni 1955 die Klägerin mit der Bitte, sich wegen des Berichts über das abschließende Prüfungsergebnis noch einige Wochen zu gedulden* Mit Schreiben vom 14« Juni 1955 unterrichtete die Beklagte die Klägerin davon, daß sie den Pe^J^-Dachbelag vorübergehend aus der Produktion genommen habe und im Augenblick noch nicht mit Bestimmtheit sagen könne, wann dieses Material wieder gefertigt werde* Mit Schreiben vom 20* Juni 1955 teilte die Beklagte der Klägerin mit, daß bis auf weiteres mit einer Lieferung von Pe®|||fc-I)achbelag nicht gerechnet worden.könne. Die Klägerin hat in einem Vorprozeß Schadensersatz wegen Schlechtlieferung und entgangenen Gewinns für das Jahr 1954 sowie Ersatz von Auslagen für die Rücksendung der Dachpappe vorlangt* Sie hat dazu vorge-tragon, die Beklagte habe ihr durch mündliche Vereinbarung den Alleinverkauf des Erzeugnisses PetfH^ übertragen, das nach Zusicherung der Beklagten erprobt sei und bestimmte Eigenschaften haben sollte* Das Landgericht hat die Beklagte in dem Vorprozeß zur Zahlung von 3 904,90 DM als Schadensersatz wegen Nichterfüllung in Höhe des entgangenen GoY/innes infolge Nichtverkaufs von 11 485 qm Dachpappe und zur Erstattung der Versandkosten für die zurückgesandte Das Urteil blieb unangefochtene In dem vorliegenden Rechtsstreit verlangt die Klägerin weiteren Schadensersatz wegen Nichterfüllung mit der Begründung, die Beklagte wäre nach den getroffenen Vereinbarungen verpflichtet gewesen, ihr im Jahre 1955 mindestens 20 000 qm Pc^|B 2U liefern. Da die Beklagte den Lieferungsvertrag nicht gekündigt habe, sei sie zur Lieferung oines fehlerfreien Materials und zwar in einer Monge von mindestens 20 000 qm für das Jahr 1955 verpflichtet geblieben und für den der Klägerin entgangenen Gewinn haftbar. Dio Beklagte hat ferner bestritten, das Schreiben der Klägerin vom 23» März 1954 erhalten zu haben, und geltend gemacht, die Klage sei schon deshalb unbegründet, woil Daraus folgt aber nicht, daß ein solcher Anspruch nicht mehr geltend gemacht werden dürfe» Grundsätzlich braucht nämlich der Kläger, der einen bezifferten Anspruch erhebt, nicht zu erklären, daß er sich die darüber binausgehendon Ansprüche Vorbehalte, v/eil sich das schon aus dem Grundsatz ergibt, daß die Rechtskraft nur den im Prozeß geltend gemachten Anspruch, also nur bis zu der oingcklagten Höhe, ergreift (BGHZ 34, 337, 340)» Das Landgericht hat in dem Vorprozeß auch nur über die geltend gemachten bezifferten Ansprüche entschieden» Nicht entschieden ist demnach Uber einen Anspruch der Klägerin auf entgangenen Gewinn wegen Nichtlieferung von Dachpappe, die nach ihrer Auffassung von der Beklagton für das Jahr 1955 zu liefern gewesen wäre» Somit kann die Beklagte mit ihrem Einwand, der Klagefordorung stehe die Rechtskraft des in dem Vorprezeß erlassenen Urteils vom 16o September 1959 entgegen, nicht durehdringen» Ob die Klägerin damals selbst angenommen hat, sie könne .als Schadensersatz mit Erfolg nur die damals eingeklagten Schadensposton geltend machen, ist in diesem Zusammenhang unerheblich. Ebenso unerheblich ist, ob die Klägerin sich damals keiner weiteren Ansprüche mehr berühmt hat, so daß die Beklagte, wie die Revision geltend macht, während dos Vorprozecses keine Veranlassung hatte, weiteren Ansprüchen mit einer negativen Festst ollungsk3.ago entgegen zu treten» Denn daraus ist nicht herzuleiten, daß die Rechtskraft dos Urteils im Vorprozeß auch die jetzt in Rede stehenden Schadensersatzansprüche erfaßt hat» Weitere Ausführungen der Revision richten sich gegen die Annahme des Berufungsgerichts, die Beklagte habe sich verpflichtet, der Klägerin für die Bauer des Alloinverkaufsvertrages bestimmte Mindc-sfcmengen, also im Palle der Verlängerung des Vertrages für das Jahr 1955 mindestens 20 000 qm Bachbelag der vereinbarten Qualität zu liefern» Bie Revision meint, eine solche Verpflichtung enthielten die Vertragsabreden nicht» Sie ergebe sich weder aus dem Brief der Klägerin an die Beklagte vom 23» März 1954 noeh aus dem vorangegangenen Schriftwechsel. Bas Pehlen einer solchen Verpflichtung folge vor allem aus dem Schriftwechsel, der sich im Anschluß an den Brief der Beklagten vom 29« September 1954 entwickelt habe, nämlich dem Schreiben der Klägerin vom 5» Oktober 1954, den Briefen über die Rücknahme der noch auf Bager befindlichen Ware und der späteren Korrespondenz, in der die Klägerin nicht* erklärt habe, sie bestehe auf Lieferung und andernfalls auf Schadensersatz. Bas Berufungsgericht entnimmt die Verpflichtung der Beklagten zur Lieferung dieser Mindestmengon dom Sinn und Zweck der Vereinbarung über das Alleinverkaufsrocht und der hierfür von der Beklagten gestellten Bedingung, Mindestmengen abzunehmen0 Seine Erwägung, es könne nach Lago dor Binge nicht an-genommen werden, daß die Klägerin bereit gewesen sei, sich nur einseitig zu binden, während die Beklagte freie Hand behalten sollte, liegt auf dom Gebiet der tatsächlichen Würdigung des Sachverhalts und ist aus Hechtsgründen nicht zu beanstanden. Dio Revision meint die Beklagte habe gegen die Klägerin keinen durchsetzbaren Anspruch auf Abnahme einer bestimmten Mindestmenge erworben sollen und die Vereinbarung über die Abnahme-Pflicht der Klägerin habe nur eine Bedingung für den Bestand des Alleinverkaufsrochts sein sollen. Nach dieser Auffassung hätte also die Beklagte nicht einen Anspruch auf Abnahme durchsetzen, sondern als Folge der Nichtabnahme sich nur von dom oingoräumten Alleinverkauf srecht lösen können. Bas ist nach den Feststellungen des Berufungsgerichts, die rechtlich nicht zu beanstanden sind, nicht der Fall..Deshalb ist davon auszugehen, daß diese Vereinbarungen sowohl einen Anspruch der Beklagten gegen die Klägerin auf Abnahme einer Mindestmenge als auch eine1 entsprechende Liefcrvorpflichtung der Beklagten gegenüber der Klägerin zu dem Inhalt haben. die Klägerin unmöglich geworden sei und weil die Beklagte dies zu vertreten habe, Ihr Verschulden sei * schon in dem Vertragsschluß selbst zu finden» Im Hinblick auf die Schreiben dos Generalvertreters der Beklagten vom 21, April 1953 und vom 7» Dezember 1953, welche die Vertragsverhandlungcn eingeleitot hätten, habe die Klägerin erwarten können, daß ihr ein Kunststoffprodukt zu dem Vertrieb angeboten werde, dessen uneingeschränkte Eignung für den vorgesehenen Verwendungszweck auf Grund vielseitiger Prüfung und Erprobung endgültig festgestanden habe» Die Beklagte® habe nach § 347 Abs* 1 HGB dafür einzustehon, daß dies nicht der Pall gewesen sei, daß infolgedessen das Erzeugnis habe aus dem Verkehr gezogen werden müssen und weitere Ideferungennachträglich unmöglich geworden seien* Jedenfalls habe die Klägerin der Zuvor-lässigkeit der Beklagten, die ein nicht unbedeutendes Unternehmen der Xunststoffindustric betreibe, ver-trauen und annehmen dürfen, daß die Beklagte in Anwendung der Sorgfalt eines ordentlichen Kaufmanns einen Dachbelag auf den Markt gebracht habe, der die ange-priesenon Eigenschaften besitze* Das Risiko, das dor Vertrieb des offensichtlich nicht genügend erprobten Dachbelags mit sich gebracht habe, habe ausschließlich die Beklagte als Herstellerin und Verkäuferin zu tragen. Das Hindernis der Vertragserfüllung ist entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts rechtlich nicht in einer nachträglichen, von der Beklagten zu vertretenden Unmöglichkeit der Dei stung im Sinne von § 325 Abs* 1 BGB zu sehen, sondern in einem anfänglichen Unvermögen der Beklagten, eine vertragsgemäße Ware, nämlich einen Dachbolag, dor für den vorgesehenen rw- Verwendungszweck geeignet war, zu liefern» Dem unstreitigen Sachverhalt ist nämlich zu entnehmen, daß die Beklagte schon bei Eingehung des Schuldverhältnisses ein allerdings von ihr damals nicht erkanntes Unvermögen zur Erfüllung des Lieferversprechens traf» Eine absolute technische, also objektive Unmöglichkeit liegt nicht vor» Die Beklagte hat selbst nicht behauptet, es sei objektiv unmöglich gewesen, die von ihr noch herzustellenden Erzeugnisse, die sie der Klägerin angeboten hatte, mit der für einen geeigneten Dachbelag erforderlichen Haltbarkeit herzustellen. Dieser Haftung widerspricht es, dem Fabrikanten, der sich zu dem Umfange nach bestimmten Lieferungen noch herzustellender V/are vorbehaltlos verpflichtet hat, die Möglichkeit zu geben, sich darauf zu berufen, dem Verpflichtungsgeschäft habe die Vertragsgrundlage gefehlt, die darin bestanden habe, daß die zu liefernde V/are als tauglich für den Vertragszweck angesehen worden sei« Infolgedessen muß auch die Rüge der Revision scheitern, das Berufungsgericht hätte den Sachverhalt unter dem Gesichtspunkt prüfen müssen, ob die Beklagte berechtigt gewesen sei, ihre Lieferungen einzustellen, bis über die Eignung der Ware Sicherheit bestanden habe« Selbst wenn die Klägerin keinen Erfüllungsanspruch durchsetzen konnte, weil die Beklagte keine vertragsgemäße V/are herstellen konnte, haftete sie der Klägerin von vornherein auf Schadensersatz wegen Nichterfüllung. Es kommt daher auch nicht darauf an, ob in den Erklärungen der Beklagten vom Juni 1955 eine auf die Lösung des Vertragsverhältnisses mit sofortiger Wirkung gerichtete Erklärung zu sehen ist« Die Beklagte konnte nur vertragsgemäß, also nur zu dem Ende des Jahres 1955 kündigen. Da es für die Klägerin nicht sinnvoll war, sich Ware liefern zu lassen, die den aufgetretenen Fehler aufwies, so blieb ihr nichts anderes übrig, als abzuwarten, bis die Beklagte sich in der Lage zeigte, ihr vertragsgemäße Ware zu liefern* Aus dem abv/artenden Verhalten der Klägerin kann daher nicht gefolgert werden, daß sie sich mit einer Änderung.des Bezugsvertrages einverstanden erklärt und die Beklagte von ihrer Haftung entbunden habe* Es widerspricht unter diesen Umständen auch nicht Treu und Glauben, daß die Klägerin Schadensersatz wegen Nichterfüllung verlangt» Die Beklagte hätte dieser Gefahr dadurch begegnen können, daß sie das Vertragsverhältnis bereits im September 1954 zu dem Jahresende kündigte, oder daß sie schon bei der Begründung des Vertragsverhältnisses weitergehende Vorbehalte machte» In diesem Zusammenhang müssen auch die Interessen der Klägerin Beachtung finden, die sich dafür entschieden hatte, das ihr angebotene Erzeugnis der Beklagten zu bestimmten Mindestmengen abzunehmen und sich zu diesem Zweck auf dieses Erzeugnis festgelegt hatte. Nach alledem ist aus Hechtsgründen nicht zu beanstanden, daß das Berufungsgericht die Beklagte für verpflichtet hält, der Klägerin einen ihr entgangenen Gewinn für das Jahr 1955 zu ersetzen. IV, Die Revision macht geltend, eine Entscheidung über den Grund des Anspruchs sei hier deshalb nicht zulässig, weil jeder Anhaltspunkt für die Annahme eines Schadens der Klägerin fehle. Deshalb ist zu demindest mit hoher Wahrscheinlichkeit änzunehmen, daß die Klägerin in der Lage gewesen wäre, die vertraglich für das Jahr 1955 festgelegte Menge von 20 000 qm Pegulan mit Gewinn abzusetzen und daß sie einen laufenden;Absatz dieser Ware nach dem gewöhnlichen Verlauf der Dinge auch schon seit Beginn des Jahres 1955 gehabt hätte« Die Klägerin war nicht verpflichtet, auf einen von anderen Firmen hergestellten Dachbelag aus Kunststoff überzuwechöcln, bevor die Beklagte selbst ihr endgültig erklärt hatte, daß die Versuche, Pef|^^ doch noch zu einem verkaufsfähigen Produkt zu machen, gescheitert seien» Die Klägerin brauchte auch keinesfalls schon vor Empfang des Schreibens der Beklagten vom 15• Febrüar 1955 die Erfüllung des Liefervertrages durch diese als so gefährdet anzusehen, daß sie sich auch nur vorübergehend mit einem anderen gleichartigen Dachbelag hatte eindecken müssen, um weiteren Schaden zu verhüten oder zu mindern» Schon mit Rücksicht hierauf rechtfertigt sich die Annahme des Berufungsgerichts, daß der Klägerin nach dem gewöhnlichen Verlauf der Dinge ein von der Beklagten zu ersetzender Schaden entstanden sei, für den zu demindesten eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht* Das genügt aber, um die Zulässigkeit des Grund-urteils zu bejahen» Das Berufungsgericht durfte hiernach die Einwendungen der Beklagten aus § 254 BGB dem Betragöverfahren Vorbehalten»