BGH · VIII ZR 145/66
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Zur '"Frage3- ob es gegen die (deutsche) öffentliche Ordnung verstößt9 wenn ein englisches Gericht den Beklagten v/egen contempt of court (Nichtbefolgung einer ’'interim-order") von der weiteren Teilnahme am Hechtsstreit ausgeschlossen hato Ber VIIIo 2ivilsenat des Bundesgerichtshofes hat auf die mündliche Verhandlung vom 18„ Oktober 1967 unter Mitwirkung des Senstspräsidenten Br0 Haidinger sowie der Bundesrichter Dr. Mezger, Br. Messner, Br. Weber und Mormann für' Recht erkannt: 1 „' ■; Zwischen der";Bundesrepublik'Deutschland und dem Vereinigten"Königreich" Großbritannien und' Nordirland besteht ein Abkommen; über die gegenseitige Anerkennung und Vollstreckung von.gerichtlichen1 Entscheidungen'in Zivilund Handelssachen vom 14» Juli I960 (BGBl 1961 II 302)„Nach Art, III des Abkommens, das nach Art,XI : auch für Berlin gilt,"werden Entscheidungen in Zivil-; und Handelssachen, die ein oberes Gericht in dem Hoheitsgebiet des einen Staates erlassen hat, in dem Hoheitsgebiet des anderen Staates anerkannt, sofern nicht in Ansehung :der Entscheidung ein Versagungsgrund vorliegt. Dies ist u,ai der lall (Art, III Abs,(1) (e), "wenn ; die Entscheidung von dem Gericht des Anerkennungsstaates aus Gründen der öffentlichen Ordnung nicht anerkannt werden kann*1. Einen solchen lall hält die Hevi-sion für gegeben, weil dem Ehemann in dem Verfahren Vor dem .High Court das rechtliche Gehör nicht gewährt sei, .i:- • V ivk;; vw/vif .Das Berufungsgericht sieht in dein Verfahren des High Court keine Verletzung des Grundsatzes, daß 'Vor Gericht jedermann Anspruch auf rechtliches Gehör hat" (Arto 103 Nach englischem ease law stelle die Nichtbefolgung einer einstweiligen Anordnung des Scheidungsgerichts durch eine Partei eine Mißachtung des Gerichts (contempt of court) dar» ln einem solchen Pall sei es in das Ermessen des Gerichts gestellt,;ob der Partei erlaubt werden solle, weiter am Prozeß teilzunehmen,, Babel werde geprüft, ob die Partei die Anordnung schuldhaft nicht befolgt ..habe!"Durch die Anwendung •einer derartigen Sonderregelung werde das rechtliche Gehör ebensowenig versagt wie bei Anwendung der Ausnahmevorschriften der §§ 225 AbSo 1, :226 AbSo 3, 360 S0 4, 834, 921 Abs, 1 ZPO* 2o Artd 103 Abs«, 1 GG gibt jedem an einem gerichtlichen Verfahren vor einem deutschen Gericht Beteiligten ein Recht darauf, daß ihm Gelegenheit gegeben wird, sich ZU dem einer gerichtlichen Entscheidung zugrunde liegenden Sachverhalt vor Erlaß der Entscheidung zu äußern„ Dieser Grundsatz der: Gewährung rechtlichen Gehörs ist nicht erst durch Art» 103 GG eingeführt worden, sondern lag schon vorher den deutschen gerichtlichen Verfahrens^ v Ordnungen, insbesondere der Zivilprozeßordnung und der Abs» -l Nf;^;'i9'),f'Söweit'aber die Regelung' der Terfahrensgesetze im'' 'Einzeifall ■ lückenhaft ist, schließt ;■ Art» 10-3': durch'' Normierung' einer Mindestvo'raussetzuhg' 'diese- lückei\Ini einen wie im anderen Rail gibt das'Grundgesetz dem ;?er-; -"fahrensbeteiligten ein Grundrecht' oderlgrunbrechtsglei-"■■ Ohes Recht, das nach Art» 1§J> BTe'rfG 'yi't'''der';'-Verfassungs-■■beschwerde zu dem Rundes¥erfaS'S'ungS'ger'iöht'''‘bev;ehrt iato-rdadurch ■■■ kommt zu dem Ausdruck,-daß:"'in: Deutschland;'die Gewähr ■ rung rechtlichen Gehörs als''Eckpfeiler eines"'Jeden rechtsstaatlichen ^gerichtlichen-":Verfahrens angesehen"■ / .wird» . Den Anspruch auf rechtliches Gehör., hat deshalb f j'edermann-tr, gleichgültig, ob Deutscher oder Ausländer» Als deutscher Rechtssatz gilt der Grundsatz des Art»103 Abs» 1 GG selbstverständlich nur für Verfahren vor deutschen Gerichten0 Mittelbar ist aber für die Verfahren vor ausländischen Gerichten seine Anerkennung insoweit gesichert, als er als tragender Rechtsgrundsatz des deutschen Verfahrensrechts zu dem deutschen ordre public gehört und deshalb seine Nichtbeachtung durch ein ausländisches Gericht die Nichtanerkennung des Urteils dieses Gerichts in Deutschland nach sich zieht (allgemein: GG, Damit"' ist :aher' -/""entgegen • der Meinung der Revision'-die Prags", ■ oh" hier "'"die Entscheidung des High" Court aus': Gründen der .'(deutschen) öffentlichen Ordnung ""nicht an^ 7 erkannt werden"kann» nQeh7hicht "'entsc^ solchen Urteilen ausländischer Gerichte die Anerkennung versagt, die in einem Verfahren erlassen sind, das von zwingenden Vorschriften des deutschen Prozeßrechts ab-weicht» Ein Versagungsgrund ist vielmehr nur gegeben,/ wenn das Urteil des ausländischen Gerichts aufgrund eines Verfahrens ergangen ist, das von den^ Grundprinzipien des deutschen Verfahrensrechts in einem solchen Maße abweicht daß nach der deutschen Rechtsordnung das Urteil nicht als in einem geordneten, rechtsstaatlichen Verfähren ;',ergan« /geh" angesehen werde»'kann. ■ Mur/dies, und ;nicht die frage,' ■.ob'bei gleicher Verfahrensweise^der deutsche Richter ."geigen'tragende'/Urunds^ des deutschen.. etwa nach §§ 279, 529 ZPO, wenn sie Angriffs- oder Ver-teidiguhgsmittel später, als ihr möglich gewesen wire, vorbringto Ihr Vorbringen kann dann unter bestimmten Voraussetzungen zurückgewiesen werden» | 103 Abß„ 1 M ist ferner nicht verletzt, wenn der Beteiligte gemäß § 177 GVG v/egen ordnungsstörenden'Verhaltens aus dem Sitzungszimmer entfernt-werden mußte und deshalb kein rechtliches/-Gehör' gefundenhat?" 44)5 kann an ihm: ausländisches Verfahrensrecht im lahmen des ordre public..international nur unter'Berücksichtigung des Systeme und der Struktur des ausländischen Verfahrensrechts gemessen werden» Dies ist insbesondere dann unabweisbar, wenn das beiderseitige Verfahrensrecht so gründverschieden ist wie die Regelung der Zivilprozeßordnung und das englische Verfahrensrecht» Es besagt deshalb noch nichts Entscheidendes, daß dem deutschen k Verfahrensrecht die Vorstellung völlig fremd ist, der Richter könne einen Beteiligten wegen Ungehorsams gegen eine in der Sache ergangene gerichtliche Anordnung von der weiteren1 Teilnahme am Verfahren ausöohließen»"""Immerhin kann ja auch nach deutsche®.Recht ein. Beteiligter "sein Recht, als solcher zu Wort zu kommen, infolge schuldhaften Verhaltens verlieren» Ein verbindlicher Mäßstab dafür, ob der ausländische Richter:im Sinne des deutschen ordre public das Recht eines" Beteiligten auf rechtliches Gehör verletzt hat, läßt sich bei grundverschiedenem Verfahronsrecht überhaupt nicht in der Weise gewinnen;, daß. verglichen'wird, wie das deutsche und wie das ausländische Verfahrensrecht den Grundsatz des rechtlichen Gehörs, im einzelnen ausgeprägt'haben,, Vielmehr kommt es darauf an, ob die Art und Weise,''wie der aus- ; Mändische Richter im Einzelfall;verfahren "ist, den"Brin-" zipien zuwider läuft, auf denen Art „ ..103 AbaiAt GG beruhte Es ist demnach auf die Grundwerte surüolczugehen, die Art« 105 Abs« 1 GG schützen will« Dies ist einmal das Prinzip '■"'der Rechtsstaatlichkeit, das grundsätzlich verbietet, eine Entscheidung zu troffen, bevor der'Betroffene Gelegenheit hatte, sich zu äußern„ :Art0 103 Abs« 1 GG schützt ferner in dem besonderen Fall eines gerichtlichen Verfall« rens die Unantastbarkeit der Menschenwürde (Art0 i Abs,1 Sohl GG)o Diese -wäre verletzt,:wenn einem Verfahrensbe- ; teiligten nicht die Rolle eines Verfahrenssubjekts eingeräumt würde, das aktiv die Gestaltung des Verfahrens beeinflussen kann, sondern nur die Rolle eines passiven Verfahrensobjekts, mit dem im gerichtlichen Verfahren etwas geschiehto Die entscheidende Frage ist demnach, ob das Verfahren des High Court gegen diese Prinzipien verstoßen hato Das ist zu verneinen, c) Der Senat hat in BGHZ 39, 173, 177 für die Vorbehaltsklausel des Art« 30 EGBGB (den materiell-rechtlichen Ordre public) ausgesprochen, es komme nicht darauf an, ob das ausländische und das inländische Gesetz auf widerstreitenden Prinzipien beruhen, sondern nur darauf, ob das konkrete Ergebnis der Anwendung des ausländischen Gesetzes vom Standpunkt des deutschen ordre public zu mißbilligen sei« Dieser Grundsatz gilt auch für den ver- public, Dem' Beschluß des High Court Könnte deshalb aus Gründen der öffentlichen Ordnung die Anerkennung nur versagt werden, v/enn das Gericht in diesem konkreten Pall sein Verfahren so gestaltet hätte-, daß es gegen die Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit "und die Achtung der Menschenwürde verstieß, die der’Verfassungsgrundsatz des Art, 103 GG schützto Davon kann nicht die Rede sein. Der Antragsgegner hat weder in den Tatsacheninstanzen noch in der Revisionsinstanz vorgebracht, ihm habe insoweit ein Entschuldigungsgrund zur Beite gestanden, Zudem war er in dem Verfahren vor dem High Court anwaltlich beraten und mußte deshalb wissen, welches Risiko er einging, wenn er die einstweilige Anordnung nicht befolgte; er kann sich deshalb über die Folgen nicht beklagen. Schließlich hat er auch nichts gegen die Richtigkeit und Angemessenheit des Beschlusses vorgotragenp durch den er zur UnterhaltsZahlung an > seine Familie verurteilt ist» Es muß deshalb davon ausgegangen werden, daß er gegen den Beschluß sachlich nichts vorzubringen hat. 7 Unter diesen Umständen kann dem Beschluß dee High Court nicht aus Gründen der (deutschen) öffentlichen Ordnung die Anerkennung versagt werden» .■