BGH · VIII ZR 142/74 vom 12.11.1975
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Zur Frage, unter welchen Voraussetzungen auf den Kauf von GmbH-Anteilen die Vorschriften über die Sachmängelhaftung entsprechende Anwendung finden. Nachdem der Ehemann der Klägerin von Mitte Februar bis Anfang April 1967 als Geschäftsführer der GmbH tätig gewesen war, fochten die Eheleute H^|^^ mit Schreiben vom 13* April 1967 die vorgenannten Verträge wegen Irrtums über wesentliche Eigenschaften sowie hilfsweise wegen arglistiger Täuschung an, - und zwar u.a. mit der Begründung, der zugrundegelegte Sta- März 1971 erhobenen Klage hat die Klägerin Rückzahlung des Kaufpreises von 98 000 DM nebst Zinsen Zug-um-Zug gegen Rückabtretung der Geschäftsanteile über 49 000 DM verlangt. Der Beklagte hat ein Verschulden an der irreführenden Aufstellung des Status in Abrede gestellt und sich im übrigen -abgesehen von der Behauptung, dem Ehemann der Klägerin sei aufgrund seiner Prüfung die Vermögenslage der GmbH von Anfang an bekannt gewesen - auf Verjährung und Verwirkung berufen. Gleichwohl könne die Klägerin eine Rückzahlung des Kaufpreises von 98 000 DM deswegen nicht verlangen, weil für den Kauf der GmbH-Anteile durch sie - auf den Erwerb der Hälfte des Unternehmens und damit auf die Erlangung eines bestimmenden unternehmerischen Einflusses in der GmbH gerichtet -die Vorschriften über die Sachmängelhaftung entsprechend anzuwenden, derartige Gewährleistungsansprüche jedoch inzwischen verjährt seien und eine Irrtumsan-fechtungs sowie eine Berufung auf einen Wegfall der Geschäftsgrundlage oder ein Verschulden bei Vertrags- 1. Die Entscheidung des Rechtsstreits hängt in erster Linie davon ab, ob und unter welchen Voraussetzungen auf den Kauf von Mitgliedschaftsrechten an einer GmbH, wenn das von dieser betriebene Unternehmen Mängel aufweist, nicht die Vorschriften über die Rechtsmängelhaftung (§§ 457 ff BGB), sondern in entsprechender Heranziehung der §§ 459 ff BGB die Regelungen über die Sachmängelhaftung einschließlich der kurzen Verjährung (§ 477 BGB) anzuwenden sind. Das Reichsgericht hat zunächst den Kauf von Mitgliedschaftsrechten als reinen Rechtskauf angesehen und die Gewährleistung ausschließlich nach den §§ 457 ff BGB bemessen (RGZ 59, 240; 86, 146), später jedoch die Vorschriften über die Sachmängelhaftung (§§ 459 ff) für die Fälle entsprechend herangezogen, in denen sämtliche Mitgliedschaftsrechte an einer GmbH verkauft werden und sich dabei der Erwerb dieser Rechte bei wirtschaftlicher Betrachtungsweise als Erwerb des Unternehmens selbst darsteilt (RGZ 98, 289; 100, 200; 120, 285; 122, 578; 150, 597; RG HRR Februar 1970 (I ZR 103/68 = WM 1970, 819) die entsprechende Anwendung der §§ 439 ff BGB auch für diejenigen Fälle gebilligt, in denen bei sonst vollständigem Erwerb der Mitgliedschaftsrechte durch den Käufer zwar ein kleiner Rest - im damals entschiedenen Fall 0,2 bzw. 0,23 % der Geschäftsanteile einer GmbH - von der Übertragung ausgeschlossen, der Wille der Vertragspartner jedoch auf den Verkauf des Unternehmens gerichtet ist und der Käufer mit dem Erwerb der Mitgliedschaftsrechte die beherrschende Stellung in diesem Unternehmen erlangt. dung der §§ 459 ff BGB - über die Rechtsprechung des Reichsgerichts hinaus - auch dann für geboten erachten, wenn der Erwerb der Mitgliedschaftsrechte nicht nur der Kapitalanlage, sondern einer unternehmerischen Beteiligung dient, der Käufer eine beherrschende oder doch zu demindest - wie etwa bei der Sperrminorität - maßgebliche Stellung in der GmbH als Trägerin des Unternehmens anstrebt und der Kaufpreis für den Erwerb der Mitgliedschaftsrechte sich an dem Wert des Unternehmens ausrichtet (vgl* Ballerstedt bei Soergel/ Siebert 10. Februar 1967 war der Kauf von Geschäftsanteilen an einer GmbH in Höhe von zusammen 49 % des Stammkapitals, mithin der Erwerb von Mitgliedschaftsrechten an einer GmbH als eines sonstigen Rechts i.S. des § 437 Abs. 1 BGB, für den hinsichtlich der Gewährleistung grundsätzlich nicht die Vorschriften über die Sachmängelhaftung fe. Diese Rechte hat der Beklagte der Klägerin durch Abtretung auch verschafft, Der Sachmangel (§ 459 Abs, 2 BGB), den das Berufungsgericht in der Abweichung der tatsächlichen Vermögenslage des Unternehmens von dem den Verträgen zugrundegelegten und als richtig zugesicherten Status sehen will, haftet aber nicht den einzelnen Mitgliedschaftsrechten als Kaufgegenstand, sondern dem von der GmbH betriebenen Unternehmen insgesamt an, an dem , der Käufer auch mit Erwerb der Mitgliedschaftsrechte kein unmittelbares Recht erworben hat, auf das er vielmehr nur im Rahmen der ihm durch Gesetz und Satzung eingeräumten Befugnisse als Gesellschafter Einfluß nehmen kann. Diese Trennung ist kein leerer Formalismus, Sie beruht auf dem Wesen der GmbH als einer juristischen Person, d.h. auf ihrer personen- und vermögensrechtlichen Verselbständigung gegenüber den sie tragenden Gesellschaftern, die ihrerseits für die Verbindlichkeiten dieser juristischen Person auch nur begrenzt einzustehen haben. Schon aus diesem Grunde entfällt nicht nur eine unmittelbare, sondern auch eine entsprechende Heranziehung der Gewährleistungsvorschriften für Sachmängel, die typischerweise - das zeigt insbesondere die Verjährungsvorschrift des § 477 BGB - auf der Verpflichtung zur Verschaffung von Besitz und Eigentum an der Sache oder an dem ihm rechtlich gleichzubehandelnden Unternehmen als Vermögensinbegriff aufbauen. - wenn auch dort unter dem Blickwinkel des Gläubigerschutzes - seit langem anerkannt, daß die Selbständigkeit der GmbH u.U. dann hintanzusetzen ist, wenn bei der gebotenen wirtschaftlichen Betrachtungsweise die GmbH und die sie tragenden Gesellschafter als identisch anzusehen sind. Stellt sich sowohl nach der Vorstellung der Parteien als auch objektiv nach der Verkehrsauffassung der käufliche Erwerb von Mitgliedschaftsrechten an einer GmbH als Kauf des von der GmbH betriebenen Unternehmens dar, so ist ein solcher Vertrag bei wirtschaftlicher Betrachtungsweise als Unternehmensund damit als Sachkauf anzusehen, - und zwar mit der Folge, daß auf ihn die Vorschriften über die Sachmängelhaftung (§§ 459 ff BGB) entsprechend Anwendung finden. Das ist etwa dann der Fall, wenn der Käufer von seinem Verkäufer sämtliche Geschäftsanteile erwirbt und damit, ohne durch Befugnisse von Mitgesellschaftem beeinträchtigt zu sein, uneingeschränkt über das Unternehmen verfügen kann, - wenn auch formell die GmbH Träger des Unternehmens und Eigentümerin der Sachwerte dieses Unternehmens bleibt (vgl. Dieselben Erwägungen müssen auch dann gelten, wenn der Käufer zwar nicht alle Geschäftsanteile erwirbt, die bei dem Verkäufer oder einem Dritten verbleibenden Anteile aber so geringfügig sind, daß sie die Verfügungsbefugnis des Erwerbers über das Unternehmen nicht entscheidend 836) und demgemäß bei der Bemessung des Kaufpreises für das Unternehmen praktisch außer Betracht bleibt, oder ob darüber hinaus ein verbleibender Fremdanteil an der GmbH schon dann einer entsprechenden Anwendung der §§ 439 ff BGB nicht entgegensteht, wenn er sich unterhalb einer für die Herrschaftsverhältnisse in der GmbH entscheidenden prozentualen Grenze hält; zu denken wäre neben etwaigen, sich aus dem Gesellschaftsvertrag ergebenden Besonderheiten an die für die Ausübung der Minderheitsrechte (§30 Abs. 1 GmbHG) maßgeblichen Grenze von 10 % der Geschäftsanteile oder an das Vorliegen einer fremden Sperrminorität (über 25 § 53 Abs. 2 GmbHG). Jedenfalls liegt ein solcher Ausnahmefall keinesfalls schon dann vor, wenn - wie hier - der Käufer einen Anspruch auf Übertragung lediglich der Hälfte der Geschäftsanteile hat und angesichts der Stimmrechtsvereinbarung zwar nicht überstimmt werden, andererseits aber seine Vorstellung auch nicht gegen den Willen der anderen Gesellschafter durchsetzen kann. c) Für die im Schrifttum vorgeschlagene entsprechende Anwendung der §§ 459 ff BGB auf den Kauf von Anteilen an einer ein Unternehmen betreibenden GmbH besteht auch - von den vorgenannten Ausnahmen abgesehen - kein zwingendes Bedürfnis* Es steht dem Käufer frei, die zugesicherten Eigenschaften - wobei der in notarieller Form abzuschließende Vertrag (§ 15 Abs.3 GmbHG) den geeigneten Anlaß bilden kann - zu dem Gegenstand einer besonderen Garantieabrede zu machen (RGZ 146, 120; Loos aaO S. 829)* Auch kann er neben den sich aus einer arglistigen Täuschung herzuleitenden Rechten eine etwaige Anfechtung der Verträge - wenn auch unter Belastung mit Schadensersatzansprüchen (§ 122 BGB) -auf einen Irrtum über verkehrswesentliche Eigenschaften (§ 119 Abs. 2 BGB) stützen, - eine Befugnis, die ihm im Rahmen der Gewährleistung beim Rechtskauf gerade nicht verschlossen ist. Der Käufer von GmbH-Anteilen ist mithin nicht rechtlos gestellt, wenn ihm die Berufung auf eine entsprechend anzuwendende Sachmängelhaftung verwehrt ist, die ohnehin für ihn nicht nur mit Vorteilen, sondern wegen der Beschränkung auf die weitgehend abschließende Sonderregelung der §§ 459 ff BGB und vor allem im Hinblick Dabei mag dahingestellt bleiben, ob der Beklagte mit der Vorlage des Status eine entsprechende Garantie für den Vermögensstand des Unternehmens übernommen hat; denn jedenfalls erweist sich die Klage unter dem Gesichtspunkt des Verschuldens bei VertragsSchluß als begründet. stützten Feststellungen des Berufungsgerichts entsprach der bei Vertragsabschluß vorgelegte und den Verträgen zugrundegelegte Status über das Vermögen der GmbH vom 20. Januar 1967 in mehreren Punkten nicht den Grundsätzen einer ordnungsgemäßen Buchführung und war mit Fehlern behaftet, die angesichts ihrer Größenordnung in erheblichem Maße geeignet waren, bei dem Statusleser falsche Vorstellungen über die Liquidität des Unternehmens zu erwecken. Auch die weitere Feststellung des Berufungsgerichts, der Beklagte habe den ihm obliegenden Nachweis, daß der Klägerin oder deren Ehemann der wahre Vermögensstand der GmbH bei Vertragsschluß bekannt gewesen sei, nicht geführt, läßt einen Rechtsfehler nicht erkennen. Hätte aber die Klägerin die wahre Vermögenslage und insbesondere den aus dem Status nicht zu entnehmenden hohen Anteil an Wechselverbindlichkeiten gekannt, so hätte sie - das läßt sich vor allem ihrem Schreiben vom 13. Schließlich liegt auch kein Anhaltspunkt für eine Verwirkung vor; der Umstand allein, daß die Klägerin erst vier Jahre nach Vertragsschluß Klage erhoben hat, reicht insoweit um so weniger