BGH · VIII ZR 113/62
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Zur Fragej ob ein Schuldner, der auf Veranlassung des Gläubigers diesem eine schriftliche Bürgschaftserklärung beschafft und hierbei den Bürgen durch arglistige Täuschung zur Abgabe der Bürgschaftserklärung bestimmt hat, Dritter im Sinne des § 123 Abs« 2 BGB ist«. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs auf die mündliche Verhandlung vom 26» September 1962 unter Mitwirkung des Senatspräsidenten Dr<> Haidinger und der Bundesrichter Artl, Dr» Dorschei, Dr* Messner und Mormann für Recht erkannt: Dieser behauptet, aus dem Pachtverhältnis gegen LgflHfc ein© Forderung von 7 lSä-,^ DM zu haben und nimmt den Beklagten als Bürgen aus der Erklärung vom 1. Das Oberlandesgericht, das gegenteiliger Ansicht ist und die übrigen Ein vreridungen des Beklagten, insbesondere auch den Einwand der arglistigen Täuschung für unbegründet hält, hat das Urteil dun Landgerichts aufgehoben und die Sache gemäß § 53b Abs,. lo Die Revision rügt in erster Linie, das Berufungsurteil habe die Erklärung vom 1» August i960 rechtsfehler-haft ausgelegt, wenn es darin eine Bürgschaftserklärung sehe» Die Rüge ist unbegründet» Die Auslegung des Berufungsurteils ist möglich und verletzt keine gesetzlichen Auslegungsregeln» Die fragliche Vertrag sbestiminung ist auch nicht, wie die Revision meint, inhaltlich zu unbestimmt. "Die Bürgschaftsverpflichtung ist auch nicht deshalb unwirksam, weil sie im Zusammenhang mit dem Sicherung süber eignungsvertrag übernommen ist, der selbst mangels Vereinbarung eines Besitzmittlungsverhältnisses (§ 93o BGB) keine Rechtswirksamkeit erlangt hat» Der Beklagte beruft sich vergeblich auf § 139 3GB» Diese Bestimmung findet nur Anwendung, wenn ein einheitliches Geschäft vorliegt, nicht aber. Diese Ausführungen halten einer rechtlichen'Nachprüfung nicht stendo § 139 BGB findet auch Anwendung hei einem zusammengesetzten Geschäftg das nach seinem objektiven Inhalt aus mehreren Einzelgeschäften besteht, die durch den Partoiwillon zu einem Ganzen verbunden, doho nur als Ganzes gewollt sind (Enneccerus/Nipperdey, Allgemeiner Teil des bürgerlichen Hechts, 1p» Aufl* § 2o2 IV 1 aK Die Feststellung des Berufungsurteils, es lägen inhaltlich voneinander unabhängige Geschäfte vor, die zwar den gleichen Zwecken dienten, aber in keinem Abhängigkeitsverhältnis stünden, ist ohne jede Begründung geblieben und legt die Annahme nahe, daß das Berufungsgericht die oben umschriebenen Voraussetzungen des § 139 BGB verkannt hat» Denn die beiden Rechtsgeschäfte, Sicherungsübereignung und Bürgschaft, sind nicht nur in einer Urkunde abgegeben, sie stellten auch nach Inhalt und Zweck eine wirtschaftliche Einheit, nämlich die Sicherung des Klägers für seine Forderungen aus dem Pachtverhältnis darB Das spricht schwerwiegend für eine von den Parteien gewollte Einheitlichkeit des Geschäfts„ Wollte das Berufungsgericht diese gleichwohl verneinen, so bedurfte es einer Auseinandersetzung mit den seinem Standpunkt entgegenstehenden Umständeno Die nur floskelhafte Feststellung, die Geschäfte seien voneinander unabhängig gewesen, rechtfertigt deshalb nicht die Nichtanwendung des § 139 BGB0 Schon dieser Hechtsfehler nötigte zur Aufhebung des Berufungsurteils und zur ZurückVerweisung der Sache» Das Berufungsgericht wird die Voraussetzungen für die Ariwend- 3« Der Beklagte hat die Erklärung vom 1« August i960 gemäß § 123 BGB angefochten« Er hatte unter Angabe von Einzelheiten unter Zeugenbeweis gestellt, habe die Erklärung von ihm durch arglistige Täuschung erlangt« Das Berufungsgericht hat den 3eweis nicht erhoben, weil als Dritter im Sinne des § 123 Abs« 2 BGB anzusehen und nichts dafür vorgetragen sei, daß der Kläger die Täuschung gekannt oder fahrlässig nicht gekannt habe« Die Revision rügt Verletzung des § 286 ZPQj auch diese Rüge ist begründeto Daß LtfH der Vertragsgegner des Klägers war und ein eigenes Interesse hatte, den Beklagten als Bürgen für seine Schuld zu gewinnen5 spricht nicht dagegen, daß er Vertreter des Klägers oder dessen Gehilfe bei den Vertragsverhandlungen war«. Nach seinen vom Berufungsurteil in Bezug genommenen vorbereitenden Schriftsätzen hat der Kläger vorgetragen5 "er habe betont Wert darauf gelegt, daß der Hauptschuldner ihm eine Bürgschaft beibrachte, dies habe der HauptSchuldner auch wiederholt zugesagt" (Schriftsatz Vo 2o Juni 1961, Bin 29 der Gerichtsakten), ferner, sei 3-n Gegenwart des Beklagten wiederholt aufgefordert worden, die entsprechende Sicherheit in Form einer Bürgschaftserklärung zu bringen" (Schriftsatz vom Januar 1962, Bl« 73 der Gerichtsakten)o Diesen Vortrag hat der Beklagte, soweit der Kläger darin zugibt, Uk zur Beschaffung der Bürgschaftserklärung veranlasst zu haben, sich ausdrücklich zu eigen gemacht (Schriftsatz vom b* Dezember 1961, Bl» 69 der Gerichtsakten)0 = Zwischen den Parteien ist ferner, da die entsprechende Behauptung des Beklagten vom Kläger nicht bestritten worden ist, als unstreitig anzusehen, daß l^HI die Urkunde vom L August i960 entworfen und durch den Beklagten hat unterschreiben lassen0 Unstreitig ist ferner, daß jg/L die unterschriebene Urkunde dem Kläger überbracht hat■ Das Berufungsgericht hätte sich damit auseinandersetzen müssen.; er sei ner mit der Begründung als Dritten angesehen hatte5 nicht Vertreter gewesen (HG JW 3*+3 219 Nr* 8)„ Der Bundesgerichtshof hat in den Entscheidungen BGHZ 2og 363 und 330 3o2, 3o9q 31o unter Vermeidung einer grundsätzlichen Stellungnahme beim Abzahlungsgeschäft den Einzelhändler7 der den Darlehensantrag des Kunden entgegengenommen und an die Abzahlungsbank weitergegeben hatte5 nicht als Dritten hinsichtlich des Abschlusses des Darlehensvertrsges angesehen; es hat dabei als entscheidend berücksichtigt9 daß die auf Dauer abgestellte Geschäftsverbindung zwischen Einzelhändler und Bank dem Kunden den Eindruck vermittle5 der Einzelhändler sei wie ein Bevollmächtigter Person des Vertrauens der Bank 3 dessen Erklärungen und Verhalten sie gegen sich gelten lassen wolle* Der V„ Senat hat in seinem Urteil vom 2o« Juni 1962 (V ZR 2o9/6o = WM 19625 loo*+) auf "Billigkeitsgesichtspunkte unter Berücksichtigung der Interessenlage" abgestellt» Die Rechtslehre vertritt zu einem beachtlichen Teil die Meinung9 es sei von dem formalen Kriterium des Handelns als Vertreter abzusehen und stattdessen auf das Ausmaß der Mitwirkung beim Vertragsabschluß (Siebert-Hefermehl BGB § 123 Nr* 283 29) oder darauf abzustellen? Eine Sonderstellung nimmt dabei der Fall ein, daß der Täuschende vom Erklärungsempfänger mit der Führung von Vertragsverhandlungen beauftragt war und sie für ihn -wenn auch ohne Abschlußvollmacht - führte Schon durch den Eintritt in die Vertragsverhandlungen entsteht ein gesetzliches Schuldverhältnis zwischen den Beteiligten, zwischen denen ein Vertragsschluß erreicht werden soll; dieses verpflichtet sie zur Beobachtung der im Verkehr erforderlichen' Sorgfalt und - bei Verletzung - zu dem Schadensersatz (§ 276 BGB)o Dabei haftet der, der sich eines Gehilfen bei den Verhandlungen bedient, für dessen Verschulden gemäß § 278 BGB wie für eigenes» Falls also der Verhandlungsgehilfe den anderen Teil arglistig täuscht, muß der, der ihn zugezogen hat, jedenfalls unter dem Gesichtspunkt des Schadensersatzes diese Täuschung wie eine eigene gelten lassen» Es besteht aber kein Anlaß, diesen Grundsatz auf das Schadensersatzrecht zu beschränken; er verdient vielmehr als allgemeiner Grundsatz Anwendung auch auf das aus der arglistigen Täuschung sich ergebende Anfechtungsrecht o Steht aber die Täuschung durch den Verhandlungsgehilfen der Täuschung durch den Auftraggeber gleich, so bedeutet das für § 123 Abs» 2 BGB, daß jener nicht Drit- Sollte das Berufungsgericht zu dem Ergebnis kommen, daß nicht Verhandlungsgehilfe des Klägers war, so wird zu priifen sein, ob gleichwohl eine Gesamtwürdigung der Umstände unter Berücksichtigung der Interessenlage der Beteiligten entsprechend den aufgezeigten Grundsätzen es rechtfertigt 3 hinsichtlich des Zustandekommens der Bürgschaft nicht als Dritten im Sinne des § 123 Abs«. 2 BGB anzuseheno Hat, was hier in Frage steht, ein Schuldner den Burgen durch arglistige Täuschung zur Übernahme der Bürgschaft bestimmt, so darf bei der Abwägung der Interessenlage allerdings nicht außer Betracht bleiben, daß die Beibringung der Bürgschaft regelmäßig auch und vorwiegend im eigenen Interesse des Schuldners liegen kann und deshalb dessen Tun auch dann nicht ohne weiteres dem Gläubiger zu-gerechnot werden kann, wenn dieser den Schuldner veranlasst hat, die Bürgschaft beizubringen» Sollte das Berufungsgericht auf Grund der erneuten Verhandlung wiederum zu dem Ergebnis kommen - so dürfte das Berufungsurteil auszulegen sein daß die Klage dem Grunde nach gerechtfertigt ist, so genügt nicht die Aufhebung und Zurückverweisung an das Landgericht, sondern es ist Grundurteil zu erlassen (BGH LM ZPO § 3o*+ Nr, lo, Baumbach ZPO § 538 3 E).